KLEENEX / LILIPUT

Foto© by Band

We did it!

Für John Peel, Greil Marcus, Hollow Skai, Kurt Cobain und mich, den Schreiber dieses Artikels, sowie viele andere mehr sind KLEENEX respektive LiLiPUT aus Zürich in der Schweiz einer der einflussreichsten rein weiblichen Acts in der Geschichte des Punkrocks – sie ebneten durch ihre Haltung und ihren Sound den Weg für viele Riot Grrrl- und Pop-Punk-Bands. Somit lag es auf der Hand, dass das US-amerikanische Label Kill Rock Stars am musikalischen Erbe der Band Interesse zeigte und seit 2010 regelmäßig ihre Veröffentlichungen neu auflegt.

Ihre Musikkarriere fing 1978 an und dauerte nur einige wenige Jahre, bis 1983. Aufgrund ihrer zunehmenden Bekanntheit erhielten die Musikerinnen schon früh eine Androhung durch die Firma Kimberly-Clark, Inhaberin der Marke Kleenex, rechtliche Schritte wegen der Verwendung ihres Produktnamens einzuleiten. Daraufhin benannten sie sich um in LiLiPUT. Bis kurz vor ihrem Tod 2016 kümmerte sich hauptsächlich die ehemalige Gitarristin Marlene Marder um das Vermächtnis der Band. Heute macht dies vollumfänglich Kill Rock Stars.

Es soll in diesem Text nicht per se um den gesamten Werdegang von KLEENEX/LiLiPUT gehen, da dieser seit der Gründung der Band vor 47 Jahren immer wieder ausführlich beschrieben wurde. Es geht mehr darum, die äußeren Umstände und die gesellschaftlichen Veränderungen aufzuzeigen, die während des Bestehens der Band vorherrschten. Der Autor bewegte sich zur gleichen Zeit an den gleichen Orten und kann noch einige Geschichten und Informationen ergänzen, die bis heute unerwähnt geblieben sind.

Nach der Fertigstellung dieses Textes kontaktierte der Autor Klaudia Schifferle, die ehemalige Bassistin, und auch Lislot Hafner, die ehemalige Schlagzeugerin von KLEENEX/LiLiPUT, und fragte, ob sie beide gerne drüberschauen wollen. Alle einstigen weiblichen Mitglieder der Band geben ja schon länger keine Interviews mehr. Denn ihrer Ansicht nach wurde bereits alles gesagt. Vielleicht spielt hier mit rein, dass KLEENEX/LiLiPUT auch seinerzeit ausschließlich gemeinsam Interviews gaben. Zu meiner Überraschung hatten beide etwas anzumerken, was zu dieser überarbeiteten Version führte.

Hier gleich zum Anfang also Anmerkung Nummer eins von Klaudia: „Wir, das heißt Schlagzeugerin Lislot Ha. und ich, haben die Band im Herbst 1977 gegründet und sofort zu spielen begonnen. Dazu muss ich sagen: Ich wollte immer eine Frauenband! Weil es das so nicht oft gab, Frauen, die ihre eigenen Texte und eigene Musik schreiben. Nach außen haben wir uns gewehrt, weil wir deswegen schlecht behandelt wurden und nicht wollten, dass es immer dieses Thema war, worüber geschrieben wurde. Wir wollten, dass wir mit unserer Musik wahrgenommen werden! Aber wir alle fanden es damals wichtig, eine Frauenband zu sein! Unsere Songs kamen, egal bei welcher Besetzung, immer nur von den Frauen.“ Lislot ergänzt: „Wir wollten einfach Musik machen, aus purer Lust und Freude. Aber auch um etwas in der damaligen Gesellschaft zu bewegen. Wir wollten alle eine Frauenband, das war spätestens klar, als Marlene zu uns stieß.“

