
Schier unaufhaltsam sprangen LORNA SHORE seit ihrem letzten Album mit Leichtigkeit von einer Sprosse zur nächsten auf der Karriereleiter. Frontmann Will Ramos erzählt uns, wie sich der dadurch aufbaute Druck in eines der besten Alben der Band aus New Jersey verwandelte.
Vor einiger Zeit hast du ein Video gepostet, in dem du erklärst, wie sehr du dich auf die kommende Tour und speziell die Termine hierzulande freust. Außerdem hast du deine Vorfreude auf das deutsche Essen hervorgehoben. Da muss ich natürlich nachfragen. Was genau hast du damit gemeint?
Es ist wirklich witzig, dass du mich genau danach fragst. Als ich das Video zu unserer Managerin schickte, wollte sie auch sofort wissen, welches deutsche Essen ich überhaupt kenne. Und ehrlich gesagt kenne ich eigentlich nur zwei Gerichte und von einem weiß ich nicht mal sicher, ob es überhaupt deutsch ist. Eines ist ein Klassiker, habe ich mir sagen lassen: Currywurst. Das andere ist Döner Kebab. Ich glaube, dass das nicht ursprünglich aus Deutschland kommt, oder? Aber uns wurde gesagt, dass Deutschland der beste Ort ist, um das zu essen. Kann man das so sagen?
Ja, das kann man so stehen lassen ... „Pain Remains“ und alles, was damit zusammenhing, war für euch ein Riesenerfolg. Wie war es für euch, nun ein neues Projekt anzugehen? Wie groß war der Druck, dem Vorgänger gerecht zu werden?
Es lastete richtig viel Druck auf jeden in der Band während des gesamten Prozesses, beginnend beim Schreiben bis zur Veröffentlichung von etwas Neuem, das besonders gut werden soll. Ich selbst bin immer bereit, ins Studio zu gehen. Ich habe es regelrecht herbeigesehnt. Mit „Pain Remains“ haben wir knapp zwei Jahre getourt. „Cursed to die“ kann ich langsam nicht mehr hören. Aber keine Angst, spielen werden wir den Song trotzdem noch. Das ist unvermeidlich. Aber wir werden ihn etwas abwechslungsreicher gestalten. Ich habe tausend Notizen in meinem Handy. Ich schreibe mir ständig irgendwelche Sachen auf, und es ist einfach so, als würde ich wieder in den Moment eintauchen. So nach dem Motto:, cool, jetzt kann ich endlich diese Zeile benutzen, die ich vor sechs Monaten notiert habe. Und ich war begeistert. Denn im Studio fühle ich mich immer wohl, aber es sind die Erwartungen der anderen Bandmitglieder, die es manchmal ein bisschen schwierig machen, weil sie nur das Beste vom Besten wollen. Und natürlich will ich auch das Beste geben, aber manchmal stimmt die Vorstellung davon, was genau das Beste ist, bei zwei Leuten einfach nicht überein.
Was macht „I Feel The Everblack Festering Within Me“ für dich zu etwas Besonderem?
Ich denke, es ist ein sehr emotionales Album. Ich liebe Musik, die Menschen berührt, und es berührt mich, wenn ich sie schreibe. Egal, ob wütend, traurig, oder glücklich. DieHauptsache ist, dass es sich echt anfühlt. Und ich glaube, in diesem Album steckt sehr viel davon. Es erzählt von Dingen, die uns als Band wirklich passiert sind oder mir persönlich. Geschichten, die ich durchlebt habe, Traumata oder Probleme, von denen ich weiß, dass sie passieren. Und für mich war es wichtig, etwas zu schreiben, das sich gut anfühlt. Natürlich sind harte Songs großartig – man hört sie, fährt auf den Breakdown ab, hört ihn wieder, und er wird immer besser. Aber für mich kam irgendwann der Punkt, dass ich einen Breakdown nicht mehr unendlich oft hören kann. Ich brauche etwas anderes, das mich in einen Song hineinzieht. Manchmal sind es die Texte, manchmal die Art, wie ein Sänger etwas ausdrückt. Wenn es so rübergebracht wird, dass man es nicht nur hört, sondern wirklich fühlen kann. Jeder Song auf unserem Album hat eine andere Stimmung. Sie sind durch die Bank weg größer als alles, was wir bisher gemacht haben. Es repräsentiert eine bessere und ehrlichere Version von LORNA SHORE. Das ist es, was dieses Album von all unseren bisherigen unterscheidet. Jemand mit Demenz in der Familie wird sich von „Prison of flesh“ angesprochen fühlen. Wer einen geliebten Menschen vermisst, wird „Glenwood“ hören. Wer einfach nur wütend ist, kann das mit „War machine“ ausleben. Es sind alles echte Emotionen. Das hier ist die ehrlichste Version von uns.
Wie läuft das Songwriting bei euch ab? Gibt es ein bestimmtes Schema?
