© by Ilse RuppertAnlässlich der Veröffentlichung einiger fast vergessener Aufnahmen der damals unterbewerteten Band FRONT trafen sich alte Freunde zum Plaudern: Eugen Honold (ex-Pretty Vacant Fanzine und Mike (Ex-BUTTOCKS-Sänger) für das Ox-Fanzine mit Andreas Dorau sowie den früheren FRONT-Mitgliedern Jörn Zimmerman und Drummer Ralf Hertwig. Die Aussagen sind getragen von Respekt und der Ahnung, dass hier etwas war, das nie zu fassen war. FRONT waren kein Projekt, das sich erklärt, vielmehr ein interessante Mischung aus Punk, Noise, Funk und DAF. Die Aufnahmen aus den Jahren 1981/82 wurden nie veröffentlicht. Sie lagen und warteten sozusagen im Archiv. Als Gode Buschkühl, Gitarrist von FRONT und zuvor mit Jörn bei den CORONERS, vor einigen Jahren verstorben war, wurde klar: Die Zeit ist genau jetzt! Andreas Dorau, befreundet mit den FRONT-Mitgliedern, erklärte sich bereit, die Band bis zum Release der Aufnahmen auf Staatsakt zu begleiten. Kein Revival, keine Reunion, sondern ein Zeitdokument, mit all seiner Schwere und Wärme.
Andreas: Ich war so eine Art klassischer Mediator. Wir haben uns nie länger als drei Tage am Stück getroffen. Dann ging jeder nach Hause und man konnte alles sacken lassen. Entstanden ist mit „Album“ ein Paket, das mehr als Nostalgie ist. Das 10“-Vinyl enthält die rohen Originale. Die 12“ ergänzt sie um restaurierte Versionen und Remixe. Wir wollen auch kurz über die CORONERS reden, weil wir denken, damit fängt ja irgendwie auch deine Musikgeschichte an.
Eugen: Genau. Vielleicht können wir uns darauf verständigen, noch mal zu erzählen: Warum habt ihr euch eigentlich aufgelöst? Gab es da einen konkreten Auslöser? Wie siehst du das heute?
Jörn: Ich würde mal sagen, mit der Veröffentlichung des Abschlussalbums „The Great Rock’n’Roll Swindle“ der Pistols. Das hat für mich innerlich so ein bisschen den Schlusspunkt gesetzt – und in der Beziehung der Herren untereinander auch. Die Art, wie es damals lief, hatte sich verändert. Das wurde dann alles ein bisschen uniformierter und ich fand es vorher einfach viel lebendiger. Irgendwann wurde es auch echt ein bisschen langweilig, immer wieder das Gleiche. Du kennst das ja selbst.
Mike: Wann war noch mal der Auftritt in der Markthalle?
Jörn: Das war Ende 1979. Ich glaube, nach Weihnachten. Bei den Festivals. Genau. Da war ich ja erst 16, ne? Mir kam das jedenfalls nicht lang vor. Das war definitiv bald vorbei.
Eugen: Und war das ein gemeinsames Bandgefühl, dass es zu Ende geht. Oder hast nur du es so empfunden?
Jörn: Ich glaube, Gode hätte schon noch Bock gehabt, mit CORONERS weiterzumachen – so in der Form. Aber irgendwann war bei ihm auch die Luft raus.
Eugen: Gab’s danach erst mal eine Pause oder ging das dann direkt weiter mit FRONT?
Jörn: Es ist irgendwie ... es war vorbei. Ich kann mich noch erinnern: Wir haben damals WIRE im Vorprogramm von Bryan Ferry im CCH gesehen. Wir sind aber nur wegen WIRE hingegangen – und dann bei Bryan Ferry wieder abgehauen.
Mike: Ja, eigentlich andersrum, als man’s erwarten würde.
Eugen: Okay, aber war das praktisch der englische Einfluss, der euch dazu gebracht hat, eure Musik zu verändern? Ihr hättet ja auch härter werden können, seid dann aber eher Richtung New Wave gegangen, oder?
Jörn: Ja.
Eugen: Hatte das vielleicht auch was mit X-MAL DEUTSCHLAND zu tun? Gerade Gode hatte doch noch Kontakt ...
Jörn: Ja, Caro war ja seine Freundin. Er hat ihr das Schlagzeugspielen beigebracht. Klar. Doch! Ich weiß noch, deren erste Single auf ZickZack kam doch erst Ende ’81, also nach unserer. FRONT waren doch eine der ersten ZickZack-Singles. X-MAL DEUTSCHLAND haben lange gebraucht, um was rauszubringen.
