EINSEINSEINS

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Von der Großstadt in die Provinz

EINSEINSEINS sind drei Jungs aus Berlin, die den Krautrock der 1970er neu aufleben lassen. Dynamische Monotonie, stets adrett gekleidet, Vocoder-Vocals. Die Band liefert Tanzmusik für Roboter und befreundete Humanoiden, mit Höchstgeschwindigkeit im Trans Europa Express. Zwei von diesen drei Jungs sind inzwischen nach Würzburg ausgewandert. Der Liebe wegen. Deshalb kann man EINSEINSEINS mit Fug und Recht zu zwei Dritteln als Würzburger Band bezeichnen. Ende September kam das dritte Album der Neo-Krautrocker mit dem programmatischen Titel „Energie“ bei ihrem Label Tonzonen heraus. Wir trafen Niels (bs) und Alex (gt, kex) zum Interview.

Wie hat das alles angefangen mit EINSEINSEINS?

Alex: Ein Freund von uns hatte in Berlin eine Funk-Band gegründet, um Songs aus den 1960ern zu covern. Unser Schlagzeuger Johannes, Niels und ich bildeten in dieser Band die Rhythmusgruppe. Dann hieß es irgendwann, die Rhythmusgruppe muss allein proben, haha. Als es mit THE NEW IMPLEMENTS OF SOUL vorbei war, haben wir einfach weitergemacht. Wir hatten ein paar alte Keyboards zu Hause herumstehen und die haben wir dann eingestöpselt. Der Plan war damals aber nicht, Krautrock zu machen. Wir haben uns eher von US-Bands wie TURING MACHINE, MASERATI oder TRANS AM inspirieren lassen.
Niels: Wobei all diese Bands ihrerseits vom Krautrock beeinflusst sind. Uns war es immer wichtig, dass unsere Musik tanzbar ist. Immerhin waren wir die Rhythmusgruppe einer Funk-Band! Wir fanden auch CHK CHK CHK immer super und wollten die Band auch in diese Richtung pushen, haben aber gemerkt, das kann man mit denen nicht machen. Deshalb mussten wir was Eigenes starten.

Woher kennt ihr diese Krautrock-Bands – aus dem Plattenschrank eurer Eltern?
Niels: Ich habe früher in Pop- oder Jazz-Bands gespielt, das hatte alles wenig mit verzerrten Gitarren zu tun. Ich fand schon immer Synthesizer-Musik gut und habe sehr früh angefangen, Synthies zu sammeln, obwohl ich nie Geld dafür hatte. In den 2000er Jahren habe ich in Berlin als DJ angefangen und da hat mich die Musik mit den Motorik-Beats natürlich immer sehr fasziniert. Dieses Repetitive der elektronischen Musik, die sich natürlich größtenteils auf den Krautrock bezieht. Da hat sich der Kreis für mich geschlossen.
Alex: Ich kenne Bands wie KRAFTWERK aus meiner Kindheit. Songs wie „Das Model“ wurden auch auf Familienfesten gespielt. Für mich war aber vor allem David Bowie mit seiner Berliner Trilogie ein Schlüsselmoment. „Low“ war immer meine Lieblingsplatte von Bowie. Dann habe ich natürlich erforscht, wo dieser Sound herkommt. So richtig tief in die Materie bin ich allerdings durch Jerry Fuchs, den damaligen Schlagzeuger von MASERATI, vorgestoßen. Ein Freund von mir hat die Platten von MASERATI herausgebracht und so sind wir ins Gespräch gekommen. Der war völlig im Krautrock-Fieber und hat mit dem Bassisten von CHK CHK CHK Berliner Flohmärkte nach alten Platten durchforstet. Zum Beispiel „Die grüne Reise“ von Achim Reichel. Das kannte ich alles bis dahin nicht.
Niels: Ich komme ursprünglich aus Bonn, da gab es seit 1971 das Synthesizerstudio, das weltweit erste Fachgeschäft für elektronische Musikinstrumente. Da waren Musiker wie Klaus Schulze oder die Jungs von KRAFTWERK regelmäßige Kunden. Wir hatten gleich nebendran unser Studio und haben dort aufgenommen. In meinem Freundeskreis gab es damals viele Leute, die Platten gesammelt haben. Wir haben vor allem Produktionen von Labels wie Ninja Tune oder Warp Records gehört und sind dann automatisch auf Krautrock gekommen. „Die grüne Reise“ etwa lief bei uns rauf und runter. Jeder hatte diese Platte und ich weiß nicht genau, wieso. Auch die Musik von CAN war uns sehr vertraut, die kamen ja aus Köln, das ist nur ein paar Kilometer weiter. Wir waren also nahe dran, das kannte jeder.