Es gibt kein spezielles Vorgehen. Wir starten zwar mit einer klaren Vorstellung, wie wir es angehen wollen, aber dann läuft es doch ganz anders. Typisch. Sobald man richtig tief in etwas eintaucht, entwickelt es sich einfach.Und ganz ehrlich: Ich wünschte, ich könnte sagen, dass ich bei diesem Album stärker involviert gewesen wäre. Aber das, was da an musikalischer Fachsprache rumfliegt, ist mir zu viel. Dann heißt es zum Beispiel: „Wir brauchen hier eine kleine Terz nach oben in Moll“ und ich sitze da und denke, keine Ahnung, was ihr da redet. Wenn dann ein grober Entwurf steht, bekomme ich ihn, ziehe mich zurück und schreibe die Texte. Danach präsentiere ich sie den anderen und sie reagieren darauf. So geht es reihum. Jeder bringt seine eigene Note ein, so dass daraus der typische LORNA SHORE-Sound entsteht.
Vor ein paar Jahren gab es diese Dokumentation bei „The Charismatic Voice“, dem YouTube-Kanal der Gesangstrainerin Elizabeth Zharoff, bei der deine Stimmorgane untersucht wurden. Es stellte sich heraus, dass du eine anatomische Besonderheit in deinem Kehlkopf hast, die teilweise für deinen Sound verantwortlich ist. Hat dieses Wissen etwas bei dir verändert im Umgang mit deiner Stimme?
Dieses Experiment für „The Charismatic Voice“ war unglaublich. Ich habe definitiv eine Menge darüber gelernt, was ich eigentlich mache. Normalerweise arbeitet man nur nach Gefühl. Wenn es funktioniert, dann funktioniert es eben. Für mich war das auch okay. Aber als ich tatsächlich plastisch vor mir sehen konnte, was mit meiner Stimme passiert, wenn ich singe, hat mir das enorm geholfen. Vorher war es so, man schreit los, und wenn es nicht wehtut, wird es schon richtig sein. Aber zu verstehen, warum das so ist, ist noch mal etwas ganz anderes. Und das hat mich motiviert, noch weiter zu erforschen, was alles möglich ist. Elizabeth ist Vocal Coach und eine absolute Expertin in Sachen Stimmwissenschaft. Sie hat mir Dinge beigebracht, auf die ich selbst nie gekommen wäre. Zum Beispiel, dass bestimmte Vokale beim Singen schwerer zu artikulieren sind als andere. Das E ist zum Beispiel oft sehr einfach für Metal Vocals, deswegen machen viele auch ihre Pig Squeals damit. Andere Vokale sind je nach dem schwieriger umzusetzen. Das ist verrückt, weil ich meine Stimme vorher nie auf diese Art betrachtez hatte. Das hat nicht nur meine Performance verändert, sondern auch wie ich Musik schreibe. Ich habe gelernt, meine Stimme auf völlig neue Weis zu nutzen und zu manipulieren. Und dadurch habe ich mehr über mich selbst gelernt, als ich je für möglich hielt.
Wie war es, eine Kamera im Kehlkopf zu haben? Das stelle ich mir wirklich fies vor.
Es war schrecklich, aber in meiner Vorstellung war es eigentlich noch schlimmer. als es dann tatsächlich war. Es ist wie beim Zahnarzt. Niemand geht gern hin. Man stellt sich vor, dass es furchtbar wird. Wenn man dann auf dem Stuhl sitzt, ist es am Ende gar nicht so dramatisch. Es war in Ordnung. Viel schrecklicher war es, als ich beim nächsten Mal bei ihnen in Utah war. Da haben sie mir diese ganzen Nadeln in den Hals gestochen. Das war wahrscheinlich das Schlimmste, das ich je erlebt habe, und das will ich nie wieder.
Wenn man dir auf Social Media folgt, hat man diverse Videos gesehen, in denen du Songs mit Cleangesang performst. Besteht in der Zukunft die Möglichkeit, dass das auch Einzug auf ein LORNA SHORE-Album hält?
Ich fände das super. Aber es muss Sinn ergeben. Ich weiß nicht, ob sich dafür die Musik ändern oder ob ich einfach nur kreativer in meiner Herangehensweise sein muss. Aber ich liebe Cleangesang wirklich sehr. Es macht mir Spaß, und es gibt mir ein gutes Gefühl, weil es etwas ist, worin ich mir nicht zu 100% sicher bin. Wenn mir dann aber ein richtig guter Take gelingt, fühlt sich das großartig an. Aber es muss passen. Wir wollen nichts erzwingen. Nach meiner Erfahrung funktioniert das bei Bands meistens nicht. Es könnte klappen, klar, aber ich glaube nur stufenweise. Du kannst nicht einfach aus dem Nichts direkt in den Death Metal einsteigen. Wenn jemand zum ersten Mal Metal hört und dann WHITECHAPEL läuft, ist die erste Reaktion oft eher schockiert. Dann hörst du andere Bands wie LAMB OF GOD oder BULLET FOR MY VALENTINE und irgendwann kommst du zurück zu WHITECHAPEL und findest es geil. Genauso kannst du nicht einfach von null auf hundert in Richtung Gesang springen. Wir können das nicht. Aber vielleicht sind Pitch-Screams mein Weg dorthin. Die Türen stehen offen, mal sehen, ob wir hindurchgehen.
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