Eugen: Ja, das stimmt. Die waren aber auch irgendwie ihrer Zeit voraus, die beiden waren ja auch in England viel unterwegs.
Jörn: Stimmt. Ich selber hatte nie so den Draht zu denen. Aber wir haben mal mit ihnen zusammen gespielt, glaube ich. Weiß ich nicht mehr genau. Ich weiß nur: 1991 war ich ein Dreivierteljahr in New York. Und als ich dort ankam, musste ich eine Wohnung finden. Habe im Village Voice geguckt, ’ne Nummer gefunden, angerufen – und plötzlich ist da ’ne Deutsche am Apparat. Das war ein Künstler mit Atelier und Untermieträumen in der 43rd Street – also Times Square-Gegend. Ich fahr da hin, 20. Stock, die Tür geht auf – wer steht da? Manuela von X-MAL DEUTSCHLAND.
Mike: Früher hatte ich euch als feste Zweierbande wahrgenommen – Jörn als der Frontmann, der die Show gemacht hat, und Gode als der musikalisch starke Part. Hat sich das verändert?
Jörn: Nee, das war eigentlich immer noch so.
Eugen: Ich dachte, FRONT entstanden dann – gerade für die Singles – auch aus einer anderen Dynamik?
Jörn: Wir haben nach der Ska-Zeit erst mal ohne Gode weitergemacht. Der kam dann später wieder dazu.
Mike: Wann habt ihr euren Synth gekauft? Mit der Gründung von FRONT?
Jörn: Ja, klar.
Ralf: Nee, das hat sich entwickelt. Gode wollte immer härter werden, Jörn und ich eher waviger. Jürgen nehme ich da etwas raus. Und daraus hat sich später auch so ein Bruch ergeben – hörbar auf den zwei ZickZack-Singles.
Mike: Habt ihr das Songwriting gemeinsam gemacht?
Jörn: Ja, die Songs entstanden immer im Übungsraum. Irgendwer hatte eine Idee, dann wurde rumgebastelt. Mal schrieb der eine den Text, mal der andere. Die Urheberschaft war nicht immer klar. Bei der Rekonstruktion wussten wir teilweise nicht mehr, wer welchen Text geschrieben hat – oder was die Texte überhaupt bedeuten sollten. Den Text zu „Emotionslos“, da war ich sicher: den hat Ralf geschrieben. Aber er hat es vehement geleugnet. Und dann hab ich in alten Kellergeschichten eine Englisch-Klassenarbeit von ihm gefunden ... mit 2+.
Eugen: Was mir auffiel: Mit Jürgen kam noch mal ein ganz anderer Einfluss rein. Der hatte diesen Funk-Bass. Ja, das merkt man bei der ersten Single „Alternativ“. „City West“ war noch Reggae-artig, aber die andere Nummer hatte schon so Funk-Elemente. Aber insgesamt war das doch ’ne Findungsphase, oder?
Jörn: Absolut. Es war nicht von Anfang an klar, wo’s hingeht.
Andreas: Ich weiß noch, ich fand FRONT super, weil’s mich an A CERTAIN RATIO auf Factory Records erinnert hat. Dreckiger Whiteboy-Industrial-Funk.
Jörn: War untypisch für die Zeit, ja.
Mike: Wie kam das dann mit Alfred Hilsberg und Klaus Maeck? Waren die gleich von Anfang an dabei?
Jörn: Die erste Platte kam über ZickZack. Man kannte sich vorher schon ...
Eugen: Aber war das direkt klar, mit denen wollen wir was machen? Oder war das eher Zufall?
Jörn: Gute Frage. Es gab ja nicht viele, die offen waren für so was in Hamburg damals.
Mike: Weil ja damals nicht so viele in Hamburg offen dafür waren.
Jörn: Ich weiß jetzt gar nicht mehr, wie viele Veröffentlichungen ZickZack insgesamt hatte, aber das war schon ...
Andreas: Ihr wart früher dran. Ich bin Nummer 17 oder 16, aber ihr wart noch unter den ersten zehn. Ohne Scheiß. GEISTERFAHRER waren die Ersten bei Hilsberg, dann, glaube ich, PALAIS SCHAUMBURG. Oder, Ralf? Was war die „Rote Lichter“-Single?
Ralf: Weiß ich nicht. Wir waren auf jeden Fall unter den ersten fünf. Vielleicht Nummer neun oder so.
