MORGEN TEUER TÖTEN

Foto© by Kai Liesegang

Brot war gestern

Nicht nur Emo-Bands kennen sich damit aus, Inhalte kryptisch zu verpacken. MORGEN TEUER TÖTEN aus Berlin zeigen auf ihrem Debütalbum „Not Available“, das dieser Tage auf Kidnap erscheint, dass auch ein Punksong, der erst mal ulkig und unverständlich klingen mag, mehr zu bieten haben kann. Jule, Kai und Ali berichten davon, wie es mit der Band begann, wozu Humor taugen kann und was das alles eigentlich mit Müsli zu tun hat.

Ihr seid eine noch recht neue Band. Eure erste EP „Egal“ ist von 2022. Wie habt ihr zusammengefunden?

Kai: Das war relativ spontan 2020 während Corona. Mit Ali habe ich vorher schon mal Musik gemacht, allerdings als DJs. Wir sind mal in den Proberaum gegangen, um einen Song für einen Freund aufzunehmen, den wir ihm zu seinem Geburtstag schenken wollten. Ali spielt schon ewig Schlagzeug, so kam die Idee. Dabei ist der Song „Hyperraumfilter“ entstanden, der letztendlich auch auf der ersten EP erschienen ist. Das war der Startschuss.
Ali: Wir kennen uns alle schon ewig und sind lange befreundet. Kai hat vorher auch mal in einer Band gespielt. Fry, unser Bassist, ebenso. Kai und ich hatten schon länger Bock, zusammen Musik zu machen, und 2020 haben wir endlich angefangen. Irgendwie gab es abgesehen vom Geburtstagssong gleich mehrere Ideen. Dann kam Jule dazu und so hat es sich weiterentwickelt.
Jule: Der Plan war am Anfang auch gar nicht, Konzerte zu spielen, sondern fünf Songs zu haben und als Erstes diese EP zu machen.
Kai: Wir wollten andersrum an die Sache rangehen.

Wolltet ihr es nur andersrum angehen oder sollte das ursprünglich wirklich eine reine Proberaumband werden, die nie zu sehen ist?
Jule: Ich glaube, wir haben uns gar nichts dabei gedacht.
Ali: Glaube ich auch. Das war eher so zufällig. Wir hatten über irgendeine Connection die Möglichkeit, die Songs aufzunehmen, und dann hat sich das so ergeben. Wir waren am Anfang alle noch total schüchtern und hatten Angst vor öffentlichen Auftritten. Da haben wir uns eine Weile zurückgehalten.

Ich stelle diese Frage zwar ungern, aber diesmal muss ich einfach. Was hat es mit eurem Bandnamen auf sich?
Kai: Für mich bedeutet er nichts. Er ist in einer lustigen Runde unter einer Brücke an der Spree entstanden. Wir haben Enten mit Müsli gefüttert.
Jule: Die Begriffe – also Morgen, Teuer und Töten – waren ursprünglich als neue Vornamen gedacht. An diesem Abend haben wir uns nur noch so angesprochen. Im Proberaum ist uns das wieder eingefallen. MORGEN TEUER TÖTEN sollte erst mal so ein Produktionsname sein, über den wir zu einem anderen Zeitpunkt noch mal reden. Aber wie das mit Produktionsnamen so ist: sie bleiben dann.

Am besten gefällt mir dabei der Müsli-Aspekt. Brot war gestern.
Ali: „Brot war gestern“ wäre auch ein guter Name.

Bei eurer neue Platte „Not Available“ gibt es bei dem einen oder anderen Song nur sehr wenige Lyrics, die dann auch eher in Richtung Nonsens gehen. Ich denke zum Beispiel an „Schluckauf“. Ist das euer Humor oder steckt doch mehr dahinter, was auf Anhieb nicht auffällt?
Kai: Jule und ich schreiben die Texte. Der Text zu „Schluckauf“ basiert auf gutefrage.net. Da wurde diskutiert, ob man Schluckauf bekommt, weil jemand an einen denkt.

Es liest sich wie aus einer Feder! Dann habt ihr beide die Rotzigkeit und den Humor ja gemein, oder?
Jule: Dieser Humor ist etwas, das wir alle teilen. Vor allem wenn es um gesellschaftliche Themen geht. Mittels Sarkasmus und Humor versuchen wir einen Umgang mit Sachen zu finden, die überhaupt nicht witzig sind. Einfach um mit der Ernsthaftigkeit der Lage klarzukommen. Das Ziel ist nicht, sich darüber lustig zu machen.
Ali: Ich habe mit den Texten ja nichts zu tun, aber ich finde es gut, dass sie nicht so plakativ sind. Das enthält vielleicht manchmal so eine humorvolle Verwirrung, aber es steckt eine Note drin, mit der ich sehr gut mitgehen kann.

Es ist nicht ganz leicht, diese Note zu finden. Ich denke da auch an „SSV“.
Kai: Da geht es zum Beispiel um die Mietproblematik, darum, dass Menschen auch im Winter auf die Straße gesetzt werden. „Sommerschlussverkauf im Winter“ hört sich lustig an, ist es aber nicht. Alles wird grundsaniert, du musst die Wohnung verlassen, der Fernseher wird verkauft und selbst die Zähne vom Opa fliegen mit raus. Das ist unser flapsiger, zynischer Umgang mit der ernsten Problematik.

