HETE

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Punkrock in Oberschwaben

Mit Natz und Egger von der oberschwäbischen Band HETE kam ich zum ersten Mal bei einem gemeinsamen Auftritt 2019 im IrReal Aulendorf in Kontakt. Damals spielten sie noch unter dem Namen ALTER EGON! flotten NDW-Punk à la HANS-A-PLAST, konnten aber einen düsteren Post-Punk-Einschlag nicht verhehlen. 2024 sah ich sie dann mit der neuen Band in derselben Location und war erstaunt, wie furios, handwerklich aufgelevelt und vor allen Dingen stimmungsvoll das alles live präsentiert wurde. Dieses Jahr erscheint nun endlich die erste Vinylveröffentlichung auf Kink Records und MyRuin. Wie kann man musikalisch nur so integer, abgeklärt und mysteriös klingen, obwohl man im sonstigen Alltag hauptsächlich von Landwirtschaft und Dorfnazis umgeben ist?

Euch scheint es erst seit drei, vier Jahren zu geben, doch mit gespitzten Öhrchen meine ich zwischen den einzelnen HETE-Releases schon einiges an Stilwechseln zu hören.

Egger: Mit HETE haben wir nach ALTER EGON! ganz klassisch als Corona-Band angefangen, weil ansonsten nichts ging und die Langeweile groß war. Unseren ersten Release haben wir schon nach wenigen Monaten rausgebracht, damals noch ganz ungestüm und in etwas anderer Besetzung. Ich denke, mit Live-Auftritten, Ausprobieren, Veränderungen in Besetzung und Können, viel Zeit im Proberaum und im Bandbus haben wir uns dann langsam verändert. Von ’ner schrillen Drag-Band zum düsteren Totengräber-Image, haha.
Natz: Ich wollte schon vor Corona unbedingt eine Girls-Band haben. Da das im oberschwäbischen Idyll aber nicht so einfach ist, meinten Denis und Egger, ebenfalls Mitglieder bei ALTER EGON!, sie könnten ja einfach als Drags mit mir Musik machen. Fand ich ganz passabel. Ich hatte zu dem Zeitpunkt viel BAD NERVES, BASS DRUM OF DEATH und so was im Kopf. Zwei Monate später kamen noch Samu und Nick dazu. Dann wurde ich auf einmal wieder vom Bass ans Mikro abgeschoben und dabei wollte ich doch eigentlich eine neue Rolle in der Band haben. Aber wir hatten viel Spaß. Es brachte natürlich auch jeder eigene Ideen mit. Die Bandproben eskalierten immer etwas. Nick zog relativ bald weg zum Studieren, also lernte ich kurzfristig Gitarrespielen und so stehen wir nun da.

Eure Vorgängerband ALTER EGON! schlug mit dem aufgedreht-zackigen NDW-Punk ziemlich in die Kerbe der späten DERBY DOLLS. HETE scheinen sich nun eher dem düsteren Post-Punk verschrieben zu haben, so wie es bei HYSTERESE der Fall ist – die sind quasi die Nachfolgeband genannter DERBY DOLLS. Wie viel Tübinger Einfluss steckt in eurer Musik?
Egger: Der Vergleich mit HYSTERESE liegt schon nahe und fällt auch nicht zum ersten Mal, allerdings sind die schon eine der genialsten Bands mit mehrstimmigem Gesang in der aktuellen deutschen Punkrock-Landschaft – das Niveau finde ich für uns unerreichbar. Nathalie von der „Plattenschau“ meinte dazu mal, wir hätten den Hardcore-Teil von HYSTERESE durch ’77er-Punk ersetzt. Das trifft zumindest mein Profil schon enorm gut: Glam, Rock’n’Roll, Seidentücher, hochhackige Stiefeletten, viel Schminke und Drama, Androgynie, Nonkonformismus. Es gibt so viele alte und neue Songs, die bis heute dieses Gefühl von Neugierde, Vorfreude, Aufregung und Spannung auslösen, bei denen ich mich wieder fühle wie mit 14 auf dem Weg zur verbotenen ersten Show, mit Seife gestellte Haare, verschmierter Kajal. Das ist das Gefühl, das ich gerne auch reproduzieren möchte, das auch die zehnte Show auf Tour trotz fettem Hangover noch zu einem Highlight für mich macht. Wenn ich meine Einflüsse beschreiben müsste, würde ich bei ALICE COOPER anfangen und bei ZERO ZEROES aufhören.
Natz: Der Vergleich ehrt uns auf jeden Fall, auch wenn ich ihn mir selbst nicht auf die Fahne schreiben würde. Die von dir genannten Bands bestehen aus tollen Menschen und soweit ich das beurteilen kann, wissen die auf jeden Fall, was sie tun. Ich habe absolut keine Ahnung. Was Musik angeht, bin ich ein totaler Stümper. ALTER EGON! war für mich nie als richtige Band gedacht. Ich hatte so meine NDW-Phase, stand total auf IDEAL, HANS-A-PLAST und NICHTS. Es sollte erst nur eine vorübergehende Proberaum-Geschichte sein, hat sich anders entwickelt und wurde schließlich auch musikalisch eher düster. Ich war ehrlicherweise immer etwas unglücklich in der Rolle als Sängerin, ich sehe mich da einfach nicht. Trotzdem habe ich in der Zeit viel gelernt und mich auch individuell weiterentwickelt, so dass ich so negative Gefühle überhaupt erst zulassen konnte, was lange gar nicht möglich war. HETE ist sozusagen mein Herzensprojekt mit Herzensmenschen und auch der Musik, die mir viel bedeutet.

