
Die erst seit 2023 aktive Band KRIGSSTIGEN aus Stockholm hat 2024 mit „Samling I Särklass“ ein fulminantes Album hingelegt. Melodien, Power und ein gutes Gespür für Ohrwürmer verbinden sie mit klaren Aussagen zu einem ganz besonderen Punkrock-Sound. Wir sprachen mit der Band über ihre Anfänge, toxische Strukturen – nicht nur im Punk –, die Punk-Bootstour, aber auch wie gut in Schweden die Bedingungen für Bands sind.
Wie habt ihr zueinander gefunden – als Menschen und als Band? Was habt ihr vorher gemacht?
Anton: Anders, Jesse und Hanna spielten schon vorher zusammen in einer Band und haben Adrian und mich auch durch die Musik kennengelernt. Die drei hatten die Idee, Punk mit schwedischen Texten zu spielen. Wir beide waren eigentlich eingeladen, um für ihre frühere Band vorzuspielen, aber die Idee mit dem schwedischen Punk fanden wir spannender. Wir haben einige Songideen ausprobiert und es klang gut. Kurz darauf war das Studio gebucht und wir nahmen die EP „Vi Kan Bättre“ auf. Dann bekamen wir Auftritte und es ging sehr schnell voran. Vor KRIGSSTIGEN haben wir alle in anderen Bands gespielt.
Euer Name bedeutet „Kriegspfad“. Gegen wen und warum?
Hanna: Jesse und ich waren auf einer Party und unterhielten uns. Plötzlich sagte ich so was wie: „Ich fühle mich, als wäre ich schon mein Leben lang auf dem Kriegspfad.“ Wir hielten beide inne, sahen uns an und wussten in diesem Moment, dass das unser Bandname ist.
In Reviews zu eurer EP finden sich in deutschen Fanzines immer die Stichworte Trallpunk und auch ASTA KASK. Seht ihr das auch so?
Anders: Ich weiß nichts davon, dass wir jemals mit ASTA KASK verglichen worden sind. Es gibt Spuren von Trallpunk in unserer Musik, und in diesem Genre waren ASTA KASK unglaublich prägend. Es gibt geteilte Meinungen darüber, ob KRIGSSTIGEN Trall sind oder nicht. Aber wir selbst würden sagen, dass wir melodischen Punk mit Trall-Elementen spielen.
Ihr habt jetzt eine wütende Ente als Bandlogo, vorher waren es ein Krokodil, ein Bär, ein Kaninchen und andere Tiere. Habt ihr einen eigenen Zoo?
Jesse: Die Ente und das Kaninchen waren eigentlich etwas, das ich gezeichnet habe, bevor wir mit KRIGSSTIGEN anfingen. Und als ich sie den anderen in der Band zeigte, fanden sie, wir sollten sie als Logo verwenden. Danach haben wir das Krokodil und den Bären hinzugefügt, so dass es für alle vier Songs auf unserer EP jeweils ein Tier gibt. Später haben wir in den sozialen Medien darüber abstimmen lassen, welches der Tiere wir behalten sollten, und die Wahl fiel auf das Kaninchen und die Ente, aber die Ente hat schließlich gewonnen. Vielleicht werden die anderen Tiere ja in Zukunft wiederkommen.
Ihr hattet schon mit den ersten Songs, die ihr veröffentlicht habt, einen guten Start. Noch vor dem Erscheinen der ersten EP wurdet ihr zur „Close-Up Punk Cruise“ eingeladen.
Hanna: Robban, der diese Bootstour veranstaltet, schrieb mir, dass „Stopp min kropp“ ein toller Song sei. Ich bedankte mich bei ihm und fragte ihn, ob er sich unsere gesamte erste EP anhören wolle, was er auch tat. Eines Freitags, als ich gerade beim Wocheneinkauf war, bekam ich eine Nachricht von Robban, in der stand: „So damn good. Wollt ihr nächstes Jahr auf der Punk-Kreuzfahrt spielen?“ Ich rief die anderen direkt vom Supermarkt aus an und alle sagten natürlich sofort ja. Es war vielleicht der schwierigste Teil im ersten Jahr bei KRIGSSTIGEN, über diese wahnsinnige Sache von Mai bis Dezember den Mund zu halten, bis es endlich offiziell wurde.
Eure LP heißt „Samling I Särklass“, also „Sammlung der Sonderklasse“. Was steckt hinter diesem Titel?
Jesse: Das ist ein Wortspiel. Natürlich ist die Platte eine Sammlung unserer mit Abstand besten Songs, aber damit könnten auch die Kinder in der „Sonderklasse“ gemeint sein, wie man früher sagte, die eine spezielle Form von Unterricht bekommen. Wir sind auf dem Cover ja auch als Schulkinder zu sehen. Es mag Leute geben, die das bedenklich finden, aber wir selbst sehen es als etwas Positives. Man ist nicht einfach einer aus der Masse. Ich hatte zum Beispiel in der Schule Sonderunterricht in Mathematik. Meine Stärken lagen definitiv woanders.
