LION’S LAW

Foto© by Nina Galdino

Paris, du brichst mir das Herz

„Paris, oh, Paris, you’re breaking my heart“ singen LION’S LAW im Opener ihres neuen Albums „Evermore“, und der heißt auch „Paris“ und ist eine emotionaler Abschied von der Stadt, in der Band (noch) lebt, in der aber die Gentrifizierung das Leben für normale Menschen zunehmend verunmöglicht. Wir nahmen das zum Anlass, die Band uns etwas über ihre Stadt erzählen zu lassen.

Wie seid ihr in Paris gelandet? Seid ihr dort aufgewachsen oder dorthin gezogen und hängen geblieben?

Wattie: Ich bin in einem Vorort von Paris aufgewachsen, im 9. Bezirk, und bin dort seit meiner Jugend nicht wieder weggekommen.
Thomoï: Ich bin 60 alt und kein gebürtiger Pariser. Ende der 1980er Jahre bin ich nach Paris gezogen, um dort zu studieren. Anfang der 1990er Jahre kehrte ich zurück nach Orléans. Aber seit 2007 bin ich wieder in Paris. Ich wohne jetzt im östlichen Vorort Montreuil.

Inwiefern habt ihr eine besondere Verbindung zu Paris? Zum Beispiel in Bezug auf die Namensgebung, die Lieder, die Albumtitel, das Artwork?
Wattie: Paris hat eine große Historie und wir sind sehr stolz auf unsere Stadt. Auf das, was sie repräsentiert, und auf das Bild, das sie in die Welt sendet. Aber, wie wir in unserem Song „Paris“ auf unserem Album singen, ist es auch die Hölle für Leute wie uns, in so einer großen und teuren Stadt zu leben. Das gilt aber leider für jede Metropole.
Thomoï: Paris bietet durch die Größe eine sprudelnde Quelle an Inspiration. Manchmal bin ich froh, in Paris zu leben, aber ich empfinde auch Hass oder Traurigkeit, wenn ich sehe, wie schnell sich diese Stadt verändert und das leider nicht auf eine gute Weise. Früher war es die Stadt der Liebe und der Romantik, heute ist sie eher von Hass und Armut geprägt. Es ist wirklich schwer, in Paris zu leben, wenn man kein hohes Einkommen hat.

Wie steht es um die Szene und gleichgesinnte Bands?
Wattie: Es gibt massenweise gute Oi!-, Punk- und Hardcore-Bands in Paris. Wir halten alle zusammen, damit die Szene stark und lebendig bleibt. Für eine so große Stadt ist es eine kleine Gemeinschaft, die aber jeden Tag stärker wird. Da wären zum Beispiel die Oi!-Band SQUELETTE, die Hardcore-Band TAKE IT IN BLOOD, die Streetpunker BREAKOUT oder 8°6 CREW mit ihrem Skinhead-Reggae – sie alle sind Teil der BSC, der BASTILLE SKINHEAD CREW.
Thomoï: Was mich mit Paris verbindet, das ist in erster Linie die hiesige Szene. Wie Wattie schon sagte, ist sie nicht so groß, aber stark. Wir sind nicht nur ein paar Musiker, die in Bands spielen, und es geht auch nicht nur um die Bands. Zur Szene gehören auch die Veranstalter, die Tattoo-Künstler oder Leute, die als Stagehands oder Tontechniker arbeiten oder das Artwork für Poster, Platten und T-Shirts gestalten. Wenn all diese verschiedenen Leute an einem Strang ziehen, macht das den Unterschied.

Bezieht ihr euch auf eine bestimmte musikalische Tradition der Stadt, gibt es „historische“ Verbindungen?
Wattie: Auf jeden Fall sind die Pariser Punk- und Oi!-Bands der frühen 1980er Jahre legendär. Ihnen gehört unser Respekt. Ein paar von ihnen sind ja auch immer noch aktiv, etwa WUNDERBACH, R.A.S. oder WARUM JOE.
Thomoï: Ich weiß nicht, ob es in Paris eine spezielle Musiktradition gibt. Ich liebe einige der Pariser Punkbands aus den 1980ern, aber auch in anderen Teilen Frankreichs gab es damals gute Bands. Vielleicht ist es in einer großen Stadt einfacher, passende Leute zu finden und eine Band zu gründen. Im Moment haben wir Glück, denn es gibt einige wirklich gute Bands aus Paris, manche davon halten auch die französische Oi!-Tradition hoch.

Was für DIY-Strukturen gibt es, wie Konzertgruppen etc.? Bringt ihr euch selbst da auch ein?
Wattie: Ich buche seit mehr als zehn Jahren Konzerte mit unserer Gruppe BSC, aber es gibt auch andere Kollektive, die Punk-Shows veranstalten. Das Einzige, was uns fehlt, sind die richtigen Räumlichkeiten. Jedes Mal, wenn ein DIY-Club aufmacht, wird er sofort wieder geschlossen, was unseren Traum von einem eigenen Freiraum für die Subkultur wieder zunichte macht.
Thomoï: Es gibt einige gute Leute, die coole Shows in Paris organisieren. Wattie ist einer von ihnen mit der Bastille Skinhead Crew, sie stemmen das Festival Le Bal des Vauriens und viele kleine Shows. Los Locos veranstalten seit ein paar Jahren das United Rockerz Festival.

