IRGENDWIE LINKS

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Wenn Punks Politik machen (Teil 1)

Punkbands haben politische Texte. Punk ist politisch. Punk ist links. Drei Sätze, die wohl in jeder repräsentativen Umfrage mehrheitlich als zutreffend bewertet werden würden. Wir gehen für diesen Artikel einen Schritt weiter und interviewen Menschen, die sich selbst als Punk definieren, zu ihrem politischen Engagement. Und das ganz explizit nicht bezogen auf ganz allgemeine politische Aktivitäten, sondern auf Tätigkeiten im Parteiapparat, in Regierungsbüros, als Amtsträger, als Abgeordnete auf Parlamentsebene.

Dieser Artikel ist uns wichtig in Zeiten, da die Demokratie als nicht perfekte, aber alternativlose Gesellschaftsform weltweit unter Druck geraten ist seitens Despoten und Populisten und sich die ganz grundsätzliche Frage stellt: Wie wollen wir leben? Ist die Demokratie bei genauerer Betrachtung nicht doch weitaus mehr als ein „kleineres Übel“, sondern vielmehr die Erkenntnis angebracht, dass wir was Besseres als das, was wir haben, so schnell nicht wieder bekommen würden, überließen wir Populisten das Feld? Wir wollten also wissen, warum Punks sich engagieren – innerhalb des „Systems“. Und eine Erkenntnis kann man vorwegnehmen: „Wir Punks“ sind wohl systemtragender, als manche von uns wahrhaben wollen ... Unsere Fragen für Teil eins dieses Specials beantworteten Atilla Cikoglu (Moers, Ratsmitglied, SPD), Anja Hübner (Greifswald, Ratsmitglied Partei Mensch Umwelt Tierschutz), Kathy Völkel (Datteln, fraktionsloses Ratsmitglied), Jan Eckhoff (Hagen, Kreisgeschäftsführer Die Grünen) und Thorsten Wozniak (Gerolzhofen, Bürgermeister CSU).

Bitte stellt euch vor ...
Atilla Cikoglu: Ich bin Atilla Cikoglu, 47, komme aus Moers, arbeite beim Land NRW und bin seit 2004 Ratsmitglied der Stadt Moers und derzeit Fraktionsvorsitzender der SPD.
Anja Hübner: Ich heiße Anja, bin 35 Jahre und lebe seit sieben Jahren in Greifswald. Aufgewachsen und sozialisiert bin jedoch in dem Teil Brandenburgs, den man als Berliner Speckgürtel bezeichnet. Aber es war nicht alles schlecht, ich habe dort nämlich mit dem Beruf der Tiermedizinischen Fachangestellten eine Tätigkeit gefunden, die mich sehr erfüllt hat. Hier in Greifswald habe ich ein paar Jahre in der Geschäftsführung für die Fraktion „Linke & Tierschutzpartei“ gearbeitet und steige derzeit in den pädagogischen Bereich ein. Mit der ehrenamtlichen Politik kamen also auch berufliche Veränderungen in mein Leben. Seit 2019 bin ich für die Partei Mensch Umwelt Tierschutz in der Greifswalder Bürgerschaft und im Kreistag vertreten, inzwischen bin ich Vorsitzende unserer eigenen kleinen, sehr guten Fraktion „Alternative Liste*Tierschutz*PARTEI“. Die Arbeit in Ausschüssen und anderen politischen Gremien gehört natürlich auch dazu. Zudem bin ich Landesvorsitzende meiner Partei für Mecklenburg-Vorpommern.
Jan Eckhoff: Mein Name ist Jan Eckhoff, ich bin 44 Jahre alt und wohne, lebe und arbeite in Hagen. Ich habe mal einige Semester Sozialwissenschaften studiert und fast 25 Jahre als Journalist, Grafiker und Webdesigner gearbeitet. Seit etwas über zwei Jahren bin ich nun hauptberuflich für die Grünen tätig, aktuell als Kreisgeschäftsführer in Hagen, während des Europawahlkampfs als Vorstandsreferent in Dortmund. Ich war außerdem ehrenamtlich Beisitzer im Kreisvorstand der Grünen in meiner Heimatstadt und als Ersatzdelegierter beim Landesparteitag.
Kathy Völkel: Mein Name ist Kathy, ich bin 39 Jahre alt und wohne im schönen Ruhrpott, in Datteln. Ich bin gelernte Heilerziehungspflegerin und arbeite in einer Kita. Ich habe ein Mandat im Rat der Stadt Datteln. Meine Schwerpunkte sind Sozial-, Familien- und Umweltpolitik. Ich bin als fraktionsloses Mitglied Teil des Rats und stellvertretende Vorsitzende im Ausschuss für Soziales, Quartier und Integration. Dazu bin ich Gründerin der Nachbarschaftshilfe „Datteln hilft!“, mit der wir 2020 sogar den Ehrenamtspreis der Stadt gewonnen haben. Ich bin Frontfrau der Punkband LADYLAMINATE, mit der ich seit ein paar Monaten deutschen „Pottpunk“ mache.
Thorsten Wozniak: Mein Name ist Thorsten Wozniak, ich bin 48 Jahre alt, in Bayreuth geboren. In Gerolzhofen, einem Ort mit 7.000 Einwohner:innen, lebe ich seit 1982. Nach dem Abitur volontierte ich als Zeitungsredakteur, arbeitete danach für die lokale Zeitung und moderierte beim Radio, war Mitinhaber einer kleinen Veranstaltungsagentur. Ende 2004 wurde ich Pressesprecher des Landkreises Schweinfurt. Von 2008 bis Anfang 2013 war ich Stadtrat für die Liste „Die Jungen“, seit Februar 2013 bin ich Erster Bürgermeister der Stadt Gerolzhofen und seit 2014 auch Mitglied des Kreistags im Landkreis Schweinfurt.