Wie wichtig ist Original-Equipment für euren Sound?
Niels: Alle Synthesizer, die wir benutzen, sind alt. Wir stehen einfach auf den Sound, der da herauskommt. Man kann bestimmt auch modernen Geräten solche Klänge entlocken, aber ich finde es immer gut, wenn man nicht zu viele Möglichkeiten hat. Einer der ersten Synthies, den wir mit EINSEINSEINS benutzt haben, war ein Roland Juno-60. Da klingt alles gut, was man spielt. Da muss man auch nicht viel dafür tun. Ich würde nicht so weit gehen, dass es ein bewusster Plan war. Das waren die Geräte, die für unseren Geldbeutel verfügbar waren und die gut klingen.
Alex: Den habe ich von einem guten Freund geschenkt bekommen, mit dem ich früher Musik gemacht habe. Das war noch vor der Zeit, in der alte Keyboards so exorbitant teuer geworden sind. Es ist also eher Zufall, dass wir diesen analogen Synthesizer aus Japan benutzen.
Niels: Dabei stand da noch so ein Sequential Circuits Prophet und ein alter Casio CZ-1000. Den hatte ich in den 2000ern billig erstanden. Eigentlich ist das alles alter Scheiß, der auf Umwegen bei uns gelandet ist. Erst als wir angefangen haben, diesen Sound selbst zu machen, haben wir auch mal geschaut, welche Geräte in dieser Zeit verwendet wurden. Klar sind wir nicht an Geräte aus den 1960ern oder frühen 1970ern herangekommen, aber alles, was in den 1980ern in Masse produziert wurde, konnten wir uns gut kaufen. Für uns ist es auf jeden Fall wichtig, keinen Computer auf der Bühne zu haben. Das ist die Hauptsache.

Hat die Musik von EINSEINSEINS auch eine politische Dimension? Auf eurer Bandcamp-Seite steht: „Der Herzschlag der digitalen Globalisierung. Ein Strom der sich dem Immer Gleichen entgegen setzt. Das Opium für die Gesellschaft, deren Leben sich aus Einsen und Nullen konstruiert.“ Klingt nach „Matrix“.
Alex: Auf unserem neuen Album gibt es zum ersten Mal explizit politische Texte und Gesang, den man auch gut verstehen kann. Das hat sich einfach richtig angefühlt, weil die Songs in den letzten zwei Jahren entstanden sind. Deshalb dachten wir uns, dass es nicht reicht, eine Bandbiografie zu schreiben, sondern unsere Einstellung auch mal laut herausbrüllen. Das hat schon eine gewisse Punk-Mentalität.
Niels: Die Szene, in der wir uns mit EINSEINSEINS bewegen, ist sehr von DIY geprägt. Da gibt es immer auch einen politischen Aspekt. Das haben wir aber bislang noch nicht nach außen getragen, bis auf die Info auf Bandcamp. Unser altes Bühnen-Outfit bestand auch aus alten blauen FDJ-Hemden, damit wollten wir uns links positionieren, ohne die DDR zu glorifizieren. Das haben wir uns bei Bands wie THE MAKE-UP aus Washington abgeschaut, die damit gegen den kapitalistischen Lebensstil protestieren.

Wie sieht jetzt euer aktuelles Bühnen-Outfit aus?
Alex: Blaue Hemden und schwarze Hosen. Früher hatten wir noch spitze silberne Schuhe an, jetzt tragen wir schwarze Doc Martens. Echte Arbeiterschuhe, haha. Bei uns gilt immer: Neue Platte, neues Outfit. Als ich das erste Mal REFUSED live gesehen habe, kamen die auch alle mit Anzügen auf die Bühne. Das macht was mit dem Publikum, wenn die da oben eine Einheit sehen.

Ihr beide wohnt inzwischen in Würzburg. Wie kam es dazu?
Alex: Die Liebe hat uns hergetrieben. Ich bin als Erster in Würzburg hängengeblieben. Ich habe meine Frau Lisa im Immerhin nach unserem Konzert vor sechs Jahren kennengelernt. Mir ist schnell klar geworden, dass ich mich im Dunstkreis von diesem Laden viel wohler fühle als in Berlin. Ich fand es einfach familiärer. Ich habe fast 20 Jahre lang in Berlin gelebt, das war auch eine gute Zeit, aber irgendwie hat es auch gereicht. Im September 2024 haben wir geheiratet, es war also eine ganz bewusste Entscheidung, nach Würzburg zu ziehen.
Niels: Ich war ein bisschen später dran. 2021 habe ich meine alte Freundin Marlena nach vielen Jahren wiedergetroffen. Wir hatten uns lange aus den Augen verloren. Dass sie ausgerechnet in Würzburg wohnte, war totaler Zufall. Das habe ich vorher nicht gewusst, weil wir uns zufällig in Berlin getroffen haben. So kam dann eins zum anderen und jetzt bin ich auch hier. Wir haben vor eineinhalb Jahren geheiratet und sie hat auch unser letztes Bühnen-Outfit entworfen. In Berlin gibt es sehr viel zu entdecken, das kann man auch jeden Tag machen, aber irgendwann reicht es. Irgendwann merkt man, dass man gar nicht mehr so viel davon mitnimmt. Dann stellt man sich die Frage: Warum soll ich mir das weiter antun? Also ich wollte schon seit einigen Jahren raus aus dieser Stadt. Aber wir proben jetzt zum Teil in Würzburg, aber zum Teil auch noch in Berlin, weil Johannes noch dort wohnt.

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