Und hier Klaudias zweite Anmerkung: „Was ich interessant finde an KLEENEX, was nie jemand erwähnt hat ... Ich hatte Lislot erst einige Monate zuvor durch die Arbeit kennengelernt, und als Regula Sing dazukam, sahen wir sie zum ersten Mal bei der Probe, wir kannten uns gar nicht vorher. Und mit Marlene war es ebenso. Sie stieß bei unserem ersten Gig am 29. März 1978 im Club Hey als Vorgruppe der NASAL BOYS zu uns und spielte im zweiten Set mit. Rudolph Dietrich, der Gitarrist der NASAL BOYS, hat sie uns beiden vorgestellt. Eigentlich crazy, oder? Wir haben uns, erst kennengelernt während des Musikmachens ... aber es war von Anfang an intensiv und vertraut.“ Oder wie Lislot es ausdrückt: „Für mich war das legendäre Konzert im Hey eine Art von Magie. Man muss sich das so vorstellen, es war ein Konzert für unsere Freunde und Bekannten, so etwas wie eine spezielle Party. Dass Marlene zu uns stieß, war ein absoluter Glücksfall, schicksalhafte Fügung! Crazy!“

Zusätzlich bemerkt Lislot noch: „Mir ist eines noch wichtig zu der Situation von damals zu erwähnen: Wir haben alles selber finanziert. Die Gagen waren sehr niedrig und deckten nur allzu oft nicht mal unsere Auslagen. Heute gibt es Unterstützung, zum Beispiel in Form von unterschiedlichen Förderungsbeiträgen. Allerdings ist bis heute die Gleichberechtigung der Frau in unserer Gesellschaft noch immer ein großes, nicht wirklich abgeschlossenes Thema.“

Einzigartige Swiss-Missen
Geoff Travis vom englischen Label Rough Trade beschrieb die Musik von KLEENEX einmal so: „Ein wenig surrealistisch, ein wenig gegensätzlich, sie erschaffen eine eigene Welt, die aber niemanden ausschließt, sondern einen einlädt.“ Ihr Sound war schon damals und ist bis heute unglaublich frisch und einzigartig geblieben, so dass man meinen könnte, man höre ihn zum ersten Mal. Was nicht selbstverständlich ist, vor kurzem habe ich mir noch mal die NEO BOYS aus Portland and MALARIA! aus Berlin angehört. Zwei ebenfalls ausschließlich aus Frauen bestehende Formationen aus der gleichen Zeit. Das hat damals toll gewirkt, aber heute? Fehlanzeige. Ich gehe so weit zu sagen, dass die Songs von KLEENEX/LiLiPUT im Grunde nicht nachgespielt werden können. Denn der Charme, mit dem die Musikerinnen es damals live vorgetragen und in die schwarzen Rillen gepresst haben, ist nicht zu kopieren. Dazu kommt, dass auch die Verpackung einmalig war, damit meine ich ihr Artwork, ihre Single- und LP-Cover sowie die Konzertplakate. Dazu kam ihr toller Look, der auf unzähligen Fotos und einigen wenigen Filmaufnahmen eingefangen wurde. Nicht zu vergessen die witzig-charmanten Interviews, die sie anfangs fast ausschließlich den Szene-Fanzines gaben. Als Beispiel: Im Oktober 1978 sprachen sie mit Peter Preissle vom Züricher Fanzine No Fun. Auf die Frage „Wie habt ihr einen Vertrag bekommen?“ lautete die Antwort: „Durch Lachen.“ Bei „Welche Stückli nehmt ihr im Studio auf?“ hieß es: „Mohrenkopf, Cremeschnitte, Diplomat und Japonais.“ Und auf die Frage „Habt ihr Hobbys?“ sagten sie: „Wurstsalat essen ... Töfflifahren ... Stricken ...“

Dass sie mit ihrer Musik und Aussagen wie den zitierten die Menschen, vor allem die Medienschaffenden in der Schweiz provozierten und vor den Kopf stießen, ist heute fast nicht mehr zu glauben. Ja, ich weiß, es ist gut 47 Jahre her. Eine vordergründige Ausnahme zeigt dieses Beispiel: Im November 1978, also gerade mal acht Monate nach der Gründung, waren die vier Frauen von KLEENEX „live“ im Schweizer Fernsehen in der Sendung „Karussell“ zu Gast. Dies ist heute zu Recht unter der Rubrik „Archivperlen“ in der Mediathek des SRF abrufbar.

