IEDEREEN

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Auf eigene Faust

2024 Jahr haben IEDEREEN mit ihrem Debütalbum für Aufsehen gesorgt. Krachiger Sound zwischen Post-Punk, Garage und Alternative Rock. Mit deutschen Texten über Konsumsucht, Leistungsgesellschaft, Chauvinismus oder Tempolimits. Jetzt haben Gitarrist Tom Sinke und Schlagzeuger Ron Huefnagels ihr zweites Album fertig und das heißt „Neue Mitte“. Produziert wurde es vom deutschen Indie-Papst Olaf Opal. Veröffentlicht nicht wie der Vorgänger bei dem ostwestfälischen Label Glitterhouse Records, sondern in Eigenregie. Strictly DIY. Was die beiden Wahl-Kölner dazu bewegt hat, ohne Hilfe eines Labels aktiv zu werden, erzählten uns Ron und Tom im Interview.

Angefangen hat alles in Emmerich, einem kleinen Ort an der deutsch-niederländischen Grenze. Seit wann kennt ihr euch?

Ron: Wir kennen uns schon seit unserer Geburt. Unsere Eltern waren schon miteinander befreundet, bevor wir auf der Welt waren. Das war ein größerer Freundeskreis und die haben alle um die gleiche Zeit Kinder bekommen. Tom ist einen Monat älter als ich. Es gab eine kurze Phase in der Grundschule, in der wir uns kurz aus den Augen verloren haben, da haben wir in verschiedenen Stadtteilen gewohnt und uns nur zu bestimmten Anlässen gesehen. Als wir auf die weiterführende Schule gegangen sind, wurde der Kontakt aber wieder enger. Seitdem machen wir alles zusammen.

Irgendwann seid ihr nach Köln gezogen und habt die Band gegründet.
Ron: Genau, das war 2018. Wir hatten vorher schon mal im Proberaum gejammt. Dann gab es einen Auftritt und danach ist zweieinhalb Jahre lang nichts mehr passiert. In der Pandemie haben wir unseren Plan intensiviert und kamen erst dann als richtige Band raus.

War es von Anfang an geplant, ein Duo zu bleiben?
Ron: Das war aus der Not geboren. Wir haben es lange mit verschiedenen Musikern ausprobiert und hatten phasenweise zehn oder elf Leute im Proberaum. Aber daraus hat sich nie ein konkretes Projekt entwickelt. Dann wollten wir schon den Proberaum kündigen und waren ein allerletztes Mal zu zweit drin. Da haben wir gemerkt, dass es zu zweit Bock macht, und sind dabeigeblieben. Da haben wir akzeptiert, dass es mit vielen Musikern nicht geklappt hat. Warum auch immer. Zu zweit können wir unsere Interessen besser unter einen Hut bringen.

Die Band heißt IEDEREEN, das heißt auf Niederländisch „alle“. In welchem Zusammenhang habt ihr vorher das Wort verwendet?
Ron: Das hat damit zu tun, dass wir aus Emmerich kommen. Wir hatten damals Niederländisch im Schulunterricht. In dem Alter macht man sich über alles Mögliche lustig, auch über den Klang des Wortes „Iedereen“. Weil die Holländer das immer so besonders betonen, es kommt fast in jedem Satz vor. Jemand fragt: Wer kommt heute mit in die Kneipe? Und alle grölen: Iedereen. Das haben wir immer auf Niederländisch in die Länge gezogen. Das wurde irgendwann zum geflügelten Wort in unserer Clique und 2018 stand ein Gig in unserer Heimatstadt an. Dafür brauchten wir einen Bandnamen und die Wahl fiel eben auf IEDEREEN. Das war anfangs nur ein Insider für unsere Kumpels und den sind wir nicht mehr losgeworden, haha.

Euer Debütalbum ist gerade mal eineinhalb Jahre alt. Warum ging das so schnell mit Album zwei?
Tom: Wir hatten Bock und gute Ideen. Außerdem wollten auch unsere anderen Partner, dass wir was Neues machen. Im März hatten wir aber noch keine Songs, obwohl wir im Oktober ins Studio wollten. Wir haben letztes Jahr jede Menge Shows gespielt und waren voll motiviert, ein neues Album zu machen. Außerdem hatten wir uns für eine Förderung durch die Initiative Musik beworben und die auch bekommen. Die ist nämlich auf einem bestimmten Zeitraum festgelegt. Das war also alles sehr sportlich, hat aber letztendlich gut funktioniert.
Ron: Wir haben letztes Jahr etwa 70 Konzerte gespielt, wir konnten die Songs vom ersten Album schon nicht mehr hören. Wir brauchten unbedingt neue Sachen, der Impuls fürs zweite Album kam also nicht nur von der Plattenfirma.

