© by Rene Percei LangFür sie ist das mehr als nur ein Gedankenspiel. Auf „Hell Is Home, Home Is Good“ graben die Österreicher tief in Schmerz, Wut und der flüchtigen Freude – und zeigen, wie diese Urgefühle unser Zuhause prägen können. Im Interview mit der Band wird klar: Wer echte Gefühle sucht, muss manchmal durch die Flammen gehen. Doch selbst in der Hölle kann Hoffnung glühen.
Euer neues Album vermittelt eine Mischung aus Schmerz, Wut und trotzdem auch Freude. Wie habt ihr es geschafft, dieses Spannungsfeld auf ein Album zu bannen? Wie geht ihr beim Songwriting vor, um diese drei großen Gefühle einzufangen?
Wir starten meist ganz klassisch, am besten mit einer guten Tasse Kaffee. Vieles entsteht aus dem Alltag heraus, aus dem, was auf uns einwirkt. Unser Grundsatz beim Schreiben ist: Wir machen die Musik, die wir selbst gerne hören und spielen würden. Musik, in der wir uns wiederfinden. Bei uns stehen zuerst die Instrumente. Danach schreiben wir die Texte. Aber die Musik gibt die Richtung und Atmosphäre vor. Oft bekommen wir schon durch den Songtitel eine Inspiration, die den Text beeinflusst. Aus der Energie der Stücke entsteht dann der inhaltliche Teil. Es geht uns darum, die ganze emotionale Bandbreite einzufangen: Wut, Ängste – aber auch eine positive Energie, die den Weg hinaus zeigt. Es geht nicht nur darum, die Dunkelheit zu beschreiben, sondern auch darum, Wege zu finden, wieder daraus aufzutauchen. Diese Dynamik spiegelt sich auch in Songs wie „Pray for me“ oder „Clear eyes, open hearts“ wider. Die Titel deuten schon an, dass es darum geht, sich nicht im Dunklen zu verlieren, sondern neue Kraft zu schöpfen.
Lasst uns mal über das Albumcover sprechen: ein brennendes Haus. Wie seid ihr auf diese Idee gekommen?
Ich glaube, das sollte man nicht nur im übertragenen Sinne sehen, dass wir privat eine „Hölle zu Hause“ haben – das ist nicht der Fall. Aber für viele andere Menschen ist das Zuhause eben genau das. Das brennende Haus steht für viele Dinge auf verschiedenen metaphorischen Ebenen: die weltpolitische Lage, persönliche Krisen oder Missbrauch, wie wir ihn auch schon auf unserem vorherigen Album „Ghost“ thematisiert haben.
Für mich steht ein brennendes Haus auch oft für einen Neuanfang. Findet ihr euch in dieser Interpretation wieder?
Absolut. Genau das haben wir auch im Refrain von „Hell is home, home is good“ verarbeitet. Es geht darum, dass das Zuhause vieles sein kann – nicht nur deine Wohnung, sondern dein gesamtes Umfeld. In den Lyrics geht es darum, dass wir in unseren Tränen ertrinken können, aber auch darum, sich herauszuziehen und frei zu werden. Wir thematisieren oft innere Verzweiflung, Ängste und Sorgen, zeigen aber immer auch einen Hoffnungsschimmer. Selbst im Dunkelsten gibt es ein kleines Licht, auf das man zugehen kann. Es geht nicht darum, jemanden aktiv zu motivieren – Komm, du schaffst das! –, wir wollen eher sagen: Reflektiere dich, überleg, was du ändern kannst, damit dein Leben besser wird.
Was gibt euch persönlich Kraft, sowohl auf der Bühne als auch im Alltag abseits vom Rampenlicht?
Für uns alle sind das Musik, Partner, natürlich auch Kinder bei denjenigen, die welche haben, sowie Freunde beziehungsweise die selbstgewählte Familie. Das sind Dinge, die uns Kraft geben.
Ich habe das Gefühl, die Welt wird nicht gerechter oder selbstloser. Stattdessen leben wir immer mehr in einer Selbstdarstellungs- und Ellenbogengesellschaft. Gerade auf Social Media merkt man oft, nicht jeder gönnt dem anderen den Erfolg. Social Media: Fluch oder Segen für euch als Musiker?
Beides zugleich. Auf der einen Seite hast du massive Vorteile, auf der anderen Seite erzeugt es viel Druck. Früher hattest du Printmedien, heute musst du überall gleichzeitig präsent sein – auf Instagram, TikTok und Co. Wenn du nicht permanent Content lieferst, verschwindest du von der Bildfläche. Das kostet viel Zeit, Geld und Nerven. Es ist aber gar nicht unser großes Ziel, via Social Media ständig präsent zu sein. Dieser Stress, immer aktiv sein zu müssen, ist für uns nicht erstrebenswert. Früher als Kind wussten wir gar nicht, was Stress ist. Heute haben selbst Achtjährige schon Stress, weil sie Angst haben, etwas zu verpassen. Das ist bedenklich.
Müsste unsere Gesellschaft vielleicht mal entschleunigen?
Ja, wir bewegen uns nicht mehr bewusst, wir kullern nur noch in diesem Hamsterrad herum. Seit Corona hat sich das alles noch mal massiv beschleunigt. Man rennt Zielen hinterher, die man kaum noch erreichen kann. Das betrifft viele Berufsgruppen, nicht nur Musiker.
Habt ihr das Gefühl, dass sich etwas ändern wird?
Das wäre eine gute Songidee. Aber ja, irgendwann wird es einen Umbruch geben. Vielleicht wird der Mensch dann wieder lernen, Mensch zu sein. Man sieht ja jetzt schon, dass Plattformen wie Facebook an Bedeutung verlieren. Irgendwann wird dieses Tempo nicht mehr aufrechtzuerhalten sein.
© by Fuze - Ausgabe #112 Juni/Juli 2025 und Mia Lada-Klein
© by Fuze - Ausgabe #112 Juni/Juli 2025 und Mia Lada-Klein