Wann und wie trat Punk in dein Leben, wieso ist er in deinem Leben geblieben, welche Aktivitäten früher und heute gibt es von dir in diesem Kontext?
Atilla Cikoglu: Durch meinen Cousin, der sieben Jahre älter war als ich, habe ich schon Mitte der 1980er Rock und Metal gehört. Meine erste gekaufte Platte war „Back In Black“ von AC/DC. Aber natürlich gehörten da schon DIE TOTEN HOSEN und DIE ÄRZTE dazu. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, dass ich das Live-Album „Nach uns die Sintflut“ von DIE ÄRZTE rauf und runter gehört hatte. Von 1994 an wurde im Freundeskreis mehr und mehr Skatepunk gehört. Jeder hatte auch ein Board, keiner konnte wirklich fahren, aber die Musik hat begeistert. OFFSPRING, NOFX, SATANIC SURFERS, LAGWAGON, MILLENCOLIN, BLINK-182, VENEREA waren dabei ständige musikalische Begleiter. Festivals, aber auch eine Vielzahl von Konzerten im Jugendkulturzentrum Südring folgten. Über die „spaßorientierte Partymusik“ wurde der Punk für mich auch politischer. WIZO und andere Bands haben mich auf dem Weg begleitet. Der Punk ist geblieben, weil ich ihn liebe. Er ist für mich linksorientiert, politisch engagiert, mit dem Status quo nicht zufrieden, lehnt den ungezügelten Kapitalismus ab und steht für Freiheit. Heute bin ich neben der Politik auch Akteur im Bereich der Jugendkultur. Ich war einige Jahre Vorsitzender eines Trägers von einem Jugendzentrum und bin aktuell auch schon länger im Vorstand des Jugendkulturzentrums, in dem ich vor dreißig Jahren bei Punkmusik gefeiert habe. Wie haben DIE GOLDENEN ZITRONEN gesungen? „Für immer Punk“!
Anja Hübner: Punk trat in mein Leben, als ich etwa 13 Jahre alt war. Eine Freundin hat mir damals „Runter mit den Spendierhosen, Unsichtbarer!“ von DIE ÄRZTE ausgeliehen, daraufhin habe ich das städtische Musikgeschäft geplündert, wann immer ich Geld in die Finger bekam, und die Sache nahm ihren Lauf. Ich hatte eine von Armut geprägte klischeehafte Plattenbaukindheit, bin schon immer angeeckt und von Ausgrenzung betroffen gewesen. Der Weg zum Punk hat mir ein Zuhause und Gleichgesinnte geschenkt. Ich habe so oft wie möglich Konzerte besucht, die Nähe zu Berlin war dafür natürlich optimal. Diese Leidenschaft ist bis heute geblieben, auch wenn die Häufigkeit meiner Konzertbesuche leider etwas abgenommen hat.
Jan Eckhoff: Ich würde sagen, die TV-Doku „Millennial Punk“ spiegelt auch meine Punk-Sozialisierung ab Mitte der 1990er ganz gut wider. Ich bin damals über die Musik zum Punk gekommen, es gab in der Zeit auch richtig viele Konzerte und eine ausgeprägte Szene mit großem DIY-Spirit in Hagen. Ich habe schon als Schüler für eine Lokalzeitung über Konzerte geschrieben, hatte bereits 1997 eine Art kleines „Online-Fanzine“ und habe schließlich 2003 ein Praktikum beim Ox gemacht und ein paar Jahre in der Redaktion gearbeitet. Parallel habe ich mit ein paar Leuten ein regionales Band- und Musikportal aufgebaut. Wir haben über fast zehn Jahre hinweg als Gruppe unzählige Konzerte selbst oder mit veranstaltet. Dazu kamen die Produktion von einem Sampler und ein paar CDs mit regionalen Bands, Merchandise, Orga von Konzerten in anderen Städten, ein Podcast und und und ... Punk ist seit dreißig Jahren für mich vor allem das, was man macht. Wenn Dinge nicht gut laufen, dann sucht man sich gleichgesinnte Freund:innen und macht sie besser – im positiven Sinne und bitte über den reinen Selbstzweck hinaus. Mittlerweile bin ich in dem soziokulturellen Zentrum, in dem ich damals hauptsächlich musikalisch und politisch sozialisiert wurde, ehrenamtlich im Vorstand und versuche, auch kommenden Generationen einen Ort zu bieten, an dem sie Dinge realisieren können.
Kathy Völkel: Die erste Berührung hatte ich als kleines Kind, vielleicht mit vier oder fünf Jahren. Wir liefen im Urlaub einem Mann mit knallbuntem Iro über den Weg. Ich sagte zu meiner Mama, dass ich auch mal so coole Haare haben will, und so kamen wir ins Gespräch. Er erzählte mir, wie cool es ist, frei zu sein und nichts darauf zu geben, was andere über dein Leben denken. Das hat mich irgendwie nachhaltig gepackt. Ein paar Jahre später hielt ich meine erste DIE TOTEN HOSEN-Platte in den Händen. Von da an ging es über WIZO, BLINK-182, SUM 41, GREEN DAY und einige andere Stationen immer weiter Richtung Punkrock, später besonders Pop- und Skatepunk. Als Teenie hatte ich regelmäßig pinke oder blaue Haare. Ich glaube, meine Eltern haben mich machen lassen, weil sie dachten, es hält sowieso nicht lange und sie könnten dadurch die große Rebellion abwenden. Heute ist es das typische „It wasn’t just a phase, Mom“. Zwischendrin habe ich mich bei dem Versuch, irgendwie ins System zu passen, mal auf meinem Weg verloren, doch irgendwann zu mir zurückgefunden . Heute bin ich Frontfrau einer Punkband, mit der wir gerade mitten im Songwriting für unsere erste Platte stecken. Wieso Punk immer ein Teil meines Lebens geblieben ist? Da ist sicher der große Drang nach Freiheit und freiem Denken außerhalb systemischer Schubladen und der Wille, mein Leben so zu führen, wie es mich glücklich macht, egal, was Omma Erna von nebenan dazu sagt.
Thorsten Wozniak: Ein älterer Bruder unseres Gitarristen hat uns Mitte/Ende der 1980er Jahre mit Musik versorgt: Udo Lindenberg, DIE ÄRZTE, DIE TOTEN HOSEN. Damit fing es an. Schnell kamen andere Bands hinzu: ABSTÜRZENDE BRIEFTAUBEN, NORMAHL, DIE GOLDENEN ZITRONEN ... DIE ÄRZTE waren lange meine Lieblingsband. Etwas später entdeckte ich den deutlich politischeren Sound: Erst TON STEINE SCHERBEN, dann SLIME und HASS. Ich liebte diese Intensität, diese Energie. Widerstand, Wucht, Zorn, gleichzeitig mit der deutschen Sprache spielen – das wollte ich auch. Also beschlossen wir, eine Punkband zu gründen, kauften E-Gitarren und Verstärker. Meine erste E-Gitarre war gebraucht und kostete 50 Mark. Es folgten zerrissene Jeans, abgelatschte Turnschuhe, bunte Haare – Dorfpunks. Mein erstes Punk-Konzert besuchte ich dann mit 13 oder 14, ABSTÜRZENDE BRIEFTAUBEN in Würzburg. Der erste Auftritt mit unserer Punkband EIS war Ende 1990 bei der Weihnachtsfeier der Jugendfußballer. Ich war 14, die anderen waren noch 13 Jahre alt. Letztlich war das noch sehr brav. Ab 1991 wurde es politischer mit Zeilen wie „Den nächsten Krieg gewinnt der Tod“ oder „Egal ob Ost oder West: nieder mit der Nazipest“. 1994 lösten wir uns auf. Bis dahin spielten wir Auftritte von Würzburg bis München. Ich war von 1994 bis 1996 auch noch Bassist in einer Hardcore-Band, später sang ich in einer Rockband und in Elektro-Indie-Formationen. Was ich großartig finde: Die Freundschaft zwischen den Mitgliedern von EIS ist bis heute geblieben. Das sind intensive Freundschaften. Das macht mich sehr dankbar. Solche Verbindungen gibt es selten. Unseren Schlagzeuger kenne ich jetzt seit 42 Jahren; 2007 war er mein Trauzeuge – die Ehe hält noch. Trotz des bürgerlichen Lebens, das ich mittlerweile führe, hat mich Punk immer begleitet, mindestens als Besucher zahlreicher Konzerte oder dank meiner Vinylsammlung. EIS haben wir vor zwei Jahren wiederbelebt. 2023 haben wir das Album „Dunkle Tiefen“ veröffentlicht, mit alten und neuen Songs. 2025 folgt ein weiteres mit ausschließlich neuen Liedern. Wir treten auch wieder auf, wenngleich viel zu selten.

Nicht alle Menschen sind davon überzeugt, dass Punk und Politik zusammengehören. Wie verlief bei dir die politische Sozialisation und inwiefern war das mit Punk verbunden?
Atilla Cikoglu: Natürlich gehören Punk und Politik zusammen. Na ja, ich komme aus einer Multikulti-Arbeiterfamilie. Mein Onkel ist ein Franzose aus der Karibik, die Tante aus Jugoslawien, der Vater aus der Türkei, Oma aus Danzig und Opa aus Brandenburg. Bei uns war es immer bunt und laut. Meine Eltern sind immer politisch interessiert gewesen und sie haben mir eins beigebracht: Wenn du die Welt verändern willst, rollt dir niemand den roten Teppich aus und wartet auf dich. Wenn du was willst, musst du aktiv werden. In der Grundschule und in der Anfangszeit der Realschule hatte ich mit einer Mitschülerin und anderen schon eine kleine Gruppe, die der Umweltverschmutzung den Kampf angesagt hat. Danach haben sich die Aktivitäten etwas gelegt, obwohl ich immer noch politisch interessiert war. Im Jahr 2000 habe ich mal auf die Frage „Warum machst du Politik?“ geantwortet: „Warum essen wir? Warum trinken wir? Dies sind alltägliche Dinge, über die wir nicht mehr nachdenken. Politik gehört aber auch zu diesen alltäglichen Dingen!“ Alles, was uns umgibt, unser Leben, unsere Weltanschauung, ist geprägt von der Politik. Ich will daher versuchen, etwas in unserer politischen Landschaft zu bewegen. Ob all meine Wünsche irgendwann in Erfüllung gehen, ist fraglich, denn alles kann man durch Politik auch nicht bewirken. Aber ich kann sagen, ich habe es versucht. Mein Punk kritisiert die Oberen, mein Punk benennt die Ungerechtigkeiten, mein Punk spricht sich gegen rechts aus, in meinem Punk darf jede:r so lieben, wie es beliebt, für meinen Punk ist jeder Mensch gleich viel wert. Da wir alle wissen, dass nicht alles gut ist, erwartet der kleine Punk in mir, dass ich was ändere und nicht nur die Liedtexte höre, die sagen, dass fast alles Scheiße ist.
Anja Hübner: Ich bin sehr davon überzeugt, dass es der Punk war, der mich davor bewahrt hat, mich meinem unpolitisch bis rechts geprägten Umfeld anzupassen. Durch die Musik begann ich, mich mit Politik auseinanderzusetzen und eine politische Haltung zu entwickeln, was im späteren Verlauf auch in aktivistischem Engagement mündete. Punk weckte in mir den Drang, etwas verändern zu wollen. Ich hasse Ungerechtigkeit und Gleichgültigkeit, demnach ging ich in der politischen Punk-Szene auf, besuchte Demos, beteiligte mich an Aktionen und hörte nicht auf, mich immer weiter politisch zu bilden.
Jan Eckhoff: Ich stamme aus einer politischen Familie. Man Opa war Gewerkschafter, meine Eltern als Jugendliche in der linken Szene unterwegs. Als ich Kind war, liefen daheim Süverkrüp, Degenhardt oder Mey und auch mal TON STEINE SCHERBEN. Punk war für mich eine willkommene Form, meinen Protest auszudrücken. Ich war auf Demos gegen Nazis und Antifa war ein großes Thema. Damals gab es ja auch noch überall Boneheads im Ruhrgebiet, da konntest du mit grünen Haaren und durchgestrichenem Hakenkreuz auf der Jacke auch mal auf die Fresse bekommen, wenn du nicht schnell genug gelaufen bist. Als ich zum ersten Mal mitbekommen habe, dass es so was wie „unpolitische“ Punks gibt, hat mich das einigermaßen verstört und ich kapiere es bis heute nicht. Nazi Punks fuck off.
Kathy Völkel: Ich hatte ganz lange gar keine wirkliche politische Meinung, außer eine Systemkritik, gepaart mit „Wir müssen unsere Erde schützen“, also so typisch „links-grün-versifft“, was sich aber nie wirklich politisch, sondern wie eine Lebenseinstellung angefühlt hat.
Thorsten Wozniak: Auch wenn es manchmal unbequem ist, zum Beispiel jetzt in meiner anderen Rolle, ich mag den Protest der Jugend. Junge Menschen müssen für Veränderungen sorgen! Damals begeisterten mich die Intensität und die Kompromisslosigkeit von politischen und gesellschaftlichen Aussagen in Songtexten oder von Bands. Wir zogen uns „Nazis raus!“-T-Shirts an, gingen so in die Disco – und manchmal gab es deshalb Ärger oder kleinere Schlägereien. Meist mit dem Ergebnis, dass die Nazis rausgeworfen wurden. Mitte der 1990er Jahre durfte ich erleben, wie man gesellschaftlich mitgestalten kann: Wir veranstalteten im Garten des Jugendhauses Open-Air-Konzerte. Den Antrag dafür formulierte damals ich und er wurde im Stadtrat behandelt und befürwortet. Das hat mir gezeigt, dass man was bewegen kann, wenn man sich die Mühe macht, eine Idee zu erarbeiten. Nur motzen, dass nichts geboten ist, reicht auch heute nicht aus. Man muss auch etwas dafür tun.