Euer erstes Album ist bei Glitterhouse rausgekommen. Warum bringt ihr das zweite selbst raus?
Tom: Wir hatten schon beim Debütalbum sehr viele Freiheiten vom Label. Das heißt, wir haben uns um viele Dinge selbst gekümmert. Da haben wir uns gedacht, dass wir das auch ganz ohne Glitterhouse können. Wir hatten einfach Bock, das auszuprobieren. Man investiert als Band viel Zeit in so ein Album, aber es bleibt finanziell wenig hängen. Je nach Plattendeal bleibt sogar noch weniger übrig. Wir hatten einfach keine Lust mehr, unsere private Kohle in die Band reinzubuttern. Die hatten Bock, weiter mit uns zu arbeiten, aber wir haben eben den Drang verspürt herauszufinden, was es bedeutet, wenn man alles komplett selbst macht. Auf allen Streaming-Kanälen und natürlich auch physisch. Das haben wir dem Label so geschildert und die fanden das natürlich schade. Aber am Ende des Gesprächs waren alle happy. Es gab also weder Streit noch Unverständnis. Die haben uns eher noch ermutigt, deshalb wird die Platte auch über den Mailorder von Glitterhouse verkauft. Es war schön, dass wir uns einigen konnten, ohne alle Brücken abzubrechen.

Das Album heißt „Neue Mitte“. Was ist damit gemeint?
Ron: Das bezieht sich auf den Konsumtempel gleichen Namens in Oberhausen, in dem man Zuflucht und Entspannung sucht, in dieser abgefahrenen Welt. Du gehst rein und alles ist perfekt. Es gibt keinen Stress und keine Probleme, wenn man drin ist. Alles ist bunt und warm. Überall gibt es tolle Angebote, Gerüche und visuelle Reize. Das ist super für die eigene Aufmerksamkeitsspanne. Ein Ort, der dafür gemacht ist, zu sich zu finden und sich zu erholen. Aber eigentlich ist das nur eine riesengroße Fassade. Und sogar eine Falle. Auf dem Album geht es um Kapitalismus- und Konsumkritik, weil wir selbst immer wieder in die gleichen Fallen tappen.
Tom: Beim Schreiben des Albums war neben der „Neuen Mitte“ in Oberhausen als architektonischer Ort und Konsumtempel der Täuschung auch die ständige Suche nach der eigenen Mitte ein großes Thema. Allerdings haben wir offengelassen, ob das gelingt und wie das gelingt. Wir sind früher als Teenager in die „Neue Mitte“ nach Oberhausen gepilgert, um die weite Welt zu sehen und was zu erleben. Damals haben wir uns vom dem ganzen Glitzer und Konsum blenden lassen. Deshalb ist das in unseren Augen ein schönes Bild für die Welt, in der wir leben.

Euer Sound klingt im Vergleich zu anderen prominenten Duos sehr punkig. Viele haben als Basis Blues oder Stoner, ihr nicht. Wie kommt das?
Tom: Ich habe tatsächlich eine Blues-Vergangenheit. Das habe ich so oft gespielt, dass ich einfach keinen Bock mehr darauf habe. Deshalb haben wir die Musik noch simpler gestrickt. Das liegt auch an den Einflüssen, die uns über die Jahre geprägt haben. Vor dem ersten Album fanden wir zum Beispiel britische Post-Punks wie IDLES und FONTAINES D.C. richtig geil. Das war beim zweiten Album nicht mehr so intensiv.
Ron: Wir sind auch nicht die Typen dafür. Wir sind keine ausgefuchsten Riff-Rocker, die alle Leute zum Headbangen bringen. Wir haben schon früher viel Punk gehört und waren zum Beispiel bei GREEN DAY voll am Start. Das Plastic Bomb lag damals auch bei uns zu Hause rum. Damals sind wir gerne zu Ska-Shows bei uns im Jugend-Café gegangen. Das ist aber auch irgendwann wieder verschwunden. Dann gab es diese deutsche Indie-Welle, die haben wir voll mitgenommen. Da waren einige Bands dabei, die wir geil fanden. INTERNATIONAL MUSIC zum Beispiel. Die haben uns inspiriert, deutsche Texte zu schreiben.
Tom: Die haben uns außerdem dazu inspiriert, mit unserem neuen Produzenten Olaf Opal zu arbeiten. Es war eine krasse Ehre für uns, dass der auf einmal auf der Matte stand. Vor ein paar Jahren haben wir noch INTERNATIONAL MUSIC angebetet, deren Alben er auch produziert hat. Olaf hatte großen Anteil am Sound des zweiten Albums.

