
Im Norden hat ein äußerst spannendes Projekt das Licht der Welt erblickt. Die Hamburger Musiker Stephan Mahler und Ritchy Fondermann haben gemeinsame Sache gemacht und unter dem Namen MAHLER/FONDERMANN ihr erstes Album „Neu, gebraucht, geliehen & verraucht“ veröffentlicht. Aufgenommen und produziert in Ritchys K-Klangstudio, ist hier ein ganz persönliches, tief berührendes Werk entstanden, das die Grenzen zwischen Punk und Pathos, Rock und Rente, Kampf und Konzentration auslotet und regelmäßig überschreitet. Da wir es bei den beiden Nordlichtern mit echten Szene-Veteranen zu tun haben, gibt es natürlich viel zu erzählen.
Hattet ihr keine Lust auf einen schmissigen Bandnamen oder sind alle guten schon weg?
Stephan: Genau! Nee. Tja, Thema Bandname. Ich denke, es liegt daran, dass wir ja 2024 nicht als Band gestartet sind, sondern als Studioprojekt. Uns war lange nicht klar, worauf das hinausläuft, auch als wir schon sechs Stücke im Kasten hatten. Und irgendwann war die LP fertig, doch das ganze Projekt war viel zu persönlich, als dass wir uns einen üblichen Bandnamen vorstellen konnten, also wie zum Beispiel „Die zerschmetterten Kürbisse“ oder so, deshalb blieben wir bei unseren Nachnamen. Die ja auch besonders sind.
Was reizt euch nach all den Jahrzehnten, wieder etwas Neues und somit ja auch ganz von vorne anzufangen?
Stephan: Wie du vielleicht weißt, habe ich immer Musik gemacht, immer Bands gehabt. Also die Frage, wieder von vorne anzufangen oder nicht, hat sich mir nie gestellt, denn Musik, dieser kreative Ausdruck, war und ist für mich eine persönliche Notwendigkeit. Es ist wohl auch bekannt, dass ich nicht auf Revivals stehe, und bis auf 1989, als es darum ging, mit SLIME wieder loszulegen, und wo es auch andere, externe Faktoren gab, die uns bewegt haben, habe ich davon die Finger gelassen. Ich gehe lieber immer weiter, immer nach vorne. Auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen.
Ritchy: Dem kann ich mich nur anschließen. Ich habe ja auch ständig irgendein Projekt laufen, auch wenn ich mich in letzter Zeit mehr dem Schreiben von Romanen gewidmet hatte. Wenn das mit Stephan nicht passiert wäre, hätte ich mich an eine nächste Fondermann-Platte gemacht. Interessanterweise hatte ich im Kopf, dafür etwas Härteres zu machen, also wieder mehr in Richtung Punkrock. Und da passte die Idee einfach sehr gut, etwas zusammen zu machen.
Woher nehmt ihr die Motivation, an dem Projekt MAHLER/FONDERMANN zu arbeiten?
Stephan: Ritchy und ich haben schon bei den Aufnahmen zur zweiten BELGRAD-LP „Lysis“ zusammengearbeitet und es hat sich schnell herausgestellt, wie gut das harmoniert mit uns. Konkret angefangen hat das mit „Schattenvogel“, das wollte ich unbedingt machen, und Ritchy und ich haben das zu zweit in seinem Studio aufgenommen. Das Ergebnis war so geil, dass wir daran gingen, gemeinsam noch ein paar andere Nummern von mir, die noch nie veröffentlicht wurden, aufzunehmen und zu produzieren. Dazu kamen noch weitere, aktuellere Kompositionen. Dieser Prozess war sehr kreativ und das hat alles unglaublich viel Spaß gemacht.
Ritchy: Im Prinzip haben wir uns einfach immer wieder getroffen. Nachdem wir erst mal angefangen hatten, konnten wir irgendwie nicht aufhören. Wir haben die Songs nacheinander aufgenommen und immer, wenn wir mit einem fertig waren, hatten wir schon eine Idee für den nächsten. So ist die Platte auch recht bunt und abwechslungsreich geworden. Ich glaube sogar, dass die Songs fast in der Reihenfolge, in der sie entstanden sind, auf der Platte gelandet sind. Also nicht ganz, aber fast.
Euer Album klingt sehr reif und erwachsen. Sowohl textlich als auch musikalisch. War es von Anfang an klar, wohin die Reise für euch gehen sollte, oder hat sich die Richtung erst im Laufe der Zusammenarbeit ergeben?
Stephan: Von fast allen Stücken existierte eine Vierspur-Version mit akustischer Gitarre und Gesang. Uns war auch klar, dass wir, wenn wir diese Nummern produzieren, nicht klingen werden wie mit 20 oder 30. Aber eigentlich haben wir uns darüber gar nicht so viele Gedanken gemacht. Wir haben einfach den kreativen Prozess laufen lassen, und die Dinge haben sich so entwickelt, wie sie wollten. Wichtig war uns, dass es frisch und kraftvoll rüberkommt. Das ist uns gelungen. Und lustig: Wenigstens drei Texte habe ich schon Mitte der 1990er geschrieben.