Punk wird gemeinhin als „irgendwie links“ eingeordnet. Wie siehst du das? Wo stehst du und wo nicht? Welche Werte und Ideale sind dir wichtig?
Atilla Cikoglu: Für mich ist Punk eindeutig links. Ein konservativer Mensch ist ja ein Bewahrer des Vergangenen, kann der rebellisch sein? Kann der die Welt positiv verändern? Ich will nach vorne schauen, ich will das Morgen gestalten. Die Werte, die mein Leben prägen, sind Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität. Menschen, die meinen, sie wären was Besseres als andere, sind mir zuwider. Im demokratischen Diskurs habe ich aber gelernt, diese Meinungen auszuhalten.
Anja Hübner: Ich finde „irgendwie links“ trifft es ganz gut. Punk ist für mich ein Ausdruck linker Ideale insofern, dass das eigene Gewissen dem gesellschaftlichen Status quo übergeordnet ist. Ich selbst bin linksgrünveganversiffte Feministin. Antifaschismus und Antirassismus gehören zu meinen Leitmotiven, ebenso wie Feminismus, Tierrechte und Tierbefreiung, Antikapitalismus und Klimaschutz.
Jan Eckhoff: Die Spannweite im Punk reicht ja tatsächlich schon mindestens von Bierzelt-Oi! bis Crustcore. Das alles auf einer einfachen horizontalen Links-rechts-Schiene zu verorten, finde ich schwierig. Im positivsten Sinne kann man vielleicht sagen, Punk ist meistens undogmatisch und progressiv. Und so würde ich mich auch einordnen, ich habe mir zuletzt als Teenager ein klares Label aufgedrückt. Aber wenn man eine deutliche Kante gegen alle rassistischen, faschistischen, frauen- und queerfeindlichen Strömungen und Aussagen zeigt, also eigentlich nur am Grundgesetz festhält, gilt man ja für viele schon als linksradikal, insofern ...
Kathy Völkel: Ich glaube, dass genau das das größte Problem an Politik ist. Ich möchte mich nicht in eine feste Form pressen lassen. So bunt wie die Haare vieler Punks sollte auch moderne Politik sein. Ohne Begrenzungen im Kopf. Ich habe sicher typisch linke Werte, aber auch eine große Schnittmenge mit grünen Ideen. Mit einer Partei fühle ich mich aber nicht verbunden. Ich möchte frei sein in meiner Meinung – genau das bedeutet Punk für mich. Freiheit! Zusammen sein, egal, welchen Background man hat.
Thorsten Wozniak: Jetzt wird es spannend – ich glaube, ich habe schon abendfüllende, aber nie abschließende Diskussionen dazu geführt. Für mich ist Punk die Einstellung zu einer kritischen Sicht auf komplexe Sachverhalte. Punk ist, für Toleranz und Verständnis einzustehen, Menschen nicht vorzuverurteilen. Punk ist ein Weltbild, das aus Meinungsfreiheit und Wertschätzung besteht. Punk steht gegen Hass und Hetze. Das sind Werte und Ideale, die mir wichtig sind. Das ist für mich Punk. Natürlich wird Punk links eingeordnet. Ich nehme gleichzeitig für mich in Anspruch, irgendwo in der Mitte zu stehen. Ich weiß, dass ich als Bürgermeister, CSU-Mitglied und Sänger einer Punkband, nicht überall gut ankomme, um es vorsichtig auszudrücken. Das kann schon mal irritieren. Perfekt! Aber vielleicht spiegelt dieser scheinbare Widerspruch nur die Ambivalenz wider, mit der sich viele Menschen im Alltag auseinandersetzen müssen. „Aufstehen, Arbeit, Alltag, Netflix – man tut halt, was man tut“, heißt es in unserem Song „Marathon im Hamsterrad“. Fast alle von uns erfüllen ihre verschiedenen Rollen zwischen Familie, Elternverantwortung, Beruf und Freizeit: „Wir sind die Maschinen!“ Aber irgendwie sind es diese sehr unterschiedlichen Rollen, die uns als Personen ausmachen – und gleichzeitig auch für manche innere Zerrissenheit oder unerfüllte Wünsche und Sehnsüchte sorgen. In der Szene tun sich EIS wegen mir sicherlich schwerer. Allerdings gehört es auch zur Wahrheit, dass bei anderen Bands niemand nach den Berufen fragt. Das würde sicherlich erstaunliche Antworten geben, davon bin ich überzeugt. Was in der Szene gilt, gilt natürlich auch umgekehrt. Für die Partei, für die Gesellschaft wirkt ein schwarz angezogener Bürgermeister, der mit geschminkten Augen ins Mikrofon grölt, manchmal befremdlich. Warum eigentlich? Würde ich Schlager singen – mit noch so seltsamen Texten –, würde niemand was sagen. Meiner Meinung nach hilft Schubladendenken nicht weiter. Niemand tut sich bei einer Vereinfachung von komplexen Themen in einem Alltag, in dem die meisten von uns mit inneren Konflikten leben, einen Gefallen. Ich singe deshalb: „In den pflichtbewussten Tiefen ist der Mut erwacht. Leben leben – bis zum Ende dieser Nacht“. Und genau so meine ich das auch. Natürlich trage ich bei Konzerten meinen Beruf nicht zur Schau, im Gegenteil. Dennoch werde ich bei Veranstaltungen oft darauf angesprochen, auch weil Besucher:innen irritiert sind. Und immer führt das zu bereichernden Diskussionen, die nicht bloß an der Oberfläche kratzen. Letztlich leben und denken auch „offensichtlichere“ Punker ähnlich wie ich. Oft ist der Alltag ähnlich: Die gealterten Punks sind verheiratet, bewohnen nicht selten ein eigenes Haus, schätzen mittlerweile das etwas bequemere Auto, arbeiten in Behörden oder in gehobenen Positionen, schätzen die Flugreise, den gemütlicheren Urlaub oder das bessere Rennrad. Stichwort: Midlife-Crisis, sie gehen zur Arbeit und bringen vorher die Kinder in die Schule. Am Ende sind viele doch so wie die eigenen Eltern geworden, was vor 35 Jahren sicherlich extrem spießig und konservativ geklungen hätte. Und dennoch nehmen alle für sich in Anspruch, die Werte des Punk verinnerlicht zu haben. Dass zeigt, dass die Welt nicht schwarz und weiß ist, sie ist bunt und komplex.