Doch die Art, wie dieser Auftritt ablief, hätte vermutlich kaum eine andere Band während dieser Frühphase des Punk über sich ergehen lassen. Sehr zum Ärger der Frauen erlaubte man ihnen nur, ein Vollplayback zu mimen. Das mag bis heute gang und gäbe sein, doch Klaudia, die Bassistin, sagte mal dazu: „Wir haben mal versucht, in einer Schweizer Fernsehsendung zu spielen. Es war echt scheiße, denn man darf da nicht live spielen.“ Außerdem gab es noch ein kurzes Interview mit der Moderatorin, bei dem die vier Musikerinnen brav nacheinander wie Schulmädchen ihre Antworten aufsagen durften. Auch hier sucht man die Punk-Attitüde vergebens. Obendrein hatte dieser absolut harmlose Fernsehauftritt zur Folge, dass Sängerin Regula ihren Job als Verkäuferin in einem Zürcher Fotogeschäft verlor. Ihr Chef meinte, sie könnte einen schlechten Einfluss auf die Lehrlinge haben. Was wieder viel über die damalige Zeit aussagt.

KLEENEX + ihre Freunde
Klaudia Schifferle, Lislot Ha., Rudolph Dietrich, Gogi Düggelbach, Marlene Marti, Regula Sing, Peter Fischli, Pietro Mattioli, Bice Curiger, Etienne Conod, Geoff Travis (Rough Trade), Rene Uhlmann, Chrigle Freund, Katja Becker, Stephan Eicher, Angela Schleitzer, Peter Wittwer, Martin Byland, Caro Klein, Röbel Vogel, Astrid Spirig, Harry Zindel, David Weiss, Rolf Wildholz, Beat Schlatter, Christoph Herzog, Livio Piatti, Nikolaus Wyss, Lucia Coray, Major Many, Julia Müller, Susanne Müller, Patrick Frey und viele mehr ...

Das bringt uns zur Frage: Waren KLEENEX überhaupt je Punk? Ich würde es klar bejahen. Ganz klar Swisspunk oder Swiss Wave, was eben den feinen Unterschied macht und ihre Einzigartigkeit manifestiert. KLEENEX und später auch LiLiPUT waren vor allem Marlene und Klaudia. Sie waren die einzigen stetigen Mitglieder – pointiert gesagt war Marlene mehr die Musik-Affine, die Punkette. und Klaudia mehr die Künstlerin. Dies sollte sich auch nach der Auflösung der Band für beide nicht wesentlich ändern. Dazu kam eine Reihe von wechselnden Mitgliedern beiderlei Geschlechts und ein sehr kreativer Freundeskreis, der sie immer unterstützte. Ihre letzte Deutschlandtour im Jahr 1982 nannten sie auch „LiLiPUT + Freunde Tour“. Bei anderen Bands war dies mehrheitlich nicht so der Fall. Man probte zu viert isoliert in einem Luftschutzkeller und bastelte sich was als Erscheinungsbild zusammen, außer man war bei einem der wenigen neu gegründeten, unabhängigen Labels. Dann hatte ein Fotograf, Illustrator oder Grafiker noch die Hände im Spiel. Dazu hatte man eine kleine Entourage von befreundeten Punks auf den Konzerten im Schlepptau.

