KLASSE KRIMINALE

Foto© by Fabrizio Barile

40 Jahre Oi! vom Stiefel

Bei manchem Jubiläum muss man schmunzeln – oder es erschreckt einen bisweilen auch. Was, wie lange gibt es KLASSE KRIMINALE aus Savona bereits? Wie alt bin ich denn schon? Selbst während der zweiten Punkwelle war ich schließlich noch ein pubertierender Jüngling und dann fällt mir neulich auf, dass KLASSE KRIMINALE mit „Belin, Dei Pazzi!“ nicht nur eine neue LP am Start haben, nein, es gibt die Band tatsächlich schon seit 40 Jahren. Da sie in all der Zeit noch nie im Ox interviewt wurden, ging sofort eine Mail raus an Marco, Sänger, Mastermind und Mitbegründer der italienischen Oi!-Band.

Buongiorno, Marco! Wenn ich mir Fotos von der Küstenstadt Savona in Ligurien in Norditalien anschaue, kommt mir ein Spruch in den Sinn: „Leben, da wo andere Urlaub machen.“ Für euch ist das jedoch Alltag und nicht nur romantisch, oder?

Genau so ist es. Glaube es mir oder nicht, aber ich gehe auch im Sommer nicht an den Strand. Savona ist eine Provinzstadt, war früher eine Industriestadt mit Hafen, und wurde mit der Goldmedaille für Widerstandsfähigkeit ausgezeichnet. In Wirklichkeit hat sich der Tourismus hier nie wirklich entwickelt – in der Nähe gibt es zwar touristische Ziele wie die Cinque Terre, aber das ist eine ganz andere Welt. Der Mix aus parteipolitischen Werten und der Wunsch nach Befreiung hat aber wahrscheinlich eine ganze Generation von Rockern hervorgebracht.

In den Anfangstagen wart ihr ja die Außenseiter im Stadtbild, mittlerweile müsstest du eine stadtbekannte Größe sein. Oder erlebst du das anders?
Es gibt viel mehr Leute als ich dachte, die hier irgendwann KLASSE KRIMINALE gehört haben. Vermutlich in ihrer Jugend. Das erzählte man mir jedenfalls bei der Bank, im Möbelhaus, bei Beratern am Arbeitsplatz und sogar in der Schule meiner Tochter. Aber wenn du denkst, dass Leute mich auf der Straße ansprechen, um mich um ein Autogramm zu bitten, so ist es nun echt nicht.

Du hast auch schon in den Docks von Savona gearbeitet. Was machst du heute beruflich?
Ich arbeite auch heute noch im Hafen von Savona. Ich habe Ende 1987 bei der Mooring Cooperative als Festmacher angefangen. Für diejenigen, die nicht wissen, was Festmacher sind: Wir „parken“ Handels- und Passagierschiffe mit Seilen. Seit 2008 bin ich Präsident der Genossenschaft und in gewisser Weise habe ich es meinen Erfahrungen in der Punk- und DIY-Szene zu verdanken, dass ich in der Lage war, diese Aufgabe über so lange Zeit zu meistern – Jahre, in denen die DIY-Kultur und ihre Werte in Vergessenheit zu geraten scheinen.

„Lavoro o rivolta“, hast du dereinst gesungen, „Arbeit oder Aufstand“. Würdet ihr heute eher über bessere Löhne singen, weil es genügend Arbeit gibt?
Heute sieht es, speziell für die jungen Leute, sogar noch schlechter aus als in den 1980ern. Die Jobunsicherheit macht jede Zukunftsplanung unmöglich. Viele gehen aus Savona fort, nur um woanders als gering qualifizierte Arbeitskräfte zu enden – dort zumindest zu anständigen Löhnen. Einigen gelingt auch, sich im Ausland eine Karriere aufzubauen, was hier aufgrund des überfälligen Generationswechsels fast ausgeschlossen wäre. Es ist auch kein Geheimnis, dass die Industrie in Länder abgewandert ist, wo die Arbeit billiger ist. Als ich 18 war, habe ich „Lavoro o rivolta“ gesungen, aber jetzt, da ich der Rente näher bin als der Schule, tauge ich nicht mehr als Sprecher für sie junge Generation. Jetzt sind neue Leute an der Reihe.

Apropos Politik, wie erlebt ihr Ministerpräsidentin Meloni?
Abgesehen davon, dass Millionen Euro für den Bau nutzloser Migrantenlager in Albanien zum Fenster hinausgeworfen werden und wir den schlechtesten Verkehrsminister seit der Erfindung des Rades haben, müssen wir jetzt auf unsere Bürgerrechte aufpassen, die wir so lange als selbstverständlich betrachtet haben. Denn im Namen eines sogenannten Krieges gegen die „kulturelle Hegemonie der Linken“ hat Meloni reihenweise Führungspositionen mit Verwandten und Freunden besetzt – allesamt militante Rechtsextremisten. Die Regierung Meloni repräsentiert nicht Italien als Land. Sie steht nur für ihre Partei, einem Haufen Neofaschisten, die in den 80 Jahren seit Gründung der Republik in den Institutionen bisher zu Recht keinen Platz gefunden hatten.

