
GOBBLEHOOF aus Amtierst, MA sind eines der Überbleibsel von DEEP WOUND, jener legendären HC-Band, in der J Mascis (heute DIBOSAUR JR), Lou Barlow (Jetzt SEBADOH) und Charlie Nakajima, der Sänger von GOBBLEHOOF, zusammenspielten. J Mascis ist heute beinahe sowas wie ein Star. Lou Barlow ist mit seiner Band auch recht erfolgreich - nur die Genialität der GOBBLEHOOFschen Mischung aus Bostoner Gitarrenrock und schwerem, dreckigem Seventies-Rock hat bisher noch kaum jemand erkannt. Gut möglich, dass sich die Band deshalb bei Erscheinen dieses Interviews schon längst aufgelöst hat.
Heute Abend hier in Essen sind ja nicht all zu viele Leute gekommen. Wie lief denn die Tour bisher?
Matt: Für unsere erste Europa-Tour ist es ganz o.k. Teilweise kamen recht wenig Leute, aber das liegt wohl daran, dass uns die Leute nicht kennen, weil wir noch nie hier waren. Aber den Leuten gefielen die Konzerte, sogar die, bei denen wir mies waren.
Charlie: Gestern Abend waren es nur 20 Leute, aber mehr als die Hälfte kannte unsere Platte und wir haben mehr T-Shirts und Platten verkauft als bei anderen Konzerten. Ich habe das Gefühl, dass die Leute hier in Deutschland zu viel Mainstream-Rock hören und nicht mehr auf Konzerte gehen. Stimmt das?
Ich denke das liegt eher daran, dass zu viele Bands auf Tour sind.
Charlie: Wahrscheinlich lag es daran, dass gestern auch MONSTER MAGNET gespielt haben.
Wisst ihr denn, wieviele Platten Ihr In Deutschland verkauft habt?
Charlie: Nicht viele, aber wir bekamen eine Menge guter Besprechungen. Aus irgendeinem Grund kaufen die Leute die Platte aber nicht. Ich glaube, wir haben in ganz Europa gerade mal 2.000 Platten verkauft. Und das ist nichts. Deshalb ist es eigentlich auch keine Überraschung, dass so wenig Leute zu den Konzerten kommen. Aber vielleicht wird es ja besser, wenn wir eines Tages für eine zweite Tour rüberkommen.
Hat es euch eigentlich geholfen, dass J Masics früher bei GOBBLEHOOF mitspielte?
Charlie: Ja, schon. Es verschaffte uns etwas Aufmerksamkeit, aber anderseits ist unsere Musik so verschieden von dem was J macht, dass diese Verbindung auf Dauer eher hinderlich wurde. Denn viele Leute, die uns nur dem Namen nach kannten, erwarteten vielleicht etwas in der Art von DINOSAUR JR. Sie testen uns an, ob wir wirklich nach DINOSAUR JR klingen, und wenn nicht, dann sind sie enttäuscht. J mag uns, denn er hat einen sehr weiten musikalischen Horizont und er ist ein Freund von mir. Wir sind zusammen in Amherst aufgewachsen, kennen uns seit wir Siebzehn sind. Außerdem haben wir früher mal zusammen in einer Band gespielt.
Bei welcher Band?
Charlie: Bei DEEP WOUND, eine Hardcore-Band. Ich habe gesungen, J war am Schlagzeug und Lou Barlow, der jetzt SEBADOH macht, spielte Bass.
