
Der Stil des Erpresserbriefs mit aus Zeitungen ausgeschnittenen Buchstaben ist wohl eines der geläufigsten Punkrock-Klischees. Berühmt wurde er nicht zuletzt durch Jamie Reids Arbeit für Malcolm McLaren und die SEX PISTOLS. Der Stil entstand laut Reids Aussage in einem Index Magazine-Interview aus dem Jahr 1998 aber schon während seiner Arbeit für den von ihm mitgegründeten situationistisch-anarchistischen Verlag Suburban Press: „Wir haben von Flugblättern über Pamphlete, Bücher, anarchistische Kochbücher, Sachen für die Frauenbewegung, das Black Movement, Hausbesetzungen alles möglichst schnell produziert und herausgebracht. Und was das Grafikdesign angeht, habe ich wahrscheinlich an der Druckerpresse mehr gelernt als auf der Kunsthochschule. Man entwickelt ein Gespür dafür, was wirklich gut aussieht – aus purer Notwendigkeit, weil man kein Geld hat. [...] In vielerlei Hinsicht war das der Look, der später mit den Pistols und dem Punk in Verbindung gebracht wurde. Seine ganze Basis waren anarchistische Gemeinschaftsprojekte und die Druckerpresse. Und dann haben wir es einfach in die Populärkultur transferiert, das war eine ganz bewusste Entscheidung von mir und Malcolm.“ McLaren und der aus einem sozialistisch geprägten Elternhaus stammende Reid hatten sich als Studienkollegen auf der Croydon Art School kennengelernt und Ende der 1960er gemeinsam an mehreren politischen Protestaktionen teilgenommen. Auch nach der Studienzeit blieben sie in Kontakt, Mitte der 1970er bat McLaren den zu dieser Zeit auf den schottischen Hebriden lebenden Reid schließlich um Mitarbeit an seinem in den Startlöchern stehenden Projekt SEX PISTOLS. Reid zog zurück nach London, bekam einen Job bei einer Druckerei der Labour Party und druckte dort alle frühen Pistols-Printerzeugnisse. Schließlich startete die Band – nicht zuletzt dank Reids provokanten Artworks und Slogans inklusive Verunglimpfung der Royal Family – ganz groß durch. Und alle Beteiligten haben sich vermutlich köstlich über die hochgradig ironische Kombination von gezieltem Tabubruch und finanziellem Erfolg amüsiert. Doch während McLaren sich im Laufe der Zeit zunehmend auf die Kommerzseite konzentrierte, blieb Reid seinen Wurzeln treu und engagierte sich ausschließlich für Bands und politische, humanitäre, umweltbezogene, später auch esoterische Projekte und Protestbewegungen, hinter denen er zu 100% stand, darunter die DEAD KENNEDYS, PUSSY RIOT, No Clause 28 (LGBT-Rechte), die Legalise Cannabis Campaign, Occupy, Reclaim the Streets (Anti-Globalismus), War Child (Unterstützung von Kindern in Kriegsgebieten), Extinction Rebellion, Greenpeace und den Shamarnachismus [sic!].
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #179 April/Mai 2025 und Anke Kalau