Man muss sich in Erinnerung rufen, dass die Schweiz damals nicht wirklich eine populäre und vor allem innovative Musikszene hatte. Die Mehrheit der heimischen Musiker:innen waren in lokalen Vereinen organisiert, die traditionelle Marsch- und Volksmusik spielten. Da wurde noch in jedem Beizen- oder Gemeindesaal einmal wöchentlich geprobt. Nicht selten fanden anfangs auch etliche Punk-Konzerte in solchen Sälen statt. Das kann man sich heute kaum noch mehr vorstellen. Dann gab es natürlich auch diese seichten Rock- und Folk-Formationen, die sich an den angelsächsischen Vorbildern orientierten oder, besser gesagt, diese zu kopieren versuchten.

Dadaismus im „Dörfli“
Hugo Ball und Emmy Hennings eröffneten das Cabaret Voltaire am 5. Februar 1916 in der Spiegelgasse 1 in Zürich. Es war Kneipe, Club, Theater und Galerie zugleich. Seit den späten 1960er Jahren war bei etlichen aufstrebender Künstler:innen im Raum Zürich eine Rückbesinnung auf den Dadaismus angesagt. Dieser Geist war spürbar und manifestierte sich, nur 200 Meter entfernt vom Gründungsort, in der Kon-Tiki Bar in der Niederdorfstraße. Dort trafen sich nicht nur die künftigen Mitglieder von KLEENEX, sondern auch ein illustrer Kreis von Kreativen, Musiker:innen, Künstler:innen und Freund:innen der angehenden Band. Kurt Maloo widmete dem Ort schon 1979 den Song „Kontiki“ auf seiner ersten 7“. Dominierte Anfangs bei KLEENEX noch der frische Spirit von Punk, kamen später bei LiLiPUT die dadaistischen Tendenzen stärker zum Vorschein. Auf ihrer ersten Single beispielsweise singen sie in „Split“: „Hotch-potch, Hugger-mugger, Bow-wow, Hara-kiri, Hoo-poo, Huzza, Hicc-up, Hum-drum, Hexa-pod, Hell-cat, Helter-skelter, Hop-scotch.“ Dies ist klar ihre eigenwillige Referenz an ein dadaistisches Lautgedicht. Und auf der Hülle ihrer Single „Eisiger Wind“ referenzierten sie deutlich mit ihren aus Karton gestalteten Bekleidungselementen die legendäre Kostümierung, die Hugo Ball bei einer frühen Vorstellung im Cabaret Voltaire verwendete.

Auch räumlich bewegten sich die Mitglieder der Band anfangs vor allem im Zürcher „Dörfli“. Es war eine Gegend mit einer ganz eigenen Atmosphäre. Dies hat sicher mit der Geschichte des Ortes zu tun. Er war ein Sehnsuchtsort für viele, da er eine andere Atmosphäre besaß als alles, was es sonst in der Schweiz zu der Zeit gab. Es fühlte sich einfach freier an. Ob jetzt der Hairi sein Kalb dafür verkauft hatte und vom Bergli herunterkam oder Lenin mit seiner Frau aus Russland flüchtete und im Exil in der Spiegelgasse wohnte. Ob sie alle damals auch im Cabaret Voltaire ein- und ausgingen, sei dahingestellt. Lislot und Klaudia arbeiteten anfangs im Szene-Kleiderladen Booster, der nur einen Wimpernschlag entfernt war und zum Ausstatter und Treffpunkt etlicher Punker, Waver und Teddys wurde. Auch Ausstellungen fanden dort statt. Gleich in der Nähe war das Musicland, im Hinterhof vis-à-vis des Hotels Franziskaner, wo man sich bei Henry mit Punk-, New-Wave- und Rock’n’Roll-LPs eindecken konnte.

