
Was bedeutet Authentizität in einer Musikwelt, in der vieles gleich klingt und nur auf Algorithmen zugeschnitten ist? Für JAGGED CITY ist das keine akademische Frage. Die Band folgt einfach ihrem eigenen Gefühl. Jake Woodruff (DEFEATER) und Carlos Torres (ex-EXPLOSIONS IN THE SKY) setzen bei ihrem Debütalbum „There Are More Of Us, Always“ bewusst auf Haltung statt Hochglanz. Im Gespräch stellt Jake Woodruff klar: Authentizität ist hier kein Marketingbegriff, sondern ein Statement gegen Perfektion, gegen KI, und ein Plädoyer für Musik mit menschlichem Herzschlag.
Eure Musik wirkt sehr menschlich, roh. Was bedeutet „Echtheit“ für euch in einer Zeit, in der Inhalte zunehmend von KI produziert werden?
Wir haben das Album vor über anderthalb Jahren aufgenommen, lange bevor KI so ein großes Thema war. Uns ging es um rohe, direkte Musik, die nicht überproduziert ist. Carlos und ich hören viel Punk und HipHop und das hat sich auch auf JAGGED CITY übertragen. Gleichzeitig lieben wir Instrumental-Rock, Carlos hat fast zehn Jahre bei EXPLOSIONS IN THE SKY gespielt. Da wir alles selbst finanziert haben, war die Studiozeit begrenzt. Die Songs sollten für sich sprechen und eine menschliche Verbindung ermöglichen oder auch nicht. Das Ganze fühlte sich eher wie ein kreatives Kunstprojekt an. Im Gegensatz dazu kann KI höchstens Oberfläche imitieren, aber keine wirklich menschliche Wirkung erzeugen.
Aber Instrumentalmusik erfordert auch Aufmerksamkeit und Geduld. Wie fühlt es sich an, damit mit einer Streaming-Welt zu existieren, die von Geschwindigkeit und Algorithmen getrieben wird?
Das weiß ich nicht genau. Wir machen uns darüber weniger Sorgen. Sobald wir mit der Musik fertig waren, haben wir uns Gedanken gemacht, wie wir sie veröffentlichen können, und wir haben eine Version auf Spotify hochgeladen. Wie du schon sagst, ist Aufmerksamkeit wirklich wichtig. Wir schätzen es sehr, wenn sich ein Hörer die Zeit nimmt und sich auf unsere Musik konzentriert. Es hat etwas Schönes, sich hinzusetzen, die Linernotes zu lesen und einfach nur zuzuhören, ohne Ablenkung.
Dadurch, dass kein Gesang vorhanden ist, lässt eure Musik viel Raum für Interpretation. Glaubst du, dass die Zuhörer heutzutage noch bereit sind, sich mit solchen offenen Formaten auseinanderzusetzen? Viele wollen ja gar nicht mehr nachdenken.
Ich glaube, dass jeder, wirklich jeder noch die Fähigkeit besitzt, innezuhalten und tief durchzuatmen. Genau das ist einer der großartigen Aspekte an Instrumentalmusik: Sie funktioniert wie eine Interaktion. Wenn man die Musik anhält und mit ihr interagiert, wird sie für jeden Einzelnen zu einer Art Spiegelbild. Die Hörer bringen ihre eigenen Erfahrungen und Emotionen ein und die Musik reagiert auf jede Person anders.
Das macht Sinn. Trotzdem denke ich auch, dass Smartphones und Social Media unserer Fähigkeit zur Aufmerksamkeit schaden.
Ich habe mir diesen Sommer eine Woche Auszeit von meinem Handy genommen. Nach zwei oder drei Tagen hatte ich das Gefühl, mein Gehirn sei wieder da, und ich habe tatsächlich ein Buch zu Ende gelesen.
Genau. Und doch ist alles das auch für Bands sehr wichtig. Welche Rolle spielen soziale Medien für euch und wo zieht ihr die Grenzen?
Wir sind wie alle anderen. Wir versuchen noch herauszufinden, wie wir soziale Medien sinnvoll einsetzen können. Dieses Projekt steht noch am Anfang, aber bisher haben wir versucht, Social Media nur dann zu nutzen, wenn wir etwas zu sagen haben und nicht, um ständig präsent zu sein. Wir verwenden sie als Mittel zur Übermittlung echter Informationen.
Ich habe ausgerechnet, wenn man zwei Stunden pro Tag auf Social Media verbringt, sind das im Jahr insgesamt dreißig Tage, an denen man nur auf sein Handy schaut. Ich finde das total beängstigend.
Ja. Und man denkt an all die Dinge, für die man keine Zeit hatte, die man aber getan hätte, wenn man nicht abgelenkt gewesen wäre. Auch diese Zeit war nicht wirklich lohnend. Es gibt einem ein seltsames Gefühl.
Wenn man den Zustand der Welt betrachtet, sind es schwierige Zeiten und KI und Social Media sind dabei nur zwei Symptome unter vielen. Vor diesem Hintergrund gefragt: Wenn du deine Musik nicht als Produkt, sondern als Haltung begreifst, wofür stehen JAGGED CITY im Jahr 2026?
Wir haben kein Manifest, das festlegt, wofür wir stehen, sondern wir sagen: „für uns“. Es ist ein Raum für Kreativität und Ehrlichkeit. Zeit und Aufmerksamkeit in etwas zu investieren, das man selbst erschafft, steht für uns im Zentrum menschlicher Tätigkeiten, egal ob Musik, Brotbacken oder Gärtnern. Inmitten all der erschreckenden Zustände um uns herum betrachten wir Kreativität als Ausweg. Instrumental-Rock kann leicht realitätsfern wirken, das wollten wir vermeiden. Unsere Musik soll Zuflucht sein, aber auch zum Handeln anregen. Deshalb haben wir Band und Album auch nach einer Passage aus einem Buch von Hanif Abdurraqib benannt, die sich mit Polizeigewalt und unterdrückenden Strukturen auseinandersetzt. „Es gibt immer mehr von uns“ erinnert daran, dass wir trotz Isolation und Angst nicht allein sind. Musik kann helfen, durchzuatmen, sich neu zu zentrieren und wieder miteinander in Kontakt zu kommen. Das ist ein fruchtbarer Prozess, gerade angesichts von KI oder dem militärisch-industriellen Komplex.
© by Fuze - Ausgabe #116 Februar/März 2026 und Mia Lada-Klein
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