EUGEN & DER EFFEKTIVE JAHRESZINS

Foto© by Beate Short

1985-1989

Wir waren ’ne Gang von Kidpunx in Gießen. Man kannte sich von Studentenpartys oder von der einzigen Indie-Disco namens Ausweg. Da ich schon 18 war und den Führerschein besaß, fuhren wir oft zu Konzerten in die Batschkapp nach Frankfurt. Das erste gemeinsame war, glaube ich, von KILLING JOKE. Dann PETER AND THE TEST TUBE BABIES, TOY DOLLS, DIE TOTEN HOSEN ... Interessant war, dass man zur WALTER ELF ging und kurz danach zu ALIEN SEX FIEND oder SISTERS OF MERCY. Das war überhaupt kein Widerspruch. Es ging einfach um die Musik.

Aber zur Vollendung einer Punk-Clique gehörte einfach eine Band dazu. Uwe (späterer Sänger) und Schofel (späterer Drummer) traf ich in Gießen vor dem Kaufhaus Horten (der Punktreff damals): „Wir gründen eine Band und die heißt EUGEN UND DER EFFEKTIVE JAHRESZINS!“ Woher der Name kam, weiß bis heute keiner mehr. Uwe wollte der Sänger sein, Schofel trommeln. Mein Bruder hatte einen Bass, deswegen musste ich Bass spielen. Dazu kam Trompete, weil ich tatsächlich als Kind mal Trompetenunterricht an der Musikschule Wetzlar hatte. Mit Gitarre war es dann einfacher. Horno behauptete, er könne Gitarre spielen, und er konnte tatsächlich richtige Griffe! Bei einem Besuch bei Magic Mike überraschte Mike uns mit einer kleinen roten E-Gitarre. Er stimmte sie auf E und benutzte einen kleinen Kassettenrekorder als Verstärker. Dann legte er die RAMONES-Platte „It’s Alive“ auf und spielte sie von vorne bis hinten mit. Davon waren wir schwer beeindruckt – auch von seinem selbst gemachten DAILY TERROR-T-Shirt. Und davon, dass er sich wegen der Bud Spencer-Western komplett nur von Heinz Baked Beans ernährte. Wir trafen uns öfter bei ihm, weil er die geilsten Punk- und New-Wave-Platten hatte. Außerdem war sein Bettkasten voller leerer Bierflaschen. Die tauschten wir dann gegen neues Bier.

Dann war es soweit. Die erste Probe auf Schofels Dachboden. Magic Mike brachte seine rote Gitarre und seinen Kassettenrekorder mit. Schofel suchte im Keller ein paar Töpfe und Eimer zusammen. Horno hatte einen richtigen Verstärker und ’ne E-Gitarre. Ich spielte über Schofels Anlage (einfach das Tapedeck auf Aufnahme und Pause drücken), bloß da leuchteten manchmal die Dioden verdächtig auf. Und Uwe schrie unrhythmisch rum. Da sich unsere Bandgründung rumgesprochen hatte, kam noch Kerstin mit ihrer Geige dazu. Und weil Hudi auch was machen sollte, kam er mit seinem C64 und stellte irgendsoein Keyboardprogramm ein und klimperte drauflos. Von der ersten Probe an saß immer Ulf dabei und wurde unser Edelfan. Unser Kumpel Buggy wurde dann einfach unser Ansager. Immerhin schaffte er es, eine Woche lang nur mit einem Kartoffelsack bekleidet jeden Morgen von Lich nach Gießen mit dem Mofa in die Schule zu fahren. Wegen seines Iros natürlich ohne Helm. An unserer Schule bekamen das zwei Popper mit und wollten einen auf Malcolm McLaren machen. Sie organisierten einen Fototermin und wollten, dass wir ins Studio gingen. Wir waren total unerfahren und sagten einfach zu.