In der Besetzung wärt Ihr heute eine All Star-Band…
Charlie: Heute schon, ja. Damals haben wir das einfach zum Spaß gemacht. Wir waren in der Massachussetts/Boston-Hardcore-Szene, spielten mit Bands wie den F.U.s oder GANG GREEN, eben die ganze „This is Boston, not L.A."-Sache. Wir waren in dieser Szene und völlig begeistert und so starteten wir dann unsere eigene Band. Wir lebten in diesem kleinen Kaff Amherst, das ungefähr 100 Meilen westlich von Boston liegt und eine typische College-Stadt ist. Während des Schuljahres leben dort 150.000 Menschen, aber im Sommer, wenn die Studenten nach Hause fahren, sind es gerade mal 40.000. Es ist eine Kleinstadt, und wenn du dort aufwächst, gehst du zu vielen Collegeveranstaltungen und das waren damals vor allem irgendwelche Hippie-Parties. Amherst ist auch heute noch eine der letzten Hippie-Hochburgen. Anfang der Achtziger war die ganze Hippie-Sache am Aussterben und wir wollten was anderes machen: Hardcore. Wir waren eigentlich total antihippiemäßig eingestellt. Wir stellten dann fest, dass die Art von Musik eigentlich genau das ist, was wir machen wollen. J gründete dann DINOSAUR JR, und Lou spielte auch eine Weile bei DINOSAUR JR und startete dann SEBADOH.
Was hast du denn zwischen DEEP WOUND und GOBBLEHOOF gemacht?
Charlie: I fuckin' got out of music, man. Nach DEEP WOUND war ich dann mit den Leuten von der ursprünglichen DINOSAUR-Besetzung am Jammen. Murph, der Schlagzeuger von DINOSAUR ist ein alter Freund von mir - J und Lou sehe ich nur von Zeit zu Zeit -, wir gehen oft zusammen einen trinken und so. Naja, wir waren also am Jammen, aber ich stellte fest, dass ich immer noch auf Hardcore stehe und mir ihr Spiel irgendwie zu soft war. Also entschloss ich mich, nicht mehr mit ihnen zu spielen. Ich hatte das Gefühl, dass Hardcore ziemlich ausverkauft wird und viele Leute nur Hardcore hörten, weil es angesagt war. Ich ließ dann alles hinter mir. Ich suchte mir einen Job, suchte mir ein Zimmer und tat den ganzen Tag nichts anderes als Gitarre spielen, ging überhaupt nicht mehr aus, traf mich mit niemandem mehr. Irgendwie war ich aber trotzdem auf der Suche nach einer neuen Band. Und so kam ich dann zu GOBBLEHOOF: Mein Freund Jens, der auf der ersten GOBBLEHOOF-EP Bass spielt, und J schlugen Tim vor, mich in die Band zu holen. Und so kam ich zu GOBBLEHOOF.
Ich höre bei euch eine Vielzahl verschiedener Einflüsse heraus: Zum einen ST. VITUS, also dieser schwere Doom-Rock...
Charlie: ...ja, stimmt. Tim und ich stehen total auf die alten BLACK SABBATH, und ST. VITUS sind wohl auch von BLACK SABBATH beeinflusst.
Auf der anderen Seite sehe ich aber auch den typischen Boston-Einfluss, also Bands wie DINOSAUR JR oder BULLET LAVOLTA.
Charlie: Was ist eigentlich mit BULLET LAVOLTA? Gibt's die überhaupt noch? Das Letzte, was ich von denen hörte, war, dass sie bei RCA unterschrieben haben.
Die gibt's noch, haben erst kürzlich eine Live-LP rausgebracht. Aber wie kommt es, dass du aus Boston kommst, aber nicht weißt, was abgeht?
Charlie: Nee, ich kümmere mich nicht darum. Außerdem mag ich BULLET LAVOLTA nicht besonders. Obwohl, es ist nicht so, dass es mich nicht kümmert, aber ich spiele Rockmusik, weil ich das Gefühl habe, mich damit ausdrücken zu können, und ich interessiere mich nicht so sehr dafür, was andere Leute für Musik machen. Viele meiner Freunde spielen in Bands und die schaue ich mir auch an, weil es meine Freunde sind. Ich höre aber auch Jazz, Klassik, Rap, Hip Hop, Sachen wie DIGGABLE PLANET (?) oder PUBLIC ENEMY.
Das sind aber nicht gerade Einflüsse, die man aus der Musik von GOBBLEHOOF raushören kann.