Wie kamst du konkret dazu, aktiv Politik machen zu wollen beziehungsweise im Politikbereich zu arbeiten? Bitte erzähle uns von deinem Werdegang und warum du dich für diese Partei und diese Art des Engagements entschieden hast.
Atilla Cikoglu: Wie schon beschrieben, komme ich aus einer Arbeiterfamilie und das hat mich natürlich geprägt. Vater auf der Zeche, ein Onkel bei Thyssen, der andere bei Krupp. Anfang der 1990er hatten alle immer Angst um ihren Job, nicht nur in der Familie, sondern auch bei mir im Wohnumfeld, da alle auf der Zeche waren. Mein Vater war schon Mitglied der SPD und ich bin ihm wenige Jahre später, 1996, gefolgt. Aktiv wollte ich damals eigentlich nicht werden. Das kam erst später durch einen guten Freund. Der fragte mich so 2000 rum mehrmals, ob ich nicht Lust hätte, mal mit zu den Jusos zu gehen. Nach ein paar mal fragen bin ich mitgegangen und hatte nach der ersten Sitzung schon die ersten Aufgaben. Von da an ging es eigentlich schnell. Ein Jahr später war ich Stadtverbandsvorsitzender der Jusos in Moers und wir hatten eine tolle Truppe. Damals habe ich unter anderem Konzerte für Jugendliche aus der Stadt organisiert. 2004 wurde ich Ratsmitglied und war dort direkt Sprecher für den Jugendhilfebereich. Tja, jetzt bin ich schon zwanzig Jahre im Rat, seit 2004 im Sozialausschuss und seit 2009 Vorsitzender im Jugendhilfeausschuss. Zwanzig Jahre, in denen ich das eine oder andere gestalten und gerechter machen konnte. In der gleichen Zeit sind leider auch Ungerechtigkeiten dazugekommen, aber eins nach dem anderen, ich arbeite auch daran.
Anja Hübner: Bis ich nach Greifswald gekommen bin, hatte ich mit aktiver Politik absolut nichts am Hut und hätte mir auch nie vorstellen können, so was je zu machen. Ich war und bin Aktivistin durch und durch und „die Politik“ war und ist für mich eine von alten weißen Männern gemachte bremsende Verwalterin menschlicher Bedürfnisse. 2018 fragte mich jemand von der Tierschutzpartei, ob ich nicht Lust hätte, auf deren Liste zur Kommunalwahl zu kandidieren, was ich rein intuitiv bejahte. Wir kannten uns aus politischen Diskussionen bei Facebook, also hat mich kurz gesagt meine ausgeprägte Fähigkeit, Nazis anzupöbeln, zur Politik gebracht.
Jan Eckhoff: Ich habe mich schon immer als sehr politischen Menschen gesehen und habe, seit ich es mir leisten kann, verschiedene NGOs mit Spenden unterstützt. Ich bin vor zig Jahren aus der Kirche ausgetreten und habe mir damals gesagt, das Geld spende ich lieber für sinnvolle Zwecke. Ich habe auch schon seit vielen Jahren immer wieder gedacht, dass ich mich eigentlich aktiv politisch engagieren sollte, aber einerseits stand dem entgegen, dass ich als Journalist zumindest formal neutral bleiben wollte, und mich andererseits auch in keiner Partei hundertprozentig wiedergefunden habe und keine Kompromisse eingehen wollte. Allerdings sympathisierte ich schon spätestens seit meinem Studium mit den Grünen, weil meiner Ansicht nach keine andere Partei so konsequent innerhalb des demokratischen Systems für eine positive Veränderung in fast allen Lebensbereichen eintritt, auf innerparteiliche Basisdemokratie setzt und versucht, allen Menschen unabhängig ihres Geschlechtes oder ihrer Biografie eine politische Teilhabe zu ermöglichen. Ich hatte kurz vor der Pandemie meine Arbeit als angestellter Redakteur bei einer Lokalzeitung beendet und ein journalistisches Startup gegründet und war daneben nach ein paar Jahren auch wieder freiberuflich tätig, das lief ganz gut an. Aber dann kamen die Lockdowns, viele Aufträge blieben einfach aus und durch den Angriff auf die Ukraine wurde es wirtschaftlich noch schwieriger. Als ich dann eine Stellenanzeige der Grünen sah, die für mich wie maßgeschneidert erschien, bin ich „all in“ gegangen, habe den Job bekommen und bin dann auch Mitglied geworden.
Kathy Völkel: Ich bin da vor den letzten Wahlen irgendwie so reingerutscht. Ich hatte zu Beginn der Pandemie eine Nachbarschaftshilfe gegründet, wo wir über das gesamte Stadtgebiet vernetzt waren und den Menschen Hilfestellungen angeboten haben. So habe ich einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt und wurde von einer Wählergemeinschaft angesprochen, ob ich mir nicht vorstellen könnte, mich über „Datteln hilft!“ hinaus ehrenamtlich für die Belange der Stadt einzusetzen. So bin ich in den Stadtrat gekommen. Und genau das ist auch heute noch mein Antrieb. Ich möchte mich für die Belange der Menschen in meiner Stadt einsetzen. Ich möchte erreichen, dass ein modernes Bild unserer Stadt quer durch alle Schichten im Rat abgebildet wird und nicht mehr nur graue Herren im Anzug die Themen dominieren, erörtern und beschließen. Und in unserer Stadt klappt das schon ganz gut. Wir arbeiten oft parteiübergreifend wirklich gut zusammen und versuchen gemeinsam das Beste für alle rauszuholen.
Thorsten Wozniak: Nach meinem bereits geschilderten Open-Air-Antrag im Stadtrat und durch die freie Mitarbeit bei der Heimatzeitung ab der achten Klasse war ich schon als Jugendlicher bei Stadträtinnen und Stadträten bekannt. So kamen Kontakte zustande. Mit 19 kandidierte ich erstmals auf einer offenen Liste für den Stadtrat. Ich wurde nicht gewählt, richtig viele Stimmen fehlten allerdings nicht. Später hatte ich beruflich viel mit lokalen Politikerinnen und Politikern zu tun. Ich stellte frühzeitig fest, dass es mehr auf die Menschen als auf die Parteizugehörigkeit ankommt. Bei fast allen Parteien gibt es interessante Menschen, die was bewegen wollen. Den letzten Impuls erhielt ich ab 2004, als ich Pressesprecher im Landratsamt Schweinfurt wurde: Ich hatte damals einen grünen Bart und einen „schwarzen“ Chef, ein CSU-Landrat. Jahre später trat ich in die CSU ein, weil ich vieles für richtig und vor allem realistisch hielt und halte. Für das Amt des Bürgermeisters bewarb ich mich, weil ich meine Heimat mitgestalten will. Eine tolle Aufgabe!

