MCLUSKY

Foto© by Keira Anee

Eine viel glücklichere Band als früher

Leider hatten sich die 1996 gegründeten genialen Krachkasper MCLUSKY 2005 nach nur drei Alben aufgelöst. Viele Jahre war es ruhig um die Briten, die zu dritt ein infernalisches Gitarren-Noise-Brett darboten, wobei die Lieder ziemlich seltsame Texte und Titel hatten. Doch seit einiger Zeit glimmt hier und da Neues auf: ein Soli-Konzert oder auch zwei, eine kleine Tour, ein neuer Song. Nun haben sie mit „The world is still here and so are we“ ein neues Album am Start und nach den USA und UK stehen auch Europa und Deutschland auf ihrer Agenda.

Das gilt es nicht zu verpassen, denn so gut die Alben sind, die krachigen Live-Gigs der Band, die sich wie vom Teufel besessen gebärdete, sind ein tolles Erlebnis, das sich niemals wirklich auf einem Album konservieren lässt. Diesbezüglich ist die dritte CD der MCLUSKY-Anthologie „Mcluskyism“ mit einigen Live-Aufnahmen zu empfehlen. Ein kalter, dunkler und ziemlich fieser Februartag wurde erhellt durch den Umstand, mit MCLUSKY-Gründungsmitglied, Sänger, Texter und Gitarrist Andy Falkous sprechen zu dürfen.

Andy, wie geht es dir?
Ich habe viel Zeit damit verbracht, Rock-Songs zu schreiben und ungesundes Essen zu mir zu nehmen. Das erste passiert oft, das zweite weniger. Ich mache viel Sport und kann deshalb manchmal nicht so sinnvolles Zeug essen, vielleicht mit etwas Bier dazu. Ich bin Vegetarier und so etwas wie Hühnchen möchte ich nur wegen des Sports nun wirklich nicht zu mir nehmen.

Wenn du mit der Band unterwegs bist, bekommst du dann vernünftiges oder interessantes Essen?
In einigen Ländern bist du als Vegetarier ziemlich gearscht. Ich lebe nicht vegan, esse aber auch keine Eier. In Amerika stellte ich manchmal bei einem Blick auf die Speisekarte fest, dass ich absolut nichts essen kann außer Toast. Ich mag Toast, aber nicht die ganze Zeit. Ich mag auch Falafel, Hummus und Halloumi, das gibt es aber oft nicht. Ich erinnere mich an die erste Zeit mit MCLUSKY. Wir waren in Frankreich, und unser damaliges Bandmitglied Matt war Veganer. Da gab es absolut nichts, also gingen wir vegetarisch essen, damit er sich nicht allzu unwohl fühlt. Was wir aufgetischt bekamen, war Kartoffelbrei mit halbrohen Steaks auf einer Platte. Zu der Zeit war es im Vergleich zu heute viel schwieriger, vegan zu leben, es sei denn, es war dir egal, einen dramatischen Gewichtsverlust zu erleben. Also nahm Matt sich nur ein paar Kartoffeln und achtete darauf, dass kein Blut daran klebte.

Ihr habt mittlerweile einige Gigs gespielt und geht im Mai auf UK-Tour. Ich habe euch vor 20 Jahren ziemlich oft live gesehen.
Das war eine wilde Zeit. Wir waren auf einer CD vom Visions-Magazin, als „Mclusky Do Dallas“ rauskam. Es war unsere zweite Tour und wir waren noch im kurz vorher aufkeimenden Status, uns gegenseitig zu hassen. Es war nie so glamourös, wie es in den Musikdokus suggeriert wird. Hauptgründe waren das vorherige Fehlen von Erfolg und Geld. Wir waren dabei, langsam aber sicher Ressentiments gegeneinander aufzubauen. Das beschreibt es ganz gut.

Ihr wurdet dann aber populärer ...
„Mclusky Do Dallas“ lief sehr gut in Deutschland, das darauf folgende dritte Album nicht mehr. Die Leute wollten „Do Dallas Part 2“ und darauf hatten wir keine Lust. Als wir zum Beispiel in Frankreich spielten, hatten sie keine Idee, was oder wer wir sind. Wir wurden als „M.C. Lusky“ angekündigt. Bei einem Gig in der Schweiz tanzten ein paar Typen vorne ganz wild und wir fragten, ob sie Schweizer sind. Sie sagten nein und dass sie aus Deutschland kommen. Ich: „Ja, natürlich!“ Bei der darauf folgenden Tour zum dritten Album kam ein Typ aus Berlin zu mir und sagte: „Euer neues Album ist nicht besonders gut, aber ich habe das Konzert genossen ... good bye!“ Wir haben auch etliche Shows in Australien gespielt. Wenn du dort das Publikum irritieren oder ärgern willst, solltest du wissen, dass Sydney und Melbourne sich gegenseitig hassen. Also haben wir auf der Bühne in Sydney gesagt: „Wir waren gestern in Melbourne und die Leute meinten, ihr seid ein Haufen Idioten.“ Das Publikum: „Whoooah!“ Vermutlich wussten sie, dass es nicht ganz ernst gemeint war.

