GRANT HART

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von HÜSKER DÜ/NOVA MOB

Ein Interview mit Grant Hart, einst Schlagzeuger von HÜSKER DÜ, heute Sänger und Gitarrist von NOVA MOB. Wer der Meinung ist, dass die uralten Geschichten aus HÜSKER DÜ-Zeiten heute keinen Menschen mehr interessieren, der sollte dieses Interview gar nicht erst lesen. Für mich jedenfalls ist HÜSKER DÜ eine der Bands, bei denen ich feuchte Augen bekomme, die mir etwas bedeuten. Grant Hart erwies sich als ein ungeheuer sympathischer Interviewpartner, der einem nach diesem neunzigminütigen Interview schon beinahe vertraut erschien. Es mag Leute geben, die die folgenden Äußerungen für banal und langwellig halten, aber für mich war jedes Detail interessant. An den Anfang des Interviews hatten wir ein kleines „Blind Date" gestellt. Erste Band: COFFIN BREAK mit „Diane“.

Grant:
(nach ca. 2 Sekunden) „Diane". Von den STRANGEMEN?

„Diane" stimmt, aber die Band war COFFIN BREAK.
Ich sollte den Song schon erkennen, ich habe ihn ja schließlich geschrieben. Es gibt vier oder fünf Coverversionen davon. Es ist seltsam, jemand anderen über die Robert Street, eine Straße in der Nähe meiner Wohnung, singen zu hören. Seltsamerweise habe ich mich innerlich von diesem Song entfernt, habe beinahe das Gefühl, den Song eines anderen Musikers zu hören.

Erzähl mal was zum Hintergrund des Songs.
1978 wurde dieses Mädchen Diane entführt. Es gab eine große Suchaktion. Überall, wo die Punkbands ihre Konzertplakate aufhängen wollten, hingen schon Suchplakate wegen dieses Mädchens. Von Tag zu Tag stieg die Belohnung für Hinweise von anfangs 2.000 Dollar auf schließlich 80.000 Dollar an. Leider fand man sie schließlich tot auf: Sie war vergewaltigt worden. Das alles passierte in meiner unmittelbaren Nachbarschaft. Jahre später, nach der Veröffentlichung von „Metal Circus", erhielt ich einen Brief vom Bruder des toten Mädchens, der ein großer HÜSKER DÜ-Fan war. Er schrieb mir, dass der Song ihm geholfen habe, über den Tod seiner Schwester hinweg zu kommen. Zuerst war das natürlich ein sehr seltsames, unangenehmes Gefühl, jemandem zu begegnen, über dessen tote Schwester man einen Song geschrieben hat. Obwohl du diesen Menschen nicht kennst, verbindet dich etwas mit ihm.

Eure Songs sind ja sehr beliebt bei anderen Bands: Die RICHIES haben jetzt „Don't wanna know if you are Ionely" gecovert.
Wirklich? MEGA CITY FOUR haben auch erst vor kurzem diesen Song gecovert. (Im Hintergrund erklingt SUGAR mit „If I can't change your mind“.)
Das ist dieser eine Typ, äh, hm, ja, „Sunny side of the street" von den POGUES. Stimmt's?

Hahahahaha.... Wie ist denn dein Verhältnis zu Bob Mould? Er heimst jetzt all den Ruhm ein...
...und all das Geld. Aber weißt du, ich fühle eine gewisse Befriedigung darüber, dass ich beinahe seit dem Ende von HÜSKER DÜ mit NOVA MOB eine funktionierende Band habe und Bob jetzt, nach all den Jahren, auf die gleiche Idee kam - und Erfolg damit hat. Ganz ehrlich, ich freue mich für Bob, dass er den Durchbruch geschafft hat. Man muss Leute doch nicht runtermachen, nur weil sie Erfolg haben.

Hast du SUGAR denn schon mal live gesehen?
Ja, in Minneapolis. Aber das ist wohl nicht repräsentativ, denn das ist ein Heimspiel. (Erst jetzt erkennt Grant den Song, der seit ein paar Minuten im Hintergrund läuft:) Ah, „If I can't change your mind" von Bob Mould, äh, SUGAR. Wie lange habe ich gebraucht? Zwei Minuten? Diese 12 String-Gitarre hat mich getäuscht, das klang sehr nach POGUES. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ihr in meiner Gegenwart einen Bob Mould-Song spielen würdet, hahaha.

