JINJER

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An die Spitze

Das mediale Interesse an JINJER ist überwältigend. Seit Mai gibt die Band täglich mehrere Interviews und steht Journalist:innen auf der ganzen Welt Rede und Antwort, wie Sängerin Tatiana Shmailyuk berichtet. Im Interview erzählt sie über ihr eigenes Bestreben, das Älterwerden und warum vor allem andere Musik als Metal eine zentrale Rolle in der musikalischen Sprache von JINJER einnimmt.

In den letzten Jahren haben sich JINJER mit einigem Aufwand weltweit einen Namen erspielt. Die ukrainische Metalband ist seit Jahren konstant auf Tour und arbeitet sich Stück für Stück weiter hin zur Popularität. Mit „King Of Everything“ haben JINJER es 2016 geschafft, auch in Deutschland Fans zu finden und auf Konzerten für sich zu begeistern. Spätestens als Support von Bands wie ARCH ENEMY im Jahr 2017 wurde schnell klar, dass JINJER auf dem besten Wege sind, eine steile Karriere zu machen. Diese Vermutung wurde mit „Micro“ und „Macro“ sowie Touren mit AMORPHIS und WINTERSUN bestätigt. Es folgten Touren in den USA und Auftritte auf großen Metal-Festivals in ganz Europa. Nun sind JINJER auf dem besten Wege, selbst als Headliner aufzutreten und die Massen von sich zu begeistern, was sich an immer größeren Hallen und steigenden Albumverkaufszahlen zeigt.

Der Weg an die Spitze
Mit „Macro“ landeten JINJER bereits auf Platz 33 der deutschen Albumcharts. Mit „Wallflowers“ könnte es noch höher hinauf gehen. Doch viel bedeutet das für die ukrainische Metalband nicht. „Es ist immer schmeichelhaft, wenn man sich selbst in den Charts sieht“, sagt Tatiana schmunzelnd. „Jedenfalls, solange es nicht dreistellig ist.“ Dennoch verfolgt sie diese Zahlen nicht emsig, denn mit Popmusik haben JINJER nicht allzu viel zu tun. Dabei machen sie mit ihrer progressiven Attitüde einen harten Metalsound massentauglich, was sich auch in den steigenden Fanzahlen auf den Konzerten der Band widerspiegelt. „Es ist nicht unsere Schuld, wenn Metal wieder beliebter wird. Es kommt wirklich immer auf das Subgenre an und als Progressive-Metal-Band ist man weit entfernt von anderen Bands, die Pop-Metal spielen.“

Für Tatiana geht es nicht darum, ein Metal-Star zu werden, sondern eher in der Nische, in der JINJER sich bewegen, zu wachsen. „Ich denke, das ist ziemlich cool und für mich ist es in Ordnung, eine ordentliche Prog-Metal-Sängerin zu sein“, sagt sie bescheiden. „Ich mag nicht darüber nachdenken, immer die Beste und Erste zu sein, weil dieser Wettkampf enorm viel Energie raubt.“ Ein Ziel wäre jedoch das Level einer Band wie OPETH zu erreichen, wie sie zugibt. „Dann könnte ich glücklich sterben.“ Also tut sie, was sie kann, folgt ihrem Pfad in ihrer eigenen Geschwindigkeit und lässt sich überraschen, wohin dieser sie führ. „Das ist die Schönheit des Lebens, wir wissen niemals, was passieren wird.“

Popmusik und harte Riffs
Mit Metal generell beschäftigt sich die Sängerin kaum. Stattdessen sind es die Eindrücke von außerhalb, die für den Sound von JINJER unabdingbar sind. „Die Einflüsse von anderen Genres sind das, was JINJER zu JINJER macht. Das ist für mich eine endlose Quelle der Inspiration. Eine Möglichkeit, mir Harmonien, Noten und alles, was ein:e Sänger:in sich abschauen kann, anzueignen.“ Dabei geht es Tatiana nicht darum, etwas zu stehlen oder abzuschauen, sondern viel eher die Einflüsse zu adaptieren und in einen Metal-Kontext zu integrieren. „Es wird noch immer nach Metal klingen, aber man kann hören, dass einige Elemente aus dem Jazz oder Reggae stammen.“ Diese und vor allem Einflüsse der Neunziger Jahre sind auch auf „Wallflowers“ klar hörbar. „Ich höre viel Musik aus den Neunzigern und immer, wenn ich Aspekte aus dieser Musik nehme und in den Sound von JINJER einfüge, hat es einen ganz anderen Geschmack.“

Dennoch geht es der Sängerin nicht darum, dass Metal zur neuen Popmusik wird. „Ich liebe Popmusik und kann mir viel daraus ableiten. In der Popmusik kann man alle verschiedenen Genres finden und auch dort gibt es Einflüsse aus Reggae, Jazz und Blues, oder sogar Folk-Melodien. Für mich ist das ein wahrer Schatz.“ Und wie steht es damit, selbst mal Popmusik zu machen? „Ich habe ein paar Ideen, was Kollaborationen betrifft, aber dafür bräuchte ich sehr viel Freizeit“, sagt Tatiana. Dennoch möchte sie ausprobieren, wie es wäre. „Nicht wie Britney Spears. Ich will keine Musik für Teenager schreiben. Ich habe auch keine Ahnung, womit man es vergleichen könnte, aber es gibt eine grobe Idee und ich bin gespannt, was dabei rumkommen könnte.“ Dahinter steht auch die Frage danach, was Tatiana als Popsängerin liefern könnte. Jedoch wäre dieses Experiment keine Solokarriere für die Sängerin, sondern eine einmalige Kollaboration mit einem anderen Musiker oder Ähnliches.

