GABY HOSEN

Foto© by Privat

Über DIE TOTEN HOSEN und Argentinien

Mit Gaby Hosen aus Buenos Aires wollte ich schon immer mal ein Interview machen, denn sie ist ein fester Bestandteil der Punk-Szene in Argentinien. Zu ihren vielen Aktivitäten gehört das Betreiben einer Fanseite für DIE TOTEN HOSEN, das Organisieren von Treffen für DIE TOTEN HOSEN-Fans aus aller Welt, das Drucken von T-Shirts oder das Veranstalten von Konzerten. Sie pflegt das Vermächtnis von Pil Trafa und seinen Bands LOS VILADORES und PILSEN, ist außerdem Straßenverkäuferin, Spanisch- und Deutschlehrerin und Gastsängerin in Bands. Sie unterstützt zudem mein Label Campary Records in Argentinien und betreut auch die argentinische Fanseite meiner Band DIE SCHWARZEN SCHAFE. Als ich sie zum ersten Mal im April 2023 in der Strummer Bar traf, haben wir uns auf Anhieb gut verstanden.

Gaby, was passiert, wenn DIE TOTEN HOSEN in Argentinien spielen und all die deutschen Fans kommen? Was organisierst du da alles?

Die Geschichte begann 1992, als Pil Trafa, Sänger von LOS VILADORES und riesiger Hosen-Fan, zusammen mit Esteban Cavanna, seinem Manager und Michael Reichel, einem deutschen Freund, am 11. September 1992 den ersten Auftritt von PILSEN im Konzertsaal Halley organisierte. An diesem Abend spielten DIE TOTEN HOSEN ihr erstes Konzert in Argentinien. Seither reisen jedes Mal immer mehr Fans aus Deutschland und anderen Teilen der Welt an, um die Hosen-Konzerte in Argentinien und die Fantreffen zu erleben. 2015 hatte ich das Bedürfnis, ein Kommunikationsforum für DTH-Fans aus Argentinien und der ganzen Welt zu schaffen. Deshalb übernahm ich die Leitung von „Die Toten Hosen Argentina Fans“, einer Facebook-Gruppe, die unserer Leidenschaft für die Düsseldorfer Band gewidmet ist. Inzwischen organisiere ich jedes Mal Treffen in Brauereien, wenn die Hosen unser Land besuchen. Außerdem besuchen wir gemeinsam die Konzerte und seit 2017 veranstalten wir die „Hosen-Party“ im Bierlife, einer Brauerei in San Telmo, um unsere Freundschaft mit guter Musik und leckeren Craftbieren zu feiern. Dort begegnen sich Hosen-Fans aus der ganzen Welt.

Wie bist du eigentlich auf DTH gekommen?
Ich lernte DTH durch einen Cousin kennen, der mir im Jahr 2000 die Kassette „Ein kleines bisschen Horrorschau“ vorspielte. Das war etwas ganz anderes als die Musik, die ich damals hörte, sie hat mich wirklich interessiert. Im Laufe der Zeit und mit dem massiven Aufkommen des Internets konnte ich mir dann mehr von ihrer Diskografie auf YouTube oder Spotify anhören. Im Jahr 2012 sah ich sie zum ersten Mal live, das war in der Gap-Konzerthalle in Mar del Plata, wo sie mit Pil Trafa spielten. Im Jahr 2015 hatte ich die Gelegenheit, sie in Buenos Aires zu sehen, und von diesem Moment an hatte ich das Bedürfnis nach einem Treffpunkt, um mich mit anderen Hosen-Fans auszutauschen. Damals lebte ich nämlich in Mar del Plata, wo ich mich von der Punk-Szene sehr abgeschnitten fühlte. Die Gruppen, die zu dieser Zeit im Netz existierten, schienen mir überhaupt nicht freundlich zu sein. Es gab Streitigkeiten, wer mehr oder weniger Fan war. Deshalb beschloss ich am 3. September 2015, diese Facebook-Gruppe zu gründen. Mittlerweile haben wir mehr als 7.000 Mitglieder. In den letzten neun Jahren haben wir viel zusammen unternommen, dadurch habe ich viele schöne Dinge erlebt.

Jedes Mal, wenn ich in Argentinien bin, ist wieder alles teurer geworden. Mir ist der Begriff Inflation bekannt, aber die Preise im Supermarkt explodieren ja regelrecht!Ich frage mich, wie Leute mit wenig Geld hier leben beziehungsweise überleben können?
Leider ist das Problem mit der Inflation ein globales Problem. In Argentinien ist die Situation sehr schwierig, wer auch immer regiert. Und bei den letzten Wahlen hat ein libertärer Kandidat gewonnen, Javier Milei, der die Ideen von Donald Trump kopieren will – dabei ist er nur eine Karikatur von ihm. Die Inflation ist theoretisch sogar gesunken, aber Tausende von Argentiniern sind arbeitslos und obdachlos geworden. Das Elend hat sich vervielfacht und die Menschen gehen mit ihren Familien in die Suppenküchen, um einen Teller Essen zu bekommen. Öffentliche Dienstleistungen und Lebensmittel sind die Bereiche, in denen die Preise am stärksten gestiegen sind. Und die Gehälter bleiben weit hinter der Inflation zurück.