Hast du denn die Platte schonmal gehört?
Dreimal, glaube ich. Irgendwie habe ich bisher nicht daran gedacht, mir sie zu kaufen. Es gab und gibt Probleme zwischen ihm und mir - das ist ganz klar -, aber ich will hier auch nicht so klingen, als ob ich ihn nicht mögen würde. Wenn ich ihn überhaupt nicht leiden könnte, dann hätten wir es wohl kaum neun Jahre in einer Band ausgehalten: Es war etwas da, das all die Probleme zwischen uns aufwog. Auch zu HÜSKER DÜ-Zeiten habe ich mir seine Songs nie so genau angehört, warum sollte es heute anders sein? Das hat absolut nichts mit Bösartigkeit zu tun. Ich war einfach mehr mit meinen eigenen Songs beschäftigt. Bob und ich haben zu vielen Dingen unterschiedliche Meinungen. (Im Hintergrund beginnt „Bricklayer". Nach zwei Sekunden…) „Bricklayer", HÜSKER DÜ. Das ist die Version von der „Everything falls apart"-LP. Das war vor elf, zwölf Jahren. Eine verdammt lange Zeit...

Wie alt warst du denn da?
21.

Wie war die Szene in Minneapolis damals?
Sowas wie eine Underground-Szene gab es damals noch nicht. Es gab nicht viele Leute, die zu den Shows hätten kommen können und deshalb war es so, dass es viele Bands gab, die über die Jahre hinweg durch negative Beachtung überlebten: Die Leute hassten sie, es gab mehr Leute, die sie nicht leiden konnten, als Fans, und so blieben sie im Gespräch. Es war ein gutes Gefühl, als Band von jemandem gehasst zu werden, den man sowieso nicht leiden konnte: „If he hates us, we're o.k."

In einem Interview meinte Andrew, der Sänger von BONE CLUB, dass du in Minneapolis sowas wie ein „Szene-Gott" bist.
Vor Jahren, als wir ständig auf Tour waren, war es etwas Besonderes, wenn ich mal in einen Club gegangen bin. Mittlerweile gehe ich zwei, drei Mal die Woche aus und das „Besondere" an mir ist weg. Ich kenne die Leute, die Leute kennen mich. Eine aufgesetzte Vertraulichkeit ist echter Vertraulichkeit gewichen. Ich muss aber sagen, dass ich gerne anonym bleibe. Wenn Leute wissen, wer ich bin, kommen sie auf mich zu, sprechen mich an, weil sie wissen, wer ich bin. Aber das ist eine einseitige Angelegenheit, denn ich kenne diese Leute ja nicht. (Wir werden von TRASHING GROOVE mit „Standing In a queue" unterbrochen.) Hm, keine Ahnung. Könnte aber eine deutsche Band sein. TRAS-HING GROOVE? Noch nie was davon gehört, gefällt mir aber. Mein Problem ist, dass ich mir eigentlich nie die Zeit nehme, bewusst Musik zu hören. Neue Bands lerne ich meistens in Situationen wie dieser kennen, wenn mir nämlich jemand bewusst etwas vorspielt. Total schlimm ist für mich immer, wenn mir den ganzen Tag ein „fremder" Song im Kopf herumschwirrt und ich mich nicht auf meine eigenen Songs konzentrieren kann. Der Entscheidung, mich auf meine eigenen Songs zu konzentrieren, fiel auch meine Stereoanlage zum Opfer. Im Auto höre ich ganz gerne alte Rockmusik. An aktueller Musik reicht mir das, was ich während der Touren in Clubs mitbekomme. (Mittlerweile läuft BONE CLUB, ebenfalls eine Band aus Minneapolis, und wie die letzte NOVA MOB-12" auf Big Store erschienen.) Nee, kenn ich nicht.

Das sind BONE CLUB…
(kichert) Uuups. Weißt du jetzt, was ich meine, haha?

Wie ist dein heutiges Verhältnis zu Drogen? Deine Heroinabhängigkeit war ja wohl der Hauptgrund für den Split von HÜSKER DÜ.
Das ist eine lange Geschichte, und Bob und ich haben davon wohl jeder eine andere Version auf Lager. Der Split kam nicht von heute auf morgen, das zog sich über eine längere Zeit hin. Am Schluss war es einfach so, dass er und ich nicht mehr in der gleichen Band zu spielen schienen. Ich hatte damals über ein Jahr lang ernsthafte Probleme mit Heroin. Jeder wußte darüber bescheid und in verschiedener Hinsicht wurde Druck auf mich ausgeübt, man nahm mich nicht mehr ernst: „Hey, pssst, Grant's a junkie..." Sie vertrauten mir nicht mehr, verhielten sich wie Verschwörer. Naja, so lief das damals eben. Aber auch wenn das sich jetzt so anhört, denke nicht, daß ich das Ableben von HÜSKER DÜ auf die leichte Schulter genommen hätte: Lange Zeit galt dieser Band meine ganze Liebe und ohne sie wäre ich heute nicht da, wo ich jetzt bin. Auch wenn du eine Achterbahnfahrt noch so gerne magst, irgendwann kommt der Zeitpunkt, wo du aussteigen musst. Und ich glaube ganz im Ernst, dass HÜSKER DÜ heute nicht als eine so gute Band gelten würden, wenn wir uns nicht aufgelöst hätten.

