© by Joachim HillerDas italienische Duo THE JACKSON POLLOCK ist pure Energie: Vorne steht Davide, hinten wütet Emily am Schlagzeug und singt auch noch. Ein Garage-Punk-Duo, das man live erlebt haben muss. „Today Forever“ heißt ihr Album, das gerade auf Rookie Records erschienen ist.
Ich bin zum ersten Mal auf euch aufmerksam geworden, als ihr im November 2024 als Vorband für EA80 in Leverkusen aufgetreten seid.
Emily: Wie cool, dass du auch da warst! Wir haben uns sehr gefreut, dass wir als Vorband dieser legendären Band spielen durften. EA80 sind fantastisch und vor allem tolle Menschen. Wir haben gesehen, wie sehr die Fans sie lieben, und es war herzerwärmend, in dieser liebevollen Atmosphäre willkommen zu sein und zu spielen. Wir sind THE JACKSON POLLOCK, wir spielen, was wir fühlen.
Wie ging es los mit der Band?
Emily: Wir haben uns vor langer Zeit durch die Musik kennengelernt. Davide schrieb seine eigenen Songs mit der Gitarre und wollte mit einigen Freunden eine Band gründen. Ich hatte Liebeskummer und sang gerade einen wirklich schrecklichen Song auf der Straße, als ein gemeinsamer Freund mich hörte und meinte, ich könnte bei ihnen singen. Also sagte ich: Versuchen wir es! Davide gab mir diese fantastische CD mit den Songs, die er geschrieben hatte, nur mit Gitarre, und das war das Punkigste, was ich je gehört hatte! Er hatte das Ganze mit dem Computer aufgenommen und das Mikrofon direkt in den PC-Anschluss gesteckt, es gab viele Hintergrundgeräusche, die Gitarre war pure Elektrizität und bei einem Track schrie seine Mutter irgendetwas aus dem ersten Stock. Aber die Musik war so schön, dass ich begeistert war. Seitdem machen wir zusammen Musik, ich spiele Schlagzeug und singe, und Davide spielt Gitarre und Bass, und das ist das Beste, was ich bisher in meinem Leben gemacht habe.
Davide: Der Song war furchtbar, aber ich fand Emily trotzdem großartig. Ich war in dem Moment nicht dabei, aber als wir sie zum ersten Mal hörten, bekamen wir sofort Gänsehaut. So haben wir uns kennengelernt, aber THE JACKSON POLLOCK sollten erst Jahre später entstehen.
Emily, an diesem Abend in Leverkusen war ich sehr beeindruckt von deinem „Stunt“: Du hast so heftig getrommelt, dass du rückwärts vom Hocker gefallen bist, aber irgendwie hast du weitergespielt. Passiert das oft ...? Es sah so aus, als hättest du dich wirklich von deiner Performance mitreißen lassen.
Emily: Danke! Du hast recht, wenn ich spiele, gebe ich immer alles. Schon bei unserem zweiten Auftritt bin ich während des Soundchecks abgestürzt. Damals stand das Schlagzeug am hinteren Rand der Bühne, und dahinter war eine riesige Lücke. Zum Glück bin ich noch am Leben, aber ich war komplett darin verschwunden ... Wie wir gelacht haben! Abgesehen davon kann man nie wissen, was passieren wird – manchmal fallen die Becken oder die Toms herunter, oder die Trommeln laufen von selbst durch den Saal, manchmal verletze ich mich auch, manchmal tauchen Leute auf der Bühne auf .... Außerdem hatten wir drei- oder viermal einen Stromausfall, als wir spielten. Wenn solche Dinge passieren, finde ich das irgendwie amüsant, vielleicht weil ich Chaos und Anarchie mag. Aber das Wichtigste ist, niemals aufzuhören. Es ist wie ein Kampf, ich habe das Gefühl, dass ich die Spannung bis zum Ende halten muss, damit ich hinterher mit mir wirklich zufrieden bin.
Ich war mal in New York im MOMA. Da haben sie einige beeindruckende Kunstwerke von einem Mann namens Jackson Pollock. Wart ihr das in einem früheren Leben ...?
Davide: Ja, aber wir haben unsere Lektion gelernt und fahren jetzt vorsichtiger [Pollock, der als Begründer des Action Painting gilt, starb 1956 bei einem Autounfall. Anm. d. Red.]. Wir mögen das Konzept: einfach, aber neu, persönlich und erfrischend; ein Teil seiner Kunst findet sich in unserer Musik wieder: Die Bewegung ist Teil des Klangs, und manchmal ähnelt die Snare einem seiner Bilder, auf die Blut getropft ist.
Warum habt ihr euch für diese rudimentäre Duo-Besetzung entschieden? Ist das eher befreiend oder einschränkend?
