DIE FREMDEN

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Die Ziele einer Band

Seit knapp vier Jahren existiert eine Band, die anders ist - eine Band, die sich nicht mit der derzeitigen Gesellschaft identifizieren kann -, eine Band, die fremd ist. Dieser Begriff "fremd" bedeutet für die Band eine ganze Menge, denn sie haben nicht nur einen Titel ihrer Debut-CD „Ich bin hier fremd" genannt, sondern haben sich auch einfach schlicht aber bedeutungsvoll DIE FREMDEN genannt. Doch auch darüber hinaus spielt der Begriff eine Rolle im Leben der Fremden. So haben sich die vier Göttinger Musiker Künstlernamen gegeben und verweigern den Zeitschriften Pressefotos. Die gibt es schlichtweg nicht, aber über das Warum erfahrt ihr später mehr. Aber auch sonst ist an dieser Band einiges anders - um nicht zu sagen fremd. Beim Treffen mit Gitarrist Wolf fiel es mir schwer, auf Fragen zur Musik der Fremden Antworten zu bekommen, stattdessen wurde das Interview zu einem interessanten gesellschaftspolitischen Statement. Den Fremden ist es sehr viel wichtiger über ihre Ziele zu sprechen als über ihre Musik. Sie fordern alle Menschen auf, Mut zur Individualität zu haben, sich selbst zu gefallen und nicht in dem großen Sumpf der Masse unterzugehen. Das ist für Wolf die grundsätzliche Voraussetzung dafür, dass sein Wunsch in Erfüllung geht.
„Wir wollen eine völlig neue, nie dagewesene Kultur, eine radikale, nicht umkehrbare Veränderung.“

Ein sehr umfassender Wunsch, der teilweise wirklich radikale Veränderungen beinhaltet. Wenn man sich aber das derzeitige gesellschaftliche und politische System betrachtet, kommt man eindeutig zu dem Schluss, dass Veränderungen notwendig sind. Da die Missstände offensichtlich sind, ist es auch nicht notwendig, neue Theorien oder Wahrheiten zu finden, sondern in erster Linie Veränderungen zu erwirken. Das Problem liegt für Wolf dabei aber in der Angst der Menschen, denn „jeder kennt doch die Wahrheiten, es traut sich nur niemand, sie zu nennen. Die Leute, die Dinge hinterfragen, werden gefährlich für die Herrschenden."

Daher ist das erste Ziel der FREMDEN, Herrschaftssysteme abzuschaffen: „Gewehre und Regierungen müssen weg, dann können wir zu einem menschlichen Miteinander kommen."

Eine interessante Forderung, denn die wird sicher nur schwer durchsetzbar sein. Daher interessiert natürlich besonders, wie das denn möglich werden soll.
DIE FREMDEN wollen den Fehler der Avantgarde der zwanziger Jahre nicht wiederholen, die für Wolf zwar gute Ideen und Forderungen hatte, aber nicht versucht hat, diese durchzusetzen. DIE FREMDEN wollen sich daher nicht in ihr Kämmerlein zurückziehen, sondern kämpfen. "Wir haben uns vier Jahre intensiv auf diesen bevorstehenden Kampf vorbereitet. Wir wollen das erreichen, was die meist unverstandenen TON STEINE SCHERBEN nicht geschafft haben: Wir wollen die Spitze des Berges ins Rollen bringen, damit es zu Veränderungen kommen kann."

Daher wünschen DIE FREMDEN eine Revolution, die sich wie ein Flüstern durch die Straßen zieht. Eine Revolution ohne Dogmen oder Fanatismus. Mit Dogmen sind hier zum Beispiel Kommunismus und Anarchie gemeint, wobei letztere vielleicht doch ein Teilgedanke der neuen menschlichen Gesellschaft darstellen dürfte. Wolf betont in seinen Ausführungen sehr stark den positiven Sinn, den er unter Kampf und Gewalt als „menschliche Militanz" verstanden haben will. Nach solchen Aussagen über Gewalt und Kampf muss natürlich auch nach der Gewaltbereitschaft der Fremden gefragt werden. Diese ist grundsätzlich nicht vorhanden. Dabei ist aber eine Unterscheidung zu treffen. Die Band beabsichtigt auf keinen Fall, Ausbeutung und Töten durch Morde oder Anschläge zu vergelten, wie es zum Beispiel die RAF getan hat. Im Gegenteil: DIE FREMDEN möchten erreichen, dass jeder einzelne erkennt, dass dieses genau nicht der richtige Weg ist. Wolf schließt aber Gewalt als letztes mögliche Mittel in einem Kampf nicht aus. Wenn zum Beispiel eine Hausbesetzung verteidigt werden müsste, würde Wolf in der ersten Reihe stehen. Ob er dabei aber auch Steine werfen würde, lässt er offen. Auszuschließen ist das aber je nach Situation nicht.