Das erste Konzert von KLEENEX fand am 29. März 1978 im Club Hey als Vorgruppe der NASAL BOYS statt. Er lag ganz in der Nähe beim Bellevue und war ein beliebtes Konzertlokal. Weitere Treffpunkte der Szene im „Dörfli“ waren der Club Entertainer, das Lokal Weisser Wind und für kurze Zeit auch das Top Spot. Man traf sich im Castel Pub, der sich damals im Gebäude des Cabaret Voltaire befand, in Bars wie dem Safari, Olga, Züri, Pigal oder im Schluch. Im Sex-Kino Stüssihof wurden neben Pornostreifen auch Punk-Filme wie „Jubilee“ und „The Great Rock ’n’ Roll Swindle“ gezeigt. Bei Enzo Krücke in der Wohnung in der Weiten Gasse konnten die jungen Punks, die nicht nach Hause wollten oder aus de Heim abgehaut waren, pennen. Jeden Mittwochnachmittag, bevor man ins Hey ging, war „PönkerTreff“ auf dem Hirschenplatz, dem eigentlichen Zentrum des Niederdorfes, wo sich auch der Spielsalon Metro befand. Dieser und der Frosch-Spielsalon ums Eck wurden intensiv von unserer Szene frequentiert. Bis heute führt die Band GRANDJEAN den Song „Eldorado“, benannt nach einem Flipperkasten, der sich dort befand, im Repertoire.

LiLiPUT + ihre Freunde
Es war wie ein Naturereignis, das sich im letzten Jahrhundert (1900–2000) alle zehn Jahre in der Geschichte der Musik wiederholen sollte. Dies deutete sich natürlich schon vor dem Jahrzehntewechsel an. Jeder musste jetzt für sich entscheiden, ob er in den kommenden Jahren Teil davon sein wollte. Die Zeit von Punk in der Form, wie wir ihn davor gekannt haben, war jetzt vorbei. Am 5. November 1979 erreichte Klaudia ein Anwaltsschreiben, in dem der Band die künftige Verwendung des geschützten Markennamens „Kleenex“ untersagt wurde. Wie bei fast allen Bands, die noch existierten, ging mit einem Personalwechsel auch ein veränderter Musikstil einher. Natürlich war das besser als alles Gehörte zuvor. Mit Chrigle Freund am Mikro, von der fast nicht nur aus Frauen bestehenden Punkband CHAOS aus Bern, und Angela Barrack am Saxophon, spielten sie am 26. April 1980 im Drahtschmidli in Zürich zum ersten Mal ausschließlich neue Songs. Und zwar unter ihrem neuen Bandnamen LiLiPUT, den Lislot beigesteuert hatte.

Kurz darauf, am 30. Mai, war es dann soweit. Im Zuge einer Demo vor dem Opernhaus – das liegt ganz in der Nähe vom Club Hey – kam es während der ganzen Nacht zu wüsten Auseinandersetzungen zwischen einem Teil der Demonstranten und der Polizei. Fluchtort der Demonstranten war das enge Gassenlabyrinth im Niederdorf, in das die Polizei ihnen mit ihren Fahrzeugen nur bedingt folgen konnte. Das sollte später als erster „Opernhaus-Krawall“ in die Geschichtsbücher eingehen. Punk war jetzt politisch und auch eine neue Generation von Punks und Bands drängten sich nach vorn. Das Niederdorf wurde zu einem Nebenschauplatz und im Hey gab es schon länger keinen Punk mehr, sondern Reggae, somit: „Get up and stand up for your rights!“ Mit Demos, besetzten Häusern, dem AJZ, der Roten Fabrik, den VV’s (Volksversammlungen) im Volkshaus, dem Krokodil und, und, und, aber auch dadaistischen Aktionen.