Man muss sterben, um zur Legende zu werden.
Exactly. Zum Zeitpunkt unserer Auflösung hatte ich auch nicht den Eindruck, dass unser nächstes Album hätte besonders gut werden können. Selbst das Publikum bei unseren Konzerten hatte sich in zwei Fraktionen aufgeteilt: „Are you here to see Bob or to see Grant?" Man hatte nicht den Eindruck, dass diese Leute tatsächlich unsere gemeinsamen Platten gut finden. Das ist aber nur ein Beispiel dafür, wie unterschiedlich unser Denken geworden war, wie egoistisch wir geworden waren. Es gab keine HÜSKER DÜ-Songs mehr - jeder sah nur seine eigenen Songs: „This is my creation don't fuck it up!" Ich mischte meine Songs ab, Bob seine, Greg spielte in der Zwischenzeit Golf. Die Atmosphäre war einfach nicht mehr so konstruktiv, wie sie hätte sein können. Ein Jahr nach den Aufnahmen zu „Warehouse: Songs and Stories" lösten wir uns schließlich auf. Wir waren einfach nicht mehr in der Lage, zusammen zu arbeiten. Das Geschäft, das Business, bringt die Leute auseinander.

Du meinst die Tatsache, dass mit eurem Major-Deal „richtiges" Geld ins Spiel kam?
Ja, alles, was damit zusammenhing. Bob wollte mir nicht mehr vertrauen und mir ging es genauso.

Ihr wart also nur noch Geschäftspartner, die sich eben trennen müssen, wenn sie sich nicht mehr vertrauen?
Hm, nicht wirklich. Es waren eher die Nachwirkungen, die Folgen einer Phase, die das Beste in uns beiden zum Vorschein gebracht hatte. Greg zum Beispiel, war und ist mein Freund. Aber in der Band war er der Ball, den Bob und ich hin und her kickten.

Greg Norton trat nie in den Vordergrund, obwohl er von Anfang an dabei war.
Greg lag es nicht, Songs zu schreiben. Er war in einer blöden Situation, die sich am Besten dadurch beschreiben lässt, dass andere Bands ihn später als Bassist haben wollten, um überall mit einem Ex-HÜSKER DÜ-Musiker angeben zu können. Sie wollten ihn nur wegen seines Namens benützen. Und wenn dir so etwas passiert, dann bist du doch sehr enttäuscht von diesen Leuten.

Was macht Greg denn jetzt?
Er ist ein Koch, ein Küchenchef - and he's a fucking good chef! Ich glaube, er ist sehr glücklich. Er hat eine sehr nette, hübsche. Frau, ein schönes Haus. Er ist jetzt ein Küchenchef, der eine Vergangenheit als Musiker hat.

Lass uns über deine Heroin sucht sprechen. Wie schafft man es, davon wieder loszukommen?
Du musst zu erst mal die körperliche Abhängigkeit überwinden: Nach einer Woche, nach der Entgiftung, bist du nicht mehr körperlich abhängig. Die seelische Abhängigkeit verschwindet aber viel langsamer. Ich glaube, dass jede Sucht irgendwie ein nicht erkannter Selbstmordversuch ist oder ein zwanghaftes Verhalten, dass sich eben zufällig im Heroingebrauch ausdrückt. Und ich lüge dich nicht an, wenn ich dir sage, dass ich unmittelbar nach dem Split von HÜSKER DÜ aufhörte, mir Heroin zu spritzen. Es wäre aber gelogen, wenn ich jetzt hier behauptete, ich könnte nicht irgendwann in der Zukunft wieder zu Heroin greifen. Alles, was ich sagen kann, ist, dass ich jetzt hier sitze, kein Heroin nehme und es vermeide, absolute Aussagen zu machen. Was würde es auch bringen, jetzt zu sagen, dass ich nie wieder Heroin nehmen werde, wenn dieser Vorsatz eines Tages in einem schwachen Moment in sich zusammenfallen kann. Ich trinke keinen Alkohol, aber wie bei so vielen Leuten kann es einen Zeitpunkt geben, zu dem man doch wieder trinkt, auch wenn man sich dabei schlecht fühlt. Um auf diesen „Selbstmord auf Raten" zurückzukommen: Als ich mich von meiner Sucht befreite, hatte ich sowas wie einen Psychoanalytiker. Das war kein richtiger Psychiater, sondern auch jemand, der sich gerade von dieser Sucht erholte. Der meinte, er wolle mal etwas von meiner Musik hören. Er griff sich „Terms of psychic warfare" von der „New Day Rising"-LP heraus: „Don't think you're the only one that's suffering from self hate, l'm just as guilty of ripping off and selling what my sweet soul creates." Tief in mir drin hasste ich mich dafür, mit meinem Talent, mit meiner Musik Geld zu verdienen. Ich kann dir auch jetzt noch genau begründen, warum ich mit meiner Musik kein Geld verdienen sollte.

