Making Vinyl

Foto© by Joachim Hiller

Wie die Schallplatte (noch) nachhaltiger werden kann

Die Leidenschaft für Vinylschallplatten wird bisweilen auf eine harte Probe gestellt. Das „Boomer-Medium“ erfährt Verunglimpfung aufgrund seines Rohmaterials Vinyl, einem Produkt der petrochemischen Industrie, und auch Schallplatten durch die Welt zu fliegen und zu karren, das wirkt auf manche Menschen ganz schön gestrig gegenüber dem so progressiv daherkommenden Streaming. Darüber kann man hervorragend streiten, in sozialen Medien allerdings selten fundiert, und so war es eine höchst spannende Sache, Anfang Oktober auf dem Making Vinyl-Kongress im niederländischen Haarlem zu Gast sein zu dürfen.

Eingeladen hatte uns Andreas „Kanzler“ Kohl, vielen bekannt als der Mann hinter Exile On Mainstream Records, aber auch als Autor im Vinyl-Magazin Mint. Hauptberuflich ist der schon lange im Bereich der Tonträgerherstellung tätig für die britische Firma Key Production (siehe „Grünes Vinyl“ in Ox #169), und aus dem Job dort ergab sich seine Position als Conference Director der europäischen Ausgabe des in den USA schon lange etablierten Branchentreffs Making Vinyl. Der war bislang ein eher auf die technischen Aspekte des Plattenpressgeschäfts fixiertes jährliches Treffen: PVC-Rohmaterial-Hersteller treffen auf Pressmaschinenproduzenten, Matrizen-Manufacturer, Masterstudios, Cover-Druckereien und welche Gewerke noch so alles rund um das physische Vinylherstellgeschäft angesiedelt sind. Ingenieure (kein Gendern nötig) fast unter sich sozusagen, dazu Menschen von Labels, die Plattenpressungen in Auftrag geben und so weiter. Angesichts der kleinen Runde ein teurer Spaß, den sich nur gönnt, wer hier wirklich Geschäfte machen muss – und nichts für Nerds, die nur mal neugierig sind, wo die audiophilen Scheiben für ihre 20.000-Euro-Anlage so herkommen.

Ein kleiner Kreis von ca. 300 Teilnehmenden war es auch 2024 wieder, nur hat sich der Fokus der Konferenzthemen deutlich verschoben. Durch seine Tätigkeit bei Key Productions mit der rührigen Chefin Karen Emanuel kam Kohl mit dem Thema Nachhaltigkeit von Vinylschallplatten in Kontakt. Die Firma erlangte 2023 die B Corp-Zertifizierung für soziale und und ökologische Nachhaltigkeit in einem aufwändigen Prozess, den er betreute. Er wurde zum Fachmann für nachhaltige(re) Produktion, war gezwungen, sich in die Details von Bio-Plastik und Lieferketten hineinzufuchsen, sich mit der Berechnung des CO2-Fußabdrucks und allen damit verbundenen Fallstricken zu beschäftigen. Daraus strickte er mit seinem Team dann ein innovatives Konferenzprogramm mit mehr als zwei Dutzend Panels und Vorträgen, in denen einerseits ganz simpel Fakten vermittelt wurden, andererseits spannende, bisweilen fast schon philosophische Diskussionen rund um die eingangs gestellte Frage ausgefochten wurden. Eine Anmerkung am Rande: Über den Begriff „CO2-Fußabdruck“, seine Sinnhaftigkeit und Herkunft lässt sich prächtig streiten, es soll aber nicht Thema dieses Textes sein.

Anwesend waren neben den Menschen aus der konkreten technischen Herstellung auch solche, die sich etwa bei Century Media, Cargo oder Nuclear Blast mit der Beauftragung von Vinylpressungen beschäftigen. Da ging es in Panels dann um ein Thema wie das Abstimmen von Wünschen seitens der Bands (Schwarzes oder buntes Vinyl? 140 oder 180 Gramm? Klappcover oder nicht?) mit denen von Mailordern und Läden und jenen im Hause, die das alles bezahlen müssen und abschätzen sollen, was sich wo wie gut verkauft. Sagen wir so: Es ist kompliziert, jede:r Künstler:in hat andere Vorstellungen und Erwartungen, es rotiert ein komplexes System im Hintergrund einer Veröffentlichung, das dafür sorgt, dass (d)eine Lieblingsband am Releasetag mit der passenden (heißt: ausverkauft, keine Overstocks) Menge beispielsweise roten Vinyls im Klappcover dasteht. Wie so viele Dinge im Leben ist es eine Wissenschaft für sich, von der und ihren Akteuren der normal Vinyl kaufende Mensch nichts mitbekommt – höchstens, wenn sich irgendwer verschätzt hat (oder war es Absicht ...?) und die attraktiven Vinylversionen schon am Releasetag alle alle sind. Was bei kleinen Ein-Personen-Labels noch eine Frage des Bauchgefühls ist, wird mit zunehmender Größe von Band und Label schon aufgrund des aufzuwendenden Kapitals ein im Detail abgewogener Entscheidungsprozess, von dem die Rentabilität einer physischen Veröffentlichung abhängt.