Die wenigsten werden wissen, dass es zuerst ein Fanzine namens Kriminal Class gab, ehe ihr KLASSE KRIMINALE gegründet habt.
Das Kriminal Class-Fanzine gab es von Herbst 1983 bis Februar 2008. Die ersten 43 Ausgaben erschienen als Fotokopien im A5-Format und konzentrierten sich auf die Skinhead-Kultur und Oi!-Bewegung. In der zweiten Serie, bestehend aus 14 Ausgaben ab 1999, die in einer Auflage von je 1.000 Exemplaren gedruckt und kostenlos verteilt wurden, ging es schließlich um Melody- und Mainstream-Punk. Jemand schlug einmal vor, alle Kriminal Class-Ausgaben zu einem Buch zusammenzufassen, und wer weiß, vielleicht werde ich das eines Tages tun.

Zwei Ladys spielten bei euch seinerzeit mit. Vor allem Antonella, Gitarre und Gesang, war ein echtes „Vorzeige-Renee“ und sehr beliebt. Was machen sie und Betty heute und wie sieht es generell mit Kontakten zu euren Ex-Mitgliedern aus?
Antonella spielte von Anfang an mit, also seit 1985. Sie wirkte an den ersten beiden Alben mit und prägte auch entscheidend die Optik der Band. Aber sie stieg im November 1991 aus und zog nach England, und es ist allgemein bekannt, dass wir getrennte Wege gingen. Betty und Riccardo waren von 1994 bis 1997 dabei, danach machten sie mit ihrer eigenen Band REAZIONE weiter. Ich habe sie seit vielen Jahren nicht mehr gesehen. Die Produktion des letzten Albums „Belin, Dei Pazzi!“ war eine Rückbesinnung auf die 1980er Jahre. Das eröffnete mir die Möglichkeit, alte Freunde und ehemalige Mitglieder von KLASSE KRIMINALE wiederzusehen.

Dass ihr von Beginn an fast ausschließlich italienisch gesungen habt, ehrt euch. Gab es dennoch Momente, wo du alles hinschmeißen oder einfach auf Englisch singen wolltest?
Für mich ist Punk vor allem Kommunikation und da war es für mich immer selbstverständlich, auf Italienisch zu singen. Das stieß überraschenderweise fast überall auf positive Resonanz – auch im Ausland, wo ja die wenigsten Italienisch verstehen.

Würdest du insofern zustimmen, wenn man euch als patriotische Antifaschisten bezeichnet?
Wir sind einfach eine Oi!-Band und wir sind definitiv antifaschistisch. „Patriotisch“ ist ein Begriff, der mich eher in die Vergangenheit zurückversetzt, ins 19. Jahrhundert vielleicht, die Epoche des Risorgimento und der Einigung Italiens. Aber wenn du dich auf die Bezeichnung beziehst, die von den Partisanen während des Befreiungskampfes verwendet wurde, dann stimme ich mit deiner Definition überein.

Erinnert ihr euch noch an euren Gig in Berlin 1996 mit PUBLIC TOYS, BITTER GRIN und RED ALERT? Das war ein legendärer Abend, oder?
Natürlich erinnere ich mich! Die „Planet Punk“-Tour war eine großartige Sache. Am 4. Oktober 1996, einen Tag nach meinem Geburtstag, spielten wir im Tommy Weisbecker Haus in Berlin, einer Stadt, die für mich irgendwie magisch ist. An diesem Abend waren wir die letzte Band, die auftrat. Der Saal war eng und lang, die Kids standen dicht gedrängt und wir beendeten das Konzert mit „If the kids are united“ und „White riot“. Tony Van Frater von RED ALERT kam mit seiner Gitarre zu uns auf die Bühne und die restlichen Mitglieder der anderen Bands sangen auch alle mit. Es gibt Aufnahmen von dieser Tour, die mit einem DAT-Recorder gemacht wurden. Einige der an diesem Abend live mitgeschnittenen Songs sind auf unserer CD-Box „Restored, Remixed & Remastered“ zu finden.

„Belin, Dei Pazzi“ heißt die neue Scheibe, was bedeutet der Albumtitel genau?
Das kommt aus der ligurischen Umgangssprache. „Belin“ ist wie „fuck“ oder „dick“, wie wir auf Italienisch sagen, und „dei pazzi“ bedeutet „diese Verrückten“ und bezieht sich auf die Tatsache, dass wir oft als verrückt bezeichnet wurden. Die Idee für den Titel stammt von JJ, unserem Schlagzeuger. Er ist nicht aus Ligurien, sondern aus Bologna, wie der Rest der Band – das sind übrigens Colgan an der Gitarre und Billy am Bass.

