© by Wolfram HankeSchlagzeugerin bei DIE TÖDLICHE DORIS war jahrelang Käthe Kruse. Sie kam damals als 22-Jährige aus der Hausbesetzerszene und komplettierte das Kunstkollektiv. Bei Alben wie „Unser Debut“ oder „sechs“ wirkte sie mit und war an unzähligen Bühnenperformances beteiligt. Nach dem Ende der Band studierte sie Visuelle Kommunikation an der Hochschule der Künste in Berlin, arbeitet heute erfolgreich als Künstlerin und beschäftigt sich mit Themen wie Abtreibung oder Krieg. Die Zeit mit DIE TÖDLICHE DORIS war für Käthe Kruse prägend und voller Spaß und spontaner Ideen, erzählt sie im Interview. Eine andere Perspektive auf das Schaffen des Berliner Kunstkollektivs.
Käthe, wie bist du damals zu DIE TÖDLICHE DORIS gekommen?
Ich komme aus Bünde bei Bielefeld, wie auch Norbert Hähnel vom Kreuzberger Plattenladen Scheißladen, und bin nach Berlin in ein besetztes Haus gezogen. Norbert Hähnel hat dann 1981 im SO36 „Weihnachten mit Heino“ veranstaltet und mich aufs Plakat gesetzt. Dann habe ich mir gedacht, wenn mein Name schon mit SOILENT GRÜN, die man heute als DIE ÄRZTE kennt, genannt wird, dann möchte ich auch was bieten. Deshalb habe ich mich in schwarzes Leder gehüllt, mir schwarze Engelsflügel umgehängt und bin vor den Bands als Feuerspuckerin aufgetreten. Die Stimmung war desolat. Alle haben das Gefühl vermittelt, der 24. Dezember existiert nicht. Man kann den aber auch nicht einfach ignorieren. Damals waren Wolfgang Müller und Nikolaus Utermöhlen im Publikum, haben Norbert ihre Telefonnummern gegeben und mich um einen Anruf gebeten. Im Januar 1982 hatte ich dann im Arsenal-Kino in Berlin meinen ersten Auftritt mit DIE TÖDLICHE DORIS. Die wollten die „Naturkatastrophen“ aufführen, bei denen Strophen aus einem Kinderlexikon zu Naturkatastrophen rezitiert werden, und ich habe in Windeseile eine Klangperformance dazu entwickelt.
Wie hat sich DIE TÖDLICHE DORIS definiert? Als Kunstkollektiv oder als Band mit besonderen Aktivitäten?
Vor allem haben wir uns als „Geniale Dilletanten“ begriffen. Im September 1981 stand ich bei dem Festival vorne an der Bühne, als DIE TÖDLICHE DORIS mit Dagmar Dimitroff spielten. Das fand ich schon sehr cool damals. In den 1980ern herrschte das Gefühl: Jeder, der zwei Topfdeckel zusammenschlagen kann, bekommt auch die Möglichkeit, eine Platte aufzunehmen. Da war so eine krasse Aufbruchstimmung. Wenn man Energie und Ideen hatte, konnte man musikalisch alles erreichen. Wir waren alle genervt von klassischer Rockmusik, New Wave war uns auch zu glatt. Deshalb fand ich „Geniale Dilletanten“ wie EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN super. Wir haben uns alle in legendären Kneipen wie dem Risiko getroffen oder im Dschungel, wenn man tanzen wollte. Im Grunde haben wir uns anfangs schon als Band verstanden. Wolfgang und Nicki haben an der Hochschule der Künste studiert und dort den Auftrag bekommen, ein Plattencover zu gestalten. Dann dachten sie, wenn wir schon ein Cover haben, packen wir da auch eine Platte rein. So haben sie ihre erste Maxi mit Dagmar Dimitroff aufgenommen. Wir haben im SO36 gespielt und die „Naturkatastrophen“ für den „WDR-Rockpalast“ aufgenommen. Wolfgang und Nicki haben gleichzeitig mit Super-8-Filmen experimentiert. Die wurden teilweise auch als Kulisse für die Shows verwendet. Wir haben auch viele Konzerte in Kinos und Theatern gespielt. Die Kunst lief bei uns also immer gleichberechtigt neben der Musik. Natürlich auch, weil