Apropos Zahlen. Einen detaillierten Einblick in die Welt des Neuvinylverkaufens lieferte Dan Francis, Head of Global Analysis der IFPI, der International Federation of the Phonographic Industry, dem 1933 gegründeten Weltverband der Musikindustrie. Krass im Diagramm zu sehen, wie noch 1999 der Musikeinnahmestrom rein aus physischen Tonträgern bestand, der „Vinylfluss“ heute aber nur noch ein dünner Seitenarm ist, während der Streaming-Mainstream den Markt dominiert. Eine krasse Umwälzung der Branche. Und alles in allem ein Markt, der dennoch zuletzt enorme Zuwachsraten verzeichnet: digital zuletzt +9,7%, physisch +13,4%. Verblüffend: Wurden 2019 weltweit noch 2,7 Mrd Dollar mit CDs erlöst, waren es 2023 nach leichtem Schwächeln des Sektors doch wieder 3,0 Mrd Dollar. Und Vinyl lag 2019 bei 0,7 Mrd Dollar, steigerte sich den Pandemiejahren kontinuierlich und landete 2023 bei 1,7 Mrd Dollar – ein krasser Zuwachs von 15,4% zum Vorjahr, aber erstaunlicherweise ist die CD eben nicht tot(zukriegen). Interessant die Unterschiede in den Märkten: In Asien legte die CD weiter zu, in Nordamerika stagniert sie auf niedrigem Nivea, in Europa ist da ein steter Niedergang – aber 2023 lag sie mit 526 Mio Dollar über den USA mit 370 Mio und weit hinter Asien (Japan!) mit 2 Mrd.

Ganz anders beim Vinyl: schwacher Zuwachs in Asien seit 2019 auf 87 Mio Dollar, in Europa starker Anstieg auf 630 Mio – und in den USA ein steiler Anstieg auf 968 Mio Dollar. Beachtet werden muss, dass wir hier von Umsätzen der Musikindustrie reden und nicht von Stückzahlen. Bei steigenden Preisen ist der Umsatzzuwachs also nicht mit entsprechend gestiegenen Stückzahlen gleichzusetzen. Angemerkt werden muss auch, dass es um den US-Vinylmarkt kurzzeitig eine Diskussion um die korrekten Zahlen zum Vinylverkauf gab: verschiedene Medien griffen von einem Charts-Ermittler veröffentlichte Zahlen falsch auf und behaupteten drastische Vinyl-Absatzeinbrüche. Diese beruhten aber auf einer Änderung der Erfassung der Verkäufe – die Zahlen von Indie-Plattenläden wurden nicht mehr erfasst. Das wurde aber inzwischen berichtigt.
Schaut man sich die globalen Umsätze der Musikindustrie in Sachen Vinyl an, wird der Trend noch deutlicher: 2007 waren es nur noch 40 Mio Dollar, 2014 dann 281 Mio, 2019 689 Mio – und dann der Vinylboom: 2020 867 Mio, 2021 1,287 Mio, 2022 1,503 Mio und 2023 1,734 Mio. Gäbe es eine Vinylaktie und hätte man da investiert, wäre man jetzt reich, nach 17 Jahren steilem Wachstum, darunter eine Umsatzverdoppelung seit 2019. Ingesamt sind die Umsatzzuwächse in den wichtigsten Märkten Europa und USA/Kanada fast gleich, in konkreten Zahlen ausgedrückt sind die Unterschiede aber massiv: 2023 waren die USA der wichtigste Vinylmarkt mit 912 Mio Dollar, mit weitem Abstand folgt UK mit 176 Mio, auf Platz 3 Deutschland mit 121 Mio. Die USA haben viermal so viele Einwohner wie Deutschland, der Vinylumsatz ist aber 7,5 mal so groß – hierzulande besteht wohl Nachholbedarf ... Und: Wir reden von Neuware.

