HEART PUNCHES

Foto© by Cathrin Lindenschmidt

Wrestling und Punkrock

Ox Baker war ein amerikanischer Profi-Wrestler und wurde in den 1980er Jahren vor allem durch seinen Finishing Move berühmt, den sogenannten „Heart Punch“. Wenn nun eine Punkband sich nach dieser Koryphäe benennt, müssen wir genauer nachforschen. Dass das Trio aus Ibbenbüren jetzt noch dazu sein sagenhaft gutes Debüt „Amongst The Dead“ auf Gunner Records vorlegt, darf dabei keineswegs unerwähnt bleiben. Aber lest selbst, was uns Frontmann Anti und Drummer Lammi berichten.

Über euch findet man kaum Infos und euer neues Album hat mich quasi aus dem Nichts erreicht. Wer seid ihr überhaupt?

Anti: Das ist nicht verwunderlich, denn von uns gab es ja bislang auch noch nichts Großes zu berichten. Lammi, Peter und ich kennen uns seit unseren frühsten Punkrock-Tagen im legendären Jugendzentrum Scheune in Ibbenbüren. Dabei haben wir festgestellt, dass wir eine recht große Schnittmenge haben: nämlich Musik, mit viel Herz und ordentlich Wumms. Darauf geht auch der Bandname zurück: Ich bin auf den 1980er-Jahre-Wrestler Ox Baker gestoßen, der seinen Finishing Move „The Heart Punch“ genannt hat. Und das ist als Zitat übrigens auch auf unserer Platte zu hören.

Ähnlich heftig wie ein Finishing Move knallt auch euer neues Album „Amongst The Dead“, das kürzlich bei Gunner Records erschien. Wie kam der Kontakt zustande?
Anti: Danke! Wir hatten unter anderem bei Not Sorry Records angefragt, weil auch Lammis andere Band WASTED YEARS dort veröffentlicht. Leider waren die jedoch für 2024 bereits voll verplant, aber haben die Songs dankenswerterweise an Gunnar geschickt. Tja, und der hat sich kurz darauf bei uns gemeldet – zu unserer riesigen Freude. Gunnar ist nicht nur ein mega guter Typ, sondern hat auch extrem geile Bands am Start. Es fühlt sich für uns echt unwirklich an, mit solchen musikalischen Titanen auf einem Label zu sein.

Beim Hören eures Albums musste ich sofort an Bands der Gainesville-Schule denken. Seid ihr also genau mit dieser Musik sozialisiert worden?
Anti: Jein, denn Lammi und ich kamen ja ursprünglich aus der Oldschool-Straight-Edge-Hardcore-Ecke. Ich habe auch erst viel später die Emo-Bands der 1990er/frühen 2000er gehört wie JIMMY EAT WORLD oder MINERAL. Und Peter kam aus der Pop-Punk-Schiene. Der hing immer mit den besoffenen Punks ab. Meine absolute musikalische Offenbarung waren damals LIFETIME. Wie diese Band die Power des Hardcore mit der harmonisch-melodischen Tiefe des Emo zusammengebracht hat – das hat mich für mein weiteres musikalischen Leben geprägt.
Lammi: Meine musikalische Sozialisation wurde in den 1990ern vor allem durch Bands wie GORILLA BISCUITS, MINOR THREAT oder YOUTH OF TODAY geprägt. Daneben hatte ich aber immer auch eine große Liebe für Melodic Punk. BAD RELIGION sind eigentlich bis heute meine Lieblingsband und von GOOD RIDDANCE über PROPAGANDHI bis BLACK TRAIN JACK hat mich da vieles nachhaltig beeinflusst.

Und wie entstehen eure Songs? Habt ihr hierbei eine Aufgabenteilung?
Anti: Tatsächlich entstanden fast alle Songs des Albums unter Lockdown-Bedingungen. Peter und ich haben uns gegenseitig Demos zugeschickt. Sobald ein Entwurf fertig war, hat Lammi den bekommen und gab uns Feedback. Den Feinschliff haben wir anschließend im Proberaum gemacht. Einige Songs sind dann natürlich auch in der Mülltonne gelandet.
Lammi: Da wir leider sehr weit voneinander entfernt wohnen – ich lebe in Köln, die anderen beiden in Ibbenbüren – und somit nicht häufig zum Proben zusammenkommen, machen wir das auch heute noch teilweise so. Ich orientiere mich immer stark daran, was die Jungs im Kopf hatten, und verfeinere die Songs gegebenenfalls ein wenig. Dabei zahlt sich aus, dass wir alle seit Jugendtagen zusammen Musik machen. Man weiß genau, was der andere macht und wo man Stärken und Schwächen hat. Wenn du dich so lange auch musikalisch kennst, ist das in vielfacher Hinsicht einfach eingespielt und geht schneller.