Warum denn?
Weil jeder eine Begabung hat und es nicht einzusehen ist, warum eine bestimmte Begabung einen Menschen besonders herausheben sollte. Man hört nie was von berühmten Automechanikern oder berühmten Schuhmachern. Mein Problem mag darin begründet sein, dass ich sehr empfindlich reagiere, wenn meine Privatsphäre verletzt wird - und das ist der Fall, wenn ich abends in eine Kneipe gehe, um mich wie ein Arschloch zu benehmen. Dann ist das nicht irgendein Arschloch, sondern das Arschloch Grant Hart. Viele meiner Probleme in der Vergangenheit haben zu tun mit dem Gegensatz zwischen meiner Person und der Rolle, die zu spielen von mir erwartet wird. Jemand, der meine Texte kennt, kann vielleicht erkennen, dass zwischen meinem Leben und meinen moralischen Ansprüchen in den Texten ein Widerspruch besteht.

Was ist es dein für ein Gefühl, mit jemand völlig Fremdem wie mir über seine persönlichen Gefühle zu sprechen und dabei zu wissen, dass der es später auch noch abdrucken wird?
Es hilft sehr viel, das, was man gesagt hat, später nicht nach zu lesen. Ein großer Teil meiner Gefühle steckt aber auch in meinen Texten, und die sind ja sowieso bekannt. In den Texten allerdings sind diese Gefühle in verschlüsselter und poetisierter Form wiedergegeben und damit nicht so deutlich. Als Künstler mache ich nicht einfach irgendeine Arbeit, sondern produziere ein „Werk". Und es liegt an mir zu bestimmen, wie leicht oder schwer interpretierbar mein Werk sein soll. Du gibst Hinweise, wie man es interpretieren kann.

Du sagst „kann" und nicht „soll“. Es ist aber doch sicher enttäuschend, feststellen zu müssen, dass ein Text völlig falsch interpretiert wurde.
Nimm einen Song wie „Diane": Da wird ein Vorfall aus der Sicht eines Vergewaltigers dargestellt. Die meisten Leute sind aber klug genug zu merken, wie der Song gemeint ist und unterstellen mir nicht, ich würde mir vorstellen, wie es wäre, ein Mädchen zu vergewaltigen und zu töten. Es ist eben ein Song aus der Erzählperspektive. BOB DYLAN hat zu diesem Thema schon sehr viel gesagt.

„Shoot your way to freedom" ist auch einer von diesen Songs, die sehr unterschiedliche Interpretationen zulassen.
„Beyond these iron walls, beyond these iron stalls, you've got to shoot your way to freedom, from cradle to the grave, a man is bought a slave, you have to shoot your way to freedom." Ich habe diesen Satz „Shoot your way to freedom" aus einem Buch von William S. Burroughs. Er verwendet ihn als Metapher mit verschiedenen Bedeutungen. „Shoot your way to freedom, kid. Get out of this place." „Schießen" kann hier bedeuten, sich ein Glas Schnaps reinzuschießen, Heroin zu spritzen, kann für einen Orgasmus stehen, und, und, und. Ich spiele hier etwas mit meinem Ruf: Being a little bit of a smart ass, haha. Wenn mich jemand völlig abschreiben will, dann wird er seinem Freund ganz entsetzt fragen: „Hast du denn nicht erkannt, was das heißen soll?!?" Es ist gut, wenn ich sowas mitbekomme: Dann weiß ich, dass ich mich mit demjenigen nicht auseinanderzusetzen brauche, haha. Man nennt solche zweideutigen Songs, mit denen man herausfinden kann, wie viel Schlechtes einem die Leute zutrauen, „bullshit detector songs". Wenn die Leute die Metapher nicht erkennen, dann vergiss die Message.

Deine aktuelle 4 Song-12" ist auf einem deutschen Label erschienen, bei Big Store. Wie kam es dazu? Immerhin war die letzte NOVA MOB-LP „The Last Days Of Pompeji" noch bei Rough Trade. Und während Bob Mould mit SUGAR zum Star wird, bleibst du klein und independent.
Tragic realities...

