© by Steve GullickHATHORS kommen aus Winterthur in der Schweiz, nahe bei Zürich. Im Winter 2024/25 erschien ihr fünftes Album „When The Sun Is Out / When Skies Are Grey“, voller fuzzy Noise-Punk-Songs. Und HATHORS veranstalten mit dem Noise Fest ihr eigenes Clubfestival, dessen nächste Auflage vom 29.10. bis 01.11.25 in vier Clubs in Winterthur und Fribourg stattfindet, unter anderem mit DITZ, TAR POND, AUTOBAHNS, SUCK und 24/7 DIVA HEAVEN. Unsere Fragen dazu beantworten Marc Bouffé, Sänger und Gitarrist von HATHORS, der sich beim Noise Fest um Booking und die Organisation mit den Clubs kümmert, sowie Dominique Destraz (Schlagzeug, Backing Vocals), beim Noise Fest für Finanzen und Promo zuständig, und Sarah Zaugg (Bass, Backing Vocals), sie betreut die Website und macht Promo.
Wie kommt man als Band zu einem eigenen Festival?
Marc: Das Festival entstand während der Pandemie, als wir nicht touren konnten. Die erste Ausgabe war als zehnjähriges Jubiläum von HATHORS gedacht, das wir mit befreundeten Bands feiern wollten. Aus ursprünglich einem Tag wurden drei Tage, dann folgte eine zweite Edition mit vier Tagen und nun sind wir bei der dritten Edition, die nun auch in einer Stadt in der Westschweiz stattfindet. Das Noise Fest ermöglicht es uns, in unserer Heimatstadt Bands zu präsentieren, die wir auf Tour kennengelernt haben und mit denen wir eine gute Zeit hatten – oder von denen wir einfach Fans sind. Uns ist auch wichtig, dass wir Newcomer-Bands ins Line-up aufnehmen und dass auf der Bühne alle Geschlechter vertreten sind. Das Festival soll zudem eine Plattform für die Szene sein, um sich zu vernetzen und neue Freundschaften zu schließen.
Ihr kommt aus Winterthur. Wie ist die Szene da, welche Bands, Clubs, Labels etc. gibt es, was gab es früher, worauf baut ihr auf?
Marc: In Winterthur gibt es eine aktive und für eine Kleinstadt mit knapp 120.000 Einwohner:innen verhältnismäßig große Punk/Rock/Metal-Szene. Einige Bands sind auch international unterwegs, wie etwa S.G.A.T.V., THE PEACOCKS, IKAN HYU oder TAR POND. Neben den vier verbundenen offiziellen Clubs Albani, Gaswerk, Kraftfeld und Salzhaus trifft sich die Szene im Widder, in der Gisi und in der Helvti. Die Libero Bar vom FC Winterthur mit der gemütlichsten Fankurve der Schweiz muss hier natürlich auch erwähnt werden. Im Sommer finden in der Altstadt über elf Tage die Musikfestwochen statt, wobei die ersten acht Tage kostenlos sind. Außerdem gibt es die lokale Radiostation Radio Stadtfilter, die der Szene sehr nahe ist und darüber berichtet. Ich habe auch die Flexi Recording Sessions organisiert, bei denen jeweils fünf Bands eingeladen wurden. Sie wurden zu vier neuen Formationen zusammengestellt, um an einem Wochenende am ersten Tag gemeinsam zu proben, am zweiten Tag einen Song zu schreiben und am dritten Tag diesen Titel im Studio aufzunehmen. Das Ganze wurde dann durch die Labels Flexi Disko oder The Yelling Light aus Winterthur auf eine Flexi-Disk gepresst, die bei der Release-Show im Kraftfeld verkauft wurde. Ähnlich wie beim Noise Fest ging es darum, die Szene näher zusammenzubringen und den Zusammenhalt zu fördern. Das Albani gilt als einer der ältesten Musikclubs in der Schweiz, das ist aber auch das einzige Überbleibsel aus