© by Daniel PeterTeil 16 unserer kleinen Reihe über Enthusiast:innen, die sich ohne Bezahlung für andere Menschen engagieren, führt uns nach Würzburg. Genauer gesagt in den Bauch der Posthalle direkt neben dem Hauptbahnhof. Dort befindet sich das Immerhin, ein ganz wunderbarer kleiner Club, in dem Konzerte, DJ-Abende, Motto-Partys oder andere schöne Veranstaltungen stattfinden. Von der Szene für die Szene. Organisiert von einem ehrenamtlichen Team von Leuten, die ihre Freizeit dafür opfern, anderen schöne Abende zu bereiten. Das Immerhin feiert dieses Jahr sein 40-jähriges Jubiläum, deshalb war es höchste Zeit, sich mal mit den Machern zu unterhalten. Stellvertretend fürs Team beantworten Peter „Whole Lotta Pete“ Ott und Daniel „Dope“ Peter unsere Fragen.
Bitte erzählt uns, wie, wo, wann und warum es zur Gründung eurer Organisation kam.
Peter: Ich weiß von der Gründung wenig. Aber es war unfassbar anders, als es heute wirkt. Sehr christlich, mit Betonung auf Tee. Glaubt einem kein Mensch mehr, schließlich sind wir sind hier der Punk-, Metal- und Freakbunker Nummer 1. In den frühen 1980ern gab es in Würzburg kaum noch Jugendzentren, die waren angesichts neuer Discos und Kneipen out. Der letzte übriggebliebene, nicht mal städtische Jugendtreff war ab 1985 das Immerhin, das aus der „Ökumenischen Teestubengemeinde“ hervorging. In der Ahnenreihe vorher, in den 1970er Jahren, sahen junge Leute einen persönlichen Auftrag in der Teestube. Daraus ging auch ein ehrenamtlicher Sozialdienst e.V. hervor. Man hat einen Treff für die Jugend geboten und zum Beispiel Jugendliche mit Drogenproblemen beraten. Als von Schließung mangels Zuspruchs die Rede war, griffen die Stammgäste ein. Die haben in Zusammenarbeit mit den Verantwortlichen das Ruder übernommen, dann eine Betriebsform mit dem Jugendkulturtreff Immerhin gefunden und das Ganze selbstverwaltet weitergehen lassen. Mitbekommen haben wir aus dem jetzigen Immerhin davon fast nichts, aber Ehemalige erzählten einiges.
Wer waren damals die Ideengeber:innen und „Köpfe“, wer ist es heute?
Peter: 1985 wollte man neu und ungezwungener durchstarten, mit Live-Bands, aber weiter mit Idealen wie Non-Profit. Tee war gelinde gesagt out. Als Reminiszenz haben wir witzigerweise immer noch Tee, aber den bestellen fast nur Leute, die später singen müssen, sowie die Kranken und Siechen. Ich kenne ein paar der früheren Köpfe, sie waren an Musik, Selbermachen und offener Jugendarbeit interessiert. Später wurden sie Winzer, Lehrkräfte oder Schuldirektoren. Die Ideenmotoren heute sind von Mitte 20 bis über 70, wurden wegen ihrer Hingabe zu Musik außerhalb des Mainstreams zu totalen Vögeln und möchten sich privat mit DIY-Aktivitäten verwirklichen. Und sich dafür Zeit nehmen und scheiße viel dafür tun. Sozialer Stand spielt hier keine Rolle. Alle bringen ihre Superkräfte umsonst ein, da helfen natürlich Soundtechnik und Videoschnitt, Handwerkeln, Kochen, DJs, IT-Wissen, Connections zu Bands ... Viele sind aus dem beruflichen Bereichen Soziale Arbeit oder Pflege, einige aus den Ecken Industrie, Fotografie, Angestellte, Grafik, Videospiele, Eventmanagement und natürlich Rente. Wir sind ein Mehrgenerationenteam und -treff, es ist üblich, dass welche über 60 und 70 hier mitmachen. Ich selbst bin im Hauptberuf Sozialpädagoge, privat hier so was wie Außenminister und etwas Innenminister des Immerhin, gelegentlich DJ.
Was ist die Geschichte zu eurem Namen?
