© by Joachim HillerDie Band aus dem belgischen Gent kann durchaus als Senkrechtstarter bezeichnet werden. Am 31.10.25 erscheint ihr aktuelles Album „Wreldwaan“. Mit ihren aufmüpfigen und krachigen Klängen zeigen die vier Musiker:innen, wie eine gute Prise Rock in Einklang mit Haltung und tief schürfenden Texten gebracht werden kann. In den letzten Monaten spielten sie überall in Deutschland in Clubs und auf Festivals wie dem Dresdner Farewell Youth Fest. MARIA ISKARIOT sind Helena Cazaerck (voc, gt), Loeke Vanhoutteghem (gt), Amanda Barbosa (bs) und Sybe Versluys (dr) oder wie sie selbst so schön auf Bandcamp schreiben: „Partime Punkers, Partime Pixies“.
MARIA ISKARIOT erfahren aktuell massive Unterstützung, ihr wisst euer Label unterstützend hinter euch, bekommt die Möglichkeit, mit bekannten Bands aufzutreten, und die Musikpresse berichtet. Hat das eine irritierende Wirkung auf euch, setzt euch das unter Druck oder habt ihr keine Probleme damit?
Helena: Wir möchten Konzerte spielen, Abenteuer erleben und können für diese Art von Support nur extrem dankbar sein. Es stresst uns nicht, weil wir einen Weg gefunden haben, etwas zu schaffen, bei dem es nicht um Perfektion geht. Die Welt ist besessen von Perfektion, Botox und dem Bullshit mit der Überwachung. Mit unserer unvollkommenen Schönheit werden wir von vielen willkommen geheißen und das ist ein Segen. Nimm das, „Daddy“!
Eure Musik ist offensichtlich von Noiserock-, Grunge- und Riot Grrrl-Bands inspiriert. Welche Einflüsse würdet ihr spontan nennen?
Loeke: Es gibt einige Bands, die wir alle hören, und es existieren persönliche Favoriten. Ich bin durch BLOOD RED SHOES, SAVAGES, DEAP VALLY, WARPAINT oder PJ Harvey und Patti Smith zum Punk gekommen. Später hörte ich viel Stoner- und Desert Rock, gefolgt von deutschem HipHop. Zum Glück haben mich die anderen Bandmitglieder wieder zur Gitarrenmusik zurückgebracht. Sybe hat alle Alben von QUEENS OF THE STONE AGE in seinem Auto, Helena erinnerte mich an die Existenz der PIXIES und obskurem Punk und Amanda hält gern Vorträge über PEARL JAM und brasilianische Rockbands.
Die biblische Figur des Judas Iskariot ist wohl den meisten Menschen ein Begriff, aber was wollt ihr mit dem Bandnamen ausdrücken?
Helena: Er verweist auf die Dualität des Lebens: Ein heiliger Sünder und ein siegreicher Verlierer zu sein. Daran kommt man nicht vorbei!
Macht es für euch einen Unterschied, Songs live zu spielen, die noch nicht veröffentlicht sind, oder ist es einfacher, wenn die Stücke den Konzertbesucher:innen bereits bekannt sind?
Amanda: Ich spüre keinen Unterschied. Ich denke, aus der Sicht des Publikums ist es schön, ein paar bekannte Songs live zu hören. Mein Eindruck ist aber, dass ihnen die unveröffentlichten Lieder genauso gut gefallen wie die Songs, die sie kennen. Spielt man einen Song zum ersten Mal live, ist man etwas unsicher, wie die Leute reagieren werden, aber letztendlich denke ich, dass sie einfach spüren, mit wie viel Leidenschaft wir das tun. Die Energie und die Atmosphäre, die wir während auf der Bühne erzeugen, ergänzen sich einfach perfekt und sorgen für ein schönes Gesamterlebnis.
Loeke: In unseren digitalen Zeiten, in denen alles jederzeit verfügbar ist, hoffe ich, dass das Publikum es zu schätzen weiß, dass wir ihnen in einer Live-Show neues Material bieten. Betrachtet es als Vorschau oder kleine Belohnung. Und gebt uns die Freiheit, den Song wirken zu lassen, bevor wir damit ins Studio gehen.