früheren Zeiten. Wir können uns glücklich schätzen, dass in den späten 1990er Jahren einige Leute aus Winterthur die Clubs Kraftfeld, Gaswerk und Salzhaus gegründet haben. Als wir in unseren Teenagerjahren nach Winterthur kamen, existierten diese Clubs alle schon. Es gab damals auch schon eine gute Szene mit Bands wie ADMIRAL JAMES T., EAR, SNOTTY CHEEKBONES, HUKEDICHT, ROYAL HANGMEN, THE PEACOCKS, MY NAME IS GEORGE usw. Da Winterthur so nahe bei Zürich liegt, sagte man früher, das Schönste an Winterthur sei der Zug nach Zürich – die Jugend habe sich zu Tode gelangweilt. Aus einer halb leerstehenden Industriestadt ist mittlerweile eine Kulturstadt geworden. Ohne diese Vorarbeit wären ein Festival wie das Noise Fest und eine so aktive Szene, wie sie heute existiert, wahrscheinlich nicht möglich. Andererseits gibt es durch die Gentrifizierung auch immer weniger Freiräume, da inzwischen fast alle leerstehenden Hallen in moderne Wohnungen umgebaut wurden, die ich mir als Musiker nicht leisten kann.
Wie seid ihr beim Booking vorgegangen?
Marc: Das Noise Fest bucht laute Gitarrenbands – das kann ein Punk-Power-Trio sein, aber auch experimenteller instrumentaler Post-Rock, Doom Metal, Grunge, Garage oder Egg Punk ... Neben international etablierten Headlinern wie DITZ aus Brighton oder 24/7 DIVA HEAVEN aus Berlin spielen bei uns auch kleinere Bands, die meiner Meinung nach großes Potenzial haben. Uns ist auch wichtig, die lokale Szene einzubeziehen und talentierten Newcomer-Bands eine Chance zu geben. Dieses Mal sind zum Beispiel VAGUE VISIONS dabei, die gerade erst ihre erste Doppelsingle veröffentlicht haben. Mir ist es außerdem ein persönliches Anliegen, dass viele FLINTA*-Bands dabei sind und dass das Noise Fest ein Safe Space bleibt. Ich wollte ein interessantes Line-up für ein buntes Festival gestalten, das die aktuelle Underground-Szene repräsentiert und auch Menschen mit geringerem Einkommen den Zugang ermöglicht. In den vier Clubs in Winterthur können mit der KulturLegi vergünstigte Tickets bezogen werden. Die KulturLegi steht Menschen mit einem knappen Budget zur Verfügung.
2025 gibt es erstmals einen Ableger in Fribourg am anderen Ende der Schweiz, im legendären Fri-Son. Wie kam es dazu? Fribourg hat als Heimatstadt der Noise-Pioniere THE YOUNG GODS bekanntlich eine weit zurückreichende Noise-Geschichte.
Marc: Wir lieben THE YOUNG GODS und hören sie auch oft in unserem Bus, wenn wir auf Tour sind. Die Anfrage kam von der aktuellen Fri-Son-Bookerin, die wir schon seit Jahren kennen. Wir fanden es eine gute Idee, Bands aus der Westschweiz in der Ostschweiz spielen zu lassen, und umgekehrt. Die Sprachbarriere trennt die beiden Regionen noch immer, daher unterstützen wir solche Vorschläge. Außerdem haben wir eine spezielle Verbindung zur französischsprachigen Schweiz und viele Freund:innen dort, da wir unsere erste Platte auf einem Label aus Lausanne veröffentlicht haben und anfangs hauptsächlich in dieser Region gespielt haben, bevor wir in der Deutschschweiz bekannter wurden. Wir haben auch der Radiostation RTS Couleur 3 viel zu verdanken, die uns in unseren Anfängen unterstützt hat. Wäre mein Französisch nicht so ultra schlecht, würde ich wahrscheinlich gerne in der Region Lausanne leben.