Ritchy: Stephan hat mir die Vierspur-Aufnahmen vorgespielt und dann haben wir eigentlich erst angefangen zu produzieren. Vieles ist im Prozess entstanden. Bei „Mond“ zum Beispiel hatte Stephan sich was Sphärisches in der Mitte des Songs gewünscht und ich habe einfach die Akkorde in Einzeltöne aufgeteilt und versucht, sie mit dem Geigenbogen auf der Gitarre nachzuspielen. Das war einfach eine spontane Idee und dieser Versuch ist auch genau so auf der Platte gelandet. Deswegen auch die vielen, eigentlich falschen Töne, die wir aber absichtlich drin gelassen haben. Die ganze Platte hat viele First Takes, uns war nicht wichtig, dass alle Parts perfekt gespielt sind, sondern dass sie eine dichte Atmosphäre erschaffen. Die neuen Songs, die wir später geschrieben haben, sind auch auf diese Weise entstanden, nur dass es dazu keine Vierspur-Demos gab.
Was unterscheidet MAHLER/FONDERMANN von euern unzähligen bisherigen Projekten und Bands?
Ritchy: Gute Frage. Für mich ist es während der Zeit der Produktion immer das gewesen, dass wir gesagt haben: Heute machen wir einen neuen Song! Und wir wussten nicht, was passieren würde, aber wir waren immer sicher, dass es gut wird. Wir wussten oft nicht, in welche Richtung es gehen würde, aber das war uns egal. Und weil es ja nicht als Band angelegt war, war es eben auch eigentlich genau das: die Arbeit im Studio an den Songs. Es war uns egal, ob man das nachher auf die Bühne bringen kann oder nicht, wir haben das völlig außer acht gelassen. Dass es nun eine LP geworden ist, war ja auch nicht geplant. Und das ist so ein bisschen der Unterschied: Es ging um die Arbeit an den Songs, nicht an der „Band“.
Stephan: Es gab ja keine Band. Unsere Zusammenarbeit fühlte sich von Anfang an frei an, weil nicht klar war, wohin die Reise überhaupt geht. Aber spannend wird es jetzt auch, wenn wir das auf die Bühne bringen – mit ’ner Band.
Was hat das noch mit Punk im klassischen Sinne zu tun und welche Rolle spielt Punk heutzutage noch für euch?
Ritchy: Doofe Frage. Müssen wir jetzt Punk definieren? Für mich ist eigentlich alles, was ich mache, noch immer Punk, weil es sich für mich richtig anfühlt, weil es aus mir herauskommt.
Stephan: Ich finde das schon okay, das etwas zu differenzieren. Was bedeutet Punk im klassischen Sinne? Also ursprünglich war es so was wie eine Jugendrevolte, und es wurde schnell klar, dass es hier nicht nur um neue Musik und den Umsturz der Verhältnisse geht, sondern auch um eine innere Haltung. Da wird es aber auch schon wieder kompliziert, weil natürlich schnell die Frage auftaucht, wer entscheidet, was die richtige Haltung ist. Ich habe mich von dem Begriff Punk schon sehr früh distanziert. Es wurde sehr schnell vielerorts durch Maßregelungen, wie man zu sein hat, wie man sich zu verhalten hat, was zu tun und was zu lassen ist, welche Musik man hören oder spielen darf, fast genauso spießig wie das, wogegen man einmal angetreten ist. Ich bin interessiert an der Kultivierung eines befreiten Geistes, und das bedeutet für mich: konstruktiv, kreativ, positiv. Und tolerant, weltoffen, freundlich. Ich mag diese Schubladen nicht. Und was 1977 die Musikwelt revolutionierte, läuft heute im NDR 2-Mittagsradio.
Kein Interview mit Stephan Mahler ohne Querverweis auf deine Arbeit mit SLIME. Nervt dich das oder überwiegt da eher der Stolz?
Stephan: Nee, das nervt mich null. Ganz im Gegenteil. Ich erfahre das als Wertschätzung. Da hatte ich eher nach dem Revival 2012, oder sagen wir mal dem Neuanfang, wo es immer wieder gern so dargestellt wurde, dass der Schlagzeuger von SLIME ersetzt wurde, womit meine Bedeutung für die Band als Songschreiber und Texter heruntergespielt wurde, ein mulmiges Gefühl im Bauch. Aber das ist alles vom Tisch und ich genieße den Frieden und gegenseitigen Respekt, der zwischen mir und SLIME mittlerweile herrscht, vor allem seitdem Tex singt. Das ist ja auch jetzt ein ganz neuer, eigener Weg, musikalisch wie textlich – wobei die neuen Texte und Inhalte mir sehr viel mehr liegen als die, die zwischen 2012 und 2020 entstanden sind. Ich find’s geil.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #183 Dezember 2025/Januar 2026 2025 und Lars "Abel" Gebhardt
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #183 Dezember 2025/Januar 2026 2025 und Lars "Abel" Gebhardt