Gerade bei ehrenamtlicher politischer Tätigkeit ist festzustellen, dass in einem normalen Berufsleben kaum Zeit dafür ist – da wird schon kommunalpolitisches Engagement zu einer Frage, dass man sich dieses auch „leisten“ können muss. Wie sind deine Erfahrungen?
Atilla Cikoglu: Man braucht einen Arbeitgeber, der das politische Engagement duldet und dem Mandatsträger keine Steine in den Weg legt. Ob man sich das politische kommunale Engagement leisten kann, hängt aber viel mehr von der eigenen Person ab. Man kann sich wählen lassen und „nur“ dabei sein oder man macht es intensiv. Ich habe mich für das „intensiv“ entschieden. Neben der Zeit für das Mandat, was bei mir in der Funktion des Fraktionsvorsitzenden mit einem normalen Berufsleben schon viel ist, will man ja Politik für die Bürgerin, den Bürger machen. Das bedeutet viele Termine und Veranstaltungen. Als kommunaler Akteur kommt noch eine Vielzahl von Vereinen dazu, in fünf bin ich im Vorstand. Man muss seine Zeit gut organisieren können, dann klappt das auch mit dem 24-Stunden-Tag.
Anja Hübner: Wie gut, dass ich mit einem „normalen“ Berufsleben schon immer meine Probleme hatte. Den überwiegenden Teil meiner Zeit habe ich ehrenamtlich arbeitend verbracht, sei es im Aktivismus, im Tierschutz, bei der Wildtierhilfe oder irgendwann in der Kommunalpolitik. Ich bin alleinerziehende Mutter von zwei Töchtern und gehe ziemlich kompromisslos mit der Frage um, wie ich meine Zeit nutzen will. Etwas zum Besseren verändern zu können, steht in meiner Prioritätenliste wesentlich weiter oben als finanzielle Stabilität und Wohlstand. Jedoch ist mir bewusst, dass ich damit aus der Reihe tanze. Für die allermeisten Menschen, die wie ich beispielsweise alleinerziehend sind, keinen akademischen Hintergrund haben, nicht das Glück hatten, privilegiert aufzuwachsen, oder die schlicht nicht weiß, männlich und finanziell abgesichert sind, sind die Hürden unfassbar hoch und das „Mithalten“ mit ihnen nahezu unmöglich. Politik ist ein Wettkampf und die Angepassten und Starken bestimmen die Regeln, das erlebe ich jeden Tag und genau deshalb halte ich an der politischen Arbeit fest!
Jan Eckhoff: Das kommt ein wenig darauf an, was man genau macht oder machen möchte. Bei den lokalpolitischen Mandatsträger:innen, also den gewählten Personen in den Gemeinde-, Stadt- oder Kreisräten, muss man schon mit durchschnittlich vier Stunden pro Woche, mal mehr und mal weniger, rechnen. Bei Sachkundigen Bürger:innen – die werden nicht gewählt, sondern von den Fraktionen ernannt – kann das auch weniger sein. Wenn man in mehreren Fachausschüssen sitzt oder beispielsweise ehrenamtlich Bezirksbürgermeister:in wird oder so, kann es aber natürlich auch wesentlich mehr werden. Das wird dann schon ein Zeitaufwand, der für regulär berufstätige Menschen kaum noch zu schaffen ist. Gerade auch für Frauen mit jüngeren Kindern oder pflegende Angehörige ist das schon eine riesige Hürde, wenn diese nicht das nötige Geld für professionelle Vertretung oder Betreuung haben. Zwar werden Aufwandsentschädigungen gezahlt, diese wirken sich aber erstens auf den persönlichen Steuersatz aus und zweitens muss davon ein Teil an die Parteien gespendet werden. Insbesondere wenn es Parteien sind, in denen nicht ganze Familien und Stadtteile traditionell Mitglieder sind oder große Summen aus der Wirtschaft fließen, kann diese Pflichtspende auch erheblich sein. Aber man muss sich ja auch nicht unbedingt mit einem Mandat engagieren, sondern kann sich ehrenamtlich in einer Partei, also an der Basis einbringen. Da machen oft schon wenige Stunden im Monat einen echten Unterschied, zumindest wenn es eine vernünftige innerparteiliche Demokratie gibt. Und wenn man mag, kann man das Engagement beliebig skalieren.
Kathy Völkel: Haha, da sprichst du eines meiner wichtigsten Themen an. Es ist exakt so: Politik muss man sich leisten können! Zum einen finden Sitzungen ausschließlich in Präsenz und ständig zu Zeiten statt, wo nur Menschen mit Nine-to-five-Jobs Zeit haben, die entweder keine Kinder haben oder einen Partner, Oma, Opa, der sie unterstützt. Für mich als alleinerziehende Mama ist eine Sitzung, von der man nicht absehen kann, ob sie bis 18 oder vielleicht 21 Uhr dauert, ein kleines Drama. Für mich bedeutet das: Babysitter für jeden politischen Termin. Dazu kommen zum Beispiel die „Aufwandsentschädigungen“, die auf der einen Seite natürlich toll sind, einem aber auch schnell zusätzliche Kosten verursachen, da sie als Einkommen gewertet werden, das zum Beispiel auf jede Sozialleistung wie Arbeitslosengeld, oder Kinderzuschlag, Berechnung von Kitagebühren oder OGS-Beiträge, Steuern zu 100% angerechnet werden. Im Zweifel zahlst du am Ende für dein ehrenamtliches Engagement also noch drauf. Das muss man sich eben leisten können. All diese Strukturen sind so weit entfernt von Vereinbarkeit von Politik und Leben, dass man schon sehr engagiert sein muss, um das auch wirklich durchzuziehen!
Thorsten Wozniak: Kommunalpolitik ist ein wichtiges Fundament für unsere Demokratie. Kommunal können sich alle Menschen einbringen. Theoretisch. In der Realität ist das leider anders, weil ehrenamtliches politisches Engagement oft abends und am Wochenende stattfindet. Familie, Beruf und Politik zu verbinden, ist deshalb für viele herausfordernd. Noch immer bestimmen deshalb zu wenige Frauen vor Ort mit. Das liegt auch daran, dass wir immer noch keine echte Gleichberechtigung leben. Aber grundsätzlich denke ich schon, dass alle, die mitwirken wollen, sehr schnell mitgestalten können. In Kleinstädten oder generell im ländlichen Raum funktioniert das. Allerdings braucht man für echte Veränderungen nicht nur Mut und Entschlossenheit, sondern auch einen langen Atem. Das kann natürlich zermürben.

Punk hat auch einen destruktiven Charakter. Bei den „Chaostagen“ ging es einst kaum um ein konstruktives Anliegen, Sätze wie „Lass dich nicht BRDigen“, „Anarchie betrügt dich nie“, „Fick das System!“ sind Ausdruck eines tiefen Misstrauens gegen demokratische und parlamentarische Strukturen. Hier und da geht es einem bisweilen beim Hören eines Songs oder von Ansagen bei Konzerten so, dass man sich denkt: „Ja, ich mag die Band, die Songs, die Musik, aber diese Aussage ist mir dann doch erheblich zu platt.“ Wie gehst du um mit dieser Widersprüchlichkeit von Punk-Messages hier und eigener Lebensrealität dort?
Atilla Cikoglu: Ich nehme sie zur Kenntnis. Die übertriebene Kritik ist oftmals Stilmittel für die Botschaft und als Kunstform durchaus berechtigt. Wenn es nur billige Aussagen sind, die eine bestimmte Zielgruppe ansprechen, die den Kopf in den Sand gesteckt haben und mit einer Scheißegal-Haltung durchs Leben gehen, kann ich damit weniger anfangen. Das System und das Leben sind zu kompliziert, als dass man es so einfach ficken könnte.
Anja Hübner: Ich nehme das gar nicht als Widersprüchlichkeit wahr, man kann das System nun mal nicht passiv ficken, sonst ist man technisch betrachtet der Gefickte.
Jan Eckhoff: Wir sprechen da ja eher von den 1980er und frühen 1990er Jahren. Damals haben wir im Grunde in einem Zwei-Parteien-System gelebt und die waren beide eher konservativ. Danach wurde das Leben in Deutschland bunter und dieses Parolengebrülle wurde zu Folklore für wütende Teenager. Das ist schon okay, für viele war und ist das ein Einstieg, sich irgendwann ernsthaft damit zu beschäftigen, wie man Dinge ändern kann. Wer als erwachsene Person heute noch auf Konzerten steht und da besoffen mitgrölt, na ja, das sind meistens nicht die Leute, die sich außerhalb des Saals auch nur für irgendwas engagieren. Aber auch Bands, die ich sehr liebe, triggern mit aktuellen und ganz und gar nicht stumpfen Songs oft diese Widersprüchlichkeit bei mir. Wenn ich beispielsweise „Mailand“ von PASCOW höre, dann spüre ich das ganz stark. Aber Punk ist auch künstlerische Utopie und Utopie ist immer wichtig. In der Lebensrealität macht man so viel, wie man kann, um wie Welt zu einem besseren Ort zu machen. Da sind die Grenzen des Leistbaren individuell und ich bin eigentlich ganz zufrieden mit mir.
Kathy Völkel: Ich glaube, dass es nicht „den typischen Punk“ gibt. So breit gefächert wie Punkmusik stilistisch ist, sind auch die Einstellungen der Menschen. Während Punk für den einen Vans, Skateboard und BLINK-182 ist, gehören für den anderen NOFX, ’ne Kanne und ein bunter Iro dazu. Und genau das ist auch das tolle am Punk, eine bunte, breitgefächerte Kultur. Aus politischer Sicht halte ich wenig von dieser destruktiven Blockadehaltung, auch wenn ich die Beweggründe dahinter absolut verstehen kann. Aber Mauern haben noch nie weitergeholfen, weder um Länder noch in Köpfen. Ziel sollte sein, sich im Dialog anzunähern und keine faulen Kompromisse, sondern echte Lösungen zu finden. Musikalisch geht’s mir da auch so, ich höre diese Sätze und habe Schwierigkeiten, mich damit zu identifizieren. Was aber nicht bedeutet, dass sie keine Daseinsberechtigung haben!
Thorsten Wozniak: In der Tat, während ich die Energie von solchen Songs liebe, so teile ich diese Aussagen nicht. Das ist mir oft zu unreflektiert, zu einfach. Es ähnelt ein wenig den Populisten, die auch sehr einfache Lösungen oder Schlagzeilen für komplexe Sachverhalte anbieten. Und trotzdem sind solche rigorosen Punk-Aussagen wichtig: Sie laden doch herrlich zu Diskussionen ein.