So machten wir unser erstes Tape. Die Produzenten hatten aber was anderes im Sinn. Sie wollten eher so Post-Punk-THE JESUS AND MARY CHAIN aus uns machen. Viel Rückkopplung und Hall. Deswegen klingt das erste Tape anders, als es für uns sein sollte. Wir standen total auf ZK und wollten Fun-Punk machen. Damals war Punk mit Trompete im Gegensatz zu heute eher die Seltenheit. Es gab eigentlich nur FROHLIX und WALTER ELF. Nach dem Studiobesuch hieß es, wir hätten die Toilette zerstört. Irgendjemand hätte die Leitung abgedreht, daraufhin wären die Rohre eingefroren und geplatzt. Und eine Flasche Bier steckte im Abfluss. Bis heute ist es uns ein Rätsel, wie das passieren konnte. Die Manager nötigten auch noch die Spex (Ausgabe März 86), einen kleinen Artikel über uns zu schreiben. Immerhin war vorne Johnny Rotten drauf. Angeblich hatten wir auch noch einen kleinen Hit in einer Wiener Indie-Disco gelandet. Kurz danach präsentierten uns die Manager eine Rechnung über 100 Tapes, Studio, Sanierung Toilette und weitere Bemühungen. Unsere Zahlungsmoral hielt sich in Grenzen. Daraufhin wurde der Vertrag aufgelöst, den von uns, so viel ich weiß, keiner unterschrieben hatte.

In der Zwischenzeit spielten wir einige Konzerte in Gießen. Meist mit STIMMUNXTÖTER im Jugendzentrum oder auf Privatpartys. Durch unseren Beweis, dass eigentlich jeder eine Punkband gründen konnte, kam es dann zu vermehrten Bandgründungen: C.C. COTZ, CHUCK THE DUCK, FESTER BESTER TESTER, DR. DRESSLERS DRECK UNTER DEN FINGERNÄGELN, MOTHER STRAUCH ... Einen Fan in Polen hatten wir auch. Wir sollten in Polen spielen und er wollte mit seiner Band dann nach Gießen kommen. Mir ist leider der Name der Band entfallen. Mangels Abenteuerlust wurde dieser Plan begraben. Kurz darauf nahmen wir ein neues Tape in Angriff. Oi!-Skin Jonny hatte ein Vierspurgerät und machte die Aufnahmen. Leider hatte er beim Überspielen die falsche Geschwindigkeit eingestellt und es lief zu langsam. War aber dann auch egal. Davon machten wir 100 Stück.

Eines Tages rief uns Magic Mike ganz aufgeregt an: „Im besetzten Haus nebenan läuft DEAD KENNEDYS auf der Terrasse!“ Wir dachten bisher, da würden nur kiffende Hippies wohnen. Ab da verkehrten wir auch öfter im Südanlagenkeller. Wir konnten es nicht fassen. Endlich Punk-Konzerte vor der Haustür. Aus aus heutiger Sicht nichtigen Gründen kam es dann zu einem Gitarrenwechsel. Olli von CHUCK THE DUCK spielte ab jetzt die zweite Gitze. Ende 1987 spielte er sein erstes Konzert in Frankfurt-Sachsenhausen in der WG meines Bruders. Er ließ es sich nicht nehmen, danach die Marmortreppe mitsamt der Gitarre runterzufallen. Kurz darauf traf ich Co im Volksbildungsheim Frankfurt bei HÜSKER DÜ. Wir kannten uns vom Sehen und er fragte gleich, ob ich einen Trommler wüsste. Ich sagte gleich zu, obwohl ich das eigentlich nicht konnte. Egal, Punk. Kurz darauf wechselte ich doch lieber zum Bass und wir holten Edelfan Ulf ans Schlagzeug. Jetzt gab’s auch die BOXHAMSTERS. Das ist aber ’ne andere Geschichte. Teilweise spielte ich in zwei Bands.

Unsere letzte Veröffentlichung war dann ein Live-Tape. Eine Tour machten wir nie. Leider war unser schlechtestes Konzert ausgerechnet im Bla in Bonn. Da waren wir alle zu betrunken. Was bestimmt einigen Punkbands passiert ist. Unser letztes Konzert spielten wir im Mai ’89 in Dortmund-Mengede mit BOXHAMSTERS. Offiziell haben wir uns nie aufgelöst! Aber diese vier Jahre kommen mir vor wie eine Ewigkeit. Und nun haben wir im September unser 40-Jahre-Bandjubiläum! Und deswegen gibt es jetzt eine Doppel-7“ mit Auszügen aus den Tapes.

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