meine beiden Mitstreiter Visuelle Kommunikation studiert haben. In dieser Zeit sind auch sogenannte kaleidoskopische Bilder entstanden. Im ZDF gab es die Mainzelmännchen und in der ARD hatten sie zwischen den Werbespots immer grafische Clips mit kaleidoskopischen Bewegungen. Eines dieser Bilder, das wir dann benutzen durften, haben wir uns gekauft. Diese Bilder haben wir im Format 1 x 1,20 Meter gemalt. Es brauchte 44 Bilder, um diese kaleidoskopische Bewegung zu zeigen, und wir hatten in Stuttgart eine Ausstellung, bei der alle im Kreis hingen. Wenn man sich in der Mitte des Raumes gedreht und mit den Augen gezwinkert hat, konnte man die kaleidoskopische Bewegung sehen. Mit dem Aufkommen der digitalen Tonträger haben wir dann diese Puppenschallplatten gemacht. Es war sehr mühsam, eine Firma zu finden, die diese Schallplatten für Sprechpuppen herstellt. Die haben wir irgendwann in Italien entdeckt. Dann haben wir diese „Chöre & Soli“-Boxen produziert und mit Hilfe von Ursula Block von der Galerie Gelbe Musik und Carmen Knöbel vom Label Pure Freude herausgebracht. Letztere war vorher Wirtin des Ratinger Hofs in Düsseldorf. Wir haben diese acht Miniphon-Schallplatten mit 16 A-cappella-Liedern bespielt, unter anderem mit Tabea Blumenschein. Die waren binnen zwei Monaten vergriffen. Wir haben 1.000 Stück produziert. Alles handgefaltet und für 35 Mark verkauft, was damals wahnsinnig teuer war. Die werden heute im Netz für viel Geld gehandelt.
Wie habt ihr euch damals euer Leben finanziert? Die anderen beiden haben studiert und du hattest auch keinen regelmäßigen Job.
Ich war Hausbesetzerin und wir haben in Kreuzberg den Block 103 besetzt. Das waren acht verschiedene Häuser und wir haben uns zusammengetan. Wir haben eine Sanierungsgesellschaft und eine Genossenschaft gegründet, um den Leerstand zu beleben und günstigen Wohnraum zu erhalten. Im Keller dieses Hauses haben mehrere Bands geprobt, auch EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN haben damals in besetzten Häusern gelebt. Ich habe ein Café namens Milchbar gegründet, in der es regelmäßig Lesungen oder Super-8-Abende gab. Konsumieren konnte man nur Sekt, Whiskey, Kaffee oder Eiskaffee. Kein Bier, weil ich kein Bier mochte, haha. Ich musste monatlich eine Materialkosteneinlage von 60 Mark bezahlen wie alle Bewohner. Das Haus existiert auch immer noch. Ich bin vor zehn Jahren dort ausgezogen und habe dort 33 Jahre lang gewohnt. Die Genossenschaft hat irgendwann die Häuser gekauft und die Wohnungen sind inzwischen safe. Das ist also schon eine Leistung, was wir da geschaffen haben. Ich kriegte rund 400 Mark Arbeitslosengeld. Es war damals sehr günstig in West-Berlin. Essen und Kochen haben wir in der Hausgemeinschaft gemeinsam gestemmt und nichts kostete Eintritt. Zum Beispiel die Diskotheken. Wir haben also wenig Geld ausgegeben. Mit DIE TÖDLICHE DORIS haben wir auch immer wieder Dinge verkauft, wie Bilder aus der Kaleidoskop-Serie. Davon konnten wir wieder neues Material finanzieren. Es gab damals auch viele Tauschgeschäfte in Berlin. Man hat gar nicht so viel Bargeld gebraucht. Du kriegst die Platte, wenn du mir die Haare schneidest. Und wenn ich im Dschungel war, habe ich mich den ganzen Abend an einem Drink festgehalten. Außerdem hatte ich noch einen Bürojob bei einer Anwältin an zwei Nachmittagen in der Woche.
Was war die Antriebsfeder für DIE TÖDLICHE DORIS? Ich kann mir vorstellen, dass da ganz viel Spaß dabei war.
