
Spätestens wenn man seine „Scheiße“-Trilogie abschließt, hat man ein Interview im Ox verdient. Das führe ich mit den EASTIE RO!S aus Berlin anlässlich ihres vierten selbstbetitelten Albums, der Einfachheit auch das braune Album genannt. Ganz auf den Spuren der BEATLES, nur eben nicht in Weiß. Das Punk-Trio nimmt es mit gesellschaftlichen und aufgedrückten Szene-Konventionen nicht so eng und weiß daher schon ganz gut, an so manchen Stellen anzuecken. Und genau das mögen wir doch immer noch am Punkrock. Hässlon (voc, gt), Mykill (dr) und Jacke (bs) haben sich dem klassischen 77er-Punk verschrieben, singen dazu auf Deutsch und halten sich nicht mit irgendwelchen Kompromissen auf. Mag man die BRIEFS, CUTE LEPERS, SHOCKS oder EINKAUF AKTUELL, werden einem die EASTIE RO!S großes Vergnügen bereiten. Worum es ihnen sonst noch so geht, darüber sprach ich mit Frontmann Hässlon.
Warum ausgerechnet braun? Mit euerm neuen Album setzt ihr eine farbliche Duftmarke, die nicht gerade positive Assoziationen hervorruft.
Braun, weil wir die „Scheiße“-Trilogie zu Ende führen wollten. Total stumpfer Humor. Die Farbe Braun wird von den Nazis nicht mehr benutzt. Jetzt benutzen sie Blau für ihre Zwecke. Irgendwann gehen uns die Farben aus, wenn das so weitergeht. Diese bekackten Nazis haben doch kein Mitspracherecht, wenn wir uns um unsere Covergestaltung Gedanken machen. Das Cover ist übrigens detailverliebt vom „White Album“ der Beatles abgekupfert. Nur eben in Braun. Die Prägung war ultra teuer!
Eine „Scheiße“-Trilogie also. Kommt man als Berliner schneller auf so eine Idee, weil überall Scheiße rumliegt? Was macht euch sonst noch zu einer Berliner Band?
Wir wohnen fast alle seit 2007 in Berlin, kommen aber eigentlich aus Sachsen oder Sachsen-Anhalt. Unsere Texte sind ein Spiegelbild dessen, was aktuell um uns rum passiert. Scheiße ist eines der schönsten Wörter im Duden. Scheiße hat viele Gesichter. In einem Moloch wie Berlin taucht die Scheiße in nahezu allen Variationen auf. Wir befassen uns textlich damit und vielleicht macht uns das zu einer Berliner Band. Ansonsten, glaube ich, kann man in jedem unbedeutenden Kaff Stücke schreiben, die die eigene Mutter bestürzen. Wir achten auf Textverständlichkeit und verzichten auf übermäßige Effekte oder klangsynthetische Elemente. Daher liegen wir musikalisch wohl nicht im Trend der aktuellen Berliner Punkbands.
Aber für eine derartige Reduktion des Sounds habt ihr ja mit Brezel Göring, ex-STEREO TOTAL, den richtigen Mann an eurer Seite. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?
Mit Brezel haben wir unsere ersten zwei LPs aufgenommen. Der Kontakt kam 2011 über die DREIPUNKTBANDE zustande. Das jetzige braune Album haben wir jedoch selbst aufgenommen und gemischt. Wir haben das Studio von Thomas Götz dafür genutzt und uns da zehn Tage eingeschlossen. An Thomas Götz und Tomatenplatten hatte uns 2017 Brezel weitergeleitet, da Brezels Label Verboten in Deutschland irgendwann auch an mir hing und zu viel Arbeit gemacht hat. Für dieses Album hat Brezel also „nur“ den Pressetext geschrieben. Bestimmt hat er das Album noch gar nicht komplett durchgehört. Tatsächlich haben wir bei diesem Album ausschließlich das Mastering an Mischkah Wilke ausgelagert und eben die Pressung und Streuung an Tomatenplatten. Es ist also ein ziemliches Eigengewächs mit ausgezeichnetem Geleit.
Womit wir beim Sound der EASTIE RO!S wären. Der klingt ja sehr traditionell und ganz im Stil früher britischer Punkrock-Bands. Stichwort: 1977. Was macht es aus, nicht nur als reine Retro-Band wahrgenommen zu werden?
Hm, letztlich wohl die aktuellen Texte und ein gewisses Finetuning beim Einstellen der Stimmen und Vier- und Sechssaiter. Wir arbeiten ja auch dezent mit Hallräumen und Delay-Zeiten. Unser Sound ist im Vergleich zur ersten LP kälter und düsterer geworden. Aber letztlich hast du recht. Ich kann die Zahl 1977 und SHOCKS-Vergleiche trotzdem nicht mehr hören. Die SHOCKS haben sich ihr ganz eigenes X in die Wand geritzt. Und 1977 setzt Staub an, da gab es gerade aus GB auch viel belanglosen Scheiß, der jetzt in gewissen Kreisen gefeiert wird, als gäbe es nichts Neues. Und in Berlins Punkmusik-Szene wird eine ganze Entwicklungsepoche – Punk bis Techno – gefühlt noch mal durchlebt. Wir Ro!s machen einfach das, was am meisten Spaß macht und womit wir uns am besten ausdrücken können. Wenn einem nichts gutes Neues einfällt, dann kann man doch einfach weiter das machen, was schon da ist. Besser als der Scheiß, mit dem man in den Mainstream-Medien zugeschissen wird. UK-SUBS kicken mich noch immer mehr als diese bescheuerte TEAM SCHEISSE-Band oder so ein Kram.