Was machten LiLiPUT jetzt? Sie hatten einen Run, wie man so schön sagt. Am 7. Juni gab es eine Demo vor dem besetzten AJZ in Zürich, danach spielten LiLiPUT und TNT in der Roten Fabrik. Ab dem 21. Juni ging es mit der neuen Single „Split“ auf eine ausgedehnte Deutschlandtour. Sie hatten nun mit Rough Trade und Off Course zwei Labels im Rücken. Wieder daheim spielten sie am 18. Juli mit O.U.T. auf der Vernissage zur Ausstellung „Saus und Braus“ in der Garage bei der Galerie Strauhof. Alles, was Rang und Namen hatte in der angesagten Zürcher Kunstszene, war dort vertreten. Dann ins Studio für den „Swiss Wave“-Sampler, Proberaum in der Roten Fabrik, weitere Auftritte mal hier und dort. Ab dem 1. Oktober ging es auf eine zweiwöchige Englandtour. Im Anschluss verließ Gründungsmitglied Lislot die Band und auch Angela stieg ebenfalls schon wieder aus. Eine für den November gebuchte Deutschlandtour wurde abgesagt. Im Dezember veröffentlichten sie ihre zweite Single „Eisiger Wind“, jetzt noch zu dritt.

Konzerte im Umfeld der Szene in Zürich waren zu dieser Zeit geprägt von den Auseinandersetzungen zwischen Anhängern der „Bewegig“ und der Obrigkeit oder auch mit den Musiker:innen auf der Bühne. Sicher nicht ganz das, was sich die ehemaligen Punkbands aus den 1970ern und jetzt aufstrebenden Post-Punk-Bands der 1980er gewünscht hatten. Marlene sagte dazu in einem Sounds-Interview: „Jeder weiß, dass alles scheiße ist, aber warum Lieder darüber schreiben? [...] Wenn ein Auftritt ansteht, wollen wir Spaß haben, uns unterhalten und das Ganze für eine Stunde vergessen.“ Da kam es nur recht, dass LiLiPUT und ihre Freunde sich für die nächsten drei Jahre on und off in die Innerschweiz absetzen konnten. Heute spricht man von Zürichs Pilgerorten, namentlich Wolfenschiessen, Stans und Engelberg.

Eine zentrales Element von Punk ist ja der DIY-Ethos. Somit wurde man vor Ort ebenfalls aktiv. Die Lösung für einige war jetzt die Gründung des Vereins „Fröpös“ (die fröhlichen Punks). Die Gründungsversammlung fand am 30. September 1981 im Saal des Restaurants Brandschenke statt. Zweck des Vereins war kreative Freizeitgestaltung. Das meinte meistens ein Treffen in einem Lokal, in dem Gerstensaft ausgeschenkt wurde, mussten die Vereinsmitglieder doch nach dem mühsamen und gefährlichen Weg, vorbei an den Demos, erst mal ihren Durst löschen. Festgehalten wurde noch, dass der Verein politisch und konfessionell neutral sein soll. Marlene wurde zur Präsidentin gewählt, Klaudia war ein fröhliches Mitglied und Astrid Spirig, die neue Sängerin bei LILIPUT, Protokollführerin. Der Höhepunkt war die Durchführung eines Weihnachts-Doppelkonzerts im Cabaret Orwell 84 in Lausanne. Am 25. Dezember mit SOZZ und LAST ROMANCE, am Tag darauf mit BLUE CHINA und PUTSCH.