Das war wirklich so. Natürlich waren wir politisch und auch sehr kritisch den Medien gegenüber. Aber auch der Kunst und der Akademie gegenüber. Wir hatten das Gefühl, wir wollen möglichst so arbeiten, wie man als akademischer Künstler nicht arbeitet. Diese 44er-Bilderserie ist zum Beispiel in Lackfarbe und nicht in Öl oder Acryl entstanden. Das war einfach das Billigste. Wir haben sehr viel gelacht, wir haben uns jeden Tag getroffen und zu dritt zusammengesessen. Wir wurden aber auch bei Konzerten mit Tomaten beworfen und das Publikum hat sich gegenseitig angeschrien. Diejenigen, die uns toll fanden, und diejenigen, die uns schrecklich fanden. Gleichgültigkeit haben wie nie wahrgenommen. Wir hatten oft Auftritte, die wir nie an unseren Instrumenten geprobt haben, und immer die Fehler einbezogen, die wir gemacht haben. In Budapest haben wir einmal auf einem Festival gespielt und vor uns war eine Band, die mit Seifenblasen auf der Bühne experimentiert hat. Wir sind danach in gelben Kleidchen auf die Bühne gesprungen und Wolfgang hat gleich die Grätsche gemacht. Nicki und ich waren von Lachkrämpfen geschüttelt und sind hinterhergegrätscht. Wir haben A-cappella-Lieder gesungen, obwohl wir überhaupt nicht singen konnten. Auch all die Filme und Konzepte, die in dieser Zeit entstanden sind, waren mit sehr viel Spaß und Humor verbunden. Wenn man über sich selbst nicht lachen kann, wird es schnell traurig.
War es so, dass du als Frau in der Band oft für die Doris gehalten wurdest?
Das ist bis heute so geblieben. Das stelle ich aber immer klar. Ich bin Käthe von DIE TÖDLICHE DORIS. Ich bin die Schlagzeugerin.
Wie viel Berlin steckt in der Band? Wäre das in einer anderen Stadt auch möglich gewesen?
Ich bin mir nicht sicher. Das waren alles Leute, die sich speziell für Berlin entschieden haben. Berlin war die Mauerstadt, und in meinen Augen waren damals die tollsten Typen dort. Alle, die vor der Bundeswehr abgehauen sind. Berlin war mit Abstand die interessanteste Stadt und schon total queer. Es gab die tollsten Kostümierungen und die größte Freiheit. Unser Freund Reinhard Wilhelmi ging einfach nackt, nur mit einem transparenten Plastik-Kleid über die Oranienstraße. So was geht heute überhaupt nicht mehr. Diese Radikalität habe ich geliebt. In meiner Heimatstadt Bünde haben die Leute die Straßenseite gewechselt und meine Eltern haben sich auch immer für mich geschämt. Hier in Berlin konnte ich sein, wie ich wollte, und habe mich frei gefühlt. Für mich war Berlin eine freie Stadt, aber auch die schwierigere Stadt für die Kunst. Künstler, die sich für Düsseldorf oder Köln entschieden haben, hatten einen viel geradlinigeren Karriereweg als wir in Berlin. Dort floss viel mehr Geld. Die ganzen Fernsehsender wollten alle Berliner Bands immer vor der Mauer filmen, dagegen haben wir uns gewehrt. Als der „WDR-Rockpalast“ kam, sind wir zu einem Kinder-Bauernhof an der Mauer gegangen. Da war ein Sandhügel, man konnte die Mauer also nicht sehen. In Berlin hatte man die Möglichkeit, günstig zu wohnen in einem der insgesamt 364 besetzten Häuser. Es gab keine Sperrstunde und so viel Leerstand, dass für Kneipen, Bars und Auftrittsorte immer genug Platz war. Das waren enorme Freiräume, das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Heute ist Berlin bunt und grün, damals war es noch trist und grau. So wie Ost-Berlin kurz nach der Wiedervereinigung. Das Haus, das wir besetzt hatten, hatte nicht eine intakte Fensterscheibe, man konnte vom ersten Stock aus bis ins Dach hochschauen, weil die Decken nicht durchgehend intakt waren. Das war eine kaputte und sehr arme Stadt, die aber voller Möglichkeiten war.
Wart ihr Teil einer Szene mit anderen Bands? Wo würdest du DIE TÖDLICHE DORIS verorten?