Peter: Wir haben den von 1985 einfach behalten, weil der staubige Wortwitz nicht tot zu kriegen war. Slogans und Hashtags dazu haben mich beschäftigt. Dazu gehört „Immer Immerhin“ und „Don’t Kill The Immerhin“. Letzterer stammt von unserem Graffiti-Tattoo-Max und soll verdeutlichen, dass Würzburg nichts mehr taugt, wenn das Immerhin mal wegkommt. „Immer Immerhin“ kam so: Für Bilderrahmen im Laden fiel mir das bekannte Foto der RAMONES mit dem Schild „Gabba Gabba Hey“ ins Auge. Blitzidee „Immer Immerhin“. Daraus haben wir später eine lebensgroße RAMONES-Wand zum Kopfdurchstecken und Fotografieren gebaut.
Welche Ziele habt ihr euch gesetzt?
Peter: Wir wollen auf jeden Fall die ehrenamtliche Weltherrschaft, können uns aber nicht einigen und geben uns damit zufrieden, dass wir absolut frei sind im Gestalten von liebevollem Blödsinn. Wir wollen eine Subkultur-Fahne in den Globus rammen, da wo Würzburg ist. Wir möchten einen günstigen Treff betreiben, zu dem alle kommen können, in dem alles DIY ist, wo aber eine richtig gute kleine Bühne zu kleinen, feinen Konzerten einlädt. Wir möchten Kultur, auch die vermeintlich kleine, nicht dem kommerziellen Voting überlassen, bei dem am Schluss immer populärer, gequirlter Mist rauskommt. Wir wollen nicht größer werden und irgendwas zusammenraffen. Außerdem vertreten wir Werte, die nur ein ehrenamtlicher Laden so hochhalten kann. Kein Bullshit, und wenn doch, dann wenigstens Bullshit, hinter dem wir stehen. Nicht austauschbar sein. Nie Kohle und Erfolg in den Vordergrund stellen. Die Künstler:innen gut behandeln, wenn auch mit einfachen Mitteln. Und wenn es passt, ihnen noch eine Stadtführung geben. Nie das machen, was alle machen. Vorbild sein für andere, dass auch alles mit wenig Geld und ohne Lohn Spaß machen kann und was bringt. Dass man sich anständig behandelt und keine Abgründe wie Faschismus oder alle Arten von Menschenfeindlichkeit unterstützt.
Daniel: Gerade angesichts des Rechtsrucks bei uns und in vielen anderen Ländern wird es immer wichtiger, dass es Schutzräume gibt. Für Leute, die dem nicht folgen, die sich bestenfalls dagegenstellen. Räume, in denen ein anderes Selbstverständnis herrscht. In denen Subkultur gefeiert und Menschlichkeit gelebt wird. In denen man durchatmen kann und eine gute Zeit hat. Neue Leute trifft, die vielleicht auch einen anderen Blick auf die Welt haben.
Welche wichtigen Aktionen und Erfolge gab es in der jüngeren Vergangenheit?
Peter: Wichtig ist, dass dieser Laden seit Jahrzehnten das ganze Jahr über offen hat, tonnenweise Events in die Stadt bringt und dabei cool und seltsam bleibt. Ich denke, weil es nicht um Geld geht. THE SHRINE aus L.A., DIRTY FENCES aus New York, DEATH VALLEY aus Amsterdam konnte man hier sehen. DRAB MAJESTY aus L.A. sind direkt nach dem Immerhin auf Tour mit SMASHING PUMPKINS gefahren. DEADLORD haben eine B-Seite namens „Live At The Immerhin, Wuerzburg“ veröffentlicht. 2023 hatten wir unter anderem THE GREAT MACHINE aus Tel Aviv auf unserer Palettenbühne beim Umsonst & Draußen Festival, die wirklich nur aus ein paar Paletten besteht. Kann sein, dass die DROPKICK MURPHYS reinschneien und bei uns ein Video drehen. Viele Menschen waren sehr glücklich, später bekannte Bands in einem kleinen 100-Personen-Club zu sehen. Was mir aber auch wichtig ist: Wir haben kürzlich eine richtig geile Spendenaktion für eine Familienberatungsstelle gemacht, weil es einem aus unserem Kreis erbärmlich schlecht ging. Da gab es Tattoos im Laden, Stände, zig Live-Bands, Kaffee und Kuchen und eine Menge Zeug mehr. Und alle haben alles gespendet. Da kamen einige Tausend Euro zusammen und wir waren richtig stolz. Anlässlich unseres 40-Jährigen haben wir im März ein eigenes Pils von unserem Haus-Craft-Brauer Pax Bräu – der ja auch das Ox Pale Ale gemacht hat – brauen lassen. In Literflaschen. Und es „Pils, Pils, Pils My Darling“ genannt, mit extra gezeichnetem Etikett, extra Shirts und einem sensationellen Zapf-Release Abend.
