HIPHOP & Sprühen 1

Foto

Sprühen ist wie ein Rausch

Graffiti begegnen uns überall: In oder an den öffentlichen Verkehrsmitteln, an Wänden, Toiletten, Unterführungen. Und wenn ich jetzt hier von Graffiti rede, meine ich zunächst nicht das schnell hingemalte „Nazis Raus!" an der Bushaltestelle, sondern das was im allgemeinen als „American Graffiti" oder „New York Graffiti" bezeichnet wird: Bunte, große Bilder, genannt „Pieces", und (fast noch häufiger) verschlungene Unterschriften, genannt „Tags", welche für den, der sich nicht damit beschäftigt, kaum zu entziffern sind.

Seit Jahren wächst hier in Deutschland eine Kultur, die zwar allgegenwärtig ist, aber doch relativ schwer einsehbar bleibt. Viele freuen sich über einen bunt und sauber bemalten Zug, manche denken sogar die Bahn zahlt etwas für die Verschönerung ihrer Wagons. Dass Jugendliche dafür Kopf und Kragen riskieren, Diebstahl, Hausfriedensbruch, schwere Sachbeschädigung und sonstige Delikte begehen, ist schwer vorstellbar, aber Tatsache. Die Dosen werden in der Regel geklaut und die Bullen und Wachen der Bahnen sind scharf. SOKOs wurden gegründet, um den Graffiti-Untergrund zu durchleuchten und auszuheben - mit bisher eher mäßigem Erfolg. Hinter den Pieces und Tags steckt aber mehr als nur die pure Lust am Malen oder allgemeines Chaotentum, wie einem Volksweisheiten wie etwa: „Narrenhände beschmieren Tisch und Wände" Glauben machen wollen. Graffiti ist eine vielschichtige Szene. Die, die sich in ihr bewegen lassen sich schichtspezifisch schwer über einen Kamm scheren. Oft wird Graffiti als ein fester Zweig der Hi-Hop-Szene eingestuft, was mit Sicherheit auch für einen großen Teil zutrifft. Auch diese Szene hat ihr Netzwerk. Es gibt Fanzines, auch Videozines, und Hip-Hop-Jams fungieren als überregionale Treffpunkte. Die Motivation zum Sprühen liegt wohl in erster Linie darin begründet, was die Graffiti-Sprüher (="Writer") „getting fame" nennen, also bekannt zu werden, Respekt zu bekommen, auf sich aufmerksam machen, fernab der dafür vorgeschriebenen Wege. Dieser Fame beschränkt sich naturgemäß allein auf die Szene, denn der Außenstehende weiß nicht, wer sich hinter den Phantasienamen verbirgt, falls er sie überhaupt entziffern kann oder will. Ein weiterer wichtiger Teilaspekt ist auch der Reiz des Illegalen, der Nervenkitzel, der Reiz, Zäune zu überwinden, nachts aktiv zu sein, sich jagen zu lassen, eine Aktion zu planen und im Morgengrauen ein Foto des frischen Werkes zu machen, oft das einzig Dauerhafte eines Graffiti. Graffiti ist Reaktion auf die Gesellschaft, ihre Architektur und Lebensformen. Ähnlich dem Skateboardfahrer, spielt der Writer mit seiner Umgebung, zweckentfremdet sie nach eigenem Gutdünken und vereinnahmt sie für seine eigenen Zwecke. Es geht darum seinen Namen zu lesen, möglichst bunt, groß oder oft, an den wildesten Stellen, wo es jeder sieht, wo sonst keiner hinkommt, oder als rollendes Kunstwerk auf einem Zug, welcher das Werk ins halbe Land hinausträgt, wenn man Glück hat. Es gab schon Graffiti auf Bullenwagen, auf U-Booten oder an Neubauten, bevor sie überhaupt fertig waren. Auf jeden Fall zeigt Graffiti, dass es noch Jugendliche gibt, die ihre eigene Vorstellung von Kunst, Ästhetik und Eigentum jenseits der allgegenwärtigen Massen-"Kultur" entwickeln. Das gibt Hoffnung für die Zukunft und die Gegenwart.

Anzeige