Teil der Kunstszene waren wir anfangs nicht wirklich, weil Wolfgang und Nicki noch studiert haben. Anfangs haben wir uns eher in Richtung Musikszene orientiert, aber wir haben uns nicht als Musiker:innen begriffen. Die Neubauten zum Beispiel sind total durch die Decke gegangen. Dadurch, dass die so rhythmisch waren, hatten sie mehr Chancen, populär zu werden. Unsere Chance lag eher in der Vielfalt, also auch in Kunst und Film. Wir haben uns nicht als Künstler:innen gesehen, aber auch nicht als Punks. Obwohl wir oft in diese Richtung geschubst wurden. Ich hatte zwar viele Punks als Freunde, aber wir waren einfach anders. Am Ende haben wir gedacht, wir sind eher Avantgarde als Punk. Wir waren etwas ganz Neues, etwas ganz Eigenes. Wir wurden 1984 nach New York ins The Kitchen eingeladen, ein sehr experimenteller, cooler Ort. Die Performance-Künstlerin Laurie Anderson saß 1987 bei uns im Publikum und wir wurden ins Museum of Modern Art oder zur documenta 8 in Kassel geholt. Wir sind also doch irgendwann von der Kunstszene wahrgenommen worden. Irgendwann haben Wolfgang und Nicki ihren Meisterschüler bei Professor Wolfgang Ramsbott gemacht und ich habe mich später, erst nach dem Ende von DIE TÖDLICHE DORIS, entschlossen, Kunst zu studieren. Ich habe mich auch für Visuelle Kommunikation entschieden und meine Meisterschüler-Prüfung bestanden. Ich sehe mich heute als Bildende Künstlerin, mache aber immer noch Musik, natürlich immer noch dilettantisch, und suche mir Begleiter:innen für meine Performances. Ich habe alle Instrumente von DIE TÖDLICHE DORIS in Leder eingefasst und so zu Kunstwerken gemacht, die aber noch gespielt werden können und jetzt total anders klingen. In diesem Rahmen stehe ich immer wieder am Mikrofon und spiele zusammen mit Alexander Hacke von EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN und seiner Lebensgefährtin Danielle de Picciotto, mit meinen Töchtern und anderen Profi-Musiker:innen. Das sind alles spannende Experimente. Das war bei DIE TÖDLICHE DORIS auch immer so. Wir wussten vorher nie, wie es ausgehen wird. Dieses Unwissen finde ich persönlich immer sehr spannend. Das hält mich am Ball.
1987 haben sich DIE TÖDLICHE DORIS aufgelöst. Wohin haben sich die Bandmitglieder weiterentwickelt?
Wir waren damals auf der documenta in Kassel und auch noch mal bei Ata Tak im Studio, haben aber gemerkt, wir kriegen keine neue Schallplatte hin. Wir hatten das Gefühl, als „Geniale Dilletanten“ alles gegeben zu haben. Also haben wir uns aufgelöst und aus der Auflösung ein Konzept gemacht, als sei es schon von Anfang an geplant gewesen. Es hatte damit zu tun, dass wir gar nicht mehr so dilettantisch waren. Wir waren ziemlich professionell und steckten in unseren Rollen fest. Wenn ich das rückblickend betrachte, muss ich sagen, wir haben rechtzeitig erkannt, dass für uns nichts Neues mehr kommt, und auf der Höhe unseres Schaffens aufgehört. Das finde ich auch genial, weil damit DIE TÖDLICHE DORIS nicht nachgelassen haben, sondern als „Geniale Dilletanten“ weiter im Raum stehen. Wolfgang und Nicki haben noch einmal ein Konzert mit zwei Frauen gespielt, sind nach München gereist und dachten, sie machen eine Art offene Gruppe. Aber das war nicht wirklich großartig. Dann war klar, wir drei unterstützen uns gegenseitig und bilden „Die Schule der tödlichen Doris“. Jeder von uns hat ein Solo-Album veröffentlicht und daraufhin eine eigene Karriere gestartet. „Die Schule der tödlichen Doris“ war ein Label, über das wir drei veröffentlichen konnten. Wolfgang und Nicki haben mir noch geholfen, dass ich an der Hochschule der Künste angenommen werde. Ich habe noch zehn Jahre lang mit Wolfgang Müller zusammengearbeitet, Nicki ist leider sehr früh gestorben. 1988 bekamen wir vom Label Wave und dem Goethe-Institut eine Einladung, in Tokio zu spielen. Das fanden wir toll, wir hatten dort viele Fans und Plattenverkäufe, waren aber schon aufgelöst. Dann haben wir das Theaterstück „Die tödliche Doris spielt sich selbst“ entwickelt und sind damit nach Japan gereist. Wir haben damals jede Schaffensphase und jede musikalische Veränderung auf der Bühne gespielt und Masanori Akashi, der Veranstalter unserer Performances in Japan, führte als Conférencier durchs Programm. Das haben wir auch dem Hebbel-Theater in Berlin angeboten, aber das war zu früh für die. Haben sie nicht gewollt. Der Auftritt in Japan war also das letzte Konzert von DIE TÖDLICHE DORIS. Inzwischen hat jeder seinen eigenen künstlerischen und musikalischen Weg gesucht und gefunden.