Welche Vinyl-Platten für den meisten Umsatz sorg(t)en? 2023 vor allem die von Taylor Swift. Sieben Platten in den weltweiten Umsatz-Top-20, darunter die ersten drei Plätze. Alte Bands/Musiker sind unter den Top 20 nur vier vertreten: PINK FLOYD, FLEETWOOD MAC, QUEEN und Michael Jackson. Und 15 der 20 den meisten Umsatz bringenden Titel sind von US-Künstler:innen.

Weiter im Programm mit mehr Zahlen und zwar aus dem Bereich, der schmerzt: dem ökologischen Fußabdruck, den das Geschäft mit Vinyl-Neuware hinterlässt, nachzulesen im Bericht „VRMA/Vinyl Alliance Working Group on Carbon Footprinting the Vinyl Record Supply Chain“. Das eingesetzte PVC ist hier für 50% der Emissionen verantwortlich, der Energieaufwand für 30%, Drucksachen für 13%, Transportverpackung für 3% und Schnitt etc. für 4%. Aufgedröselt auf 12“ und 7“ in verschiedenen Versionen bedeutet das nach dieser Berechnung (Obacht: andere Konstellationen als die untersuchte können zu anderen Ergebnissen führen) einen CO2-Fußabdruck pro Tonträger in dieser Größenordnung: 12“ 140 g 1,069 kg, 12“ 180 g 1,223 kg, 12“ 200 g 1,275 kg (jeweils schwarzes Vinyl), 12“ Splatter 1,352 kg und 7“ 0,735 kg. Das Fazit: Singles und farbige sowie schwere Platten sind erheblich belastender als die simple schwarze 12“ in 140 g. Und viele Anwesende waren sich einig: das mit dem dicken Vinyl und besserem Klang ist tendenziell eher Kokolores. Der Vortrag ging dann noch ins Detail, etwa was den Ressourcenverbrauch für die Press-Stamper betrifft.

Hart wurde es beim Vergleich der Lieferwege. Um es mal so zu sagen: Importplattenfanatiker sind Ökoschweine, Käufer von einheimischen Pressungen vorbildlich. Eine Platte von Nashville nach London zu liefern verursacht auf dem Seeweg 0,04 kg CO2 (dauert aber halt ein paar Wochen), per Flugzeug (was die gängige Praxis ist) sind es 1,36 kg. Von Prag (ein großes Presswerk ist dort ansässig) nach London sind es per Lkw 0,016 kg, per Luftfracht 0,3 kg. Und von Prag nach Melbourne in Australien: 0,1 kg per Seefracht, 3,46 kg per Flugzeug. An anderer Stelle erklärte ein großes britisches Indielabel, im USA-Geschäft wegen solcher Zahlen auf Seefracht umgestiegen zu sein – mit längeren Vorlaufzeiten ist so was durchaus machbar. Die Schlussfolgerungen der Studie sind fünf Punkte: 1. Luftfracht abschaffen. 2. Bio-PVC einsetzen. 3. Nur 140-g-Platten pressen. 4. Einfache Cover statt Klappcover. 5. Erneuerbare Energie einsetzen. Und ... Dinge in Relation setzen: Ein Glas Kuhmilch ist für 1,1 kg CO2 verantwortlich, eine Waschmaschinenladung bei 40° für 2,2 kg, eine Pizza ebenfalls, ein UK-Steak für 5,8 kg, ein Steak vom Abholzungslandrind aus Brasilien für 17,8 kg, 50 Liter Benzin für 178 kg ... und eine LP für (je nach Details) für 0,7 bis 6,0 kg CO2. (Siehe www.vrmagroup.com)

In einem weiteren Vortrag des Chefs der belgischen Firma beologic wurde es wirklich spannend-nerdig: Die Firma sammelt in Bananenkisten von belgischen Entrümpelungsfirmen Schallplatten ein, um sie zu schreddern und dann recycletes PVC-Granulat für neue Platten zu gewinnen. Klingt simpel, ist aber ein komplexes Thema für Ingenieure: Angefangen bei der Hürde der Entfernung des Labels über das Ausfiltern von Verschmutzungen und groben Partikeln, die eine daraus neu grepresste Platte ruinieren würden, bis hin zu den Kosten des Rohmaterials bei unterschiedlich befüllten Sammelboxen ... merkt man, dass das eine Wissenschaft (!) für sich ist. Mal eben so ein paar Platten schreddern und im Presswerk in den Bottich werfen, so läuft das nicht. Aus dem Vortrag mitnehmen konnte man aber auch, dass in einem Blindtest mit über tausend Teilnehmenden 70% sagten, die Test-Platte aus Recycling-PVC habe besser geklungen als die aus Neuware. Face it: bei Rumpelpunk und Black Metal würde es niemand hören, alles andere ist Homoöpathie und Esoterik. Und der CO2-Fußabdruck? PVC-Neuware liegt bei 2,7 Tonnen CO2 pro Tonne, Recycling-PVC bei 0,65 Tonnen, davon entfallen 0,45 t auf das Verbrennen der ausgestanzten Labels, weil Müll. Nachhaltiges Vinyl geht laut diesem Bericht nur bei Einsatz von Recycling-PVC, worunter man auch die Wiederverwendung von Pressresten im Presswerk verstehen kann.