DIE FREMDEN setzen sich für alles Idealistische ein, das in ihre „Philosophie" passt. Besonders der Kampf gegen Sexismus und Drogen gehören dazu. Deshalb kann sich Wolf auch nicht mit den Menschen und besonders Punks anfreunden, auf die das Wort "Rotte" zutrifft. Womit er die meint, die sich mit Drogen und Alkohol zuknallen und „schwanzlastig" sind. Trotzdem aber auch gerade deshalb hat die Musik der Fremden den einen Ursprung im Punk, den anderen unüberhörbar im Rock'n'Roll, sprich Blues der amerikanischen Schwarzen. Beide Stile verbindet die Band zu einem Sound, der vielleicht am besten mit Punk'n'Roll zu bezeichnen ist. Die Musik ist für die Band in erster Linie ein Ventil, um Druck abzulassen - allerdings sind die deutschen Texte in Art der TON STEINE SCHERBEN irgendwo doch Meinungsträger. Das wird in Titeln wie „Ich bin hier fremd" oder „Alcohol" trotz der bildhaften und manchmal ironischen Wortwahl deutlich, da sie die Bandphilosophie widerspiegeln. Allerdings sind die Texte nicht auffordernd, was vielleicht daran liegen mag, dass DIE FREMDEN sich wünschen, dass man sich nicht mit ihrer Musik, sondern ihren Zielen auseinandersetzt. Deshalb lehnen sie auch Personenkult, wie er häufig um Bands gemacht wird, grundsätzlich ab. Dazu gehört zum Beispiel, dass sich alle Bandmitglieder Künstlernamen zugelegt haben und für Veranstaltungen keine Pressefotos herausgegeben werden. Die einzige Möglichkeit, DIE FREMDEN zu fotografieren, sind Aufnahmen bei Konzerten.
Auch das Anpreisen ihrer Debut-CD fällt der Band schwer, ist aber aufgrund der finanziellen Lage der Band unumgänglich. Durch die Produktion des Albums und des Supports der SKEPTIKER im Mai, für den die Band faktisch keinen Pfennig sah, aber einen Tourbus kaufen musste, stecken die Bandmitglieder in Schulden, die in den nächsten Monaten abgebaut werden müssen. Über die SKEPTIKER verliert Wolf aber kein schlechtes Wort, denn die scheinen mit den Fremden größtenteils auf einer Linie zu liegen. Was den wirtschaftlichen Teil der Tour angeht, war den Fremden bekannt, dass sie von den beiden beteiligten Agenturen kein Geld bekommen würden, sahen den Support aber als Herausforderung und Chance an. In der Indieszene wird es ja auch immer schwerer, überhaupt finanziell gewinnbringend zu touren. Durch einzelne Veranstalter, Bands, Label und Agenturen werden die Gagen kaputtgemacht und die Eintrittspreise hochgetrieben. Die Folge davon ist, dass die meisten Bands fast alle Konzertmöglichkeiten annehmen müssen, im Gegenzug aber oft die Zuschauer ausbleiben. Daher fordert Wolf in dem immer härter werdenden Existenzkampf auf dem Livesektor und auch bei Plattenverkäufen eine weitreichende Vernetzung der kleinen Indielabels und anderen in der Indieszene beheimateten Menschen. Nur so kann nach seiner Auffassung das von unten immer schnellere Zugrundegehen der Musikszene aufgehalten werden. Wenn das nicht klappt, müssen wir wahrscheinlich bald auf die Album- und Livepräsenz einer ganzen Reihe von Bands verzichten, was im Fall der Fremden wirklich schade wäre, da sie zu den besten mir bekannten Livebands gehören. Ihre Konzerte sind ein wirklich beeindruckendes Erlebnis. Während Drummer Snorre Schwarz nach allen Regeln der Kunst die Felle betrommelt und Bassist H.C.G.B. meist bewegungslos die Saiten zupft, geht bei Gitarrist Wolf und Sänger Diva die Post ab. Während Wolf es sich nicht nehmen lässt, auch von durchaus gefährlich hohen Boxen gitarrespielend herunterzuspringen, oder sich beim Spielen merkwürdig zu verrenken, zieht Diva mit ausdrucksstarken Gesang an der Grenze der Stimmbandbelastbarkeit und hypnotisierenden Blicken die Zuschauer in seinen Bann. Für einen guten Sound sorgt das fünfte Quasi-Mitglied der Band, Mischer Andre Meißner. Durch die hervorragenden Liveauftritte haben es DIE FREMDEN auch schon vor dem Skeptikersupport geschafft, viele Zuschauer zu ihren Konzerten zu locken. Nach einer Frühjahrspause soll es im April dann endlich mit einer wirklich eigenen richtigen Tour losgehen, die durch die ganze Republik führen wird.
Es bleibt dieser sympathischen Band zu wünschen, dass sie 1994 einen großen Schritt nach vorne macht. Ich kann ihre bei Day-Glo erschienene Debut-CD und den Besuch ihrer Konzerte jedenfalls nur wärmstens empfehlen.

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