Will keiner Grant Hart oder NOVA MOB?
Nein, das ist nicht das Problem. Es ist vielmehr sowas wie ein Pokerspiel. Meine Songs sind meine Karten, mein ganzes Blatt mein nächstes Album. Ich warte nur darauf, dass der Topf etwas voller wird, denn mittlerweile glaube ich nicht mehr, dass es etwas Schlechtes ist, wenn ich mit meiner Musik etwas Geld mache. Von irgendetwas muss ich ja leben, und Songs schreiben ist das Einzige, was ich gut kann. Seit dem Split von HÜSKER DÜ und den Geschichten, die sich darum ranken, hat man sich in den USA mir gegenüber sehr heuchlerisch verhalten, so dass ich mich auf Europa konzentriert habe. Meine drei Mitmusiker sind jünger als ich und sie erkennen mein Wissen über das Musikbusiness an - und ich weiß, dass unsere Zeit eines Tages kommen wird. Im Juli hatten wir auf unserer Tour ja diesen schweren Autounfall und mussten sie deshalb abbrechen, und im Juli hatte Bob auch schon SUGAR zusammen. Jetzt sind wir wieder auf Tour. SUGAR spielten vor uns, die Leute vergleichen SUGAR und NOVA MOB - und stellen immer wieder die gleiche Fragen: „Warum sind SUGAR so groß, warum sind NOVA MOB noch bei so einem kleinen Label, warum kommt Bob so groß raus? Der Unfall im Sommer war ein großes Unglück, aber er hatte einen Vorteil: Wir können zu einem Zeitpunkt touren, zu dem die Leute SUGAR live gesehen haben, oft enttäuscht waren, und jetzt gekommen sind, um uns zu sehen. Schon so viele Leute kamen auf mich zu und fragten „Why did Bob suck so bad this tour?".

Aber gibt es denn kein Majorlabel, das an NOVA MOB interessiert ist?
Nun, es tut sich etwas. Aber es wäre nicht besonders klug von mir, wenn ich dir erzählen würde, was geschäftlich so vor sich geht. Du kannst natürlich fragen, das ist dein Job, aber ich wäre dumm, wenn ich dir erzählen würde, dass .... (Hier rutscht Greg doch der Name des interessierten Labels raus und er bittet mich, ihn nicht abzudrucken. Joachim) interessiert sind. Ich stehe mit diesen Leuten seit zwei Jahren in Verbindung, sie finden die Songs gut, die ich damals für HÜSKER DÜ geschrieben habe, beraten mich und schlugen vor, einen zweiten Gitarristen zu NOVA MOB zu holen. Aber sie sagten mir auch: „Grant, you're a good songwriter, the band's great, but you're just a kind of a good guitar player and shouldn't be up there and try to make a living of it." Und das stimmt: Ich bin kein Gitarrenvirtuose, sondern ein Cowboy. Ich arbeite beim Komponieren mit einfachen Elementen. Und wenn meine Songs von irgendeinem beliebigen Gitarristen in der Welt stammen würden, dann würde sich kein Mensch dafür interessieren. Aber ich war ein Teil von HÜSKER DÜ und so frage ich dich, ist es deshalb unehrlich von mir, zur Plattenfirma zu gehen und zu sagen „You're right. Sign us."?

Vom Signing-Wahn der MajorLabels im Jahre 1 nach NIRVANA profitiert ihr also nicht.
Nein. Aber dieser ganze Seattle-Hype ist ja sowieso völlig lächerlich. Da gibt es tatsächlich Leute, die sind mit ihrer Band aus Kansas nach Seattle gezogen, nur um vielleicht von einem Talent-Scouts von Sony oder Geffen entdeckt zu werden. Als einheimischen Musiker würde mich sowas furchtbar aufregen. Stell dir vor, ein paar Ostdeutsche ziehen in deine Stadt, nur um dort eine Band zu gründen, hahaha. Und spielen vielleicht auch noch um ein paar Mark weniger als deine Band... Rock refugees.

Deine erste Platte nach HÜSKER DÜ war „Intolerance", wieder auf SST. Musikalisch hatte das wenig mit HÜSKER DÜ zu tun.
Das war eine Platte, mit der ich mit mir selbst wieder ins Reine kommen wollte, mir darüber klar zu werden versuchte, was ich musikalisch will. Dass ich weiterhin Musik machen würde, stand immer außer Frage, es war mir nur nicht klar, in was für eine Richtung das gehen sollte. Ich kam mir vor wie ein Waise - wie ein Waise, der seine Eltern selbst umgebracht hatte. Ich war siebzehn, als wir HÜSKER DÜ gründeten. Neun Jahre später hatte ich eine Karriere hinter mir, brauchte aber eine neue. Da stand ich also, war als Drummer einer Band bekannt und auf der Suche nach einer neuen Band. Manche Leute gründen in so einer Situation eine All Star-Band, bei der jedes Mitglied also mal in einer anderen bekannten Band gespielt hat, und bei der sie mindestens doppelt so gut spielen müssen wie vorher, um die hohen Erwartungen zu erfüllen. Als Schlagzeuger hat man es besonders schwer, denn die Leute glauben, die Drums seien für den kreativen Prozess nicht besonders wichtig. Ein weiteres Problem war auch, dass ich als Schlagzeuger in einer neuen Band als bekanntestes Bandmitglied immer im Hintergrund geblieben wäre. Wer sollte den Frontmann machen?

