
Neben einer heruntergekommenen Autowaschanlage in Lyon wurden 2018 die ersten Songs von JOHNNIE CARWASH geboren. Dass dieses Pop-Punk-Juwel trotz energiegeladener, schweißtreibender Shows und zuckersüßen Songs weithin noch unter dem Radar fliegt, ist absolut unverständlich. Höchste Zeit also für ein Interview mit Manon (voc, git), Maxime (dr) und Bastien (bs).
Ihr habt gerade eine längere Tour durch mehrere Länder absolviert. Wie waren eure Eindrücke?
Maxime: Das war unsere bisher längste Tournee – mehr als zwei Wochen durch vier verschiedene Länder.
Bastien: Wir wurden für einige Hallen gebucht, in denen wir bereits vor ein oder zwei Jahren schon gespielt hatten. Es war ein großartiges Gefühl, wiederzukommen und zu sehen, wie sehr die Zuschauerzahlen gestiegen sind.
Ihr habt auch zum ersten Mal in England gespielt. Das waren wahrscheinlich ganz neue Eindrücke für euch als Band, oder?
Manon: Das war in der Tat sehr aufregend. Als französische Band, die auf Englisch singt, war es eine echte Herausforderung, vor Muttersprachlern aufzutreten. So stressig!
Maxime: Wir waren bereit für die Hölle, denn wir kannten den Ruf der Engländer als Konzertveranstalter. Letztendlich waren wir aber sehr beeindruckt von der Effizienz und der schieren Menge an Konzerten überall, wir mochten die Live-Kultur dort.
Wenn man das Touren insgesamt sieht, ist es sicher eine Bereicherung, aber auch sehr anstrengend. Maxime, von dir weiß ich, dass du deshalb komplett auf Alkohol verzichtest, wenn ihr auf Tour seid.
Maxime: Es stimmt, dass ich Wert auf meine Form lege. Unsere Show erfordert 100% meiner Energie. Priorität hat die Show und der Schlaf danach, also keine Partys. Und ein kleines Aufwärmtraining vor der Show ist auch immer eine gute Idee.
Bastien: Vergiss niemals deine Schlafmaske und deine Ohrstöpsel. Niemals.
Manon: Es ist ganz einfach: Wir sind lieber langweilig hinter der Bühne und geben dafür auf der Bühne alles, was wir können.
Was ist das schönste oder das schlimmste Tourerlebnis in eurer Bandgeschichte?
Manon: Wir waren Ende 2021 auf Tour, im Dezember. Es hat die ganze Zeit über geregnet, viele Veranstaltungsorte waren immer noch durch Corona eingeschränkt, wir wurden kurz vor dem Ende krank und die letzten Shows wurden auch noch von den Headlinern abgesagt.
Maxime: Aber die meisten unserer Touren laufen ziemlich gut. Wir hatten die Gelegenheit, nach China zu fahren. Das war eine tolle Gelegenheit, wirklich unvergesslich. Und auch die verschiedenen Release-Partys, die wir hatten; wenn die Halle voll ist und alle unsere Songs laut mitsingen, das ist schon verrückt.
Kommen wir zur Musik. Eure letzte Platte „No Friends No Pain“ ist wieder vollgepackt mit Melodien und vielen Uuhuus und Aaahas. Gibt es spezielle Einflüsse?
Bastien: Ich denke, wir haben dieses Gimmick hauptsächlich von FIDLAR geerbt, denn wenn man danach süchtig ist, ist es schwer loszulassen.
Manon: Ich liebe Popmusik und ich denke, dass die Uuhuus und Aaahas Publikum und Band vereinen, weil man dann die Texte nicht verstehen muss, um mitzusingen.
Ich versuche mich seit einigen Wochen an Nachrichten-Detox, weil die Weltpolitik im Moment nur schwer zu ertragen ist. Bei euch stelle ich fest, dass ihr hauptsächlich über euch selbst singt und Politik und Weltgeschehen ausblendet. Eine bewusste Entscheidung?
Bastien: Ich versuche auch zu entgiften ... und werde jeden Tag rückfällig.
Manon: Ich mag die Idee, dass unsere Musik einen intimen Raum für uns und das Publikum schafft, um allen eine Pause zu gönnen und sei es nur für die Dauer eines Albums oder einer Show.
Bastien: Wir sprechen in unseren Songs viel über persönliche und emotionale Themen. Wir schließen nicht aus, dass sich diese mit politischen Inhalten überschneiden können, wie es in Songs wie „Slut skirt“ der Fall ist.
Manon: Unsere Musik und unsere Texte sind vielleicht nicht offenkundig politisch, aber mit unsere Handlungen und Entscheidungen legen wir Wert darauf, unsere politischen Überzeugungen zu vertreten: Feminismus, soziale Gerechtigkeit, Ablehnung jeglicher Form von Unterdrückung, Ökologie, Antikapitalismus ...
Die Cover eurer Veröffentlichungen zieren Hunde oder alte Fotos aus den 1980er/1990er Jahren. Was hat es damit auf sich, handelt es sich um Familienfotos von euch?
Manon: Was die Familienfotos betrifft, lief das sehr spontan: Ich bin über diese alten Alben gestolpert und habe sofort die richtige Stimmung gespürt.
Maxime: Das war für unsere ersten EPs, für die folgenden Alben haben wir mit Margaux Jaudinaud zusammengearbeitet, einer engen Freundin von uns.
Bastien: Wir wollten handgezeichnete, handkolorierte Bilder, die der Art und Weise entsprechen, wie wir denken und mit Musik umgehen.
Ich finde, in Frankreich gibt es eine unglaubliche Fülle fantastischer Bands. Habt ihr zum Abschluss ein paar Insidertipps für Bands, die hierzulande vielleicht noch nicht jeder kennt?
Manon: TH DA FREAK, IRNINI MONS, SIZ, JOHNNY MAFIA, FONTANAROSA, MADAM, TV SUNDAZE ... es sind eigentlich zu viele, um sie alle hier aufzuzählen. Hört euch alle Veröffentlichungen von Howlin’ Banana an, einem Pariser Label, das wir sehr schätzen. Das ist ein guter Anfang.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #181 August/September 2025 und Marco Scheurer