Das klingt nach einer Abgrenzung der „jüngeren“ Szene gegenüber. Das passiert seit ein paar Jahren allerorten. Früher hieß es „If the kids are united“, heute heißt es „Boomer gegen Gen Z“ und umgekehrt. Eigentlich ein gesamtgesellschaftliches Dingen, aber eben auch im Punk. Woher rührt das?
So war das nicht gemeint. Wir sind total glücklich, dass die jungen Leute offen sind und auch auf Konzerten auftauchen. Wir haben jetzt auf unserer Tour wieder junge Punks, Punketten, Gruftis und so Einzelgänger:innen gesehen. Die kamen aus irgendeinem Kaff zum Konzert. Total geil! Stigmatisierungen von Generationen sind Vereinfachungen und werden vielen Leuten nicht gerecht. Sid Vicious hat doch mal gesagt: 99% is shit. Ich glaube, das ist ein guter Wert und der kann über jede Generation gestülpt werden. Wir grenzen uns nur gegenüber den Arschlöchern dieser Welt ab. Es heißt, die Boomer haben die Welt mit Abgasen versaut, alte weiße Männer sind Sexisten, die jede Frau sexualisieren, Millennials sind faul und die Gen Z ist Handy-süchtig und ADHS-geil. Gesellschaftlich spaltende Vorwürfe, die auf jeweiligen Arschlöchern basieren, die mit ihrem Verhalten dafür gesorgt haben, dass solche Klischees existieren. Das ist zu einfach. Heute müsste es heißen: Alle vereint gegen Nazis. Es gibt kein Thema, was mehr auf den Nägeln brennt. Aber es stimmt schon. In der Punk-Szene gibt es immer noch Leute, die gegenüber Jüngeren sagen, das wären keine richtigen Punks, die haben früher Techno gehört und noch nie vom Nazi auf die Fresse gekriegt. Also auf einem DIE VERLIERER-Konzert ist der Schnitt deutlich unter dreißig, bunt, nahezu divers und gemischt und wir finden das gut. Punk ist doch keine Burschenschaft, wo man sich beweisen muss. Man merkt doch für sich selbst, was auf einmal los ist, wenn man schocken will, und das reicht doch. Eine Plattensammlung macht noch keinen Punker.
Sehr schön zusammengefasst. Womit wir auch wieder zurück zu eurem aktuellen Album kommen, das ihr in einer Auflage von gerade mal 300 Stück rausgebracht habt. Wie wichtig ist euch ein haptischer Tonträger und speziell Vinyl? Große Stückzahlen gehen davon heutzutage trotz Vinyl-Revival nicht mehr weg. Aber reine Digital-Veröffentlichungen bringen es ja auch nicht, oder?
Also wenn wir ein Album veröffentlichen, dann wird es erst zu einer Platte, wenn es auf Vinyl rauskommt. Großes Cover plus Backcover mit Informationen wie Erscheinungsjahr, Gewerke, Songs in der gedachten Reihenfolge sind uns wichtig. Bei Streamingdiensten geht da viel verloren. Eine Vinyl-Scheibe läuft auch weniger Gefahr zum Konsum-Snack zu werden, den man weiterskipt. Wir sind aber ebenso auf Streamingdiensten vertreten, denn letztlich ist Musik zum Hören da und viele haben ja keinen Plattenspieler mehr und leider nicht mal eine Stereoanlage.
Apropos „sich leisten können“. Wir hatten ja nichts. Wie wichtig ist es euch, nicht zuletzt in Bezug auf den Bandnamen, als Ost-Band wahrgenommen zu werden? Oder macht es überhaupt noch Sinn, in Ost und Westen zu unterteilen? Mal von den Wahlerfolgen der AfD abgesehen.
Man kann das schon noch trennen, da die Leute in Ost und West unterschiedlich sozialisiert sind und die Vorraussetzungen andere waren. Wichtig ist uns das aber nicht, sondern eher ein Spaß. Als wir nach einem neuen Bassisten gesucht haben, wurde aber darauf geachtet, dass er aus dem Osten kommt. Wegen des Bandnamens. In Leipzig ist uns letztens auf der Bühne ein „Scheiß Wessis“ rausgerutscht, weil in Nürnberg keiner Zugabe gerufen hat und in Leipzig schon. Das wurde da hart gefeiert. Aber wie gesagt, das ist Spaß und mehr nicht. Wäre auch albern, da wir alle 1988 geboren sind. Wir machen uns kaum Gedanken darüber, wie wir wahrgenommen werden. Und wenn, dann geht es nicht um Ost und West, sondern um das Outfit. Für die Kids ist das doch sowieso ein Boomer-Thema.
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