Der Sound klingt schon irgendwie urban, dabei kommt ihr aus dem Mini-Kaff Fleischwangen bei Ravensburg. Kennt man euch auf dem Dorf als „die Punks vom Hof“? Gibt es manchmal komische Blicke?
Natz: Im Gegenteil, Fleischwangen ist sehr wohlwollend. Egger bekommt beim Bäcker immer etwas geschenkt! Aufgrund unglücklicher Umstände, also Eigenbedarf, mussten Samu und Denis Fleischwangen leider verlassen. Aber insgesamt gibt es schlimmere Käffer. Gute Menschen findet man hier genauso wie überall.
Egger: Wir können zum Beispiel auch ab und an Konzerte auf unserem alten Bauernhof veranstalten und hier ungestört proben. Klar gucken die Leute und wundern sich, was das für schräge Menschen sind, manchmal trauen sie sich auch zu fragen. Auf dem Dorffest waren Samu und ich auf jeden Fall die Highlights, die die Menschen mit Vorurteilen gegen Subkultur, links und queere Ausstrahlung konfrontiert haben. Das müssen die aushalten können. Ich hoffe ja auch, dass die Wahrnehmung einen positiven Impact aufs Denken hat. Und letztendlich sind wir ja auch so privilegiert, dass wir uns unseren Wohnort selbst ausgesucht haben. Ich bin hier auf dem Land aufgewachsen, habe nie in den Dorf-Mainstream gepasst und mich trotzdem dafür entschieden, wieder hier zu leben.