Ich weiß, dass du T-Shirts drucken lässt. Wie vertreibst du sie, über einen Onlineshop oder machst du auch Stände, etwa in der Strummer Bar oder auf Konzerten in anderen Clubs?
Ich bin ein Fan von vielen Bands, von denen es keinen offiziellen Merchandise gibt. So habe ich 2021 im Rahmen einer Hommage an Pil Trafa, die ich im Parque Centenario organisiert habe, einen sehr guten Produzenten kennengelernt. Das gab mir die Möglichkeit, T-Shirts für die DTH-Fangruppe sowie für PILSEN und LOS VIOLADORES herzustellen. Normalerweise organisiere ich zwei Mal im Jahr einen Vorverkauf – und wenn ich die fertigen T-Shirts bekomme, liefere ich sie den Leuten, die sie bestellt haben, oder schicke sie per Post.

Ich weiß, dass es in Buenos Aires dutzende guter Clubs gibt, in denen man Live-Musik sehen und hören kann. Welcher Club wird von dir favorisiert?
Besonders gern mag ich den Uniclub im Stadtteil Abasto, wo ich mal die Gelegenheit hatte, mit Pil Trafa und seiner Band PILSEN zwei Lieder von DIE TOTEN HOSEN zu singen. Der Club hat ein Fassungsvermögen von etwa 900 Personen und in dieser heißen Nacht im Februar 2019 war er voll besetzt! Die Strummer Bar ist eine kleine Kneipe mit einer Bühne, auf der viele Underground- und Punkrock-Bands auftreten. Ihr Besitzer ist Leo de Cecco, Schlagzeuger der legendären Band ATAQUE 77. Als Musiker kennt er ganz genau die Bedürfnisse und Vorlieben der Bands und auch die des Publikums, das die dort täglich stattfindenden Konzerte besucht. Ich hatte bereits die Gelegenheit, dort Veranstaltungen zu organisieren, und sie haben uns immer mit offenen Armen empfangen. Und schließlich meine Lieblingsbrauerei: Bierlife, in der Nähe von San Telmo, hat 66 Zapfhähne mit einer großen Auswahl an hochwertigen Craftbieren. Und wie ich bereits erwähnt habe, öffnet diese Bar ihre Türen für die klassischen Hosen-Party-Treffen. Es ist ein schöner Biergarten mit einer einzigartigen Atmosphäre.

Du postest immer viel zu DTH, aber auch zu Pil Trafa. Wie ist da der Bezug? Ich weiß, dass er ein hervorragender Sänger war und viel zu früh verstorben ist.
Pil war Sänger der legendären LOS VIOLADORES, der ersten Punkband Argentiniens, und von PILSEN, einem Projekt, das im Jahr 1992 folgte. Ich hatte das Glück, ihn persönlich zu kennen. Wir verbrachten oft Zeit zusammen. Er war ein guter Freund und toller Musiker. Seit 2000 lebte er mit seiner Frau und seinem Sohn in Lima, Peru. Im August 2021 ist er im Alter von 62 Jahren verstorben. Aber er hat uns viel hinterlassen.

Im Herbst letzten Jahres bist du ja auch bei Campary Records eingestiegen. Was machst du in Argentinien für das Label?
Ich habe an der Vorbereitung der DIE SCHWARZEN SCHAFE-Tour mitgewirkt, außerdem habe ich die Bands MAL PASAR und TRAJE DESASTRE bei der Produktion einer Split-LP unterstützt. Auch bei der Website von Campary Records Argentina bin ich involviert. Ich erstelle Werbeflyer für die neuen Campary-Veröffentlichungen und übersetze die Publikationen.

Ich weiß, dass du musikalisch breit aufgestellt bist und außer DTH oder PILSEN auch andere Bands magst – was sind deine Favoriten?
Das sind MAL PASAR, LOS CABALLEROS DE LA QUEMA, LA RENGA, FIN DEL MUNDO, LA POLLA RECORDS, DIE SCHWARZEN SCHAFE, CADENA PERPETUA und viele andere.

Du bist gerade im Badeort Mar del Plata, was arbeitest du da? Und bleibt dir bei allen Aktivitäten etwas Zeit für die Familie oder einfach mal zum Entspannen?
Es ist nicht leicht, Zeit zum Entspannen zu finden. Schließlich bin ich Produzentin meines eigenen Lebens. Jeden Vormittag widme ich mich dem Verkauf von Spirographen. Wenn ich wieder zu Hause bin, esse ich etwas und gebe dann Spanischunterricht. Anschließend gehe ich mit meiner Tochter einkaufen und verbringe Zeit mit ihrem Vater, meinem Lebensgefährten seit 20 Jahren. Abends nach dem Essen gehen wir normalerweise spazieren. Wenn es ein sonniger und warmer Tag ist, gehen wir auch an den Strand, um das Meer zu genießen.

Anzeige