Jörn: Ja, klar. Man kannte sich. Wir wurden dann auch im Hafenklang gebucht. Da haben wir Herbert Böhme kennen gelernt, der das damals mit Alexander von Oswald gemacht hat. Das lief viel über Alfred Hilsberg und Klaus Maeck. Das war zwischen unserer ersten und zweiten Single. Wir waren halt mit im Programm von ZickZack und auch mit ABWÄRTS auf Tour.
Ralf: Die Leute wollten eigentlich ABWÄRTS sehen, nicht uns: „Computerstaat“. Uns wollte keiner sehen.
Jörn: Ich erinnere mich, in Aachen, da sind wir alle in Schwarz aufgetreten – das war für die Punks Hochverrat.
Eugen: Gab richtig Gegenwind?
Jörn: Ja, da wurde gespuckt. In der Markthalle war’s ja ähnlich. Nicht so schlimm wie bei CLASH, wo Joe Strummer fast von der Bühne gezogen wurde – aber Gode hatte seine Gitarre schon erhoben ... Und dann gab’s später diese Fanszene um Patrick Orth in Frankfurt. Der ist heute DIE TOTEN HOSEN-Manager – wusste ich gar nicht. Der war damals noch jünger als wir, hatte ein Punk-Fanzine, und fand uns total schlimm. „Hochverrat“ aus seiner Sicht.
Eugen: Das war bei vielen Bands damals so. Angeblich offen und tolerant – aber in Wahrheit extrem engstirnig.
Andreas: Ja, und das war von Stadt zu Stadt unterschiedlich. In Düsseldorf liefen die rum wie auf der King’s Road, in Berlin war’s DIY mit viel Leder. Aber in Hamburg – alle die gleiche Lederjacke, alle wie ’77. Total konservativ.
Eugen: Die BUTTOCKS haben sich das ja auch auf die Fahne geschrieben, mit „Nein, Nein, Nein“. Ein Song gegen ZickZack, gegen Hilsberg. Mit Augenzwinkern zwar, aber deutlich.
Mike: Ja, das war bei den Festivals in der Markthalle spürbar. Das passte nicht zusammen. Eugen sollte das irgendwie zusammenführen, aber irgendwann hat er gemerkt ...
Eugen: ... die einen waren intolerant, die anderen abgehoben.
Jörn: Patrick Orth hat sich übrigens gemeldet, nachdem „Polaroid“ jetzt als Rerelease rauskam. Und er meinte: „Ich wollte nur mal sagen, ich finde es jetzt doch nicht mehr so scheiße wie damals.“
Andreas: Ja, geil. Manches braucht halt Zeit zum Reifen.
Eugen: Ja, man wird auch toleranter mit dem Alter.
Mike: Und diese Idee zum Album – gab’s die eigentlich schon früher? Warum ist da nie was erschienen?
Jörn: Es gab ja diesen ZickZack-Sampler, da war „Blech und Liebe“ drauf. Der war als Zeitung aufgemacht, gefaltet im Cover. Dazu gab’s kurze Bandporträts. Und da wurde tatsächlich ein Album von uns angekündigt, für Herbst 1981. Da stand: „FRONT ist schon im Studio.“
Ralf: Aber da war Gode schon nicht mehr dabei.
Jörn: Stimmt. Der war auf dem Sampler gar nicht mehr drauf.
Eugen: Gab es da schon Auflösungserscheinungen?
Jörn: Ja, aber das war nicht wirklich definiert. Es gab kein „Jetzt ist Schluss“. Man hatte mehrere Projekte gleichzeitig, zum Beispiel FELIX UND OSKAR, das haben Ralf und ich gemacht.
Mike: Hat sich durch Godes Ausstieg irgendwas verändert?
Ralf: Ich kann mich nicht erinnern, dass Gode rausgekickt wurde. Es gab nur zunehmend unterschiedliche Ansätze. Er wollte wieder mehr schwere Gitarren, Jürgen und ich eher nicht. Am Ende wurden Gitarristen gar nicht mehr auf die Bühne gelassen. Gitarristen waren Rockscheiße!
Eugen: Ich habe noch eine Frage: Worin wart ihr – du und Gode – euch immer einig? Und worin nie? Seit dem Alter von 15 wart ihr ja im Grunde ein kreatives Duo.