Kann man in einem Ort mit dem Namen Fleischwangen wohnen und sich trotzdem für den Tier- und Umweltschutz stark machen?
Natz: Der Name kommt ja eigentlich aus dem Altdeutschen, von Flix, was so viel heißt wie steinig. Steiniger Acker. Keine Ahnung, wie da Fleisch draus wurde. Steine finde ich auf jeden Fall toll. Ich bin schon ziemlich lang Veganerin und versuche, meinen Fußabdruck so wenig schädlich wie möglich zu gestalten. Perfekt geht ja leider nicht. Aber ich bin schon der Typ, der Tränen in den Augen hat, wenn andere Fleisch auf den Grill hauen. Es ist für mich null nachvollziehbar, wie Menschen so krass auf alles scheißen können, einfach nur weil sie ihr eigenes kurzes Glück für so unfassbar wichtig halten. So viele gehen über Leichen, im wahrsten Sinne des Wortes. Das ist auch die Schwierigkeit, wenn man auf dem Land lebt. Ich liebe es beispielsweise, an Kuhweiden vorbeizulaufen, aber ich weiß auch, dass sie entweder aufs Übelste ausgebeutet werden oder in Kürze sterben müssen. Oder beides. Das macht mich sehr traurig. Und wütend. Gleichzeitig ist es nicht so einfach mit den Feindbildern. Die Menschen hinter diesem System sind ja auch nicht einfach nur die brutalen Schlächter, sie sind meist auch liebende, fürsorgende, hilfsbereite Menschen. Aber eben nicht für Tiere. Oder nicht für alle Menschen und ich kann daran nichts ändern. Diese Ohnmacht belastet mich oft. Ich versuche, mich in meine eigene kleine Welt zu flüchten und eine Insel zu schaffen, etwa mit einem naturnahen Garten für Insekten und Artenvielfalt, mit nachhaltigem Konsum, und ich versuche, positive Beispiele zu geben. Andererseits bin ich aufs Auto angewiesen, nicht nur für die Arbeit, sondern auch für das hedonistische Hobby, mit der Band unterwegs zu sein. Ist ja nicht so, dass wir damit die Welt zu einem besseren Ort machen. Oder doch? Es ist auf jeden Fall ein Balanceakt und ich habe keine zufriedenstellende Lösung für meine Sorge rund um unsere Mitmenschen, Mitlebewesen und unsere Natur. Sich nur zurückziehen und in Depressionen verfallen, ist sicher auch nicht das Ziel.
Egger: Klar. Zwar nie in dem Maße, das ausreicht, aber mindestens mit entsprechendem Konsumverhalten. Aktuell beobachten wir hier skeptisch so pseudo-ökologische Bewegungen wie zum Beispiel Bündnisse gegen Windkrafträder und Biosphärengebiete bei uns in der Region. Wenn man sich da die Flyer und Internetauftritte hinter dem Deckmäntelchen Umweltschutz anschaut, erkennt man schnell Parallelen zu esoterisch und national-völkischen Tendenzen – die vielen der Bündnispartner:innen vielleicht auch gar nicht bewusst sind. Hier mal ein Gruß an den Bundesverband deutscher Milchviehhalter: Eure Abkürzung könnte negative historische Konnotationen hervorrufen! Das stößt mir schon sehr auf. Umso mehr freue ich mich dann, wenn die Anti-Windrad-Banner, die oft an Ortsein- und Ausgängen angebracht sind, von Unbekannten ergänzt oder korrigiert wurden.

Und wie ist es so als progressiv denkender Mensch mit FLINTA*-Personen in der Band und dem Aufdruck „Smash Fuckin’ Patriarchy“ auf der Platte in einer Region zu leben, die nicht unbedingt als super woke Hochburg wahrgenommen wird, zumindest von mir?
Natz: Ach, echt? Haha. Ja, hier ist vieles starr. „Traditionsbewusst“. Aber es gibt auch viele Menschen, die sich richtig bemühen. Man kann vielleicht nicht die mega Awareness erwarten, aber ich freue mich auch schon über kleine Dinge. Die Hausärztin, die sich ums Gendern bemüht, die Nachbar:innen, die auch mal vegan probieren und dann ganz begeistert sind, oder die Arbeitskolleg:innen, die sich plötzlich Gedanken um Konsum machen. Es sind vielleicht kleinere Schritte, aber sie sind da. Auch wenn die Schwaben den Ruf haben, eher grumpy zu sein, erlebe ich ganz viele tolle Menschen, die in ihrem Rahmen ihr Bestes geben. Es ist schräg, aber manchmal mag ich Menschen. Vielleicht ist die Szene auch manchmal etwas streng. Ich verstehe ja den Wunsch, etwas besser machen zu wollen und Dinge zum vermeintlich Besseren zu verändern, ich erkenne mich da ja selbst wieder, aber manche Menschen haben eben nicht den Luxus, darüber nachdenken zu können. Weil die Kapazitäten nicht da sind, gewisse Grundvoraussetzungen fehlen oder anderes. Das macht sie vielleicht nicht zu woken, aber eben auch nicht gleich zu schlechten Menschen.
Egger: Die Band ist ja glücklicherweise auch eine großartige Möglichkeit, regelmäßig den ländlichen Strukturen zu entfliehen und in die super woken DIY- oder auch anders organisierten Freiräume in der Punk-Szene einzutauchen. Es ist großartig, was sich da schon seit langem und in den letzten Jahren immer rasanter bereits entwickelt hat in puncto Awareness, Safer Spaces und Gleichberechtigung. Ich erinnere mich noch bestens daran, wie die ganzen Discos und Clubs hier in der Gegend Awareness-Konzepte etabliert haben und viele gar nicht kapierten, was das soll – und in unserem Punk-Mikrokosmos war das schon Standard. Was mir persönlich aber noch fehlt, sind Inklusion und Barrierefreiheit oder die Sichtbarkeit von Krankheit und Teilhabeschwierigkeiten mehr mitzudenken – auch weil das bei uns gerade ein sehr persönliches Thema ist. DIY-Punk-Touren sind ohnehin schon Selbstausbeutung, aber mit gesundheitlichen Einschränkungen ist das wirklich eine Hausnummer. Umso stärker, wenn Leute das durchziehen, sich dabei empowern und empowert werden, durch Menschen, die Barrieren sichtbar machen und abbauen. Da versuchen wir auch selbst als Veranstaltende besser zu werden. Mucho Amore für die Szene an der Stelle!

