MEMPHIS MAY FIRE

Foto© by Rise Records

Lebenswichtig

Die Texaner präsentieren sich auf ihrem achten Album „Shapeshifter“ gewohnt hymnenhaft und mitreißend. MEMPHIS MAY FIRE verstehen es clever, die Breite ihres Sounds bestmöglich in Szene zu setzen und so unterschiedliche Geschmäcker anzusprechen. Der Single-Fokus ist ein weiterer Grund, weshalb das Quartett erneut groß auftrumpft.

„Das ist ein heikles Thema“, erwidert Frontmann Matty Mullins auf die Frage, ob für seine Gruppe einzelne Tracks oder Longplayer mehr Bedeutung haben. „Ich persönlich liebe Alben, glaube aber, dass dieses Format eigentlich tot ist. Natürlich haben wir etliche Fans, die es immer noch schätzen, ein physisches Album in der Hand zu halten und es von vorne bis hinten durchzuhören. Doch Musik wird heutzutage hauptsächlich mittels Wiedergabelisten und Streaming konsumiert. Deshalb ist es für uns sinnvoller, viele Singles zu veröffentlichen und dadurch sicherzustellen, dass so viele Menschen wie möglich jeden Song unserer Alben hören. Wenn zum Zeitpunkt, an dem ein Album dann tatsächlich herauskommt, nur noch zwei Songs dabei sind, die für die Leute neu sind, ist das für mich okay. Es gibt genug Hörer, die sich die Zeit nehmen, zurückzugehen und alle Singles als Teil eines zusammenhängenden Albums neu für sich zu entdecken. Gleichzeitig können diese Songs insgesamt aber bereits eine Million Streams oder mehr haben, und das ist vorteilhaft für uns. Denn wenn wir auf Tour gehen und unsere neuen Songs spielen, können die Leute sie auch direkt mitsingen, da sie sie schon kennen. Ich bin der festen Überzeugung, dass in der heutigen Musikwelt die Veröffentlichung von Singles weitaus wertvoller ist als die von Alben.“

Wer will MEMPHIS MAY FIRE widersprechen, die seit 2006 ein untrügliches Gespür dafür an den Tag legen, ihren Namen im Gespräch zu halten. Die geäußerte Erkenntnis hat natürlich Auswirkungen auf das Songwriting der Texaner: „Absolut, und das Tolle daran ist, dass es uns dazu antreibt, immer unser Bestes zu geben“, bestätigt der Frontmann. „Als Band kann man sich hinsetzen und sagen: Okay, wir haben unsere drei-vier Album-Singles, und jetzt schreiben wir einfach weiter. Daraus resultiert aber wenig Druck, weil man akzeptiert, dass einige der Songs durchrutschen werden. Wir hingegen setzen uns hin und schreiben einen Track nach dem anderen, weil wir wissen, dass fast alle Songs als Single veröffentlicht werden. Die Arbeit an einem Song ist erst dann abgeschlossen, wenn wir davon überzeugt sind, dass er das Potenzial hat, eine gewisse s Lebensdauer als Single zu haben. Dieses Vorgehen macht uns besser und motiviert uns dazu, das absolut Beste aus uns rauszuholen.“ Repräsentative Stücke für das derzeitige Leistungsvermögen des Quartetts kann der Sänger mühelos benennen: „Der Song, der die Geschichte am besten erzählt und das gesamte Spektrum dessen absteckt, wozu wir fähig sind, ist ,Chaotic‘“, so Matty. „Deshalb haben wir diesen Titel auch zuerst veröffentlicht. Er gibt den besten Vorgeschmack auf das gesamte Album. Dazu kommen Tracks wie ,Shapeshifter‘, in denen ich von Anfang bis Ende schreie. Es ist der härteste Song, den wir je herausgebracht haben. Und dann haben wir auch Lieder wie ,The other side‘, bei denen ich hauptsächlich singe. Wir mischen sie gerne und veröffentlichen Songs, die nicht allein das repräsentieren, was die Leute denken, wie MEMPHIS MAY FIRE sind. Doch wenn man uns zum ersten Mal hört und einen Eindruck davon bekommen möchte, was uns als Band auszeichnet, sollte man sich ,Chaotic‘ anhören.“

Seit geraumer Zeit ist klar, dass die Gruppe aus Texas ihrer angestammten Szene zwar entwachsen ist, aber weiterhin mit ihr assoziiert werden kann: „Der Chef unseres Plattenlabels Rise hat mir vor ein paar Monaten eine Nachricht geschickt, die wirklich cool war“, greift der Frontmann den Gedanken auf. „Er fragte, ob mir bewusst sei, dass MEMPHIS MAY FIRE zu einer echten Rockband geworden seien und nicht länger nur ein Metalcore-Act sind. Angesichts der Position in Charts und der Streamingzahlen hat er abgeleitet, dass wir in der Rock-Community inzwischen eine echte Präsenz besitzen. Das ist wirklich cool. Dabei treffen unser letztes Album und nun auch ‚Shapeshifter‘ gleichzeitig immer noch den Geschmack der Metalcore-Fans, die eigentlich keine Rockmusik hören. Doch wir haben auch Songs, die ein traditionelles Rock-Publikum ansprechen.“ Für Matty liegen die Gründe dafür auf der Hand: „Beide Seiten gehören gleichermaßen zu MEMPHIS MAY FIRE“, ist der Sänger überzeugt. „Wir haben viel Spaß daran, Rock-Songs zu schreiben. Genauso viel Spaß haben wir daran, Metalcore-Songs zu schreiben. Es wäre eine Schande, wenn wir nur das eine oder das andere tun würden. Warum nicht beides machen und das gesamte Spektrum dessen auskosten, wozu wir als Band fähig sind, und dadurch Musik zu veröffentlichen, die eine möglichst große Zahl von Menschen anspricht?“

Der Frontmann führt einen weiteren Grund dafür an, warum dieses Vorgehen angebracht ist: „Die Aufmerksamkeitsspanne der Menschen wird heute immer kürzer. Insofern kommt es darauf an, ständig neue Musik herauszubringen. Ich würde sogar sagen, es ist lebenswichtig. Für viele Künstler mag das stressig sein, weil man nicht das Gefühl haben will, nicht mithalten zu können. Doch wir schreiben sowieso ständig neue Songs. Wenn wir im Abstand von zwei oder drei Jahren neue Alben veröffentlichen, bemerkt ja niemand das Wachstum und was dazwischen passiert. Die neue Arbeitsweise ermöglicht es, dass unsere Fans mit uns wachsen und die Veränderungen konsequenter miterleben können.“ Dem Single-Fokus zum Trotz setzen MEMPHIS MAY FIRE die Zusammenarbeit mit ihrem Label fort und bringen ihr Material nicht DIY heraus: „Wie jede andere Band auch haben wir darüber gesprochen“, gibt Matty zu. „Aktuell gibt es aber eine tiefe Verbundenheit mit unserem Label. Auch neben Bands, bei denen der Hype viel größer ist als bei uns, fühlen wir uns wie ein großer Fisch im Teich. Rise behandelt uns mit Priorität. Es geht also nicht nur darum, was wir alleine tun könnten, sondern auch darum, was wir mit ihnen als Team bereits erreicht haben und künftig noch erreichen wollen.“

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