Jörn: Auf alle Fälle. Zwei Jungs mit starkem Ego. Das hat mal gut gepasst, mal gar nicht. Als Gode raus war, war das tatsächlich der Punkt, an dem Ralf meinte: „Da hab ich keinen Bock mehr drauf.“ Und Jürgen und ich stimmten dem zu.
Andreas: Das nennt man dann musikalische Differenzen.
Ralf: Eigentlich schon kurz nach der Studiozeit im Hafenklang, bei der „Georg“-EP. Da war’s innerlich schon vorbei. Als die rauskam, war Gode schon weg.
Mike: War euch das damals bewusst – dieses Auseinanderdriften?
Jörn: Nicht sofort. Aber später schon. Wir haben als Trio weitergemacht – viele der Songs, die jetzt auf dem Album sind, haben wir damals auf so einem alten Tonbandgerät im Proberaum aufgenommen. Das war unsere Prä-Produktion. Ja, würde ich sagen. Die Stücke lagen 45 Jahre auf dem Band, so halb fertig.
Eugen: Und bei mehreren Songs merkt man, sie basieren auf derselben Grundlage – nur andere Texte, andere Fassungen. Mal ist der Text besser, mal die Struktur. Das, was ihr jetzt als „die Tapes“ bezeichnet – waren das überhaupt fertige Songs?
Jörn: Nicht alle. Manche Versionen waren gar nicht wirklich abgeschlossen. Das war eher so ein Supercut, aus dem wir dann selektieren mussten. Manche Stücke basierten auf denselben musikalischen Ideen, nur mit unterschiedlichen Textfassungen. Wir mussten dann entscheiden: Okay, hier ist der Text besser – also nehmen wir diese Version. Multi-Playback. Du nimmst eine Spur auf, dann die andere, musst dich aber gleich entscheiden – weil du sie nicht wieder runterkriegst. Immer Schicht für Schicht.
Mike: Wie lange habt ihr nur mit diesen zwei Spuren gearbeitet?
Jörn: Bestimmt ein Vierteljahr. Es war schwierig. Das waren ja One Takes, aufgenommen im Proberaum. Wir haben gar nicht gemerkt, dass es langsamer wurde. Schneiden war kaum möglich. Wir mussten klassisch arbeiten: hinten passte was, haben das nach vorne geschnitten – dann gemerkt: Mist, jetzt ist es plötzlich zu langsam oder zu schnell. Totaler BAM-Effekt. Und dann kam eben die KI ins Spiel – in unserem Fall als Modul in Cubase. Damit konnte man erstmals sinnvoll arbeiten. Es geht um Frequenzanalyse: Hier ist Gesang, da Gitarren, dort Snare, so konnten wir die Instrumente separieren.
Eugen: Machst du selbst noch Musik?
Jörn: Ja, klar. Damals habe ich mit Jürgen Keller weitergemacht. Später kam dann Moritz von Oswald dazu, den kennt ihr vermutlich nicht. Wir hatten Ideen in Richtung 1960er-Beat mit Phil Spector-Elementen. Da sind wir sogar nach Sylt gefahren, das Auto voll mit Anlage. Diese Entwicklung war bei uns auch spürbar. Gode ging ja irgendwann. Und das war vor allem Ralf, der dann sagte: „Da habe ich keinen Bock mehr drauf.“ Und Jürgen und ich dachten: Ja, stimmt eigentlich. War also keine Einzelmeinung.
Mike: War euch da das Auseinanderdriften schon bewusst?
Jörn: Später ja. Wir haben dann als Trio weitergemacht. Viele der Songs, die jetzt auf dem neuen Album sind, haben wir damals auf so einem alten Grundig-Tonbandgerät im Übungsraum aufgenommen.
Ralf: Da war noch Godes Einfluss hörbar – es sind ja auch Gitarren drauf.
Jörn: Gleichzeitig aber auch schon deutlich eine andere Richtung. Diese alten Stücke, die haben da 45 Jahre auf dem Band geschlummert. Und die sind wirklich anders als zum Beispiel „Alternativ“ oder „City West“. „City West“ war ja noch ein Rest aus dem Ska-Experiment.
Eugen: Kann man sagen, dass diese Aufnahmen eure Prä-Produktion für das Album waren?
Jörn: Ja, absolut. Obwohl’s schnell ging. Wir hatten viele Versionen – nicht alle fertig. Teilweise mehrere Texte zu denselben Tracks. Dann mussten wir abwägen: Hier ist der Text besser – nehmen wir die. Das waren eigentlich Stereobänder. Multi-Playback. Du nimmst was auf Spur A auf, dann auf Spur B – aber musst dich sofort entscheiden. Überspielen, schichten. Aber nicht rückgängig machen. Mit der KI konnten wir das trennen – teilweise.