Welchen Stellenwert hat die Band in eurem Leben? Hobby oder Sprungbrett?
Natz: Die Band ist mir extrem wichtig. Nicht nur weil ich die Menschen so liebe. Aufgrund meiner Erkrankung Endometriose, verbunden mit ständigen Schmerzen und Fatigue, musste ich schon früh vieles aufgeben. Sport, Hobbys, auch meinen Traumjob in der Pflege. Zuletzt blieben auch ALTER EGON! auf der Strecke, weil ich nach den ganzen OPs einfach nicht mehr so singen kann. Die Band ist neben meinem Pony und schon auch meinem Job im Kliniksozialdienst mein letzter Anker. Dafür gehe ich meistens über meine Grenzen. Ich bin Egger, Samu und Denis unglaublich dankbar, dass sie mir das trotz all der Schwierigkeiten weiter ermöglichen.
Denis: Die Band ist auf jeden Fall mein allerliebstes Hobby. Mit Lieblingsmenschen herumhängen, spannende neue Tresen kennenlernen und unterwegs sein sind die perfekte Abwechslung zum Bürojob.
Egger: Ganz klar all in, haha. Wir warten nur noch auf die Chartplatzierung und dann geht’s los. Spaß beiseite, ich genieße die Auszeit vom Daily Business, die Zeit unterwegs mit guten Freund:Innen und vor allem auch das Kennenlernen von neuen Städten aus der Perspektive von Menschen, die dort leben. Auch wenn wir oft nur runtergerockte Keller in irgendwelchen Citys sehen, ist das ein spannender und authentischer Einblick.

Erzählt mal was über eure neue Platte, euren ersten Vinyl-Release. Wie lief das ab und wie einfach oder schwierig ist es, neben emotional fordernden Dayjobs sich noch um DIY-Veröffentlichungen zu kümmern?
Egger: Haha, ja geil, wir können das mit der Platte selbst noch nicht so richtig begreifen, das ist ziemlich cool gelaufen. Nach den letzten DIY-Releases kam 2024 die Idee auf, die neuen und ein paar alte Songs noch mal aufzunehmen und nach dem schwarzen Gold zu streben. Parallel zum Aufnehmen haben wir uns überlegt, welche Labels wir cool finden, und haben so vier, fünf Mails geschrieben, ob die uns vielleicht auch cool finden und ’ne Vinylplatte mit uns machen wollen. Und tatsächlich kam von Ralf von Kink Records und Rosi von MyRuin direkt eine positive Rückmeldung. Dann hat es sich wegen Krankheit, Terminstress, mittleren Nervenzusammenbrüchen und so ewig gezogen, bis wir fertig waren mit den Aufnahmen, die wir bei uns auf dem Bauernhof gemacht haben. Mega fettes Danke hier vor allem an die zwei tollen Labelmenschen, die den ganzen Kram ja auch in ihrer Freizeit stemmen und uns direkt so viel positives Feedback und Vertrauen entgegengebracht haben. Insgesamt ist das also wieder eine wahnsinnige Portion DIY und positiver Stress.
Natz: Das war tatsächlich herausfordernd und hat ewig gedauert. Die ersten Aufnahmen haben wir panikmäßig noch kurz vor einer OP reingeschoben.

Jetzt ist die Platte da! Wie geht’s weiter? Geht ihr bald auf Tour?
Egger: Wir wollen in der nächsten Zeit auch so viele Shows wie möglich spielen, ganz klar. Im Oktober und November gibt es hoffentlich Release-Shows in unserer Heimat und bei unseren Labels. Über Einladungen freuen wir uns auch immer riesig. Mein Traum wäre noch, in der nächsten Zeit auf dem Balkan zu touren und ein paar Konzerte in Skandinavien zu spielen.
Denis: Shows spielen, neue Songs basteln und vor allem viel Spaß dabei haben. Eine Tour ist noch nicht fix, Balkan wäre aber der Hit!

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