Charlie: Nein, aber das ist die Musik, die ich mag. Es ist was anderes: Du machst die Art von Musik, mit der du deine Gefühle ausdrücken kannst, aber das muss nicht notwendigerweise etwas mit der Musik zu tun haben, die du sonst hörst. Der Input ist ein anderer als der Output. Natürlich habe ich auch mal Bands wie BLACK SABBATH und LED ZEPPELIN gehört - früher mal, denn ich bin jetzt 29. Leute in unserem Alter kennen solche Sachen automatisch, denn als du 8,9 Jahre alt warst, lief das ständig im Radio. Wir haben uns daran zu Tode gehört, und deshalb muss ich nicht zuhause Platten von denen auflegen, um mich zu erinnern wie sie klingen.
Matt: Ja, das war damals, als wir in unserer Schulzeit anfingen, ein Instrument zu spielen. Das erste, was du versuchtest nachzuspielen, war ein LED ZEPPELIN-Song. Und jetzt, Jahre später, machen irgendwelche Alternative Bands wieder den gleichen Sound, wenn auch mit anderen Gefühlen und anderen Texten. Es ist der gleiche Sound, aber anders umgesetzt, mit etwas Punk vermischt. Die Leute in den Bands sind oft in unserem Alter und haben auch jahrelang in den Siebzigern und Achtzigern in den USA Radio gehört. Da war so viel Mist dabei, dass du für dich die guten Bands rauspicken musst. You take in all this food and than it comes out as your own shit, your own original, unique shit. It has its own odor, its own color.
Charlie: Viele der Gitarrenriffs stammen von Tim und auch von unserem alten Bassisten Kurt. Von mir stammen die Texte, die Gesangsmelodien und teilweise auch die Songideen.
Wie seid Ihr denn auf das eklige Coverfoto der CD gekommen, diese In Spiritus eingelegten Kinder-Wasserköpfe?
Charlie: Man hat mir erzählt, dass es was mit Genexperimenten aus deutschen Konzentrationslagern zu tun hat. Der Typ, der das Foto gemacht hat, hat es wohl aus einem Museum in Berlin oder so. Auf den Titel Freezerburn" (Gefrierbrand) kamen wir wegen dieser Narbe an der Stir dieses Kopfes, die irgendwie nach Gefrierbrand aussieht. Jemand hat uns die Fotos gezeigt, und wir wussten sofort, dass das das Cover unserer Platte wird.
Was werden GOBBLEHOOF In der Zukunft machen?
Charlie: Wissen wir nicht. Matt ist neu in der Band, war bei der LP gar nicht dabei, und George, Kurt und Sean, die damals noch dabei waren, sind mittlerweile aus verschiedenen Gründen ausgestiegen. Unser Label, New Alliance, hat uns gerade rausgeschmissen und wir wissen wirklich nicht genau, wie es weitergehen wird. Ich habe aber noch eine andere Band namens SUNS OF THE CORPORATE DOG, von der in Kürze eine Platte rauskommen wird. Ich spiele da mit Murph von DINOSAUR JR zusammen. Sie wird auf einem kleinen Label eines Freundes von mir aus Northampton erscheinen. Er gab mir das Geld um ein paar Songs aufzunehmen. Es ist ziemlich simple Musik, nichts Episches. Wir kennen uns eben schon ewig und er hat manchmal Probleme mit DINOSAUR JR, hat gelegentlich Probleme mit J auszukommen. Und ich habe manchmal Probleme in GOBBLEHOOF, also machen wir in dieser Band, was wir sonst nicht machen können. Tim Aaron, unser Gitarrist, wird vielleicht eine Soloplatte machen, denn gelegentlich mag er auch Country & Western-Klänge. Die Mitglieder von GOBBLEHOOF werden also auch in Zukunft von sich hören lassen, auch wenn GOBBLEHOOF vielleicht bald nicht mehr existieren.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #15 II 1993 und Joachim Hiller