Eugen: Wie lange habt ihr nur mit den zwei Spuren gearbeitet?
Jörn: Bestimmt ein Vierteljahr. War schwer. Die One Takes aus dem Proberaum waren nie ganz stabil – Tempoänderungen, Übersprechungen etc. Wir haben dann wie früher geschnitten, per „Schere“. Mal hinten was rausgenommen, vorne reingesetzt, bis wir merkten: Scheiße, das passt ja gar nicht. Oder es war langsamer geworden. Erst mit Cubase wurde es dann möglich. Da gab’s ein KI-basiertes Modul – das analysiert einfach die Frequenzen: Hier Gesang, da Snare, da Bass.
Eugen: Aber denken tut die ja nicht – das ist Mustererkennung.
Jörn: Genau. Gesang geht gut. Bass war schwieriger – der liegt oft mit der Gitarre zusammen. Und Gitarren sind schwer zu isolieren, weil sie im Stereobild oft mittig liegen. Also, klar, klingt toll: „Die KI trennt Spuren!“ Aber in Wirklichkeit konntest du manchmal nur ein Instrument vernünftig extrahieren. Der Rest war Matsch. Es gab Songs, die gingen super, andere waren soundtechnisch eine Katastrophe.
Ralf: So furchtbar war’s aber nicht!
Jörn: Nee, du hast ja im Spiel gar nichts gemerkt – nur wenn man Versionen nebeneinander legte, dann fiel auf, dass das Tempo schwankte. Aber das konnten wir heutzutage natürlich ausgleichen – ein bisschen zumindest. Trotzdem haben wir das Material so authentisch wie möglich erhalten. Deshalb klingt’s auch nicht „HiFi“. Man konnte eigentlich erst mit dem KI-Modul in Cubase wirklich arbeiten. Dieses Modul filtert Audio nicht „intelligent“, sondern erkennt einfach nur: Hier ist Gesang, da Gitarren, dort Snare. Wenn du zwei Versionen nebeneinander legst, merkst du: Das driftet auseinander. Das ist eben die Zeit, aus der es stammt.
Eugen: Hast du die Videos denn auch erst jetzt dazu geschnitten – also das, was man bei YouTube sehen kann?
Jörn: Es gab einen Film von FRONT in der Markthalle. Der wurde kombiniert mit Demoaufnahmen, zum Beispiel das zweite Video war „Polaroid“, das ist von 1981 – da war Gode schon raus, Ralf war nicht dabei. Ich weiß nicht mehr warum.
Andreas: Der Film war von Michael Bentele, kein Hamburger – ich habe in München Film studiert, er auch. Sein Abschlussfilm war „Fred vom Jupiter“. Ich hatte also ein Druckmittel – weil er mich nie gefragt hatte, haha.
Jörn: Er hatte ein No-Budget-Projekt mit zehn Videos gemacht – für Bands wie BÄRCHEN UND DIE MILCHBUBIS, viele No Fun- und ZickZack-Acts. Gerade noch bevor die NDW richtig kommerziell wurde. Das war sein Abschlussfilm. Später wurde er übrigens Regisseur von „Formel Eins“.
Mike: Wie war die Arbeit am Album? Hat das bei euch so eine Art Frühlingsgefühle ausgelöst?
Jörn: Klar, es war musikalische Arbeit. Aber neue Instrumente haben wir nur selten eingespielt – wenn etwas wirklich gefehlt hat. Wir wollten das Ursprungsmaterial nicht überproduzieren. Die Idee war eher: Was wäre, wenn wir nichts hinzufügen – aber gezielt Dinge weglassen? Also Subtraktion statt Addition.
Eugen: Habt ihr nach FRONT eigentlich noch Musik gemacht?
Jörn: Doch. Ich habe mit Jürgen Keller weitergemacht. Und Ralf war zunehmend bei PALAIS SCHAUMBURG unterwegs. Später kam dann Moritz von Oswald als Drummer dazu – den kennt ihr wahrscheinlich nicht.
