© by Ben TrivettEs war mir schon lange ein Anliegen, mit dieser genreübergreifenden Northern-Soul-Band aus Santa Cruz, Kalifornien, ein Interview zu führen. Sie bringt Punks, Skins und einfach nur Musikbegeisterte zusammen, damit sie gemeinsam eine gute Zeit haben. Mit „Bring Back The Weekend“ gelang der Band 2023 auf dem neuen Label Pirates Press so etwas wie ein Comeback. Im Frühjahr war die Band drei Wochen auf Europatournee, um ihre brandneue EP „I Give You My Soul“ zu promoten. Da sie am 30. April praktisch vor meiner Haustür in der Reduit in Mainz-Kastel beim „Ab in den Mai“-Festival spielten, hatte ich zwischen Bühnen-Aufbau und Vorbereitungen, dem Aufstellen der Verkaufsstände und dem Soundcheck der Band Gelegenheit, mit dem Gründungsmitglied und Trompeter Richard „Rick“ Kendrick zu sprechen.
Rick, lass uns mal in die Vergangenheit zurückblicken. Zwischen 1995 und 2003 habt ihr regelmäßig Alben veröffentlicht. Dann dauerte es fast zehn Jahre, bis „Soul Clap“ erschien. Was ist damals passiert?
Die Urbesetzung der INCITERS war irgendwann müde. Wir verstanden uns alle immer noch sehr gut und waren befreundet, aber letztlich sah es im Jahr 2005 so aus, als wäre es das mit der Band gewesen. Ein paar Jahre später wollte ein Freund aus Hamburg unbedingt eine Tour mit uns organisieren. Ich hatte da so meine Zweifel und teilte ihm mit, dass einige weggezogen seien, andere hätten mittlerweile Familien gegründet und kleine Kinder, wieder andere hätten feste Jobs, von denen sie nicht einfach so frei bekommen könnten. Am Ende konnte ich nur auf vier Leute der Urbesetzung zählen. Ich musste also ein paar weitere Leute finden, die die Lücken füllten. Ich war mir nicht sicher, ob wir in dieser Besetzung den INCITERS-Sound hinbekommen würden. Also luden wir unseren Freund ein, uns bei der Probe zuzuhören. Wenn er der Meinung war, dass es dem INCITERS-Sound entsprach, gut, falls nicht, müssten wir uns umbenennen. Er sagte jedoch, dass alles wie die alten INCITERS klinge, also kamen wir 2009 mit ein paar Leuten aus der alten Besetzung nach Europa. Diese meinten danach jedoch, dass das nicht noch einmal so einfach zu stemmen sei, so dass wir noch mal neue Leute suchten. Weil es uns allen immer noch so viel Spaß machte, dachten wir: Warum damit aufhören? Mittlerweile schreiben wir das Jahr 2025 und wir haben immer noch viel Freude daran.
Ihr seid meist mindestens zu zehnt, wie bekommt man so viele Menschen in einer Band unter einen Hut?
Wir sind alle sehr gut befreundet, und diese Freundschaft geht weit über unsere Bandaktivitäten hinaus. Wir treffen uns nicht nur, um gemeinsam zu musizieren. Freundschaft ist die Magie, die uns zusammenhält – nur so kann es funktionieren.
Euer Album „Bring Back The Weekend“ von 2023 hattet ihr dem 2021 verstorbenen R&B-Sänger und Songwriter Nolan Porter gewidmet, von dem ihr auch das Stück „If I could only be sure“ aus dem Jahr 1972 covert.
Vor ein paar Jahren wurden wir gefragt, ob wir Nolan Porter nicht bei ein paar Songs begleiten könnten. Wir trafen uns, um mit ihm die Stücke zu proben, spielten die Show zusammen und blieben mit ihm in Kontakt. Dann fragte ich ihn, ob er nicht bei einer unserer Shows dabei sein möchte, auch wenn ich ihm nicht mehr als ein Hotelzimmer bezahlen konnte. Doch dann kam die Nachricht von seiner Frau – übrigens die Schwester von Frank Zappa –, dass Nolan ins Krankenhaus musste und den Auftritt nicht wahrnehmen könne. Eigentlich war auch geplant, dass er mit uns einen Song für das Album aufnehmen würde.
Gerade ist eure brandneue EP „I Give You My Soul“ erschienen. Auch diese Veröffentlichung ist wieder jemandem gewidmet, der kürzlich verstarb.
Diese Platte ist Dan Boer gewidmet, der für jedes Album die Keyboards im Studio für uns einspielte. Live hat Dan nur ein- oder zweimal mit uns gespielt. Er hat gefühlt bei jeder kalifornischen Band mitgewirkt, Jimmy Cliff, Roddy Radiation oder Roy Ellis auf dem Keyboard begleitet – um nur einige wenige zu nennen. Und plötzlich war Dan nicht mehr da. Das kam völlig unerwartet. Der Titel „Dark“ auf der EP ist all den Menschen gewidmet, die mit einer solchen Situation zurechtkommen müssen. Eigentlich begleitet uns sonst immer ein Rhythmusgitarrist auf Tour, der dieses Mal allerdings nicht dabei sein konnte. Stattdessen sprang Dans bester Freund ein, mit dem er gemeinsam auch mit Jimmy Cliff und vielen anderen Musik gemacht hat. Als ich ihm das Cover der EP mit Dan und seinem Van zeigte und ihm von unserer Idee erzählte, die Platte Dan zu widmen, konnte er nicht Nein sagen und uns auf dieser Tour begleiten.