Ein Aspekt von MCLUSKY ist der seltsame und düstere Humor. Oft verstehe ich bei den Texten nicht, ob es ernst oder witzig gemeint ist.
Genau so soll es sein. Manchmal fragen mich die Leute, wovon ein Song handelt. Ich sage dann: „Alles, wovon das Lied handelt, wird komplett in ihm kommuniziert.“ Soll ich eine Track-by-Track-Datei einsprechen und Dinge erzählen wie: Drei Typen in einem Raum schrieben diesen Song, wir hatten eine gute Zeit und das Lied handelt von ... was? Es ist jetzt in deinem Hirn gelandet und wird von dem handeln, was dort entsteht.

Es gibt Songs von euch, über die ich auch nach 20 Jahren noch gerne nachdenke. Ich möchte gar nicht, dass mir jemand die Bedeutung erklärt.
Sprache ist ein Werkzeug, um eine Story zu liefern und mentale Bilder in deinem Kopf zu erzeugen. Die meisten Lieder sind nicht mal linear aufgebaut mit Anfang, Mitte und Ende. Meine Songs haben meistens nur eine Mitte, haha.

Du hast mal erzählt, dass ihr es mögt, zusammen in einem Raum zu sitzen und Songs zu schreiben, aber ihr mögt es nicht, Files rumzuschicken ...
Wir haben das versucht. Es scheint bei uns so nicht zu funktionieren. Wir nehmen jede Idee und jeden Gedanken wahr, arbeiten daran und nehmen es dann auf. Das charakterisiert für mich Momente der Inspiration. Natürlich kommt auch mal einer mit einer Idee, aber so kommt es nicht zu diesem magischen Moment, der beim Zusammenspiel entsteht. So funktionieren MCLUSKY und auch FUTURE OF THE LEFT. „Whoyouknow“ ist der einzige Song, den ich allein auf einer akustischen Gitarre komponiert habe.

Ihr seid unter anderem für lustige und seltsame Songtitel bekannt. Entwickelt ihr die ebenfalls zusammen?
Das bin ich fast alleine. Ich habe eine Rubrik in meinem Notizbuch mit Songtiteln. Wir geben uns alle Mühe, etwas Passendes zu finden. Ich bin mir fast sicher, niemand wird sich an die Band erinnern ... aber an die Songtitel.

Ihr habt das neue Album „The world is still here and so are we“ an drei langen Wochenenden aufgenommen ...
Ja, einmal Freitag und Samstag, dann zweimal von Freitag bis Sonntag. Wir haben viel an einem Stück gearbeitet, aber es gab auch Natur, Wälder und ziemlich attraktive Kühe. Gute frische Luft, was aber nicht unbedingt den Geruch betrifft, der von den Kühen kam. Wir haben jeden Tag bis Mitternacht gearbeitet. Wenn wir in einem Studio sind, ist das für mich ein Zustand wie Ferien. Ich fühle mich dort super und wie zu Hause.

Läuft das bei deiner anderen Band FUTURE OF THE LEFT ähnlich?
Es ist ganz genauso, nur mit etwas anderen Leuten. Bei MCLUSKY war uns wichtig, dass die neue Scheibe sich in den Kosmos der Band einfügt, aber nicht in der Vergangenheit verhaftet ist. MCLUSKY sind etwas mehr stripped back als FUTURE OF THE LEFT, wo es seltsame Starts und Stops und Pausen gibt und alles mehr nach Crossover klingt.

Wie war das eigentlich mit dem Neubeginn von MCLUSKY?
Ein Freund von mir namens Matt betreibt einen Club in Newport. Sie hatten einige sehr nette Beschwerden und brauchten Geld für eine Schallisolierung. Wir haben mit FUTURE OF THE LEFT einen Soli-Gig gespielt und dabei auch ein paar MCLUSKY-Songs präsentiert. Das war sehr spaßig, wir haben eine Menge Geld eigesammelt. Danach haben wir mehr Soli-Konzerte gespielt, zum Beispiel für die Krebsforschung ... und letztendlich auch eins für uns. Nach ungefähr zehn unterhaltsamen Shows beschlossen wir, neues Material zu schreiben, das nach Möglichkeit kein Mist sein soll. Eigentlich war die Idee, dass wir so oder so neues Zeug schreiben, auch wenn es Mist sein sollte. Veröffentlicht hätten wir es wohl sowieso.