Ihr nennt euer Festival „Noise Fest“. „Noise“ bedeutet zunächst Lärm, aber was für die einen Lärmbelästigung ist, ist für die anderen wundervoll laute Musik. Was ist Lärm für euch – positiv wie negativ?
Marc: Für mich bedeuten laute Gitarrenbands immer noch die Welt, und das hat einen sehr positiven Effekt auf mich. Diese spürbare Energie wirkt befreiend, gerade wenn leidenschaftlich geschrien wird. Natürlich gibt es qualitative Unterschiede, deshalb kann ich das nicht pauschal sagen. Ich musste allerdings auch schon bei einem Konzert einer meiner Lieblingsbands in Novi Sad rauslaufen, weil der in Schnaps getränkte Soundmensch alle Pegel ins Maximum gedrückt hat und permanent mit über 115 Dezibel geballert hat. Lärm ist gut, aber er sollte nicht die Ohren der Fans zerstören.
Domi: In meiner Wahrnehmung gibt es verschiedene Arten von Lärm. Zum einen der Alltagslärm – etwa laute Maschinen auf einer Baustelle, ein Überschallknall eines Flugzeugs oder der ständige Verkehr. Dieser Lärm kann nerven und über längere Zeit auch belastend sein. Daneben gibt es den rhythmischen, musikalischen Lärm: Rock, Metal oder experimentelle Klänge in der neuen Musik. Diese Art von Klang finde ich bereichernd und inspirierend. Die Wahrnehmung von nervigem oder schönem Lärm ist jedoch sehr subjektiv: Wenn ich stundenlang Schlagzeug spiele, mag das für manche wie störender Lärm wirken. Für mich ist es pure Energie und Leidenschaft. Natürlich kann auch diese Art von Lärm überdosiert schädlich sein, deshalb schütze ich meine Ohren konsequent, ich will ja kein Risiko eingehen.
Und wenn man Noise nun als musikalisches Genre ansieht – wie definiert ihr das, welche Bands sind Ikonen?
Marc: Ich hatte neulich eine Diskussion über Noiserock mit einem Kollegen, der sehr strenge Kriterien dafür hatte, was eine Noiserock-Band ausmacht. Ich sehe das nicht ganz so eng. Für mich sind VELVET UNDERGROUND und THE STOOGES wahrscheinlich so wichtig für den Noiserock wie BLACK SABBATH für Metal und Stoner-Rock – sie hatten enormen Einfluss. Eine der größten Ikonen, Steve Albini, ist leider viel zu früh von uns gegangen. Neben seinen eigenen Bands BIG BLACK und SHELLAC hat er so viele großartige Platten für andere Bands produziert. Für mich zählen neben SONIC YOUTH, PIXIES, SWANS, THE JESUS LIZARD und MCLUSKY auch einige Acts aus der Grunge-Ära zum Noiserock, etwa MUDHONEY, NIRVANA, SOUNDGARDEN, MELVINS, K.A.R.P., BIG BUSINESS – oder auch die neue Welle mit METZ, IDLES, DITZ, GILLA BAND, PISSED JEANS ...
Vernetzung und die Existenz einer subkulturellen Infrastruktur sind enorm wichtig für unsere Szene. Wie ist die Situation dahingehend in eurer Region der Schweiz, wo gefühlt die Gentrifizierung noch krasser ist als in Deutschland?