Wie viele Instrumente spielst du denn?
Klavier, Schlagzeug und Gitarre. Mit Instrumenten ist es ähnlich wie mit Sprachen: Wenn du einmal den Dreh raus hast, ist es einfach, sie zu lernen. Ich könnte also auch ein Alt- oder Tenor-Saxophon spielen oder auch Bass, denn ein Bass ist eigentlich auch nur eine große Gitarre. Auf „Intolerance" zum Beispiel habe ich alle Instrumente selbst gespielt. Ein Jahr später habe ich mir die Platte dann noch mal angehört und... „Oh shit!". Ich hatte bei einem Song völlig vergessen, den Basslauf zu spielen. Es sind noch ein paar andere Schnitzer drauf, aber die hat außer mir wohl keiner bemerkt.

Die Platte war ja noch auf SST. Wie ist denn dein Verhältnis zu SST? Von sämtlichen Bands, die da mal eine Platte gemacht haben, hört man ja nur schlechtes über das Label.
Für „Intolerance" habe ich von denen keinen Pfennig Geld gesehen. Ich habe das Album zu einer Zeit aufgenommen, als sie HÜSKER DÜ über 100.000 Dollar schuldeten. Es war eine gute Idee von mir zu ihnen zu sagen, sie sollten das Studio für „Intolerance" bezahlen, und sie taten das auch. Aber ich vergaß, dass, wenn du ein Junkie bist, die Leute, die dir Geld schulden, dich nicht bezahlen, weil sie glauben, du würdest mit dem Geld sowieso nur Drogen kaufen. Nachdem ich also vier Tage im Studio gewesen war und die Grundtracks eingespielt hatte, rief ich bei SST an und meinte, sie sollten mal den Scheck losschicken. Und plötzlich kamen Ausflüchte: „Wir können den Scheck leider noch nicht losschicken, es wird noch etwas dauern, blablabla..." Das führte dazu, dass es eine ganze Weile dauerte, bis „Intolerance" schließlich erscheinen konnte. Ich verfluchte SST. Letztendlich kam die Platte aber doch raus und ich bin froh darüber.

Heutzutage scheint SST nur noch davon zu leben, dass sie ihren Backcatalogue verkaufen.
Dig this: Die haben alle HÜSKER DÜ-Platten in farbigem Vinyl wiederveröffentlicht und haben uns nicht mal gefragt. Sowas verletzt mich. Auch „Intolerance" gibt es jetzt in Colored Vinyl und ich hätte das alles noch hinnehmen können, aber sie haben es nichtmal für nötig gehalten, mir eine Kopie davon zu schicken. Denn wenn jemand aus dem, was ich geschaffen habe, ein „collector's item" macht, dann will ich eine nummerierte Version davon mit der Nummer 0001.

Hast du denn nie daran gedacht, dich einfach mal ins Flugzeug zu setzen und plötzlich in Lawndale, California bei SST vor der Tür zu stehen?
Letztes Jahr im August haben Tony, unser Bassist, und ich genau das getan. Mein Anwalt war zu der Zeit zufällig ebenfalls in L.A. und ich sagte mir: „Hm, ich habe noch ein bisschen Zeit. Mal sehen was passiert, wenn ich da plötzlich persönlich auftauche." Mein Anwalt ruft also bei Greg Ginn an, einst Gitarrist von BLACK FLAG und dann SST-Boss, und erzählt ihm: „Ach übrigens, Grant wird heute wohl mal bei dir vorbeischauen". und Greg antwortet „Nein, wird er nicht. Ich will das nicht." Tja, sowas muss man sich von einem Label anhören, dass zu einem großen Teil davon lebt und gelebt hat, dass es das Geld, das es mit unseren Platten verdiente, nicht an uns ausbezahlt hat, sondern wieder in neue Produktionen steckte. Anfangs war das o.k., wir hatten dem auch zugestimmt, denn so 1983 hatte SST finanzielle Schwierigkeiten und wir wollten sicherstellen, dass unsere Platten nachgepresst werden können. Anstatt unsere Royalties ausbezahlt haben zu wollen, stimmten wir zu, dass sie mit diesem Geld den Laden am Laufen halten. Das klappte dann auch, aber die Schulden, die sie bei uns hatten, waren natürlich auch gewachsen. Und seitdem zahlen sie uns nur die Zinsen auf unsere Schulden, aber nicht das eigentliche Kapital. Was mich an der Reaktion von Greg Ginn wirklich abgestoßen hat, war die Tatsache, dass Greg einst ein guter Freund war und vor allem selbst Musiker ist, also wissen sollte, was er uns oder mir da antut.