Musst du dich für deine Position, dein Tun, dein Engagement rechtfertigen? Und bekommst du Zuspruch?
Atilla Cikoglu: Im privaten Kontext fragen mich immer wieder Menschen, warum ich mir das antue, jedoch gibt es auch viele, von denen ich einen Zuspruch für das Engagement erhalte.
Anja Hübner: Ja, sehr oft. Gerade im Tierrechtsaktivismus und natürlich auch stark innerhalb der Szene herrscht meist Unverständnis für meine politischen Tätigkeiten, ganz selten gibt es auch mal Zuspruch oder ehrliches Interesse. Ich habe aber ohnehin einen Hang zur Selbstironie und stecke das ganz gut weg. Sobald ich die Dinge, die ich praktisch und unmittelbar durch meine Politik bewirken konnte, aufzähle, baut sich der Argwohn ab. Den viel größeren Widerstand erlebe ich doch eher in der Politik, Punks sind wesentlich toleranter als Politiker:innen.
Jan Eckhoff: Ich bin bei den Grünen. Für Sahra Wagenknecht sind wir die gefährlichste Partei in Deutschland, laut Markus Söder wollen wir Haustiere verbieten und wenn es nach der Bild geht, kommen Robert und Cem morgen bei euch allen vorbei, bauen die Heizung aus und nehmen die Wurst aus eurem Kühlschrank mit. Und natürlich bin ich persönlich daran schuld und muss mich dafür immer wieder rechtfertigen. Das geht mir mittlerweile zum einen Ohr rein und zum anderen raus. Aber tatsächlich gibt es auch immer wieder viel Zuspruch und das tut gut.
Kathy Völkel: Teils, teils. Von Menschen, die es schaffen, über ihr Ego zu springen und zu verstehen, dass Kommunalpolitik absolut nichts mit Bundespolitik zu tun hat und wirklich ein Ehrenamt ist, bekomme ich sehr viel Zuspruch. Sie sind froh, jemanden dort sitzen zu haben, der eben nicht den grauen Einheitsbrei macht, jemanden, der authentisch ist, locker, ohne Politikallüren oder -geschwafel. Die Menschen fühlen sich von mir wirklich verstanden und haben den Eindruck, dass ich wirklich versuche, ihnen eine Stimme zu geben. Auf der anderen Seite gibt es aber auch, und das besonders online, die Fraktion der Alleswisser, die viel Meinung für wenig Ahnung haben, die erst „Jetzt erstmal n Schnitzel!!!“ unter vegane Rezepte kommentieren, um danach politisch zu werden und etwa eine Ricarda Lang, im besten Kneipengargon, lediglich an ihrer Optik statt ihrer Politik zu messen. Und so etwas betrifft tatsächlich auch uns kleine Leute hier im Stadtrat. Mich traf das vor den letzten Kommunalwahlen, wo ich immer wieder persönlich angegangen wurde, wo Falschaussagen, wie ich hätte keinen Job und nichts gelernt, verbreitet wurden, oder ich Opfer von Bodyshaming wurde.
Thorsten Wozniak: Ich erhalte immer wieder Zuspruch, unter anderem von Menschen, die auch ein „bürgerliches Leben“ führen, aber gerne Punk-Konzerte oder andere Festivals besuchen. Gleichzeitig spüre ich auch Ablehnung. Aber wie so oft im Leben, meist hilft der Dialog, die konsequente Konfrontation. Dass mein öffentliches Wirken auf der Bühne und mein öffentliches Wirken als Bürgermeister widersprüchlich erscheinen, verstehe ich gut. „Lautlos und ambivalent, im Schlichten kompliziert“ – daher stammen viele meiner Textzeilen. Insbesondere bei Konzerten wissen manche Besucher:innen nicht genau, wie sie damit umgehen sollen. Da fällt schon mal ein Satz wie: „Du bist heute der krasseste Typ hier“ – und ich weiß nicht, ist das jetzt eher positiv oder belächelnd gemeint. Aber das ist mir bewusst. In den politischen Kreisen werden meine Punkband oder die Fotos, auf denen ich mit geschminkten Augen zu sehen bin, oft nicht thematisiert. Wohingegen die Medien mein Verhalten durchaus interessant finden. Das gibt Klicks, frei nach dem Motto: Alle lachen über den Clown. Aber das ist okay, damit kann ich umgehen.

Ein Problem unserer Demokratie scheint zu sein, dass sie bisweilen stark erklärungsbedürftig ist. Sachverhalte sind komplex, Veränderungen brauchen ewig, und Kompromisse sind die Regel, weil systemimmanent. Menschen hätten es gerne einfacher, schneller, direkter, kompromissloser. Wie gehst du damit um?
Atilla Cikoglu: Ich versuche oftmals, die Zusammenhänge zu erklären. Das braucht Zeit. Ich versuche, die Menschen auf der Beziehungsebene mit ihren Fragen sehr ernst zu nehmen. Wenn sie mir das abnehmen, bekomme ich auch oft die Zeit, Dinge, die auf kommunaler Ebene beschlossen worden sind, zu erläutern. Natürlich kann ich die schnellen Antworten nicht geben, aber mein Angebot hier vor Ort ist es immer, denjenigen eine Antwort zu geben, die danach ernsthaft fragen.
Anja Hübner: Hier muss ich leider zugeben, dass ich noch keine für mich zufriedenstellende Art des Umgangs damit gefunden habe. In vielen Fällen bedeutet „einfacher, schneller, direkter, kompromissloser“ nämlich auch „schlechter, unbeständiger, fehlerhafter, undemokratischer“. Einfache Lösungen in komplexen Systemen halte ich für eine gefährliche Illusion. Anders natürlich bei interessenmotivierten politischen Verschleppungen, wie sie beispielsweise beim Klimaschutz, in der Verkehrspolitik oder beim AfD-Verbot passieren.
Jan Eckhoff: Haha, da müsste ich jetzt eigentlich sehr komplex drauf antworten! Aber es gibt Leute wie die großartige Dr. Mai Thi Nguyen-Kim und andere, die unsere sehr komplexe Welt verständlich wissenschaftlich erklären können. So was brauchen wir viel mehr und vor allem auch in den Schulen. Demokratie funktioniert nur mit Bildung und mit der haben wir mittlerweile leider schon echte Probleme.
Kathy Völkel: Ja, exakt so ist es. Politik ist einfach nicht verstehbar! Sie lebt von wiederkehrenden schlechten – und oft faulen – Kompromissen und ist langatmig. Meiner Meinung nach ist das größte Problem das Parteiensystem an sich. Du kannst oft nur zwischen Not und Elend wählen und mit dem Kreuz auf dem Wahlschein endet auch bereits jeglicher Einfluss. Dieses System ist einfach nicht mehr zeitgemäß und sollte überarbeitet werden! Ich bin froh, dass wir hier bei uns parteiübergreifend richtig gut zusammenarbeiten! Hier habe ich wirklich oft das Gefühl, dass alle versuchen, für die Menschen in der Stadt das Beste rauszuholen. Es ist auch keine Seltenheit, dass Anträge gemeinsam gestellt werden. Natürlich ist auch hier nicht alles Gold, was glänzt, aber ich habe das Gefühl, dass man mit einem großen Teil der Leute zumeist konstruktiv und lösungsorientiert arbeiten kann.
Thorsten Wozniak: Einfacher, schneller, kompromissloser: Das wäre wünschenswert. Aber für Veränderungen und selbst für einfache Entscheidungen braucht es einen langen Atem. Die Bürokratie frisst auch die Politik auf. Kompromisse sind aber nicht grundsätzlich schlecht, im Gegenteil. In unserem Stadtrat zum Beispiel gibt es keine Mehrheiten, das heißt am Ende müssen sich alle in den Ergebnissen wiederfinden. Und dafür benötigt es – oft sehr lange – öffentliche Diskussionen. Dadurch werden Meinungsfindung und Entscheidungen sehr transparent.

Kannst du uns von einem politischen Erfolg berichten, an dem du beteiligt warst?
Atilla Cikoglu: In der Regel hat der Erfolg immer viele Väter beziehungsweise Mütter. Aber wenn ich es schaffe, einen Jugendlichen sich selbst fragen zu lassen, was Demokratie für ihn bedeutet und in was für einer Welt er leben will, und er für sich eine Antwort findet, dann hatte ich Erfolg. Wenn er dann noch gegenüber den Erwachsenen seine Erwartungshaltung kommuniziert, habe ich alles richtig gemacht.
Anja Hübner: Puh, da kann mich nicht entscheiden .Da wären meine Herzensthemen Schwangerschaftsabbrüche und Sexismus, wo ich in beiden Fällen eine Positionierung und Öffentlichkeitsarbeit der Stadt und weitere Verbesserungen bewirken konnte. Außerdem Wildtierzirkusverbot, Begrenzung der Wahlplakatierung, Anerkennung des Ergänzungsausweises für Transpersonen, ökologische Pachtkriterien, Steuerbefreiung für Tierschutzhunde ...
Jan Eckhoff: Ich bin ja erst seit zwei Jahren dabei, so schnell schafft es leider nicht einmal ein Radweg vom Beschluss bis zur Umsetzung. Aber es ist für mich noch immer erstaunlich, wie viele Kleinigkeiten immer wieder auf allen Ebenen beschlossen werden, die das Leben besser machen, ohne dass die Leute es mitbekommen. Bad News bringen einfach mehr Klicks.
Kathy Völkel: Eine Sache, auf die ich wirklich stolz bin, ist, dass wir geschafft haben, im Ausschuss für Soziales, Quartier und Integration einen Bürger als festes Mitglied zu integrieren, der selbst eine geistige Behinderung hat. Es ist wichtig, nicht immer nur über Menschen zu sprechen, sondern einen Dialog mit den jeweils Betroffenen zu führen, und das können wir perfekt umsetzen. Ein anderer Schwerpunkt dieser Stadt ist sicher das Kraftwerk Datteln IV, das ja immer wieder auch bundesweit in den Schlagzeilen war. Wir haben unermüdlich dafür gekämpft, dass Papiere offengelegt werden mussten und so weiter, wodurch sich am Ende herausstellte, dass es wirklich widerrechtlich an diesem Standort erbaut wurde. Natürlich ist es jetzt da und die Natur würde dafür zerstört, Menschen haben ihr Zuhause verloren, doch es darf nicht sein, dass Großkonzerne ihre Macht nutzen, um politische Entscheidungen gegen geltendes Recht zu ihren Vorteilen zu verändern. Und genau dort ist für mich eine typisch punkige Schnittstelle.
Thorsten Wozniak: Den einen Erfolg gibt es – leider? – nicht. Ein kleiner, mir aber wichtiger Erfolg ist der Erhalt des Jugendhauses, das lange auf der Kippe stand. Das war ein zähes, am Ende erfolgreiches Ringen. Bedeutung hat für mich, dass in meiner Amtszeit die Kulturangebote der Stadt deutlich ausgeweitet wurden, wir haben Qualitätsstandards entwickelt. Zudem wird Kleinkunst oder auch unser Stadttheater stärker unterstützt. Kultur ist ein wesentlicher Standortfaktor. Ich profitiere dabei von tollen Mitarbeitenden, von denen einer auch ehrenamtlich für ein Kulturzentrum arbeitet. Erfolg misst sich in der Politik dennoch oft am Geld. Für eine Kleinstadt in peripherer Lage gibt es bei uns zwar viele Einrichtungen, die aber auch viel kosten. In den vergangenen zehn Jahren habe ich den Wirtschaftsstandort angekurbelt, neue Unternehmen haben sich angesiedelt und Arbeitsplätze wurden geschaffen. Ein Drittel der Gerolzhöfer:innen wohnen und arbeiten hier. Das ist eine hohe Quote für den ländlichen Raum. Das schafft Lebensqualität, man spart Zeit, Geld und CO2. Und die Gewerbesteuer ermöglicht Spielraum für Angebote wie Skaterpark, Summer Open Air, Schwimmbad, Spielplätze. Nicht zuletzt ist es eine wichtige Aufgabe, die Ehrenamtlichen zu unterstützen, die dafür sorgen, dass bei uns neue Bürger:innen sehr gut integriert werden. Gerolzhofen ist ein leuchtendes Beispiel dafür, wie Integration von geflüchteten Menschen und gesellschaftliches Miteinander hervorragend funktionieren können.

