LIFEFORCE RECORDS

Foto© by Lifeforce Records

Est. 1995

Das Leipziger Label Lifeforce gibt es nun seit 30 Jahren – im Laufe­ der Zeit haben dort viele Bands ihre Karriere begonnen, die die deutsche ­Szene entscheidend mit geprägt haben. Wie es Stefan Lüdicke geschafft hat, das ­Label so lange am Leben zu halten, und wie es um dessen Zukunft steht, erfahrt ihr hier.

30 Jahre Lifeforce, herzlichen Glückwunsch! Hättest du dir damals träumen lassen, dass du drei Jahrzehnte später immer noch Platten veröffentlichen würdest?

Ganz lieben Dank. Um korrekt zu bleiben, habe ich das Label ja erst vor 25 Jahren von Rüdiger Mahn übernommen, aber selbst das ist schon ein verdammt lange Zeit. Anfangs hätte ich sicher nicht gedacht, dass dies auf Dauer meine Hauptbeschäftigung sein würde, aber mittlerweile kann ich mir auch nicht wirklich mehr etwas anderes vorstellen, zumindest nichts, was nicht am Ende auch in eine vergleichbare Richtung geht.

Das Labelgeschäft hat sich ja gerade in den letzten Jahren stark gewandelt – wie hat sich deine Rolle mit der Zeit verändert?
Gerade am Anfang war es ja noch so, dass wir mit unserem „Bauchladen“ auf diverse Shows und Festivals gefahren sind, um dort unsere Sachen zu verkaufen. Das ist dann leider im Zuge der zunehmenden Digitalisierung der Musik schon so ungefähr 2012 komplett eingeschlafen, weil es den Aufwand einfach nicht mehr gerechtfertigt hat und die Leute einfach immer weniger physische Tonträger gekauft haben. Zudem waren „Demo-Tage“ früher ein wichtiger, aber auch zuweilen harter Bestandteil des Labelgeschäfts. Mittlerweile kommen Demos ja ausschließlich digital, was die ganze Sache doch um einiges entspannter macht, weil du eben nicht einen ganzen Tag lang Demos durchhören musst, sondern da immer mal zwei, drei am Tag einschieben kannst. Es ist auch so, dass ich mittlerweile eher damit beschäftigt bin, zusammen mit den Künstlern ständig diverse Social-Media-Seiten zu bespielen, um relevant zu bleiben. Allerdings ist dadurch auch wieder der DIY-Gedanke etwas mehr in den Vordergrund gerückt, da man Leute heute viel besser direkt ansprechen kann und dies auch viel genauer steuern kann.

Lifeforce war ja mal Heimat von Bands, die heute aus der Metalszene gar nicht mehr wegzudenken sind, wie HEAVEN SHALL BURN oder CALIBAN– blickst du auch ein wenig mit Stolz auf sie und den Weg, den sie gegangen sind?
Absolut, denn ich weiß ja, dass ich auch meinen kleinen Teil dazu beigetragen habe. Natürlich schwingt immer etwas Wehmut mit, allerdings bin ich auch realistisch genug, um zu sehen, dass sich diese Bands höchstwahrscheinlich auf einem vergleichsweise kleinen Label wie Lifeforce nicht in diesem Maße hätten entwickeln können.

Sind Labels wie Lifeforce auch gerade deshalb ein so wichtiger Bestandteil der Szene, weil sie an vorderster Front sind, wenn es darum geht, neue Bands zu entdecken?
Ich denke, ohne die kleineren Labels, aber auch Fanzines und Magazine wie zum Beispiel Fuze oder Ox, die auch nicht bereits etablierten Bands eine Plattform bieten, wäre die Musiklandschaft ziemlich eintönig. Natürlich gibt es auch bei größeren Labels abenteuerlustige A&R, allerdings wird dort natürlich zuallererst geschaut, ob sich eine Band gut vermarkten lässt, und im Zweifel ist das auch der entscheidende Aspekt, einer Band eine Chance zu geben. Natürlich will auch jedes kleinere Label Platten verkaufen, aber die Entscheidung für eine Band wird da auch leichter einfach mal aus dem Bauch heraus gefällt.

Hast du nach all der Zeit manchmal das Gefühl, schon alles gehört zu haben? Wie konntest du dir die Begeisterung für neue Bands über all die Jahre und Trends hinweg bewahren?
Sicher, dass Rad erfindet heute keine Band mehr neu. Da aber die Grenzen zwischen den einzelnen Genres mittlerweile doch eher fließend sind, kommt eben doch am Ende immer mal wieder etwas Erfrischendes raus, eben weil eine Band scheinbar Althergebrachtes mit einem neuen Twist versieht und ich mir dann denke, das klingt eigentlich ziemlich klasse. Ich finde es faszinierend, dass eine wirklich harte Band wie zum Beispiel KNOCKED LOOSE heute so groß werden kann, und denke mir dann, das hätten auch DISEMBODIED sein können, sie kamen leider nur 20 Jahre zu früh.

Was bedeuten Streaming-Portale wie Spotify und Co. für ein Independentlabel wie Lifeforce?
Sie sind Fluch und Segen zugleich. Es ist so, dass es Lifeforce ohne diese Portale sicher nicht mehr geben würde, da einfach ein Großteil des Umsatzes heute mit Streaming erzielt wird. Wir alle wissen um die Kontroverse um Spotify und deren Zahlungsmodell, das schlichtweg asozial ist. Leider sind sie aber auch der unangefochtene Platzhirsch mit bei Lifeorce wenigstens 90% der Gesamtstreamingzahlen. Ich kann den Leuten auch nicht verübeln, dass sie es nutzen, denn ich tue es ja selbst, weil es einfach komfortabel ist und künstlerfreundlichere Portale wie zum Beispiel Tidal meiner Meinung nach nicht so intuitiv funktionieren. Das ist schade, denn vielen Leuten ist gar nicht bewusst, dass für einen Spotify Stream gerade bei kleineren Künstlern so gut wie oder im Zweifel gar nichts ankommt, wenn ein Song nicht in zwölf Monaten 1.000 Mal gestreamt wird.

Es ist ja nicht unbedingt einfacher geworden, sich als Label über Wasser zu halten, du hast auch gerade eine GoFundMe-Kampagne laufen. Warum braucht Lifeforce gerade jetzt Unterstützung?
Einen Teil der Antwort findest du ja schon unter der vorherigen Frage, hinzu kommen einfach die massiv gestiegenen Kosten für Herstellung, Transport, Miete, Strom, etc., die ich eben nicht 1:1 auf den Preis umlegen kann, denn dann kauft auch niemand mehr die Platten. Die GoFundMe-Kampagne war auch irgendwo ein Weckruf und ich bin mega dankbar für das Feedback und die Spenden, die dadurch reingekommen sind. Allerdings ist es mir weitaus lieber, wenn Leute anstatt zu spenden, auch weiterhin kleine Bands und Labels wie Lifeforce unterstützen, am besten indem sie erstens weiter kleinere Shows besuchen, da zweitens auch mal ein Shirt oder eine Platte kaufen oder drittens direkt bei den Bands oder Labels etwas bestellen, das ihnen gefällt. Wenn Streaming euer Ding ist, nutzt es exzessiv auch bei nicht so bekannten Künstlern. Dann bleibt bei allen Beteiligten auch genug hängen, um auch weiterhin als Band oder kleines DIY-Label existieren zu können.

Anzeige