Eure „Everything Falls Apart"-LP ist seit langem nur noch als Bootleg erhältlich.
Demnächst wird eine offizielle Neuauflage mit ein paar Bonustracks veröffentlicht werden. Ich habe damals das Cover gestaltet und auch beim Cover der Neuauflage geholfen. All unsere Platten sind für mich wie meine Kinder und da Vinci hätte auch nicht gewollt, dass man seiner Mona Lisa einen Schnauzbart hinmalt.

Wir haben zum Abschluss noch ein paar Songs für das Blind Date... Wir lauschen den Klängen von OVERWHELMING COLORFAST...
Hey, it's him again! Noch ein Song von SUGAR?

Sorry, nein. Das sind OVERWHELMING COLORFAST.
Noch nie gehört. Der Gesang klingt sehr stark nach Bob. Mit diesem angeblichen Nachahmen ist das so eine Sache: Unser neuer Gitarrist wurde von Bobs Gitarrenspiel sehr stark beeinflusst. Soll er deshalb jetzt versuchen, bewusst sein Gitarrenspiel zu verändern? Es ist eben sein Stil, aus, fertig, Schluss. (Im Hintergrund erklingen die MINUTEMEN, die einen MEAT-PUPPETS-Song covern, was Grant auch sofort erkennt.)

Gibt es denn eine Verbindung zwischen D. Boone, Mike Watt und dir?
Ja! Wir hatten eine Show in St. Louis, waren aber schon einen Tag vorher in der Stadt und stellten fest, dass am Abend fIREHOSE in einem anderen Club spielen. Wir fuhren hin und ich traf Mike auf dem Parkplatz vor dem Club. Wir unterhielten uns, hatten viel Spaß zusammen. Während der Show ist Mike dann mindestens viermal zwischen zwei Songs nach vorne ans Mikrofon gekommen und grölte „My uncle, he's an admiral", diese Textzeile aus „Lastdays of Pompeji". Später verkündete er dem Publikum, dass ich auch da sei und bat mich auf die Bühne. Wir spielten dann zusammen eine Rockversion von „Last days of Pompeji". (Die ersten Töne des BIRDS-Klassikers „Eight Miles high", einst auch von HÜSKER DÜ gecovert, erklingen und Grant erkennt den Song nach ca. drei Sekunden.)

Du hast vorhin erzählt, dass HÜSKER DÜ loslegten, als du siebzehn warst. Hast du denn irgendwann mal einen Job gelernt oder studiert oder so?
Das ist ganz witzig: Mein Vater arbeitet als Berufsberater für Studenten, hilft ihnen, den richtigen Job zu finden. Aber keiner von denen hat jemals den Wunsch geäußert, eine Person des kulturellen Lebens zu werden, und sowas ähnliches bin ich ja wohl. Schon sehr früh sagte er, dass meine musikalische Karriere durchaus o.k. sei, ich aber doch noch etwas anderes machen sollte, falls es eines Tages damit nicht mehr hinhaut. Also machte ich eine Lehre als Schriftsetzer, weil ich mir dachte, dass Schriftsetzer immer gebraucht werden. Tja, heute wird das nicht mehr von Hand gemacht, sondern mit dem Computer. Aber im Laufe der langen Zeit, die ich im Musikbusiness zugebracht habe, habe ich so viel gelernt, dass ich heute wohl auch ohne Probleme jemand anderen managen könnte. Das wäre sicher einfacher, als mich selbst zu managen. Dabei stoße ich immer wieder auf den Split von HÜSKER DÜ: Die Leute scheinen darüber einfach nicht hinwegkommen zu können. Sie sehen die neue Band, finden sie auch gut, aber verstehen nie das Warum und Weshalb. Irgendwie schwebt immer dieser Vorwurf im Raum „You know what he did? He broke up HÜSKER DÜ!".

Das ist wohl deine Ursünde. (Es folgt eine kleine Diskussionen darüber, ob es die Juden oder die Römer waren, die Jesus ans Kreuz nagelten. Grant ist der Meinung, es seien die Römer gewesen.)

Bist du religiös?
Not religious, spiritual. Organisierte Religion taugt nichts, schau dir doch an, wie viel Leiden sowas anrichtet. Ein Mensch kann Gott auch auf sich selbst gestellt nahe sein. Den ganzen Kram drumherum braucht doch keiner. Wenn Gott will, dass du eine Waffel isst, dass du dir ne Gabel in den Kopf rammst oder dass du dich einen Tag lang in die Sonne stellst, dann wird er es dir schon sagen. Ich glaube, dass der Mensch an sich gut ist und dass sich alles im Großen und Ganzen zum Guten wendet. Zu vielleicht 51%. Ich meine, wenn die Menschheit sich mit dem ganzen Atomkram hätte in die Luft jagen wollen, dann hätte sie das sicher in den ersten fünf Jahren gemacht, die sie mit diesem Scheißzeug rumgespielt hat.