Und wie frustrierend kann das Politikmachen sein? Oder anders gefragt: Warum machst du es trotzdem?
Atilla Cikoglu: Es kann schon sehr frustrieren, wenn die Mehrheiten für Beschlüsse fehlen, wenn Ressourcen für eine Umsetzung fehlen. Aber wenn ich es nicht mache, macht es ein anderer und wahrscheinlich macht er es nicht so, wie ich es machen würde.
Anja Hübner: Prozesse sind teilweise lang und komplex, man arbeitet viel an Nuancen und hat dabei kaum Erfolgserlebnisse. Aber wenn man es endlich geschafft hat, einen Antrag durchzubringen, hat man tatsächlich direkt etwas verändert, etwas, das sichtbar und spürbar ist, und das lässt mich am Ball bleiben. Außerdem löst jedes dämliche Verhalten rechtsradikaler und konservativer Politiker:innen bei mir ein „Jetzt erst recht!“ aus. Ich neige in der Hinsicht wohl eher zum Kampf- als zum Fluchtreflex.
Jan Eckhoff: Primär ist es bei mir als Angestellter der Partei natürlich erst mal ein Job, aber ich bin auch mit Herzblut dabei. Das liegt vor allem an den vielen wunderbaren Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren, weil sie eine starke Agenda haben und sich einfach nicht kleinkriegen lassen. Manche kämpfen vielleicht „nur“ für den Erhalt eines bestimmten Baumes oder eine Tempobegrenzung in einem Wohngebiet, andere engagieren sich für Tierrechte und wieder andere für die Lösung der kommunalen Altschuldenproblematik – aber immer wieder sitzen sie auch mal einfach bei einem Getränk zusammen und bestärken sich gegenseitig.
Kathy Völkel: Wie ich bereits erwähnt habe, ist es oft nicht einfach als Frau, die sich nicht in ein System pressen lassen und sich auch bewusst optisch von den Anzug tragenden Menschen abgrenzen will. Während die einen hinterm Rücken bemängeln, dass man eine Mütze während der Sitzung trägt, aber nicht verstehen, dass Krawatte und Jacket nichts über politische Qualitäten aussagen, oder man selbst das Skateboard nutzt, um zur Sitzung zu kommen, statt den hochpreisigen SUV. Da die Menschen aber nicht verstehen, dass sie die mit dem fehlenden Blick über den Tellerrand sind, fällt es doch manchmal schwer, sich davon abzugrenzen. Zum Glück haben wir aber viele tolle Leute, die es schaffen, das anders zu sehen. Was wirklich wirklich schwer zu ertragen ist, sind die Bearbeitungszeiten. Da wird ewig verhandelt, vom Ausschuss in den Rat geschoben, dann noch mal ein Experte befragt ... Das könnte sicher oft viel, viel schneller und effizienter gehen, scheitert aber an politischen Strukturen. Wieso ich das trotz allem immer noch mache? Es ist immer leicht, von zu Hause aus zu meckern. Ich will aber lieber Verantwortung übernehmen, ich möchte wenigstens die Chance haben, meiner Meinung Gehör zu verschaffen. Ich möchte ein gutes Beispiel für meine Kinder sein, dass man anders sein und trotzdem im System etwas bewirken kann. Ich möchte Mauern einreißen und Brücken bauen. Das ist mein innerer Antrieb.
Thorsten Wozniak: Ich habe Bock darauf, meine Stadt mit zu gestalten. Deshalb mach ich’s. Klar ist aber auch: Egal, was man macht, es gibt immer welche, die motzen. Frustrierend ist, dass die Motzenden oft diejenigen sind, die sich selten bis nie beteiligen. Auch sind – flächendeckend – Anfeindungen deutlich gestiegen. Davon bleibe ich bisher weitgehend verschont. Aber auch ich merke, dass der Umgangston rauher wurde. Am Ende ist das aber nur ein geringer Teil des Alltags. Zum Ausgleich gibt es viele wunderbare Momente, auch Zuspruch und Erfolge.

Vor dem Hintergrund der letzten Wahlkämpfe zeigte sich, dass gerade Kandidat:innen und Aktive linker Parteien teils massiven Angriffen und Übergriffen ausgesetzt waren. Wie nimmst du die aktuelle Situation und Debattenkultur wahr?
Atilla Cikoglu: Ich mache mir da echt keinen Kopf. 2004 wurde ich mit meiner Adresse auf der Homepage der NPD veröffentlicht, zusammen mit einer großen Liste weiterer Kandidaten für die Kommunalwahl in NRW. Die Debattenkultur hat sich leider deutlich verschärft. Aber da weiß ich, woran ich bin. Ich habe viel größere Angst vor den Stillen, die die Hetzer wählen.
Anja Hübner: Wir waren im letzten Wahlkampf fast immer zu zweit plakatieren, da man recht häufig angesprochen wird und das leider auch zunehmend feindselig. Beschimpfungen und Herabwürdigungen im Netz gehören schon fast zum Alltag, Polemik und Hass dominieren nahezu alle Debatten, es geht kaum um Inhalte, sondern nur noch um Erniedrigung, Ausgrenzung und Macht. Mit dem Erstarken der AfD spürt man diese Entwicklung auch immer mehr im politischen Raum. Es hat sich dadurch aber auch ein Solidaritätsgefühl aller nicht-rechten demokratischen Parteien untereinander entwickelt, wir sind wachsam, halten auf kommunaler Ebene zusammen, schützen und unterstützen einander gegen Gewalt und Bedrohung von rechts. Ihr habt vielleicht in den Medien von dem AfD-nahen Greifswalder Polizisten gelesen, der Daten von linken Personen abgerufen und an Rechtsextremisten weitergegeben hat? Zu den Betroffenen gehörte ich und die Tatsache, dass die Gerichte sich weigerten, dies als politische Tat zu bewerten, ist meines Erachtens bezeichnend für den vorherrschenden Zeitgeist.
Jan Eckhoff: Meine erstes indirektes Erlebnis mit politischer Gewalt war rund um die Hambi-Proteste. Da stand plötzlich ein Streifenwagen vor der Tür und ich hatte die Polizei am Telefon, die mich vor einer „diffusen Bedrohungslage“ gewarnt hat. Das macht schon Angst. In anderen Städten haben sie Scheiben eingeschmissen oder meinen Kolleg:innen in den Briefkasten gepisst. Bei Drohbriefen und Aufklebern am Schaufenster oder Beleidigungen am Telefon stumpfe ich ja mittlerweile eigentlich schon ab, aber wenn jemand deinen Kindern Vergewaltigung und Ermordung wünscht, das macht was mit dir. Schlimm war es in Dortmund: Da siehst du plötzlich in den Nachrichten ein Foto, wie ein bekannter Nazi mit einer Schusswaffe genau auf deinen Arbeitsplatz zielt. Im Europawahlkampf ist das teilweise echt unangenehm gewesen. Da haben uns die Leute schon manchmal heftig beschimpft und beleidigt, wir hatten Sicherheitsworkshops und all so was, also wann diskutiert man noch und wann rennt man besser weg. Und die, die dich bepöbeln und bedrohen, sind Typen, die ernsthaft behaupten, sie dürften ja gar nichts mehr sagen. Das alles wird auch nicht besser. Schau dir mal einen x-beliebigen Beitrag der Grünen bei Insta an, wie viel Hass da drunter steht. Die ganze Diskussionskultur haben die Faschos und Populisten extrem vergiftet und viele, selbst in manchen demokratischen Parteien, kapieren das noch immer nicht.
Kathy Völkel: Da ich Politik in einer Kleinstadt mache, ist es bei uns relativ ruhig. Hier geht es eher aktiv gegen Grüne und das in bester Kneipenmanier. Eine aktive Linke gibt es in unserem Rat genauso wie die AfD aktuell nicht.
Thorsten Wozniak: Übergriffe gehen gar nicht. Auf niemanden! In unserer schnelllebigen Zeit ist die Aufmerksamkeitsspanne sehr gering geworden. Deshalb dringen unreflektierte Schlagzeilen von Populisten so gut durch. Die bieten scheinbar einfache Lösungen. Wenn wir aber Politik nicht mehr erklären und nur noch Halbwahrheiten, Populismus und Fake News öffentlich stattfinden, dann kommt es zu Übergriffen. Medien und Politiker:innen tragen Verantwortung dafür, Politik und Gesellschaft zu erklären, Fake News zu entlarven. Zumindest im Kleinen können wir dazu beitragen.