Davide: Das war nicht bewusst geplant. Am Anfang wollten wir einfach nur zusammen spielen, aber wir wussten nicht viel darüber und auch nicht, wie man das macht, also sind wir, glaube ich, den üblichen Weg gegangen: Emily hat einfach gesungen und ich habe Gitarre gespielt. Ich war begeistert von ihren stimmlichen Fähigkeiten und sie schien meine Kompositionen zu mögen. Wir haben ein paar Songs geprobt und auch ein paar Gigs gespielt. Der nächste Schritt wäre gewesen, es zumindest mit einem Schlagzeuger auszuprobieren. Wir haben jemand gefunden und ein paar Proben gemacht, aber eines Tages hat er uns in letzter Minute versetzt. Wir hatten den Raum im Voraus bezahlt, also blieben wir und alberten etwas herum. Was dann passierte, ist unglaublich, aber es ist eine wahre Geschichte. Aber es war so, dass Emily ein perfektes Paar Drumsticks im Mülleimer fand und meinte: „Lass uns spielen!“ Und ich weiß nicht, wie ich es erklären soll, aber ohne jemals zuvor hinter einem Schlagzeug gesessen zu haben, legte sie los, und sie war auch noch unglaublich gut darin!
Emily: Der ganze Prozess, so mit dem Spielen anzufangen, war wie ein Befreiungsschlag. Erstens weil ich am Anfang gar nicht Schlagzeug spielen konnte, ich wäre eigentlich auch nie auf die Idee gekommen, es ist einfach passiert. Ich denke, dass gewisse Hürden, wie das Fehlen bestimmter Instrumente oder kreativer Mitstreiter, absolut anregend sein können, um über sich hinauszuwachsen und mit dem auszukommen, was man hat. Es ist eine Herausforderung, und ich liebe es, mich dem zu stellen. Da wir zum Beispiel keinen Bassisten haben, der ständig mit uns spielt, konnte ich mehr von den natürlichen Klängen meiner Trommelfelle entdecken, inspiriert von den Orchesterpauken. Ich liebe diese Instrumente, sie können so tiefe und warme Töne erzeugen, fast wie ein Bass, und ich versuche, mit einem einfachen Setup etwas Ähnliches zu erreichen, über den üblichen Kickdrum- und Snare-Einsatz hinaus, der zwar supercool ist, aber ich wollte einfach meinen eigenen Weg gehen und etwas ausprobieren, das meine Neugier herausfordert. Außerdem verschmelzen Gesang und Beats automatisch miteinander, und ich muss nur Davides Gitarre folgen, also ist es letztlich einfach und irgendwie auch „kompakt“.
Habt ihr musikalische Vorbilder in Bezug auf diesen minimalistischen Ansatz?
Davide: Man denkt natürlich sofort an die WHITE STRIPES, aber eigentlich war unser Vorbild die Sub Pop-Band NO AGE. Wir waren bei ihrem Konzert in Bologna und es war grandios. Emily und ich sahen uns an und hatten denselben Gedanken: Wir können auch nur zu zweit sein.
Emily: Ja, genau! Das Konzert war super, aber vor allem eine augenöffnende Erfahrung. Ich dachte: Man kann hinter dem Schlagzeug singen! Und ich sah, wie Davide mich ansah, und wusste, dass wir genau dasselbe dachten: Zwei Leute sind schon eine Band. Es gibt so viele coole Duos, vielleicht auch weil man Glück haben muss, die richtigen Leute zum Musizieren zu finden, und das Reisen ist einfacher – auch weil die Polizei einen nicht so oft anhält ...
Ist das Spielen in dieser Band mittlerweile eine Art „Karriere“ oder habt ihr noch Jobs zu Hause in Bologna?
Emily: Eines Tages haben wir alles hingeschmissen, Jobs, meinen mühsam erworbenen Uni-Abschluss, und haben angefangen zu reisen, um das Einzige zu tun, was uns guttut und uns das Gefühl gibt, wirklich lebendig zu sein. Es ist nicht einfach, wir haben auch keine Familie, die uns unterstützen könnte oder so, aber wir dachten, dass es einen Versuch wert ist. Es ist immer möglich, umzukehren und uns wieder Jobs zu suchen, also hatten wir keine Angst. Ich denke, wir haben nur ein Leben und ich möchte es in vollen Zügen leben – und ganz unerwartet haben wir auf unserem Weg viel Unterstützung gefunden. Zum Glück gibt es wunderbare Menschen um uns herum, die uns verstehen und uns ermutigen weiterzumachen.
Davide: Wir haben etwas spät angefangen, glaube ich. Wir kamen aus schwierigen Verhältnissen und sobald wir eine gewisse Stabilität erreicht hatten, dachten wir „Jetzt oder nie“ und kündigten unsere Jobs. Wir fingen an, überall zu spielen, schrieben Mails an fast alle, die uns einfielen, und die Einladungen begannen zu fließen. Alles geschah ein bisschen zufällig, aber stets mit der Idee, niemals stillzustehen, sondern immer voranzukommen. Die letzte Deutschlandtour brachte uns das Album auf Rookie Records ein – Danke an Sévérine Kpoti –, wir erhielten ein Angebot von Kill Me Booking und so weiter. Wir sorgen immer dafür, dass es geschmeidig weitergeht. Oder vielleicht leben wir auch einfach gerne „on the edge“.
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