Charly: Zu meinem Spezialgebiet Avantgarde Jazz kann ich sagen, dass hauptsächlich die Eastcoast-Szene um New York das Immerhin kennt, einige besuchen uns gerne für einen intimen Gig, während sie sonst auf renommierten Avant/Jazz-Festivals spielen. Beispiele wären John Zorn, Peter Brötzmann, Mary Halvorson, mit der französischen Avant/Jazz/Rock-Szene sind wir ebenfalls gut vernetzt, da gibt es oft eine Nachmittagsshow auf der Heimfahrt. Der japanische Saxophonist Kazutoki Umezu hat mit der KAZUTOKI UMEZU KIKI BAND eine obergeile Punkjazzcombo am Start! Auch der Drummer Weasel Walter mit seinen THE FLYING LUTTENBACHERS und sehr viele mehr waren bei uns und sind mit uns verbunden.
Daniel: In meinen Augen ist der größte Erfolg unseres Ladens, dass wir es immer wieder geschafft haben, auch junge Menschen für die Szene zu begeistern, für die Szenen, besser gesagt. Das Fantastische am Immerhin ist ja, dass unsere Leute in den unterschiedlichsten Subkulturen aktiv sind und dort die musikalischen Perlen ausgraben. Also den wirklich heißen Scheiß. Und auch mal große Namen an Land ziehen. Das gibt eine wunderbare Mischung. Eine Secret Show mit DIE TOTEN HOSEN und paar Tage später Hardcore-Punkrock aus Seoul. Die wunderbaren BABOON SHOW waren dreimal bei uns. Ich habe denen immer meine Bude überlassen. Und sogar die auf dem Rider aufgeführte Unterwäsche besorgt. Ich weiß bis heute nicht, ob das ein Gag war. Letztes Jahr haben PRIVATE FUNCTION den Laden in Trümmer gelegt. Die BRIEFS kommen regelmäßig, aber auch die kleinen Punkrock-Kapellen aus dem Spessart. Wichtig war uns immer, möglichst viele Frauen auf die Bühne zu bringen. Weil sie einfach die besseren Punkrocker:innen sind. Das geben die Männer nur ungerne zu, haha.
Wie viele ehrenamtliche und hauptberufliche Mitarbeitende habt ihr?
Peter: Aktuell 34 Leute im festen Team, alle komplett ehrenamtlich, und noch mal etwa 15 Leute im Support, auch ehrenamtlich, die helfen mit ohne Schüssel und Stimmrecht. Eine Person von der evangelischen Jugend ist unser Kontaktmensch mit fünf Stunden pro Woche für das Immerhin. Die gehen für Abrechnung, Sitzungen, Koordination und Abwicklung von Dienstleistungen oder Bestellungen drauf.
Wie viele Mitglieder beziehungsweise Unterstützer:innen habt ihr? Beschreibt doch mal die „typischen“ Unterstützer:innen.
Peter: Dafür haben wir einen Förderverein gegründet, und ich zähle die meisten unserer sonstigen Stammgäste auch dazu. Typisch ist an denen gar nichts. Es sind Leute aus gut bezahlten Berufen wie auch solche ohne Arbeit, junge und alte. Generell leider noch nicht so viele unter 25, das wollen wir ausbauen. Was alle vereint, ist die Lust auf Nachtleben abseits der ausgetrampelten Pfade und Leidenschaft für Musik aus vielen Nischen. Und vermutlich, dass sie mit jeder Form von Etepetete nichts anfangen können.
Was könnt ihr leisten, das eine staatliche oder konfessionelle Organisation nicht könnte?
Peter: Kommerzielle oder staatliche Orte müssen entweder finanziell erfolgreich sein oder Fachgremien folgen. Streng genommen sind wir ja eine teilweise konfessionelle Organisation, auch wenn niemand bei uns religiös ist. Wir können mit diesem Träger super Dinge umsetzen. Die quatschen uns nicht rein und es ist ein rares Beispiel dafür, wie man die ursprüngliche Wohlfahrtsarbeit/Soziale Arbeit beleben kann. Das Immerhin dürfte einer der geilsten offenen Jugendkulturtreffs ever sein. Non-Profit geht nur, weil wir keine Löhne zahlen müssen. Das Ehrenamt ist unsere Ur-Superkraft. Sie ermöglicht uns, dass nichts erfolgreich sein muss, alles so abgefahren sein kann, wie wir wollen, und wir uns inhaltlich um keine Konventionen scheren müssen. Ich will ein DJ-Set nur mit Live-Versionen oder nur mit 20-Minuten-Songs auflegen? Mach ich. Ich will eine Band veranstalten, die auf singenden Sägen spielt? Niemand wird es mir verbieten.