Sarah: Das ist definitiv ein Problem, das wir in Winterthur und auch in Thun, wo ich lebe, spüren. Gerade in Thun gibt es quasi nur noch einen einzigen Club, das Mokka, das Bestand hat und auch immer wieder darum kämpfen muss. Außerdem gibt’s in Thun noch eine kleine, alternative DIY-Location, die ich extrem schätze. Doch auch dort gibt’s Pläne, das ganze Areal plattzumachen, da wird es früher oder später also auch Veränderungen geben und ich hoffe sehr, dass wir wieder neue Orte finden werden. In dieser Region sind aber schon relativ große ehemalige Industriegebiete verloren gegangen, wo früher unzählige Proberäume, Clubs und andere kreative Orte existierten. In Winterthur gibts eben die vier OnThur-Clubs Albani, Gaswerk, Kraftfeld und Salzhaus, in denen auch das Noise Fest stattfindet. Das ist mega toll und auch wichtig, dass sie sich so auch zusammentun und zeigen, dass da doch einiges los ist. Winterthur hat sicher auch geschichtlich eine gut vernetzte und verankerte Szene, und wir versuchen, dazu beizutragen und auch mit dem Festival etwas dafür zu tun, dass die Szene lebendig bleibt und sich vernetzen kann. Auch unser Studio und Proberaum befinden sich in einem Gebäude, das früher oder später wohl „aufgewertet“ wird, wir halten auch schon die Augen offen und hoffen, dass wir wieder was Passendes finden werden. Ohne Vernetzung und viele Menschen, die sich auch für entsprechende Strukturen einsetzen, wär’s noch schwieriger als es eh schon ist. Orte für kreatives Schaffen, die auch einigermaßen bezahlbar sind, sind absolut essentiell für unsere Szene. Dies gilt sowohl für uns als Band und Musikschaffende, als auch für die Menschen, die die Kultur der Live-Gigs schätzen. Das Ganze muss möglichst erschwinglich sein, denn diese Orte sind auch wichtige soziale Treffpunkte.
Was sind eure Pläne für das Festival? Mehr Ableger in der Schweiz, am Ende sogar in Süddeutschland ...?
Domi: Darüber haben wir uns noch keine großen Gedanken gemacht. Bis jetzt ist das Noise Fest bei jeder Ausgabe ein Stück gewachsen, doch damit steigt natürlich auch der Aufwand. Jeder von uns hat einen Job, und HATHORS nimmt ebenfalls viel Zeit in Anspruch. Deshalb können wir nicht unbegrenzt wachsen, ohne Unterstützung von zusätzlichen Helfern. Es wäre fantastisch, wenn das Festival zu einer regelmäßigen Institution wird, vielleicht mit wechselnden Locations neben Winterthur. Zunächst steht jedoch das Noise Fest Vol. III an – danach schauen wir weiter nach vorne.
Sarah: Genau, erst mal die kommende Ausgabe gut über die Bühne bringen! Danach werden wir das Ganze evaluieren und schauen, wie wir weitergehen können und wollen damit. Das Noise Fest findet bislang ja alle zwei Jahre statt. Es könnte relativ gut aufgehen, dass zum nächsten Noise Fest ebenso ein neuer HATHORS-Release ansteht, da wäre es naheliegend, dies gleich zusammenzunehmen. Aber eins nach dem anderen ...
Und was steht für HATHORS auf dem Plan? Euer letztes Album „When The Sun Is Out / When Skies Are Grey“ ist von Ende 2024.
Domi: Im Herbst sind wir auf Tour, gleichzeitig arbeiten wir fleißig an neuem Material für unser kommendes Album: Songs ausarbeiten, Demos aufnehmen und schlussendlich die Pre-Production abschließen. Unser Plan für das nächste Album sieht vor, in einem renommierten Tonstudio im Ausland aufzunehmen. Wir stehen bereits mit mehreren Studios im Austausch und werden bald eine finale Planung machen. Die Details folgen, sobald alles feststeht. Wir sind voller Tatendrang und freuen uns darauf, schon bald den einen oder anderen neuen Song live zu spielen.
Sarah: Ich freue ich mich schon sehr, quasi als neuestes Mitglied nun bei dem ganzen Prozess voll dabei zu sein! Es ist toll mit den beiden und auch schön, endlich in der Band zu spielen, die ich mir schon als 15-Jährige gewünscht habe.
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