Aktuell hast du ein Projekt mit deiner Tochter Edda. Was ist das für ein Projekt? Wie klingt die Musik?
Ich hatte vorher schon Performances über Abtreibung gemacht, bei denen mich meine beiden Töchter Edda und Klara unterstützt haben. Die eine spielt gut Bass, die andere spielt gut Schlagzeug. Ich habe Texte geschrieben und vorgetragen. 2020 habe ich über den Distanz Verlag eine Doppel-LP in einer Box namens „Ich sehe (3927 Wörter)“ veröffentlicht. Da habe ich 366 Tage lang Zeitungsüberschriften gesammelt, um herauszufinden, ob ich die Verrohung der deutschen Sprache und den Rechtsruck darin lesen kann. Der Weg, den wir jetzt gehen, war also vor Jahren schon abzusehen. Das war ein sehr erfolgreiches Projekt. Inzwischen ist so viel Unruhe auf der Welt, deshalb habe ich mich irgendwann entschlossen, ein Friedensprojekt zu starten. Ich habe recherchiert, aber leider nur Krieg gefunden. Deshalb habe ich eine Kriegsliste erstellt und eine halbstündige Performance in den Kunst-Werken in Berlin daraus gemacht. Dazu habe ich eine Tochter gebeten, nur eine Trommel zu spielen, damit es militärisch klingt. Die andere hat einen eigenen kurzen Text gelesen. Es gab Zwischenrufe, am Ende Standing Ovations und einen Artikel in der Süddeutschen Zeitung. Das haben wir noch ein paar Mal wiederholt. Zuletzt in den Uferhallen in Berlin und da waren Alexander Hacke und Danielle de Picciotto zu Besuch. Alex meinte dann, das wäre so intensiv, ich solle das als Platte aufnehmen. Also war ich im Februar dieses Jahres in seinem Studio 65 im Wedding und habe alles aufgenommen. Seit ich mit dem Projekt vor rund zehn Jahren angefangen habe, sind noch einige Kriege dazugekommen. Diese Kriegsliste ist auf dem Stand vom 25. Februar 2024. Die Liste ist so lang, dass sie nur auf eine Doppel-LP gepasst hat.
Als DIE TÖDLICHE DORIS habt ihr jede Menge Platten, Kassetten und Singles veröffentlicht. Die meisten in streng limitierter Auflage zwischen 20 und 3.000 Stück. Viele sind inzwischen gesuchte Sammlerstücke. Wie empfindest du das?
Ehrlich gesagt denke ich darüber nicht nach. Ich habe von jedem Tonträger ein Exemplar und die verlassen mein Haus nicht. Das ist das Schicksal von allen Dingen, die rar werden. Da verdienen immer andere daran. Das war schon immer so. Das wird auch so bleiben. Als Künstlerin und als Musikerin muss ich sagen: Jede Putzfrau wird von den Musikkonzernen oder Museen wahrscheinlich besser bezahlt als die Künstlerinnen und Künstler. Ich bin zwar als Künstlerin relativ erfolgreich, nur eben nicht im Portemonnaie. Mein Mann und ich hatten Glück, dass wir beide ein bisschen was geerbt haben, so dass wir eine sichere Wohnung und ein sicheres Atelier haben, und dass ich als Künstlerin relativ gut aufgestellt bin, ohne in der oberen Riege mitzuspielen. Trotzdem bin ich aber bekannt genug, dass ich immer wieder angefragt werde und Werke von mir verkauft werden.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #177 Dezember 2024/Januar 2025 2024 und Wolfram Hanke