In einem Artikel über euch wurde betont, wie bissig eure Texte sind.
Kai: Es ist eine gewisse Emotionalität drin. Ich habe einen innerlichen Biss und möchte was schreiben, das nicht nur Klamauk ist, sondern ausdrückt, was mich ankotzt. Ich möchte es aber nicht zu plakativ klingen lassen.
Jule: Es trotzdem nicht zu ernst nehmen, vielleicht.

Ich finde, ihr klingt ein bisschen, als hätte man AKNE KID JOE in die 1980er Jahre gebeamt. Was sind eure Einflüsse?
Kai: Sehr unterschiedlich. Ich bin ganz klassisch mit Deutschpunk aufgewachsen und war viele Male beim Force Attack. Bands waren etwa DRITTE WAHL, aber auch DER KFC und EA80. Dazu kam ein starker NDW-Einfluss, als mir dieses sehr männliche Gegröle im Deutschpunk irgendwann auf den Zünder ging. Das ist bei uns auch drin. Genauso wie dieses Sphärische hier und da. Es muss nicht jeder Song gleich sein. Wave und Techno sind bei mir auch dabei.
Jule: Ich habe gar keinen Punk gehört als Teenie. Damit habe ich später angefangen. Bei mir war es hauptsächlich Pop. Die Synthie-Momente sind wohl das Poppigste an unserer Band. Ich höre immer noch sehr viel Unterschiedliches. Mein Main-Genre ist HipHop.
Ali: Direkte Einflüsse finde ich schwer zu benennen, aber natürlich nimmst du bei Konzerten, auf die du gehst, immer was mit. Vielleicht KAIRO oder ELEANOR LANCE.
Kai: Das waren die prägendsten Bands, in der Zeit in Dresden, woher Ali und ich uns auch kennen. Auch NO WAVES. Die haben eine ganz andere Art von Energie mitgebracht, als ich das vorher kannte. In der Musik war trotzdem so eine Harmonie, die besonders war.
Ali: Die Zeit in Dresden war auf jeden Fall prägend, auch mit der Anfangsphase von PISSE. Dadurch, dass wir so gute Freunde sind und uns so lange kennen, sind wir nie mit so einer Ernsthaftigkeit an das Ganze herangegangen. Wir wollen natürlich Songs schreiben, die uns gefallen, bleiben dabei aber nicht in so einer kritischen Perfektion hängen. Die Songs sollen Spaß machen.
Jule: Und auch nicht immer nur eine Linie fahren. Wir scheißen drauf, ob die Songs sich musikalisch ähneln. Wenn es beim Spielen Spaß macht, wird es schon richtig sein.

„Not Available“ ist euer Albumdebüt. Das ist ja was Besonderes, wie fühlt es sich an?
Jule: Ich fand es sehr aufregend, auch den Weg dahin. Die Zeit bis zum Release war spannend und ich könnte das noch mal machen.

Es ist zu hoffen, dass es nicht bei dem einen Album bleibt! Wie seid ihr zu Kidnap Music als Label gekommen?
Kai: Wir haben ein bisschen herumgefragt und Alex von Kidnap hat sich irgendwann gemeldet und gesagt, dass er sich vorstellen kann, uns mit so einem DIY-Punkrock-Deal zu supporten. Wir kannten ihn ja vorher noch gar nicht, aber das Telefonieren war total sweet und da kam viel Vertrauen rüber.
Ali: Das war für uns, glaube ich, das Ding. Wir hatten diese Songs und wollten die auf Platte rausbringen, wussten aber nicht wie. Bis zu einem gewissen Punkt ist man auch nicht ganz sicher, ob das jetzt alles so cool ist und ob die Leute das haben wollen. Das Feedback von Kidnap hat uns noch mal einen Push gegeben.

Ich habe gesehen, dass ihr auf einer Veranstaltung gespielt habt, die „Punks against antisemitism“ hieß. Wie erlebt ihr den Diskurs in der Szene?
Ali: Wir haben ganz bewusst auf dieser Party gespielt, weil uns im Diskurs von Bands in Berlin schon aufgefallen ist, dass es vielleicht zu wenig Support von der Seite gibt, in Form von sich auch öffentlich zu bekennen. Von daher war uns das wichtig und wir würden es sicher auch wieder tun.
Kai: Wir haben im Vorfeld ein, zwei Nachrichten bekommen, in denen wir darauf hingewiesen wurden, was wir da supporten würden, verbunden mit dem Rat, da nicht aufzutreten. Es gibt Personen, die richtig Bock haben, sich da so draufzuwerfen.
Ali: Wenn man sich wie wir schon länger in einem Antisemitismus-kritischen Umfeld bewegt, sind solche Nachrichten nichts Neues, es hat sich aber seit dem 7. Oktober 2023 gesteigert, was die Vehemenz angeht. Das ist nicht der richtige Ansatz, mit dem Konflikt umzugehen. Es ist uns wichtig, auf solchen Veranstaltungen zu spielen und uns auch nicht davon abhalten zu lassen.

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