Olaf hat über euch gesagt: „Ich habe noch nie zwei Typen getroffen, die so wenig Gutes an sich selbst lassen.“ Wie meint er das? Seid ihr so penibel?
Ron: Nein, wir haben große Selbstzweifel, das hat nichts mit Perfektionismus zu tun. Wir sind einfach mit einer dysfunktionalen Psyche ausgestattet, die uns immer wieder einen Strich durch die Rechnung macht. Unsere Köpfe realisieren nicht, dass wir auch mal auf irgendwas stolz sein können. Stattdessen reden wir alles wieder schlecht. Das ist tatsächlich die Wahrheit hinter diesem Zitat. Irgendwie ist alles immer nie gut genug, das hat Olaf auch mitbekommen. Wir haben uns deshalb voll in seine Hände begeben. Das hat gutgetan. Dass da Leute sind, die einen mittragen, denen man vertrauen kann, die einem Sorgen abnehmen.
Tom: Wir haben entschieden, dass wir die Vocals in der Tonregie einsingen. Dass alle mit Kopfhörer neben dem Mischpult sitzen, damit man bei den Rücksprachen einfach einen direkten Draht hat. Ich musste also direkt neben Olaf Opal singen. Ein Mann, der schon alles und jeden gesehen und gehört hat. Da war ich maximal aufgeregt. Der hat mich aber gut abgeholt. Da gab es viel Lob oder manchmal auch eben nicht, wenn er etwas anderes gesucht hat in dem Moment. Der hat uns perfekt angeleitet und das hat mir große Selbstsicherheit gegeben. Das habe ich selten so gespürt. Das hat sich im Laufe der Tage immer weiter gesteigert, bis wir am Ende voll hinter dem Ergebnis standen. Seine Art hat uns getragen.

Dann war Olaf Opal für euch nicht nur Produzent, sondern auch Coach?
Ron: Auf jeden Fall. Wären wir uns selbst überlassen gewesen, hätten wir niemals den Kopf so freibekommen, um verschiedene Wege auszuprobieren. Das hätten wir wahrscheinlich alles zerfleddert und wären blockiert gewesen.
Tom: Olaf ist einfach ein guter Typ, mit dem wir gerne einen Raum geteilt haben. Das war auf menschlicher Ebene eine Bereicherung. Ähnlich war das auch mit Kurt Ebelhäuser bei unserem ersten Album. Der hatte eine andere Arbeitsweise und einen anderen Sound. Da wussten wir noch gar nichts und waren zum ersten Mal in einem Studio. Das war damals auch eine sehr coole Erfahrung. Nur eben mit einem anderen Soundkonzept, das wollten wir nicht wiederholen. Das war der Grund, warum Olaf jetzt dran war.

Was ist euer Plan mit IEDEREEN? Könnt ihr von den Einnahmen der Band leben?
Ron: Es gibt Licht und Schatten. Wir haben beide Teilzeitjobs, die vorher auch mal Vollzeitjobs waren. Dann kam irgendwann die Band ins Spiel. Die kam ganz schleichend in unser Leben. Erst als Hobby und dann nahm das immer mehr Raum und Zeit ein im Leben. Deshalb wird es immer wieder schwierig, alles unter einen Hut zu bekommen. Wir können auf keinen Fall von unserer Musik leben. Dafür verkaufen wir einfach viel zu wenige Platten und Shirts. Das ist für Bands in unserer Größe schwer. Ich denke, es ist inzwischen utopisch zu glauben, dass wir irgendwann davon leben können. Unser Ziel ist es, nicht daran zugrunde zu gehen und den Spaß daran nicht zu verlieren. Wenn das funktioniert, haben wir schon viel gewonnen. Letztes Jahr ging ziemlich viel Zeit für die Band drauf, das waren geile Erfahrungen, wir haben aber auch einige Federn gelassen. Natürlich ist alles mit der leisen Hoffnung verknüpft, dass aus der Band vielleicht doch mehr werden könnte. Dazu würden wir nie nein sagen, aber das um jeden Preis zu erreichen, ist nicht unser Ziel. Das war es noch nie und ist es jetzt noch viel weniger.
Tom: Der straffe Zeitplan in diesem Jahr war schon sehr herausfordernd. Vor allem hatten wir mit dem ersten Album eine gewisse Erwartungshaltung geschaffen, die vorher nicht da war. Das hat auch sehr an unseren Nerven gezerrt. Gleichzeitig beobachtet man auf Instagram, dass alle Bands strugglen. In der Subkultur ist es in meinen Augen gerade schwer, sich über Wasser zu halten. Wir hoffen natürlich, dass es irgendwann wieder besser wird. Aber daraus leitet sich kein konkretes Ziel ab. Unser Plan ist es, dieses Jahr erst mal mit dem Album über die Ziellinie zu kommen und dann ein bisschen zu entspannen. Ich habe aber heute schon wieder darüber nachgedacht, dass ich wieder Bock hätte, irgendwohin zu fahren und neue Musik zu schreiben. Dann machen wir den ganzen Kram wieder von vorne. Das ist aber auch geil.
Ron: Das neue Album ist auch klanglich vielseitiger geworden als unser Debüt. Wir wollen uns einfach von den Erwartungen freischwimmen und den Spaß beibehalten. Das kann man schon als langfristiges Ziel definieren. Konzerte spielen gibt uns außerdem alles. Das macht so viel Bock. In letzter Zeit haben wir so viel Schreibtischarbeit gemacht. Dann hatten wir zwischendrin einen Festival-Auftritt und sind danach wie auf einem Trip nach Hause gekommen. Weil es einfach so geil war. Da haben wir noch ein paar Tage lang davon gezehrt. Das kickt viel mehr als eine Vorbestellung im Online-Shop. Dieses Gefühl wollen wir uns bewahren.

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