IEDEREEN

Foto© by Jakob Seiler

Wie schafft man es, Haltung zu zeigen und trotzdem Spaß zu haben?

IEDEREEN tun genau das mit ihrem zweiten Album „Neue Mitte“. Ron Huefnagels und Tom Sinke lassen sich von Streamingzahlen, Algorithmen oder dem Weltchaos nicht den Spaß verderben. Im Interview erzählen sie, wie sie Songs mit Energie, Humor und Scheißegal-Attitüde schreiben und trotzdem ernsthafte Themen nicht unter den Teppich kehren.

Ihr bringt euer zweites Album „Neue Mitte“ heraus. Beim Hören klingt es nach Befreiung und einer gewissen Scheißegal-Einstellung. Wie viel Haltung und wie viel echte Loslösung steckt darin?

Ron: Spannende Frage gleich zu Beginn! Es gibt immer zwei Perspektiven, die interne und die externe. Wir sind oft überrascht, wenn Leute sagen, das Album klinge so, wie du sagst. Von innen betrachtet war es alles andere als leichtfertig. Wir haben viel hinterfragt, diskutiert, zerdacht. Dass es am Ende nach Leichtigkeit klingt, freut mich, weil es zeigt, dass diese Arbeit etwas gelöst hat.
Tom: Musikalisch war das Album ein Befreiungsschlag für uns. Wir haben mit anderen Produzenten gearbeitet, uns mehr getraut und Dinge umgesetzt, die lange in uns schlummerten. Der Prozess war spontaner, weniger verkopft als beim ersten Album, sehr erfrischend. Aber die Befreiung betrifft auch unsere Erwartungen: Wie kommt das an? Wie misst man Erfolg in Klicks, Streams, Reichweite? Ganz frei sind wir davon noch nicht, aber das Album war ein wichtiger Schritt in diese Richtung.

Eure Songs handeln von Konsum, Überdruss und Verzweiflung, aber mit einem Augenzwinkern. Ist diese Mischung aus Ernst und Ironie eure Art, mit den Schrecken der Welt umzugehen?
Ron: Auf jeden Fall. Wir versuchen, schwierigen Themen mit einer gewissen Leichtigkeit zu begegnen, ohne sie zu verharmlosen oder zu bagatellisieren. Ironie ist ein tolles Stilmittel, aber wenn man sie über alles legt, wird sie schnell hohl. Uns geht es darum, Tiefe zuzulassen, ohne in Schwermut zu verfallen. Dieses Album zeigt mehr von unserer inneren Gefühlswelt, bleibt aber spielerisch und strahlt trotzdem Optimismus aus.

Wenn ihr auf die Welt schaut, als Musiker, aber auch als Menschen, macht ihr euch Gedanken über die Zukunft, abseits der Musik?
Ron: Sehr sogar. Privat beschäftigt uns das stark. Natürlich denke ich nicht jeden Tag konkret an Krieg, aber die allgemeine Unsicherheit ist spürbar. Man fragt sich, welche Entscheidungen noch richtig sind und was passiert, wenn Geld oder Altersvorsorge irgendwann nichts mehr wert sind. Diese Gedanken schwingen ständig unter der Oberfläche mit und beeinflussen den Alltag. Die Unsicherheit muss man aushalten, ohne sich lähmen zu lassen. Es ist ein täglicher Balanceakt, ein Kampf im Kopf.
Tom: Wir sind in einer Lebensphase, in der viele grundlegende Fragen auftauchen: Studium vorbei, berufliche Orientierung, Zukunftsplanung. Das kann schon ohne Krisen erdrückend sein. Kommen dann globale Un-sicher­heiten dazu, wird die Last größer. Vielleicht erklärt das auch, warum das Album klingt, wie es klingt: Es ist der Versuch, all das zu verarbeiten, ohne daran zu zerbrechen.

Das Musikbusiness verändert sich rasant. Ihr habt selbst gesagt, Streamingzahlen, Algorithmen, Social
Media spielen eine Rolle. Kann man als Musiker noch ganz frei und kreativ arbeiten, ohne davon abhängig zu sein?

Tom: Ehrlich gesagt: nein. Zumindest nicht komplett. Ich wünsche mir, dass es so wäre, dass man sich davon freimachen und einfach zur Essenz zurückkehren kann. Aber je mehr Informationen, Zahlen und Erwartungen auf einen einprasseln, desto schwieriger wird es. Man möchte alles abschütteln, aber das gelingt selten.
Ron: Es ist ein Wechselbad. Wir machen mittlerweile fast alles selbst, vom Label über die Promotion bis zu den Releases. Dabei schaut man automatisch auf Zahlen, vergleicht Songs und fragt sich, warum ein Track weniger Klicks bekommt. Es ist, als würde man ständig in eine Glaskugel blicken und versuchen, dem Algorithmus zu gefallen. Im Studio war das anders. Dort haben wir uns bewusst gelöst. Songwriting und Produktion wurden zu Momenten des Eintauchens. Wir wollten einfach machen, ohne überzuanalysieren. Kreativität funktioniert nur im Moment, und genau das haben wir festgehalten.

Um etwas hellere Stimmung ins Gespräch zu bringen: Wenn ihr euer Album mit einem Getränk vergleichen müsstet, einige Songs gehen ja in diese Richtung, welches wäre es? Klosterfrau Melissengeist, Wodka Energy oder Filterkaffee am Morgen?
Tom: Ich muss tatsächlich immer, ich weiß gar nicht genau warum, an Coca-Cola denken. Vielleicht liegt es am Rot, das wir für das Artwork gewählt haben. Ich hatte jedenfalls schon öfter das Bild einer Glasflasche im Kopf, aus der schmeckt sie einfach am besten, auch wenn sich da die Geister scheiden. Aber Melissengeist finde ich eigentlich auch passend.
Ron: Ich wäre auch bei Melissengeist. Wenn ich zwischen den dreien wählen müsste, dann das. Er hat so eine beruhigende Wirkung, aber mit einem leicht bitteren Beigeschmack.

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