Das Cover der neuen Platte ist eine Verbeugung vor THE CLASH und „Sandinista!“. Bei euch hätte ich eher ANGELIC UPSTARTS erwartet, haha ...
Die Idee geht zurück auf unser letztes Album „Vico Dei Ragazzi“. In dem Lied „Prole rock“ habe ich da bereits die lokalen Helden erwähnt, die damals für einen kurzen Moment die Provinz erzittern ließen. Für dieses Album habe ich sie wieder aufgespürt. Der Kerngedanke war, den Punksound meiner Generation wiederzubeleben, der zunehmend in Vergessenheit gerät und heute kaum noch irgendwo zu hören ist. Wir haben eine Handvoll Songs aus der Zeit ausgegraben, in der ich in der Szene sozialisiert wurde – eine Art musikalische Archäologie, ein wahrer Gitarren-Clash! Und richtig, das Cover ist eine Anspielung auf „Sandinista!“, das genau in der Zeit veröffentlicht wurde, als Punk Avantgarde war. Ich höre mir eigentlich nur Seite 4 an, die mit „Police on my back“ beginnt, dazu habe ich früher immer Gitarre geübt.

Kommen wir zu einzelnen Songs und deren Bedeutung ...
„Belin, Dei Pazzi!“ beginnt mit dem Intro „Inandia“, was im Ligurischen „anfangen“ bedeutet. Hier kann man die Stimmen hören, die aus dem Nebel jener Tage auftauchen, und dann explodiert das gnadenlos im Song „Brucia la città“. „Demolizione periferica“ ist das Manifest einer neuen Musik und einer neuen Ära. „Sangue in gradinata“ macht unbarmherzig weiter und erzählt die Geschichte der jugendlichen Einöde, deren soziale Netze damals die Bar und die Stadionränge waren. „Ziga zaga Oi! Oi! Oi!“ und „Giardini di plastica“ definieren die Grenzen des Genua-Punk der frühen 1980er Jahre. „Sorridi“ führt das Thema Heroin ein, während „Infrangete la legge“ Gerechtigkeit einfordert. „A.K. rule ok“ und „Io sono il frutto“ drehen sich um Entfremdung und Unzufriedenheit. Die Songs „Mario“ und „Skin della lanterna“ aber bringen die Musik zurück in den Mittelpunkt. Und „Bastarda chiamami“ handelt vom Ende einer Liebesgeschichte. „Living In A Jungle“ nimmt uns mit auf einen Spaziergang durch die Gassen der Vorstädte ... Letztendlich erzählen diese Lieder die Geschichte einer Gang von Kids, die auf der Suche nach ihrer Identität sind, in einer Welt, die sich verändert, in der die Musik aber immer noch eine wichtige Rolle spielt.

Zum Abschluss in Kurzfassung bitte die lustigsten und die schlimmsten Momente in der Bandhistorie.
Natürlich hatte ich, abgesehen davon, dass ich damals erst 20 Jahre alt war, das Gefühl, Teil von etwas Besonderem zu sein, als wir in den 1980er Jahren anfingen. Skinheads waren der Staatsfeind Nummer eins, wurden von allen gehasst. Aber trotzdem entstanden in allen Teilen der Welt Skin-Bands, -Fanzines und -Platten und es war toll, einen Beitrag zur Szene zu leisten. Ich empfand es jedes Mal als Ehre, wenn ich die Bühne mit Bands wie SHAM 69, ANGELIC UPSTARTS, THE BUSINESS, RED ALERT oder COCKNEY REJECTS teilen durfte. Es war aufregend, mich während der Produktion unseres Albums „Electric Caravanas“ mit Jimmy Pursey wie ein Hersham Boy zu fühlen. Am traurigsten war es, als wir von bestimmten Bands wie BANDA BASSOTTI boykottiert wurden, die uns für nicht links genug hielten, trotz der Angriffe von Nazis auf uns. Die Bandgeschichte war bisher eine großartige Reise, vielleicht eine Odyssee, aber mit einem schönen Soundtrack und einem tadellosen Look. Danke an alle unsere Wegbegleiter!

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Diskografie

„Ci Incontreremo Ancora Un Giorno!“ (LP, Having A Laugh, 1990) • „Faccia A Faccia“ (LP, Division Nada, 1991) • „I Raggazi Sono Innocenti“ (LP, Twins, 1993) • „Electric Caravanas“ (LP, Noko/Mad Butcher, 1998) • „Stai Vivendo O Stai Sopravvivendo“ (LP, Mad Butcher, 2001) • „s/t“ (LP, Red Giants, 2005) • „Strength & Unity“ (CD, Having A Laugh, 2007) • „The Rise And Fall Of The Stylish Kids ... Oi! Una Storia“ (LP Longshot/Contra, 2010) • „Rude Club“ (LP, Randale, 2014) • „Vico Dei Ragazzi“ (LP, Randale, 2020) • „Belin, Dei Pazzi!“ (LP, Flamingo/Sunny Bastards, 2024)

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