1982, neues Jahr, neues Line-up
Aus dem Pool der Freunde kam jetzt Astrid als neue Leadsängerin mit elektrisch verstärkter Geige, davor bei der Frauenband NEON. In Probesession qualifizierten sich Schlagzeuger Beat Schlatter (davor in gleicher Funktion bei etlichen rein männlichen Punkbands) und der Künstler und Saxofonist Christoph Herzog. Diese zwei Männer führten zu Irritationen – nicht nur bei den Musikjournis. Marlene machte hierzu eine klare Ansage: „Wir haben uns nie als Frauenband verstanden und wir wollten auch nicht in den Medien so aufgebaut werden!“ (Man erinnere sich an die oben am Anfang zitierten Aussagen von Klaudia und Lislot dazu.) Getoppt wurde das noch bei ihrer ausgedehnten Deutschlandtour auf einem Konzert in Dortmund im September 1982. Laut Nikolaus Wyss war eine stattliche Emanzen- und Lesbentruppe im Saal, die zunächst ihren Augen nicht trauen wollten, als sie Schlatti auf der Bühne erblickten. Nikolaus stand daneben, als eine Konzertbesucherin zur anderen bemerkte: „Die Schlagzeugerin hat aber ein herbes Gesicht!“, was Astrid beim Vorstellen der Bandmitglieder veranlasste, Schlatti als „Beate, wenn ihr wollt“ zu präsentieren. Das bringt uns abermals zum Anfang der Geschichte. Vor allem heute will das ja auch niemand hören. Da kann man nur mit dem Songtext „You did it, you did it“ von LiLiPUT antworten:
O-o-o-open your (heart) door / Heart is burning for you / O-o-o-open your (heart) door /
It’s so meaningless to think
Clasp me in your heart / Touch me like a tear / Comes like a dream / I stay, days go by
O-o-o-open your (heart) door / Lie down to our times / O-o-o-open your (heart) door / Love comes just at [?]
You did it, you did it
O-o-o-open your (heart) door / Heart is burning for you / O-o-o-open your (heart) door / It’s so meaningless to think
Clasp me in your heart / Touch me like a tear / Comes like a dream / I stay, days go by
Das Danach
Da es im Ox tendenziell um Musik geht, schreibe ich hier hauptsächlich über Marlene. Sie und Klaudia waren die Einzigen aus der Gründungsformation, die zeitlebens in irgendeiner Form in der Musik und in der Zürcher Szene aktiv waren. Nach der Auflösung von LiLiPUT waren beide umtriebig wie eh und je. Klaudia hat Texte für andere Musiker:innen und für Filmmusik geschrieben. Sie blieb bis heute bei der Kunst und trat in wechselnden Formationen gelegentlich bei Vernissagen auf. Ihr letztes Musikprojekt war ONETWOTHREE (2020-2024) mit Madlaina Peer und Sara Schär, der ehemaligen Sängerin von TNT.

Marlene eröffnete den Schallplattenladen Upstairs (1983-1994) im oberen Stock des Szene-Kleider- und Schuhladens Booster in Niederdorf. Das betrieb sie zusammen mit Urs Steiger, dem ersten Punk Zürichs, bekannt durch sein Fanzine No Fun und sein Label Another Swiss Label, das später mit Off Course fusionierte. Mit dabei auch ihre große Liebe Juliana Müller, die zu den Freunden gehörte und auch auf dem letzten LiLiPUT-Album „Some Songs“ musikalisch mitwirkte. Irgendwann wurde aus dem Upstairs das Downstairs, denn, wie der Name sagt, ging es runter auf die Straßenebene ins benachbarte Erdgeschoss vom Booster.

Ab 1984 initiierte sie beim Radiosender LoRa das Lesbenmagazin „Pandoras Box“. Musikalisch ging es auch weiter. Gemeinsam mit Suzanne Zahnd (ehemals SOAPY AND WET, THE BAROMETERS) und Lydia Bischofberger (von der ehemaligen, fast ausschließlichen Frauenband SARAH RÖBEN) gründete Marlene 1986 DANGERMICE. Nach deren Auflösung 1992 sagte Suzanne: „Danach unterzog die Pop-Theorie das Schaffen unserer Generation einer Analyse. Der Untergrund hatte sich den Regeln der Marktwirtschaft unterworfen. Vor uns die Treppe ins Museum.“ Das wussten offenbar auch Marlene und Klaudia. Sie kontaktierten Martin Byland vom Off Course-Label. 1993 erschien die Doppel-CD „LiLiPUT“, die alle KLEENEX-Songs enthält, auch die bis dahin unveröffentlichten, sowie alle LILIPUT-Songs, hier ebenso drei unveröffentlichte aus dem Jahr 1981, die für eine Single eingespielt worden waren, die dann doch nicht erschien. Danach nahm Kill Rock Stars in den USA die Sache mit den Wiederveröffentlichungen in die Hand. Zuletzt wurde 2024 ihr Doppelalbum „First Songs“ in einer limitierten Auflage von 800 Exemplaren neu aufgelegt.