Widmung und Reife
Dass Tatiana dieses Projekt auch nur als kleines Gimmick sieht, bestätigt sich in ihrem Commitment für JINJER. „Ich weiß, dass ich in meinem Leben aktuell nichts anderes machen möchte als diese Band.“ Seit Jahren ist Tatiana mit JINJER konstant auf Tour und hatte zwischendurch nur selten Zeit für sich selbst. „Ich bin zufrieden damit, dass ich meinem Leben einer Sache widme und mich vollends darauf konzentrieren kann. Das hilft mir auch in meinem Bestreben, immer besser zu werden“, wie sie sagt. Dieses Bestreben spiegelt sich auch im sich entwickelnden Sound der Band wider. Vielen erscheint „Wallflowers“ erwachsener und durchdachter. „Wir sehen das genauso. Das Album ist viel reifer, weil wir natürlich auch älter werden und mehr Erfahrungen gesammelt haben. Es ist wie ein kleines Kind, das irgendwann erwachsen wird, und das lässt sich ebenfalls in der eigenen Musik erkennen“, so Tatiana.

Doch gibt es einen Punkt, bis zu dem JINJER noch weiter reifen und wachsen werden? „Das ist eine gute Frage. Ich stelle mir manchmal vor, wie ich als alte Frau bin, und frage mich, ob ich dann immer noch Musik mache“, erzählt Tatiana. „Ich kann mir das kaum vorstellen, haha. Was JINJER betrifft, denken wir alle, dass wir nicht bis in alle Ewigkeit weitermachen werden. Wir wollen nicht wie die SCORPIONS immer wieder denselben alten Kram auf die Bühne bringen.“ Das heißt auch, dass JINJER ab einem gewissen Punkt aufhören werden. Wann das jedoch ist, daran verschwendet kein Mitglied der Band einen Gedanken. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir mit achtzig Jahren ‚Pisces‘ live performen. Aber der Gedanke daran passt nicht in meinen Kopf.“

Zum richtigen Zeitpunkt
„Wallflowers“ ist ein aggressives und hartes Album geworden, das bestens in die Zeiten der Pandemie passt. „Es ist an der Zeit, nun all das, was ich schon vor der Pandemie im Kopf hatte, endlich auszuspucken und loszuwerden“, resümiert die Sängerin. Dabei hat die Pandemie jedoch keine ausschlaggebende Rolle gespielt. „Ich denke, auch ohne eine Pandemie würde ich diese Songs singen und hoffen, dass die Leute sich mit den Lyrics identifizieren können.“ Durch die Umstände jedoch habe das Album einen größeren Effekt und Impact, was die Lyrics betrifft. „Es ist dennoch ein unabhängiges Album und funktioniert auch ohne eine Pandemie“, sagt Tatiana selbstbewusst und ist sich sicher, dass das Album auch nach der Krise aktuell und relevant bleiben wird.

Doch nicht alles an der Situation um die Pandemie war negativ, denn durch die Zwangspause der letzten Monate haben JINJER neue Kraft gewonnen. Es mag verblüffend klingen, aber für Tatiana war diese Auszeit eine willkommene Abwechslung, die ihr zudem zeigte, wie sehr sie Live-Konzerte genießt. „Ich weiß nun wertzuschätzen, dass es so kam, da sich für mich viele Dinge zum positiven geändert haben. Ich kann die Shows wieder mehr genießen und es fühlt sich an wie eine frische Brise, ein Neustart.“ Viele Stars und Bands gönnen sich eine Auszeit und besinnen sich über Jahre bis zu einer Reunion, um mit neuer Energie weiterzumachen. Auch für JINJER ist diese Perspektive enorm wichtig – insbesondere nach einer Karriere, die auf unermüdlichen Fleiß gegründet ist.

Die Zukunft
Mit dieser Energie, der neugewonnenen Lust, auf Tour zu gehen, und dem wohl wütendsten und reifsten Album der Bandgeschichte, werden JINJER die Massen erneut in Schwung bringen. „Wir haben ja auch inmitten der Pandemie schon Social-Distancing-Shows gespielt und so seltsam es war, ich habe es wirklich genossen. Es ist schwierig Metalheads zum Sitzen zu bekommen und ihnen die Möglichkeiten zu moshen und zu headbangen zu verwehren, aber dennoch war es cool, ihnen diese Erfahrung zu geben“, erinnert sich Tatiana an die sechs Shows in Deutschland und der Schweiz. „Dennoch hoffe ich, dass es bei der nächsten Tour wieder komplett anders sein wird!“

Dass JINJER mit „Wallflowers“ den nächsten Schritt gehen werden, steht außer Frage. Selbst wenn Tatiana nicht danach strebt, Metal populärer zu machen, wird auch dieses Album einen Einfluss auf die Wahrnehmung der Metal-Szene haben und die Popularität des Genres weiter steigern. Auch weil JINJER so gekonnt Elemente aus R&B, Jazz, Reggae und Soul mit in ihre Musik fließen lassen. So ist die ukrainische Band bereits jetzt der heißeste Metal-Export, den das Land zu bieten hat, und das sorgt dafür, dass aus Menschen wie Tatiana Shmailyuk zwar noch kein Popstar geworden ist, aber definitiv eine Ikone und ein Vorbild, das in ihrer Nische brilliert.