HAUNTED

Foto© by Linda Florin

Unverhofft kommt oft

Lange war es ruhig um die schwedischen Melodic-Death-Thrasher. Mit freudiger Erwartung dürften alle Fans der Truppe nun der Veröffentlichung des zehnten Studioalbums „Songs Of The Last Resort“ entgegenblicken. Warum das alles so lange gedauert hat und woher er nach all den Jahren seine Inspiration nimmt, erklärt uns Gitarrist und Gründungsmitglied Patrik Jensen.

Fast acht Jahre war es ziemlich ruhig um euch. Plötzlich gibt’s ein neues Album von euch! Doofe Frage: Was habt ihr eigentlich in der Zwischenzeit so getrieben?

Es ist keine doofe Frage, sie ist absolut berechtigt. Schon allein weil es natürlich das Erste ist, was die Leute jetzt von uns wissen wollen. Und ehrlich gesagt war es auch nicht unser Plan, so eine lange Pause einzulegen. Wir haben immer weiter Musik geschrieben, seit damals „Strength In Numbers“ rausgekommen war. Aber nachdem wir ein paar Jahre vorher diverse Line-up-Wechsel hatten, wurde alles logistisch immer anspruchsvoller. Alle Bandmitglieder wohnen mittlerweile in unterschiedlichen Städten, unser Drummer Adrian sogar in London. Das ist eben einfach mal außerhalb Schwedens, haha.

Okay, aber irgendwie müsst ihr euch ja wieder zusammengerauft haben. Und wo kam das Material her?
Nun, unsere Band war ja niemals eine One-Man-Show. Unser Gitarrist Ola, unser Bassist Jonas und ich sind die Hauptsongwriter. Aber auch die anderen Jungs geben eine Menge Input. Ola schreibt sowieso ständig Songs und Riffs. Er hat ja seinen YouTube-Kanal und präsentiert da regelmäßig Sachen. Für ihn war und ist das alles kein Problem. Für Jonas hingegen schon. Er musste in den vergangenen Jahren bei AT THE GATES einige Alben mehr oder weniger im Alleingang schreiben. Er verspürte verständlicherweise eine gewisse kreative Müdigkeit. Dazu kam auch, dass wir alle gemeinsam immer das Proberaum-Setting sehr wichtig fanden. Natürlich kannst du heutzutage viel mit dem PC machen und Sachen hin- und herschicken. Ich hatte aber immer meine Schwierigkeiten damit. Seit einiger Zeit habe ich ein sehr gutes Plugin am Start, das ich nicht mehr missen möchte. Und das hilft auch. Aber dieses Lächeln im Gesicht der anderen Jungs, wenn du gerade in einem Raum mit echten Instrumenten und Amps sitzt und gemeinsam ein „Problem“ gelöst hast, das fehlt. Da geht es gar nicht mal darum, einen Song fertig zu haben. Sondern einfach darum, gemeinsam musikalische Herausforderungen zu bewältigen, irgendeinen Part zu schreiben, der alle in diesem Moment glücklich macht. Und das hat uns schon immer ausgemacht. Mich machen diese „echten“ Momente einfach immer unglaublich glücklich. Ich meine, das sollte ja auch die Essenz einer Band sein: Dinge gemeinsam im Proberaum zu machen. Aber wir konnten uns eben einfach nicht so oft treffen ...

Dennoch wurde es mit der neuen Scheibe ja irgendwann konkret. Wann?
Nun, im Jahr 2021, als die Pandemie quasi alles lahmgelegt hatte, kam unser Drummer Adrian aus London zu mir nach Schweden. Wir hatten ein Studio für sechs Tage gemietet. Und wir konnten machen, was wir wollten. Kein Zwang, kein Druck. Einfach nur ins Studio gehen und Songs aufnehmen. Noch an dem Abend, als er ankam, ging es Adrian aber plötzlich gar nicht mehr gut. Er lag dann mit Magen-Darm komplett flach. Und hat bei mir zu Hause auf dem Sofa gelegen, während ich alleine im Studio war. Als es ihm besser ging, hatte ich wiederum plötzlich die Seuche. Es war komplett bescheuert. Also ist er alleine ins Studio gefahren und hat mit den Ideen, die ich zuvor aufgenommen hatte, weiter gearbeitet. Während ich nun zu Hause auf der Couch lag. Letztendlich haben wir keine einzige Minute gemeinsam im Studio verbracht. Aber es gab schließlich doch irgendwie elf Demotracks, die auch letztlich die Grundlage für die neue Platte waren. Und irgendwann hat es ja nun doch geklappt, haha.

Ihr habt schon so einiges in den vergangenen Jahrzehnten erlebt und gemacht. Ist es dadurch für euch heute einfacher, ein neues Album zu schreiben?
Viele Leute, auch wir, haben als Teenager oder im Alter von 20 Jahren angefangen, in einer Band zu spielen. Irgendwann haben sie Familien bekommen, haben das Angeln für sich entdeckt oder andere Hobbys gefunden. Aber in unserem Fall ist es so: Wir haben eigentlich nie etwas anderes gemacht außer Musik. Und irgendwann kannst du damit auch nicht mehr aufhören. Als wir jetzt länger kein Album mehr rausgebracht haben, hatte ich tatsächlich das Gefühl, dass permanent die Uhr tickt. Ich meine: Nur wenige Leute haben diese Möglichkeiten. In einer coolen Band zu spielen, einen Plattenvertrag und Unterstützung zu haben. Shows spielen zu können, überall auf der Welt. Es wäre eine absolute Verschwendung, diese Chancen nicht zu nutzen. Das macht es schon „einfacher“, ein Album zu schreiben. Andererseits wird es natürlich jedes Mal umso schwieriger. Weil du dich nicht wiederholen willst. Das ist immer wieder eine neue Herausforderung, aber immer auch eine schöne Herausforderung.

Woher beziehst du nach all diesen Jahren deine Inspiration?
Ich habe schon mein ganzes Leben lang Songs geschrieben. Und natürlich war es in der Vergangenheit mehrfach so, dass wir oft irgendwo nicht weiterkamen. Die Jungs haben mir dann gesagt, dass ich die Gitarre weglegen und mir die Hände waschen soll. Und dann bin ich auf die Toilette, stand da und habe mir warmes Wasser über die Hände laufen lassen. Und dann kamen mir plötzlich wieder neue Ideen. Genauso verhält es sich mit dem Geschirrspülen. Da steht man da und die Hände machen quasi automatisch etwas, das sie schon immer gemacht haben. Da musst du nicht nachdenken. Das sind aber die Momente, wo ich immer mal wieder einen kreativen Geistesblitz habe. Ich denke, das wird immer so weitergehen. Weil ich ja auch den Rest meines Lebens werde Geschirr abspülen müssen, haha.

Was war bislang der schönste Moment, den du mit THE HAUNTED erleben durftest?
Ach, es gab viele besondere und schöne Momente. Das Beeindruckendste für mich ist immer, wenn Menschen mir persönlich sagen, wie viel ihnen unsere Musik bedeutet. Es sind Leute zu mir gekommen und haben mir gesagt, dass sie sich nicht das Leben genommen haben, weil ihnen unsere Musik Kraft gegeben hat. Das ist schon richtig heftig, so etwas zu hören. Aber gleichzeitig ist es wunderschön, Leute auf diese Art und Weise zu erreichen.

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