Als „messerscharf“ bezeichnet ihr eure Texte. Woher nimmst du deine Ideen, Jesse?
Jesse: Meistens geht es in den Texten um Dinge, die mir im Alltag begegnen und über die zu schreiben so etwas wie eine Therapie ist. Manchmal bekomme ich auch Anregungen von anderen in der Band, hauptsächlich von Hanna, ein bestimmtes Thema zu behandeln, oder Vorschläge für ganzen Zeile, zu denen ich einen Text schreiben soll.
In „Solidaritet“ geht es um den Verlust von Solidarität. Bezieht sich das auf die Sverigedemokraterna, die die schwedische Gesellschaft auf ähnliche Weise spalten wie bei uns die AfD?
Jesse: Ich habe das Gefühl, dass wir innerhalb von ein paar Generationen von der Gemeinschaft zum Ego übergegangen sind. Vielleicht mussten wir in letzter Zeit nicht mehr für Dinge kämpfen, die wir früher für selbstverständlich hielten, zum Beispiel in den Gewerkschaften mit Arbeitsrecht und Tarifverträgen. Natürlich hat die politische Situation nicht nur in Schweden, sondern in der ganzen Welt dazu beigetragen, dass das Lied so aktuell und notwendig wirkt. Anfangs distanzierten sich die meisten schwedischen Parteien von den SD, aber mit ihrer wachsenden Popularität ist die Mitte-Rechts-Regierung ihnen mit offenen Armen entgegengekommen, um ihre eigene Beliebtheit zu erhöhen. Aber das Gleiche passiert ja gerade überall auf der Welt, oft sogar noch aggressiver als in Schweden. Wir können nur hoffen, dass Punk zu einer gegenläufigen Entwicklung beitragen kann, bei der wieder Liebe, Empathie und Solidarität im Mittelpunkt stehen.
In „Stop min kropp“ geht es um toxische Cis-Männlichkeit. Was war der Grund für diesen Text?
Jesse: Ich habe den Song geschrieben, weil das Thema leider immer noch unglaublich aktuell ist. Ich glaube nicht, dass ich eine einzige Frau oder einen einzigen Mann kenne, der nicht mal von Missbrauch oder unaufgeforderten sexuellen Annäherungsversuchen betroffen war. Der Slogan „Stop! Min kropp!“ wird auch in schwedischen Schulen verwendet, um Kindern beizubringen, Grenzen zu setzen, und es hat sich herausgestellt, dass wir deswegen viele Kinder unter unseren Fans haben. Mit anderen Worten: Es gibt Hoffnung für zukünftige Generationen von Punks.
Hier in Deutschland gibt es seit einiger Zeit die Initiative #PunkToo. Existiert etwas Ähnliches in Schweden?
Hanna: Nein, leider haben wir so etwas nicht. Wir wissen, dass es in Finnland eine ähnliche Bewegung gegeben hat, aber entweder sind wir im punkigen Schweden verschont geblieben oder es gibt eine größere Kultur des Schweigens, die immer noch ungebrochen ist. Wir glauben letzteres. Wir haben beschlossen, dass problematisches Verhalten wie Sexismus, Homophobie und Rassismus in der Band nicht in Ordnung ist und wir haben extrem darauf geachtet, dass jeder in der Band dieselben Werte teilt.
Apropos „punkiges Schweden“. Wie sieht die Szene in Stockholm aus? Was könnt ihr empfehlen?
Hanna: Die Punk-Szene in Stockholm ist leider ziemlich tot. Immer mehr Locations werden geschlossen, auch Jugendzentren. Aber es gibt noch ein paar wirklich gute Orte. Wir würden empfehlen, Punk-Konzerte im Hus 7 oder Slaktkyrkan zu besuchen, zwei der besten Clubs, die wir haben.
Von außen betrachtet scheint es so, als ob in Schweden gefühlt jeder in einer Band spielt oder sonst wie Musik macht. Ist das wirklich der Fall?
Anton: Vielleicht spielt nicht jeder in einer Band, aber es gibt eine Menge guter Bands in Schweden. Die Musikschulen sind kostenlos, gute Bedingungen mit Proberäumen, die niedrige Mieten haben, und viele engagierte Leute in den Musikverbänden und der Musikindustrie haben meiner Meinung nach auch einen großen Anteil daran.
Anders: In Schweden haben wir auch „Studienzirkel“, die es möglich machen, in Bands zu spielen. Man gründet einen Studienkreis und dann stellen die Studienverbände voll ausgestattete Proberäume zur Verfügung und bieten Möglichkeiten, live zu spielen, und bestimmte Kosten zu übernehmen.
Was ist jetzt nach der LP geplant?
Anton: Im Moment schreiben wir neue Songs, die wir im Laufe des Jahres veröffentlichen wollen, entweder als Singles oder EPs und schließlich eine weitere LP. Es wird natürlich zwischendurch Konzerte geben, und wir hoffen, vielleicht in Städten und auch Ländern spielen zu können, die wir noch nicht besucht haben.
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