Die Brandmauer: Keine Zusammenarbeit mit der AfD in keinerlei Hinsicht. Was sind deine Erfahrungen, Prognosen, Befürchtungen?
Atilla Cikoglu: Die Frage ist, für wen war oder ist das eine Brandmauer? Hier im beschaulichen Moers ist das bis jetzt noch kein Problem. Für die nächsten Kommunalwahlen 2025 in NRW sehe ich jedoch braun. Da wird sich zeigen, wie die Zusammenarbeit in den einzelnen Kommunen aussieht. Meine Befürchtung ist, dass sich überall die Braunen breitmachen werden.
Anja Hübner: Jetzt wird’s düster, sorry dafür. Meine Erfahrungen: Eine Brandmauer hat es nie gegeben. Shake Hands zwischen Konservativen und Nazis ist Normalität und das war es auch schon immer. Meine Prognose: Wenn uns die Steine für die Brandmauer geklaut wurden, müssen wir eine Eimerkette bilden und den Brand löschen. Gelingt uns dies nicht, brechen bittere Zeiten an. AfD-Verbot jetzt! Meine Befürchtung: Dass die Demokratie erneut als Steigbügelhalter für Faschist:innen herhalten muss, wenn das Verbot der AfD scheitert.
Jan Eckhoff: Neben der AfD haben wir ja jetzt auch das BSW, das neben einem stumpfen Linkspopulismus auch nationalistische Tendenzen aufweist und aus dem Stand starke Wahlerfolge einfährt. Am ehesten befürchte ich, dass zwischen den beiden eine Zusammenarbeit entstehen könnte und sie stabile Mehrheiten bekommen. Aber die aktuellen Erfahrungen in einigen Bundesländern und Kommunen zeigen ja auch schon jetzt, dass in Teilen der CDU die Brandmauer nicht mehr ist als nur ein Wort. Und da, wo sie noch steht, wird mittlerweile selber immer mehr ausgrenzende und rassistische Politik betrieben. Das ist eine gefährliche Diskursverschiebung, mit der man die etwa 8% der Bevölkerung, die ein geschlossen rechtsextremes Weltbild haben und die es eigentlich schon immer gab, nicht für die Demokratie gewinnt. Stattdessen werden viele andere, die vielleicht wirklich nur Sorgen haben und dem Populismus auf den Leim gegangen sind, in ihrem Weg nach ganz weit rechts bestätigt.
Kathy Völkel: Wir haben hier in Datteln noch keine aktive AfD, aber ich befürchte, dass sich das mit den nächsten Wahlen ändern wird. Ich halte nichts davon, Menschen aufgrund ihrer Parteizugehörigkeit zu meiden. Auch hier gilt für mich die Offenheit zum Dialog, jedoch auch die Weigerung zur Zusammenarbeit. Die Wahlergebnisse der AfD spiegeln die allgemeine Unzufriedenheit der Menschen wider. Natürlich macht es mich traurig, dass man der in dieser Art und Weise Ausdruck verleiht, aber eine Demokratie muss das aushalten können. Ich hoffe immer noch darauf, dass genau diese Entwicklung endlich den Umschwung zu einer modernen Politik bringt, die Menschen beteiligt, die nicht mehr Lobby-finanziert ist und es wieder schafft, den Menschen ein Gefühl von Sicherheit zu vermitteln.
Thorsten Wozniak: Keine Zusammenarbeit mit der AfD – auf keiner politischen Ebene! Auch wenn sich manche AfD-Politiker:innen zum Beispiel auf kommunaler Ebene fast wie gute Nachbarn darstellen, so entlarven sie sich doch im direkten Gespräch und bei vielen Diskussionen. Trotzdem befürchte ich, dass die AfD nicht nur bei der Bundestagswahl, sondern auch in den vielen kommunalen Vertretungen stärker werden wird. Denjenigen, die die AfD wählen wollen, vielleicht aus „Unzufriedenheit“, müssen wir verdeutlichen, dass sie damit eine rechtsextreme Partei wählen, die Menschen ausgrenzen will, die auf Nationalismus statt auf Miteinander setzt. So fing es schon einmal an.

Zum Schluss: Was müsste sich ändern, damit Politik besser wird?
Atilla Cikoglu: Auf kommunaler Ebene ist Politik im Grunde schon sehr gut. Jede Entscheidung wird mit den Bürgerinnen und Bürgern doch direkt kommuniziert, erklärt und erläutert. Die Ratsmitglieder können sich ja der Bürgerschaft nicht entziehen. Die Menschen fühlen sich teilweise mit den Themen überfordert, daher ist immer eine mediale Strategie notwendig, um komplexe Dinge so zu kommunizieren, dass sie jeder auf Anhieb verstehen kann.
Anja Hübner: Politik muss vielfältiger und bunter werden, wir brauchen mehr junge Menschen, mehr queere und weiblich gelesene Personen, Menschen mit Migrationsgeschichte, Menschen aller Einkommensklassen und Bildungsgrade. Politiker:innen brauchen viel mehr Empathie und viel weniger Ego, dann klappt’s auch mit der Zukunft.
Jan Eckhoff: „Gute“ oder „bessere“ Politik kann in einer Demokratie wohl auf hundert verschiedene Arten interpretiert werden. Im Ende steht und fällt alles damit, dass wir uns mehr engagieren, als nur hin und wieder mal wählen zu gehen und ansonsten im Internet in die Kommentarspalten zu kotzen. Das muss gar nicht in einer Partei sein, die sind ja nur ein Teil von Politik. Viel wichtiger ist es eigentlich, dass sich die Menschen wieder mehr in Initiativen, in NGOs, in Hilfsorganisationen oder auch ganz einfach in Vereinen organisieren und wieder ernsthaft miteinander diskutieren, zusammenkommen, Vorurteile abbauen. Das ist das DIY, das wir aus dem Punk kennen, das kann man überall in die Gesellschaft tragen und sie so besser machen – dann wird zwangsläufig auch die Politik besser.
Kathy Völkel: Ich glaube, ganz hart gesagt, dass diese Politik, wie wir sie kennen, nicht mehr zukunftsfähig ist. Die Menschen nehmen nicht mehr blind hin, was „die da oben“ so machen. Und das ist auch gut so. Patriarchalische Strukturen sind einfach nicht mehr zeitgemäß. Wir brauchen moderne politische Strukturen, die sich von Parteien lösen. Nie zuvor wurden so viele Kleinstparteien gewählt wie bei den letzten Wahlen. Das zeigt ganz klar, dass sie Menschen den großen Parteien nicht mehr vertrauen und andere Wege gehen wollen. Ein Grund dafür ist ganz sicher auch die völlig desolate Pandemiepolitik, die einmal mehr deutlich gemacht hat, dass solange Parteien von Großkonzernen finanziert werden, nicht Politik für das Volk gemacht wird. Was ich mir gut vorstellen könnte, wäre ein System, in dem Bürger ein größeres Mitbestimmungsrecht bekommen, wo das Kreuz auf dem Wahlzettel nicht den letzten aktiven Einfluss für die nächsten Jahre bedeutet. Es darf einfach nicht sein, dass jeder weiß, dass Wahlversprechen sowieso Lügen sind und diese Realität einfach dazugehört wie Campino zu den Hosen. Es darf nicht sein, dass Menschen in Machtpositionen immer wieder mit Skandalen jeglicher Art durchkommen und so nicht nur das bereits geringe Vertrauen verlorengeht, sondern das die Menschen auch dazu bringt, sich zu „Protestwählern“ falscher Alternativen zu entwickeln.
Thorsten Wozniak: Mehr Verständnis für andere Meinungen und Lebenseinstellungen, weniger Populismus, mehr Diversität in den Parteien, Gremien und Parlamenten. Dazu weniger Bürokratie und bessere finanzielle Ausstattung der Kommunen, so dass auch kleine Projekte vor Ort einfacher gefördert werden können.

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