Nehmt uns mit in die Live-Musikszene eurer Stadt. Was ist los, welche Clubs, DIY-Locations usw. gibt es, was zeichnet sie aus ... und welche gefallen euch am besten?
Wattie: Wie ich schon sagte, Paris ist zwar eine europäische Hauptstadt, aber die Szene ist nicht so groß und es gibt nicht so viele DIY-Läden. Wir gehen immer gerne zu Born Bad Records und danach in eine Bar oder auf ein Konzert im La Mécanique Ondulatoire oder im Cirque Électrique. Was mir am meisten Spaß macht und was wir früher oft gemacht haben, sind Boot-Shows auf der Seine, sehr typisch. Der letzte Veranstaltungsort auf einem Boot ist Le Petit Bain, das ist ziemlich cool.
Thomoï: Es gibt auch in Montreuil, wo ich wohne, einige gute Orte für Shows. La Pêche, der kleine Club der Stadt, La Marbrerie mit 700 Plätzen, wo wir manchmal spielen und einige Bars mit einer PA und einer Bühne

Was schätzt ihr an der Musikszene dieser Stadt?
Wattie: Das Beste ist, dass wir uns alle kennen und miteinander abhängen, Hardcore-Kids, Garage, Punks und Skins. Und in Paris, und in Frankreich generell, gibt es eine große Kneipenkultur. Wenn du in eine Bar gehst, triffst du immer Leute aus der Musikszene. Nicht nur bei Konzerten.
Thomoï: An unserer Szene gefällt mir am besten, dass du auf die Leute zählen kannst, wenn du Hilfe für dein Projekt brauchst. Es geht um Freundschaft und jeder ist sofort bereit anzupacken. Es herrscht eine gute Energie und die Leute sind motiviert.

Gibt es bezahlbare, akzeptable Proberäume? Und wo probt ihr?
Wattie: Es ist sehr teuer, einen Raum zu mieten, aber in den 1980er Jahren haben die Jungs von der legendären Punkband BÉRURIER NOIR ein Zentrum mit vielen Proberäumen eröffnet, wo wir alle proben. Es gibt alles, was man braucht: Verstärker, Gitarren, etc. Abgerechnet wird stundenweise.
Thomoï: Auf dem Land ist es manchmal einfacher, einen Platz zum Üben zu finden. Im Keller deiner Eltern, auf dem verlassenen Bauernhof deiner Großmutter im Nirgendwo. In der Großstadt ist das anders. Die meisten von uns leben in Wohnungen und du bekommst schnell Probleme mit der Nachbarschaft wegen des Lärms. Also ist die einzige Lösung, einen Übungsraum zu mieten, und wie Wattie sagt, ist das ziemlich teuer.

Wie sieht es mit Aufnahmen und Studios aus?
Wattie: Wir nehmen immer in einem der ältesten besetzten Häuser von Paris auf, Les Frigos. Es ist ein Künstlerkollektiv und unser Freund Alex Mazarguil hat dort ein Aufnahmestudio. Das Gebäude sieht irre aus, es ist das alte Fleischkühlhaus von Paris. Bei Alex haben in den letzten zehn Jahren fast alle Pariser Punkbands aufgenommen.
Thomoï: Das Lustige am Frigos ist, dass es in den 1980er Jahren auch schon ein Studio in dem Gebäude gab, wo wir mit KOMINTERN SECT aufgenommen haben. Viele andere auch, TOLBIAC’S TOADS, LA SOURIS DÉGLINGUÉE, LES WAMPAS oder THE HOT PANTS. Andere Etage, andere Leute, aber das gleiche Gebäude – nach fast 40 Jahren nehme ich hier immer noch meine Songs auf.

Wo kauft ihr eure Platten? Welche Läden könnt ihr empfehlen?
Wattie: Da gibt es für mich nur einen Ort: Born Bad Records. Oh, und ich selbst verkaufe auch Platten am Seine-Ufer, an einem kleinen Stand namens La Gargouille.
Thomoï: Es gibt auch Le Silence de la Rue und Le Rideau de Fer am Montmartre, da findest du Secondhand-Platten, neue Bands und Underground Musik.

Und wie lautet euer abschließendes Urteil? „Ich liebe es hier!“ oder „Ich will weg von hier!“?
Wattie: Ich zitiere mich hier selbst: „Paris, oh Paris, du brichst mir das Herz“.

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PARIS
In the heart of the city where the cobblestones speak / Gentrification’s grip turning streets so sleek / Old bars are replaced by high-end boutiques / Our dreams are shattered, like glass on concrete
They call it progress, but it’s pushing us away / A city of the rich where the poor can’t stay / They say it’s progress but it’s tearing us apart / Paris, oh, Paris, you’re breaking my heart [...]
Paris, oh, Paris, I’m sorry I can’t stay / Paris, oh, Paris, you’re fading away / This city is a relic that has now turned cold / Families forced out, a story untold / Pushing out the voices of those who called it home / In a concrete jungle where we used to roam

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