Thematisch ist das neue Album sehr persönlich und melancholisch ausgefallen. Was inspiriert euch?
Anti: Die Platte hat eine politische und eine persönliche Seite. Meine Inspiration lauert an allen Ecken: Ich lese eine Schlagzeile, höre einen Textfetzen, sehe Werbung, bekomme Gespräche auf der Straße mit – und auf einmal formiert sich in meinem Kopf ein Songtitel, eine Textzeile, manchmal eine ganze Strophe, oft schon mit einer Melodie. Und die tippe, spreche oder singe ich in mein Handy. Wenn ich dann eine Gitarre in die Hand kriege, wird das Ganze ausgebaut. Oft wirkt das am Ende etwas melancholisch oder düster. Das würde ich aber weniger als mein grundlegendes Persönlichkeitsmerkmal bezeichnen, als vielmehr eine Stimmung, in der ich gerne Musik mache.

Richten wir den Blick einmal aus dem Proberaum heraus auf das Thema Booking. Wie erlebt ihr das als „kleine“ Band und macht ihr alles selbst?
Anti: Ja, wir machen alles DIY. Und ich finde das enorm anstrengend. Mein Gefühl ist, dass es für kleine Bands noch so ähnlich läuft wie früher: Person X kennt Person Y, die wiederum in Location Z Shows macht. Aber insgesamt ist es viel anonymer. Es passiert halt schon leider sehr häufig, dass man auch auf mehrmalige Anfragen keine Antwort bekommt.

Das Musikbusiness und vor allem die Live-Branche haben sich leider über die letzten Jahre sehr stark verändert.
Lammi: Ja, definitiv. Heutzutage gibt es da eine ziemlich tiefe Kluft. Es gibt den professionellen Teil der Szene, also die ganzen „großen“ Bands, die permanent auf Tour sind. Das läuft alles nur noch über Agenturen und du kannst dich da teilweise einkaufen etc. Das betrifft auch wiederum viele Läden, weil da eben nur noch solche Bands spielen, die professionell gebucht werden. Danach kommt erst mal lange wenig und dann gibt es die kleinen DIY-Shows. Ich finde es schon extrem schwer, an bestimmte Sachen ranzukommen, wenn du nicht all-in bist, über eine der großen Agenturen vermittelt wirst, persönliche Kontakte hast oder Ärsche küsst. Meiner Meinung nach gab es in den 1990ern und 2000ern schon mehr Möglichkeiten, auch mittelgroße Konzerte zu besetzen.

Das Gleiche gilt ja auch für Plattenverkäufe und Streaming, nicht wahr?
Lammi: So ist es. Auch da gehen 90% des Kuchens an die wenigen Großen und der Rest teilt die Krümel unter sich auf. Heute kannst du froh sein, wenn du als kleine Band überhaupt noch eine 300er-Pressung loswirst. Ich empfinde diese Ungleichverteilung generell schon als sehr unpassend für die Hardcore- und Punk-Szene. Verstehe mich bitte nicht falsch: Wenn Bands hauptberuflich 200 Konzerte im Jahr spielen, ist das natürlich etwas anderes. Aber ich denke da zum Beispiel an den Fall von einem Freund, dessen Band im Vorprogramm von HIGH VIS spielen sollte. Die hätten dafür 400 km fahren müssen und der Veranstalter sagte „Nein, Spritgeld können wir euch nicht zahlen“, während die Tickets 30 Euro kosten. Die machen also eine professionelle Punkshow mit hunderten von zahlenden Gästen, aber dann sind nicht mal vier Tickets für die Vorband über? Come on ... Vielleicht sollten wir in unserer Szene doch mal wieder dazu übergehen, dass wir nicht 90% der Gelder an 10% der Leute verteilen, sondern das ein bisschen solidarischer splitten und auch die Leistung der Kleineren honorieren. Diejenigen, die sich an ihren Wochenenden nach 40 Stunden Arbeit und Kinderbetreuung für viele Stunden ins selbstbezahlte Auto mit selbstbezahlten Instrumenten setzen, um dann für 30 Minuten auf einer Bühne zu stehen.

Dem ist nichts hinzuzufügen. Damit sprecht ihr jeder kleinen Band aus der Seele. Aber schauen wir zum Schluss noch einmal nach vorne: Was steht für 2025 auf der Agenda?
Anti: So einiges! Wir werden natürlich Shows spielen und planen eine kleine Sommertour zusammen mit WASTED YEARS. Ein weiteres Video ist angedacht und wir haben schon einiges an neuen Songs und fangen so langsam an, über unseren nächsten Studioaufenthalt nachzudenken. Aber wir wollen uns nicht zu weit aus dem Fenster lehnen.
Lammi: Falls hier jemand die Platte gehört hat und sich denkt, das wäre doch nett, wenn die hier mal in der Gegend spielen: Nehmt Kontakt zu uns auf! Wir freuen uns über jedes Angebot. Wie gesagt, wir sind keine Profis. An Shows rankommen ist heutzutage nicht leicht.

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