Welche konkrete Arbeit leistet eure Organisation?
Peter: Konkret sind wir als offener Jugendkulturtreff und Live-Club die kleinste Bühne Würzburgs, ehrenamtlich organisiert im Keller der Posthalle, mit Treibstoff aus Herzblut und Rock’n’Roll. Jährlich stemmen wir gut 120 Öffnungstage mit vielleicht 160 internationalen Bands aus Punkrock, Metal, Hardcore, Rock’n’Roll, Stoner, Artrock, Jazz, Songwriting und mehr außerhalb des Mainstreams. Zudem steigen hier besondere DJ- und Mottoabende. Wir arbeiten dabei zusammen mit der evangelischen Jugend, den anderen Jugendkulturstätten hier, der Stadt Würzburg und zahlreichen Booking-Agenturen.
Wofür verwendet ihr das Geld, das euch gespendet wird? Und habt ihr so was wie ein Spendensiegel oder wie wird gewährleistet, dass mit den Spenden satzungsgemäß umgegangen wird?
Peter: Spenden verwenden wir, wie alle Einnahmen, zum Betrieb des Ladens und für die Wartung, wir beschäftigen auch eine Reinigungsfirma und Security. Die Gelder des Fördervereins werden satzungsgemäß von diesem verwaltet und dienen meist zur Finanzierung von Sonderausgaben wie Merchandise.
Wie kann man euch unterstützen? Nur mit einer Spende oder auch mit aktiver Mitarbeit?
Peter: Die beste Unterstützung ist, zu uns als Gast zu kommen. Wir verstehen unser Publikum als Teil der Idee. Willkommener Support ist auch jedes Teilen unserer Events online und Rumlaufen mit unserem Merch. Wer möchte, kann uns mit kleinen Jahresbeiträgen oder beliebigen Spenden über den Förderverein unterstützen, das geht leicht über die Seite foerdervereinimmerhin.wordpress.com. Eine sehr wichtige Form der Unterstützung kann uns aber leider derzeit noch niemand bieten. Wir brauchen eine neue Bleibe, wenn die Posthallen mal abgerissen werden. Wer da was richtig Realistisches weiß, muss sich bitte unbedingt melden.
Habt ihr prominente Fürsprecher:innen aus dem Musik- und Kulturbereich? Wer ist das, und warum passen die zu euch?
Peter: Prominente Fürsprache halten gerne Hunderte von Bands, die bei uns eine gute Zeit hatten. Die Stadt Würzburg hält auch was von uns und wir von ihr, wir bekommen viel Zuspruch und Unterstützung. Die ehemalige Bürgermeisterin Marion Schäfer-Blake ist die Schirmherrin unseres Fördervereins. Warum die Bands zu uns passen, ist klar. Warum die kommunale Politik? Weil Menschen das Immerhin als wichtige kulturelle Bereicherung der Stadt Würzburg sehen und ehrenamtliches Engagement gefeiert wird. Wir haben gestern erst die Live-Musik-Prämie der Stadt Würzburg 2025 entgegennehmen dürfen und sind sehr glücklich darüber.
Daniel: Vor ein paar Jahren stand mal eine Schließung des Ladens im Raum. Da haben wir verschiedene Bands angeschrieben, ob sie uns Videos schicken, in denen sie sich für den Laden aussprechen. Da kamen die allerwärmsten Worte. Cecilia von BABOON SHOW war dabei, Jack von GRADE 2, Alex von WONK UNIT, Archie von der TERRORGRUPPE hat uns was gesungen, Jacho hat einen Comic gemalt, Steve Nix von den BRIEFS hat ein Ständchen geträllert. Jahna von DEATH BY HORSE hat sich vor laufender Kamera „Immerhin“ aufs Bein tätowieren lassen. Da ist uns echt das Herz aufgegangen.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #182 Oktober/November 2025 und Wolfram Hanke