Gibt es so etwas wie eine Bühnen- und eine Studiobesetzung?
Grundsätzlich versuchen wir, das zu vermeiden. Keyboards sind beispielsweise nur bei einigen ausgewählten Stücken zu hören. Wir achten darauf, dass wir sowohl im Studio als auch auf der Bühne mit derselben Instrumentierung arbeiten. Ich könnte mir durchaus auch mal Streicher oder eine Mundharmonika vorstellen. Der Rest der Band ist jedoch der Meinung, dass wir das auch live umsetzen können sollten.
Das Album, die EP, zwei Singles – all das erschien in einem relativ kurzen Zeitraum. Woher kommt diese Energie?
Wir wollen nicht wieder fünf Jahre verstreichen lassen, bis wir etwas Neues veröffentlichen. Wir versuchen, aktiv zu bleiben. Mit Pirates Press haben wir ein Punkrock-Label gefunden, das unseren derzeitigen Elan zu nutzen weiß.
THE INCITERS sind auf ihre Art und Weise szene- und genreübergreifend, wenngleich ihr mit Punk, Oi! oder Reggae an sich nichts zu tun habt. Auf der EP ist das Stück „I’m alright“ von CUSTOM FIT, der alten Band der Sängerin Sabina. Ihr habt es von einer Streetpunk-Hymne zu einem INCITERS-Northern-Soul-Song umgestaltet. Wie erklärt ihr euch eure Akzeptanz in den unterschiedlichen Szenen?
Sabina ist übrigens meine Frau, und auch unser Schlagzeuger hat bei CUSTOM FIT gespielt. Es gab eine Zeit, in der wir wirklich nicht wussten, wen wir mit unserer Musik ansprechen und wer unsere Zielgruppe beziehungsweise unser Publikum ist. Wir waren lange auf der Suche. Das Label Pirates Press wäre wahrscheinlich nicht auf uns zugekommen, wenn wir nicht mindestens so viele Punks und Skins wie Soul-People ansprechen würden. Aber die INCITERS sind so etwas wie „Punkrock of Soul“, wie uns einmal jemand passend beschrieben hat. Die AGGROLITES bezeichnen ihren Sound als Dirty Reggae. Andere bezeichnen ihre Musik als Street Ska. Ich kann mit der Bezeichnung Boot’n’Soul ganz gut leben. Wir haben ja auch einen Song so betitelt. Wir haben in der Vergangenheit auch Reggae gespielt, aber nie ein Stück aufgenommen.
Was macht ihr neben der Band, um euch diesen Lebensstil leisten zu können?
Wir haben alle noch andere Jobs. Wenn wir nach Hause kommen, müssen wir am Tag darauf alle zur Arbeit. Wir nehmen unsere 20 Urlaubstage, die uns zustehen, und nehmen noch ein paar Tage unbezahlten Urlaub, um ein- oder zweimal im Jahr für ein paar Wochen am Stück auf Tour gehen zu können. Wir sind schließlich eine Working-Class-Band.
Zwar handeln eure Songs in erster Linie vom Feiern des Lebens und der Liebe, aber leider passieren in der Welt auch andere Dinge. Deshalb die Frage: Wie lebt es sich derzeit in den USA unter der zweiten Amtszeit von Donald Trump und wie beeinflussen seine Entscheidungen euer Leben?
Wir dürfen uns glücklich schätzen, in Kalifornien zu leben. Kalifornien ist so was von gegen Trump. Im Vergleich zum restlichen Amerika leben wir wahrscheinlich in einer Blase. Ich denke, den Rest Amerikas trifft es weit schlimmer als uns. Der kalifornische Gouverneur Gavin Newsom hasst Trump und Trump hasst ihn. Trumps dumme Entscheidungen werden seitens Kalifornien, soweit möglich, blockiert. Die Proteste gegen Trump weiten sich im ganzen Land aus und werden immer größer. Straßen werden blockiert. Geschäfte werden boykottiert. Tesla verliert Geld. Das beweist, dass die vom Volk ausgehende Macht Einfluss hat. Trotzdem ist es furchtbar. Trump ist ein Idiot und wir hoffen, dass wir diese Amtszeit irgendwie überstehen. Er zerstört die Zukunft vieler Menschen und ich befürchte, dass die USA in sehr unruhige Zeiten mit vielen Problemen gehen werden. Es wird noch mehr Proteste geben. Mit dem Stück „I’m alright“ wollen wir dem etwas entgegensetzen und der Welt zeigen, dass viele Amerikaner:innen keine Trump-Unterstützer:innen sind.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #181 August/September 2025 und Simon Brunner
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #171 Dezember 2023/Januar 2024 2023 und Simon Brunner
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #171 Dezember 2023/Januar 2024 2023 und Simon Brunner
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #50 März/April/Mai 2003 und Joachim Hiller