Bist du überrascht, dass MCLUSKY wieder existieren? Der Albumtitel sagt, ihr seid etwas überrascht, dass die Welt überhaupt noch existiert nach 20 Jahren Sendepause.
Es ist nicht unbedingt total wörtlich gemeint, sondern nur ziemlich wörtlich. Ein Element in der Aussage ist: MCLUSKY sind noch da, wir alle sind noch hier. Es ist wie eine Umarmung von einem etwas sarkastischen Freund, der dich aber liebt. Beides kann gleichzeitig passieren.

Natürlich drängt sich jetzt die Frage auf, ob die Welt und MCLUSKY in weiteren 20 Jahren immer noch existieren.
Vielleicht sind wir widerstandsfähiger als Kakerlaken, das weißt du ja vorher nicht. Es fühlt sich gerade alles etwas verrückt an, nach so einer langen Zeit, auch weil unsere Gigs gefragter zu sein scheinen als früher. Das war nun wirklich nicht so geplant. Unsere bestbesuchte Tour war letztes Jahr im März, nach einem sehr langen Weg. In den meisten Städten hatten wir doppelt so viel Publikum wie früher. Wir haben festgestellt, dass das wohl auch viel mit Nostalgie zu tun hat, aber diese Erwartung können wir etwas verdrehen. MCLUSKY sind jetzt eine viel glücklichere Band als früher, falls das jemandem wichtig ist. Vielleicht sagen Leute, das würde nicht der kreativen Dynamik helfen. Das sind verfickte Sadisten. Aktuell ist die Band in ihrer besten Form. Aber wenn Erinnerungen von vor 20 Jahren so wichtig sind für Fans, können sie nicht zerstört werden. Die Musik, die du mit Anfang 20 entdeckst, prägt dich für immer: Es sind die Markierungen auf deinem musikalischen Lebensweg. Alben sind eine Sache, aber zu einem Gig zu gehen und das bestmögliche Erlebnis zu haben, ist viel toller.

MCLUSKY haben sowieso die Reputation, eine fantastische Live-Band zu sein, das wird dabei helfen.
Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung und weiß nicht, wie das jetzt wird. Die bisherigen Gigs liefen echt gut. Bis vor sechs Monaten hatten wir nicht mal ein Label. Wie viele Leute würden in Berlin wohl kommen? Im UK habe ich eine ungefähre Vorstellung und ich kann Absprachen treffen, aber Deutschland ist völlig unberechenbar für mich.

Hat sich das Publikum verändert in all den Jahren?
Es kommt alles vor: sehr alt, sehr jung und alles dazwischen. In den Staaten nicht ganz so jung, da viele Shows erst ab 21 Jahren freigegeben sind. Wir sind mit dem Risiko behaftet, weißen Männern in ihren Vierzigern auf die Kette zu gehen. Es ist nichts falsch daran, vor einer Meute zu spielen, und du hast den Eindruck, in einen Spiegel zu gucken, aber besser ist eine gemischte Crowd, was Alter, Geschlecht und Ethnie angeht. In den Staaten wirkt es sehr, sehr weiß. Vielleicht hilft das neue Video, die Band jüngeren und anderen Leuten bekannt zu machen, die vorher nie von uns gehört haben.

Ist ein Musikvideo heutzutage noch so populär?
Wir haben gar nicht darüber nachgedacht. Das Video zu „Way of the exploding dickhead“ haben wir mit Oscar gedreht, einem Bekannten, dessen alter Bandmate MCLUSKY vor 20 Jahren supportet hat. Es war wunderbar, besonders für mich, weil ich nur 90 Minuten vor Ort zu sein brauchte. Ich stehe gern auf einer Bühne, aber nicht vor einer Kamera. Das Ergebnis ist allerdings sehr lustig. Viele Leute mögen es nicht, aber das macht es natürlich nur noch interessanter. Für mich ist es von profunder Wichtigkeit, dass jüngere Leute bei den Gigs sind, auch in den USA, dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Na gut, die Möglichkeiten sind neuerdings wohl sehr begrenzt. Davon abgesehen hatten wir immer schon das Gefühl, nirgendwo reinzupassen. Wir sind nicht Metal, nicht Hardcore und nicht Indie. Eine der schlimmsten Touren für uns war der Support-Slot von AGAINST ME! in Europa. Das Publikum, speziell in Deutschland, war furchtbar für uns. Die Leute wollten eine Band hören, die exakt klingt wie die Headliner. Punkbands können manchmal ziemlich stammesbezogen sein – und eine der Missionen in meinem Leben ist es, das zu bekämpfen, weil ich es langweilig finde, wenn eine Band so klingt wie die andere.

Also labelst du dich lieber gar nicht?
Es ist Three-Piece-Rock-Music, sehr roh, aber nicht wirklich Noise, auch wenn es noisy ist. THE JESUS LIZARD sind für mich die ultimative Band in dieser Richtung. Unser Zeug ist mehr wie Popmusik strukturiert, auch wenn es lauter ist. Die Lieder sollen als Songs in deinem Kopf hängenbleiben.

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