Diesen Optimismus kann ich nicht so ganz teilen. (Wir lauschen Jetzt den Klängen von WELL WELL WELL, eine Band aus den frühen Tagen des Big Store-Labels. Grant kennt die Band aber erwartungsgemäß nicht.)

Wie seid ihr denn zu Big Store gekommen?
Wir hörten von jemandem, der für uns Management- und Promotionarbeit macht, dass Big Store an uns interessiert sind. Wir hatten zufällig ein Tape herumliegen, dass eigentlich als Demo gedacht war, und schickten es an Big Store. Eines Tages meldete sich nämlich ein Typ von Columbia bei uns und gab uns 1500 Dollar, damit wir zwei Tage ins Studio gehen und Songs für ein Demo aufnehmen.

Columbia? Ein Typ aus Kolumbien? War das Drogengeld oder was?
Hahaha, nee, ein Typ von Columbia Records. Wir haben ihm dann das Demo geschickt, aber er hat sich nie wieder gemeldet. Ich weiß nicht, woran das liegt, aber ich habe auch den Ruf, exzentrisch zu sein, jemand zu sein, mit dem sich nur schwer zusammenarbeiten läßt. Klar, wenn das nicht stimmen würde, dann könnten HÜSKER DÜ heute eine Menge Geld damit verdienen, den gleichen, langweiligen, alten Bullshit durchzuziehen. Und das ist genau das, wonach diese Typen wie der von Columbia eigentlich suchen. Und das ist auch der Grund, weshalb sie sich so darüber freuen, jetzt SUGAR verkaufen zu können.

Kannst du dir vorstellen eine Interview zu geben, in dem HÜSKER DÜ nicht erwähnt werden?
Ich habe schon viele solche Interviews gegeben, gerade hier in Europa. Das hängt sicher damit zusammen, dass wir soweit von den USA entfernt sind. Andererseits waren Bob und ich uns räumlich seit dem Ende von HÜSKER DÜ noch nie so nahe wie jetzt, da wir beide in Europa auf Tour sind. Deshalb bieten sich jetzt auch die meisten Vergleiche an. Ich habe nichts dagegen, denn glücklicherweise sieht es momentan eher so aus, dass wir im direkten Vergleich mit SUGAR besser abschneiden - zwar nicht in kommerzieller Hinsicht, aber da, wo es einen als Künstler trifft.

Was ist momentan deine Lieblingsband?
(nach ca. einminütigem Überlegen) Das ist keine faire Frage. Ich weiß es nicht!

Come on! Nenn' einfach eine kleine unbekannte Band aus Minneapolis und zwei Tage nachdem dieses Heft erschienen ist werden sich zehn Plattenfirmen um die Band reißen.
...die wahrscheinlich nie wieder ein Wort mit mir wechseln würde. Ich kann deine Frage wirklich nicht beantworten. Nie zuvor in meinem Leben habe ich so wenig Musik gehört wie in letzter Zeit. Gelegentlich schnappe ich mal in einem Club einen Song auf, aber das ist auch alles.

Vielen Dank für das Interview.

Schlussbemerkung: Irgendjemand meinte mal zu mir, er sei froh, bisher an HÜSKER DÜ vorbeigekommen zu sein. Solchen Leuten kann ich nur mein zutiefst empfundenes Mitleid aussprechen, denn sie wissen gar nicht, was sie da überhaupt verpasst haben. HÜSKER DÜ sind in jeder Hinsicht Trendsetter gewesen. Ihre ersten Platten erschienen auf SST, einem der wichtigsten Label, nicht nur der kalifornischen Punk-Szene Anfang der 80er, das jede Menge genialer Bands hervorbrachte. Aber wem erzähle ich das?HÜSKER DÜ waren auch eine der ersten wichtigen Indie-Bands, die das Interesse eines Majors auf sich zogen. Nachdem Meisterwerk „Warehouse: Songs & Stories" von '87 ging man getrennte Wege, wobei Grant Hart mit der 12" „2541" von '88 und dem Album „Intolerance", das die Erwartungshaltung der unflexibleren Fans völlig enttäuschte, als erster wieder auf der Bildfläche auftauchte. Wenn man jedoch die Tracks dieses leicht skurrilen, orgellastigen Albums heute als Live-Versionen hört, muss man spätestens jetzt seinen Stellenwert erkennen. Grant Hart versteht es, jedem Song live neue Seiten abzugewinnen, als wenn Platten nur unvollständige Momentaufnahmen eines sich ständig verändernden kreativen Prozesses wären, was ihnen etwas ihrer Vergänglichkeit nimmt.
Thomas Kerpen

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