Im Sommer zog es euch nach Deutschland. Funktioniert eure Musik besser auf kleinen oder großen Bühnen und wie hat das Publikum auf euch reagiert?
Loeke: Überall in Deutschland sind wir auf ein engagiertes Publikum gestoßen. Wir haben in „dreckigen“ Punkläden gespielt und auch in professionellen Musikclubs, die von Freiwilligen organisiert werden. Eine Gruppe von 20 eingefleischten Punks reagiert natürlich anders auf unsere Musik als eine junge Familie, die uns zufällig auf einem Stadtfest entdeckt. Aber es ist genauso ermutigend, ein Elternteil zu sehen, das mit einem kleinen Kind auf den Schultern aufrichtig lächelt. Auf kleineren Bühnen umarmen unsere Gitarren fast die Leute in der ersten Reihe und auf größeren Bühnen hüpfen alle herum, ohne dabei gegen einen der Verstärker zu treten. Ich interpretiere das als Zeichen der Zustimmung!
Im direkten Vergleich zu den ersten Aufnahmen unter dem Namen MARIA ISKARIOT gibt es einen großen musikalischen Unterschied, denn während das Album viel aggressiver und lauter wirkt, hört man bei der„EN/EN“-EP, dass Sessionmusiker beteiligt waren. Gestaltete es sich schwierig, eine komplette Band auf die Beine zu stellen?
Helena: MARIA ISKARIOT begann als mein Solo-Projekt. Ich spielte Akustikgitarre mit einem Verzerrerpedal und für kurze Zeit setzte ich die Lieder zusammen mit Freund:innen um, aber dann kamen Corona und Babys dazwischen. Das Projekt wäre fast gestorben, aber der Produzent von „EN/EN“ bat mich, die Songs aufzunehmen, damit sie nicht verlorengehen. Ich spielte Gitarre und sang, bediente den Bass und einer seiner Freunde saß hinterm Schlagzeug. Der Prozess gestaltete sich sehr interessant, aber es lässt sich nicht damit vergleichen, wie das neue Album entstanden ist. Danach schickte ich es an Labels, Manager- und Booker:innen in Belgien. Niemand wollte es haben. Nebenbei musste ich Mitglieder für die Band suchen und Loeke kreuzte meinen Weg auf einem Festival, wo sie mit einer Spoken-Word-Performance auftrat. Mein eigener Auftritt endete in einem Fiasko, der Verstärker funktionierte nicht und so weiter, aber aus einem mysteriösen Grund hatte es ihr trotzdem gefallen. Sie erzählte mir, dass sie schon immer in einer flämischen Punkband spielen wollte und ich versprach sie anzurufen, vergaß es aber. Ein paar Wochen später fuhr sie mit dem Fahrrad an mir vorbei und rief: „Warum hast du mich nie angerufen?“
Und wie ging es weiter?
Helena: An diesem Abend gingen wir zur Musikakademie, wo sie arbeitete, und „probten“ die Songs auf spanischen Akustikgitarren. Einige andere Mädchen trommelten und spielten Bass, aber wir bekamen nie Auftritte. Doch später schickte uns die holländische Punkband HANG YOUTH eine Anfrage, ob wir mit ihnen auf Tour gehen möchten. Das war der eigentliche Anfang, es ging wieder darum, einen Babysitter zu organisieren und uns einen neuen Schlagzeuger suchen, und so kam Sybe dazu. Die damalige Bassistin war noch nicht bereit, intensiv Konzerte zu spielen, aber Amanda kam zu jedem Auftritt, war total begeistert und brachte unser Merchandise mit, wenn wir etwas vergessen hatten. Sie wartete einfach darauf, ein Teil der Band zu werden. Lange Rede, kurzer Sinn: Als wir endlich komplett waren, war das Universum aus irgendeinem Grund auf unserer Seite und wir konnten im ersten Jahr mehr als hundert Shows spielen. Wir wurden zu einer Live-Band und wollten, dass das Album genauso klingt, nämlich wie wir, vier „dumme Kinder“ auf der Suche nach Abenteuern. Wir möchten etwas erschaffen, Neues entdecken und als Menschen wachsen. Das Wichtigste ist, dass man es liebt, und „es“ bedeutet auch, dass wir uns gegenseitig lieben: Wir lieben uns in guten und in schlechten Zeiten.