Ende der 1980er gründete Marlene mit Juliana und Katja Alves die Konzertagentur AFID (Am Füdli isch dunkel), die Namensgebung kam natürlich von ihr. Sie organisierten unter anderem Konzerte mit MANO NEGRA, NICK CAVE & THE BAD SEEDS, LENINGRAD COWBOBYS, YOUNG GODS und der New Yorker Schreimusikerin Diamanda Galás. Der Auftritt der exzentrischen Diva führte aber schlussendlich zur Auflösung der Agentur. Die Gage war nicht ohne und Marlene zählte auf die Frauenszene, die jedoch nicht so zahlreich erschienen war wie erhofft. Dazu musste ein teurer Flügel angemietet werden. Durch die Eruption, die Diamandas Musik auslöste, fiel ein Scheinwerfer von der Decke auf den Bösendorfer und beschädigte diesen erheblich. Nichtsdestotrotz war Marlene noch lange immer wieder auf Konzerten im Publikum anzutreffen.

Nicht zu vergessen ist ihr Tagebuch „Kleenex/LiLiPUT“, das 1986 beim Verlag Nachbar der Welt von Patrick Frey in einer Auflage von 800 Exemplaren erschien, es war seine erste Veröffentlichung. Ein Glücksfall und einmalig in der Schweizer Musikgeschichte, dass jemand schon so kurz nach Auflösung seiner Band so was macht. Wer das Buch aufmerksam bis zur letzten Seite gelesen hat, weiß, dass dies ihr zweites Tagebuch war. Schon 1975 erschien im Selbstverlag bereits das Tagebuch „Marlene“. Laut eigener Aussage wollte sie im Abstand von zehn Jahren immer wieder eins veröffentlichen, was aber nicht passierte. Kurz nach ihrem Tod 2016 machte sich die junge US-Amerikanerin Grace Ambrose daran, das Tagebuch „Kleenex/LiLiPUT“ in englischer Übersetzung und mit etlichen Updates nochmals aufzulegen. Es erschien 2023 in einer Auflage von 2.000 Stück und ist heute fast ausverkauft.

Der Schreiber dieses Textes besann sich 2004 auf Marlenes Tagebuch und das Gefüge + Freunde. Es diente als Vorlage für das Buch „Hot Love – Swiss Punk & Wave 1976-80“. Es wurde mit allen Freunden aus der Zeit, die noch wollten, 2006 zum 30-jährigen Punk-Jubiläum und nochmals im Jahr darauf aufgelegt.

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Diskografie

KLEENEX: „s/t“ (7“, Sunrise, 1978) • „Ain’t You/Hedi’s Head“ (7“, Rough Trade, 1979) • „You/Ü“ (7“, Rough Trade, 1979) • LiLiPUT: „Split/Die Matrosen“ (7“, Rough Trade, 1980) • „Live (Bern 80)“ (MC, Gefahrenzone, 1981) • „s/t“ (LP, Rough Trade, 1982) • „Some Songs“ (LP, Rough Trade, 1983) • „You Did It/The Jatz (7“, Rough Trade, 1983) KLEENEX / LiLiPUT: „LiLiPUT“ (CD, Off Course 1993; Rerelease Kill Rock Stars, 2001) • „Live Recordings, TV Clips & Roadmovie“ (CD, Kill Rock Stars, 2010) • „First Songs“ (LP, Kill Rock Stars, 2016; Rereleases 2021+2024)

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