Der Vertreter von Vinyl Plus Deutschland, dem Branchenverband der PVC-Industrie, sah das etwas anders in der Diskussionsrunde mit weiteren Vertretern aus der mit Grundstoffen beschäftigten Industrie. Schallplatten sind für diese Branche nur ein Randaspekt, Vinyl steckt in Fußbodenlaminat, in Fensterrahmen, in Medizintechnik. Man sieht sich als Branche seit Jahrzehnten verteufelt, Greenpeace fuhr da Kampagnen, dabei sei PVC das geringste Problem, weil typischerweise keine Wegwerfprodukte oder Verpackungen daraus gefertigt würden. Sowieso sei das Material in vielen Bereichen unersetzlich, langlebig und eben recyclebar. Polemische Spitze am Rande: Den Rhein herab in die Nordsee treibende Schallplatten seien eher nicht das Problem für die Verschmutzung des Meeres. Und: Der Grundrohstoff für PVC stamme aus den 8% Restpampe der Ölindustrie, die sonst für nichts anderes zu gebrauchen sei. Solange die Menschheit weiter Öl fördere und verbrenne, sei dieser Grundstoff sowieso da – da könne man ja auch gleich etwas Nützliches daraus machen.

Und Bio-PVC, der neueste „heiße Scheiß“? Andreas Kohl sagte im Ox-Interview: „Das zur PVC-Herstellung nötige Ethylen stammt nicht mehr aus Erdöl, sondern aus zum Beispiel altem Frittenfett. Erdölfreies PVC wird in den nächsten Jahren zum Standard werden, da bin ich mir sicher.“ Der Haken könnte freilich sein, dass soviel Frittenfett, wie für solches PVC benötigt wird, am Ende kaum zu beschaffen sein dürfte, wenn man daraus auch noch Diesel und Kerosin und und und herstellen will. Ein deutsches Presswerk wiederum hat sich den Namen „EcoRecord“ markenrechtlich schützen lassen, dahinter steckt eine Neuentwicklung, bei der in einem neuen Verfahren mit weniger respektive anderem Energieeinsatz Schallplatten nun nicht mehr aus PVC, sondern aus Polyethylenterephthalat, vulgo: PET hergestellt werden – der Stoff, den man sonst in Form von Getränkeflaschen in der Hand hält. Die Herstellung ähnelt eher der einer CD oder DVD.

Es wird sich in diesem Bereich in der näheren Zukunft also noch eine Menge tun, und gerade große Labels und Musikkonzerne können hier Antreiber der Entwicklung sein mit ihrer Nachfrage. Zum einen weil sie den Nachfragedruck ausüben können auf Hersteller und Presswerke. Und zum anderen weil sie getrieben werden von Ratingagenturen und Anlegern: Bei entsprechenden Scores wird nur die Firma gut abschneiden, die sich hier „schön“ darstellen könne. Greenwashing, ick hör dir trapsen? Jein: Die Branchenvertreter:innen, die auf der Konferenz anwesend waren, präsentierten sich als engagierte Propagandierer:innen neuen Denkens und neuer Ideen. Hier tut sich gerade eine Menge.

Und da ist auch noch der im Kontext der Konferenz immer wieder betonte kulturelle Aspekt von Vinyl: bei Büchern und Literatur oder Ölgemälden würde ja auch niemand das Werk wegen des Materials verteufeln. Und weitere gute Argumente für Vinyl fielen auch: Vinylschallplatten hätten einen meist jahrzehntelangen Lebenszyklus und seien recyclebar. Wichtig sei auch die Herkunft des Stroms beim Abspielen der Platten. Und vor allem, Streaming und Vinyl zu vergleichen sei falsch: „Vinyl is a luxury product. Streaming is fast fashion.“ Sagte der Nachhaltigkeitsexperte Tom Moran vom AMS in Amsterdam.

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