Ich finde es spannend, wenn Musiker:innen oder ganze Bands ihren Wohnort wechseln, um ihrer Liebe zur Musik nachzugehen. Wie schwer war es für Amanda, nach Belgien zu ziehen, und wie habt ihr euch kennengelernt?
Amanda: Das ist eine sehr interessante Frage. Bevor ich nach Belgien gezogen bin, lebte ich fünf Jahre lang in Kanada und spielte immer mal mit verschiedenen Musiker:innen, bevor ich diese Leutchen hier gefunden habe. Mich an die unterschiedliche Kultur und die Landessprache anzupassen, während ich weit weg war von meiner Familie und Freunden, fiel mir nicht so leicht. Durch die Liebe zur Musik habe ich meine belgische Familie und neue beste Freunde gefunden und bin sehr glücklich mit meiner Entscheidung. Kennengelernt haben wir uns, da ich auf eine Anzeige antwortete, mit der MARIA ISKARIOT eine Bassistin suchten, und nach sechs Monaten war ich ein festes Bandmitglied.
Die Texte auf der EP thematisierten das Erwachsenwerden und Probleme in unserer heutigen Gesellschaft. Drehen sich die Stücke auf dem kommenden Album „Wereldwaan“ wieder um die bekannten Inhalte?
Helena: Ganz allgemein geht es darum, am Leben zu sein und wie schön und furchtbar verwirrend das ist. Es geht darum, etwas zu versuchen, aber es nicht zu schaffen. Es geht darum, dass das scheinbar Gute am Ende schlecht ist und umgekehrt. Es geht wieder um das Erwachsenwerden, denn das tun wir, bis wir sterben. Aber es geht auch um mehr. In dem Song „Wereldwaan“ beschäftigen wir uns damit, wie es ist, im 21. Jahrhundert zu leben und zwischen verschiedenen Realitäten gefangen zu sein. Durch die endlose Reihe von Bildschirmen alles wie ein Gott zu sehen, aber nichts bewirken zu können, weil man ein Mensch ist, begrenzt in Raum und Zeit. Was „Leugenaar“ betrifft: Es kann politisch oder sozial sein – das ist das Schöne an der Poesie: Wir lassen es offen, damit die Leute Raum haben, sich selbst zu entdecken. Wir versuchen uns auszudrücken, ohne die Hörer:innen mit vorverdauten Bedeutungen zu dominieren.
Dass der Gesang auf Flämisch ist, fällt nicht unbedingt sofort auf, aber gerade in den leiseren Passagen und lauteren Ausbrüchen sticht die Wahl der Muttersprache positiv hervor. Lassen sich persönliche Texte so besser vermitteln, ohne kleine Abänderungen bei der Übersetzung ins Englische zu erfahren?
Helena: Selbst wenn wir live in Belgien oder den Niederlanden spielen, können die Leute nicht ganz verstehen, was ich singe, haha. Aber das ist normal, besonders bei härterer Musik. Man soll auch nicht zuhören, als würde man ein Buch lesen, man soll von der Musik bewegt werden. Es geht um die Energie. Dennoch sind die Texte sehr wichtig und ich bin sehr wählerisch, was sie angeht. Ich kann nur hoffen, dass sich den Leuten, wenn sie zu Hause zuhören oder die Texte mitlesen, eine neue Dimension von MARIA ISKARIOT eröffnet. Die Texte zu übersetzen ist kein Problem, aber man sollte es selbst tun, um damit seine eigene Realität zu schaffen, denn die Worte an sich haben Kraft und die Poesie ist Teil der Sprache. Bei der Übersetzung konzentriert man sich auf die Bedeutung und verliert die Ästhetik oder das Gefühl. Und wir als Musiker:innen sind zwar besessen von Bedeutung, aber nicht alles dreht sich darum. Wenn du dir dessen bewusst bist, kann das ein neues Fenster für die eigene Vorstellungskraft öffnen. Darum geht es in der Poesie – es geht um dich. Man verliert also etwas, aber man gewinnt auch etwas.
© by - Ausgabe # und 22. Oktober 2025
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #182 Oktober/November 2025 und Nico Pfüller
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #182 Oktober/November 2025 und Joachim Hiller