Andreas: Mich hat das damals maßlos geärgert: Bei Büchern über Punk oder New Wave ging es nur um Alben. Aber gerade diese Bewegung war ja Single-orientiert! Und viele tolle Bands – auch FRONT – hatten kein offizielles Album. Deshalb kommen sie in solchen Büchern nicht vor. Da hab ich gesagt: Lasst uns doch die sieben Stücke nehmen, die wir haben, zwei Live-Aufnahmen dazu – und dann eben noch Jörns entdeckte Demo-Aufnahmen. Das war der Anfang ... und plötzlich dauerte es zwei, drei Jahre.
Jörn: Viele von uns hatten sich Jahrzehnte nicht gesehen. Jürgen war in Heidelberg, Ralf in München. Ich hatte Jürgen 14 Jahre nicht gesehen.
Andreas: Mir war wichtig: ein Studio, das kein Hochglanz-Druckkessel ist – sondern ein Ort mit Proberaumcharakter, wo man sich auch verrennen darf. Ohne Stress, ohne Kostenpanik. Eben wie damals bei ZickZack: kreativ, unaufgeregt.
Mike: War Godes Tod auch ein Auslöser, dass ihr euch wieder getroffen habt?
Jörn: Ja, ich hatte Gode auch lange nicht gesehen. Dann rief er mich an – und erzählte es. Er war in einer Klinik in Hannover, wo wirklich Top-Neurochirurgen arbeiten. Es gab Hoffnung, aber am Ende war es inoperabel. Tragisch. Wir hatten gesagt: keine Interviews. Aber dann, als klar war, dass er bald sterben wird, haben Gude und ich doch noch eins aufgenommen. Er war da noch total klar, mit trockenem Humor. Obwohl er sich manchmal über eigene Satzabbrüche amüsierte, tragisch und komisch zugleich. Ich glaube, Musik bedeutete ihm später nicht mehr so viel. Auch seine Freundin sagte mir das. Er hat nicht mehr in Bands gespielt. Das war Vergangenheit. Von seiner Partnerin Sabine weiß ich, dass Musik ihm trotzdem viel bedeutet hat – aber nicht mehr in Bands. Das war vorbei. Er war dann ja Bauingenieur oder so. Ich habe ihn 2011 das letzte Mal persönlich gesehen. Privat hat er aber bis zum Schluss Gitarrenunterricht genommen – einfach aus Neugier auf das Instrument. Nicht um aufzutreten.
Mike: Was sagen denn eigentlich eure Kinder dazu?
Jörn: Ich hab vier Kinder: 13, 22, 26 und 30. Ehrlich gesagt: Die fanden alles, was ich ihnen früher von meinen Projekten gezeigt habe, scheiße, haha. Aber das neue Material jetzt – das fanden sie richtig gut!
Ralf: Meine Söhne sind 18 und 26. Der Ältere fand das neue FRONT-Album klasse – hat’s auch mehrmals gehört. Der Jüngere ist sehr HipHop-orientiert – für den ist das eher uninteressant. Und mein 13-jähriger Sohn? Der hält das für völlig suspekt. Der fragt nur: „Was ist das?!“ Haha.
Mike: Gab’s da auf dem Album ein Stück, das euch überrascht hat, wo ihr dachtet: Wow, das hatte ich gar nicht mehr so geil in Erinnerung?
Ralf: Ich glaube, da hat jeder so seine eigenen Favorites. Was uns aber vor allem beeindruckt hat, war diese unglaubliche Power, mit der die Band damals losmarschierte. So kannst du nur trommeln, wenn du 16 bist.
Eugen: Was mir beim Hören auffiel: Die Vielfalt, von Funk bis Post-Punk. Und beim Schlagzeugspiel hab ich oft an DAF gedacht , dieser Groove!
Ralf: Es ist ein Sammelsurium. FRONT hatten nie den einen Sound – dafür waren wir viel zu unterschiedlich. Hätten wir damals ein richtiges Album gemacht, wer weiß, wohin es klanglich gegangen wäre. Es war immer eine Suche – auch nach Gode. Manche Stücke funky, manche düster – das war FRONT.
Jörn: Wenn ich „Ihr Kinderlein kommet“ von CORONERS auflege, gucken meine Kids immer noch völlig entsetzt. Dabei lief das 1991 – Gode mit Unterhemd und Bierdose vorm Fernseher – in einer Fernsehreportage über „antichristliche Tendenzen in der deutschen Jugendmusik“, mit Untertiteln! Das war seine persönliche Abrechnung mit dem Elternhaus. Gode war ja Messdiener, sein Vater bei der Kirche, aber nicht Pastor. Und das Haus war wie bei „Carrie“, überall Kreuze, sogar über dem Bett.
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