MURDER CAPITAL

Foto© by Hugo Comte

Weniger nachdenken, mehr machen

Im Vergleich zu ähnlichen Post-Punk-Bands wirkten THE MURDER CAPITAL aus Irland von jeher düsterer. Ihre letzte Platte „Gigi’s Recovery“ von 2023 (das Debüt „When I Have Fears“ entstand 2019) empfanden die fünf Musiker rückblickend als zu verkopft, weshalb sie ihr drittes Album „Blindness“ intuitiv, beinahe kindlich angingen. So entstand eine herbe Mischung aus unmittelbarer Musik und ernsten Texten. Drummer Diarmuid Brennan gab Auskunft über die neue Herangehensweise.

Ist „Blindness“ als dritte Platte ein besonderer Schritt für euch als Band?

Ich denke, dass jedes Album auch etwas vom Gewicht des Vorgängeralbums mit sich trägt. Mit unserem Debüt wollten wir klanglich mehr erkunden, die Grenzen verschieben und uns selbst herausfordern, was Klanglandschaften und Atmosphären, aber auch elektronische Elemente angeht. Mit „Blindness“ blicken wir jetzt auch auf den Vorgänger „Gigi’s Recovery“ zurück. Wir haben festgestellt, dass wir bei manchen dieser Songs, vor allem beim Live-Spielen, schneller zum Kern des Songs hätten vordringen können. Und es ist nicht so, dass wir aus dieser Erfahrung oder aus diesen Songs nichts gelernt hätten. Für die Songs auf „Blindness“ wollten wir von Anfang an etwas Unmittelbareres machen und das Gefühl des Songs genauer treffen. Grundsätzlich finde ich es total wichtig, dass man sich von dem inspirieren lässt, was vorher passiert ist.

Im Vergleich zu ähnlichen Bands wie FONTAINES D.C. oder SHAME wirken eure Platten noch ernster und düsterer.
Grundsätzlich könnte das stimmen. Viele Texte drehen sich schon um düstere Aspekte, aber ich denke, dass wir bei unserer Musik sehr viel Licht in uns tragen, und das vermittelt schon eine gewisse Leichtigkeit. Man könnte sagen, dass „Blindness“ die ernsten Aussagen etwas leichter nimmt. Wir versuchen, das reale Leben zu reflektieren. Ein Song wie „Love of country“ ist unser Kommentar zu dem, was in der Welt in Bezug auf Einwanderung und Kriege passiert – und das ist natürlich absolut ernst.

„Love of country“ ist eine Art Gedicht, und es wirkt wie eine Mischung aus Mitleid für diejenigen, die die Liebe zu einem Land so missverstehen, und Mitgefühl für jene, denen eine naive Liebe zu ihrer Heimat nicht möglich ist.
Ja, man kann bei diesem Song nicht nur zu einem Schluss kommen, und ich denke, die Bedeutung kann sich über die Jahre auch noch einmal verändern. In Irland gibt es eine massive Zunahme an ultrarechter Rhetorik. Wir fünf wollen das nicht für unser Land. Man spürt einen Zuwachs der Migration, aber gleichzeitig verlassen natürlich auch viele Menschen Irland.

Wegen der hasserfüllten Atmosphäre im Land?
Auch. Aber auch deshalb, weil es immer schwieriger wird, sich das Leben in Irland leisten zu können. Ein Teil der Bevölkerung versucht, die hohe Einwanderungsquote dafür verantwortlich zu machen. Unmengen von Geld von Technologie- und Social-Media-Unternehmen fließt nach Irland, und es ist mir unbegreiflich, wie es nicht gelingt, diesen Reichtum so einzusetzen, dass alle etwas davon haben und glücklich leben können.

Darauf zielt die Zeile „Could you blame me for mistaking your love of country for hate of man?“ ab?
Es gibt gewisse Narrative, die man in Irland schon auf dem Schulhof lernt. Man wächst mit der stereotypen Meinung auf, dass man Engländer nicht mag, weil unsere Nation von ihnen unterdrückt wurde. Man lernt natürlich dazu, und mittlerweile wissen vernünftige Menschen, dass die irische Arbeiterschicht genauso dasteht wie die englische. Das Gleiche gibt es auch in anderen Ländern. Die Zeile verweist darauf, dass es sehr leicht ist, diesem Tribalismus zu verfallen, wenn man den Unterschied nie gelernt hat und vielleicht auch keine Erfahrungen im Ausland sammeln konnte. Es ist einfacher, jemanden zu hassen, den man noch nie getroffen hat. Man entspricht dann einfach der Vorgabe und sagt: „Ich kenne die Menschen nicht, ich hasse sie.“ Wirft man einen Blick auf den Konflikt im Gazastreifen, dann sieht man häufig genau das – eine falsch verstandene Liebe zum eigenen Land. Aktuell hat man den Eindruck, dass da keine Lösung in Sicht ist. Ich fände es toll, wenn Irland wiedervereinigt würde, aber damit es friedlich verläuft, kann das erst geschehen, wenn die Menschen glücklich sind.

Wie würdest du die im Albumtitel zitierte Blindheit beschreiben – schlechte Eigenschaft oder eher die Naivität eines Kindes?
Für mich löst sich das auf eine Weise auf, die mir ein gutes Gefühl gibt: Dinge herauszufinden, die ich vorher nicht wusste oder die ich nicht auf den ersten Blick sehe. Manchmal resultiert das auch in Scham, dass ich etwas nicht bemerkt habe, das in meinem Leben passiert ist, oder eine emotionale Blindheit habe gegenüber bestimmten Dingen. Weil ich einfach in meinem eigenen Kopf lebe, wie viele Menschen es tun, und nicht sehe, was um mich herum geschieht. Für mich ist es keine kindliche Blindheit, sondern eher ein Punkt der Reflexion und des Erkennens dessen, was man übersehen hat, was man jetzt sieht und was sich dadurch klärt. Es gibt dieses Heureka-Gefühl, dass man etwas bemerkt hat und sich einer Sache plötzlich bewusst ist.

Meine Anspielung auf ein Kind resultiert auch aus der Art, wie das Artwork gestaltet wurde.
Ja, viele der Texte blicken weit zurück bis in die Kindheit, sind von Beobachtungen inspiriert, und das Artwork basiert auf bestimmten Textzeilen. Ich verrate aber nicht, welche. Es geht darum, sich diese kindliche Neugier zu bewahren und wirklich in die Vergangenheit zurückzugehen. Ich glaube, das spiegelt sich auch in der Musik wider, besonders in der Art, wie wir diesmal Dinge weniger festgehalten haben. Unsere Herangehensweise an dieses Album war auch kindlich – so als hätte man eine Schachtel Wachsmalstifte und würde einfach etwas an die Wand werfen, musikalisch gesehen. Ohne zu viel daran festzuhalten, einfach machen, fertigstellen und dann weiter zum nächsten Bild. Es gab viel weniger den Drang, zurückzublicken und zu überlegen, wie man diese Wachsmalzeichnung zu einem großen Kunstwerk macht. Das war überhaupt nicht der Ansatz. Es ging mehr darum, die einzelnen Teile sehr schnell auszuarbeiten, das Gefühl des Songs einzufangen, die richtigen Farben zu finden – und dann war es fertig. Das hat uns deutlich mehr Freude gemacht – nicht in einem hektischen Tempo oder nachlässig, sondern einfach in einer Art, die uns das Ganze leichter gemacht hat.

Statt über Monate in einem abgelegenen Haus daran zu basteln, habt ihr Skizzen im Studio ausgearbeitet ...
Die Vorgängerplatte entstand während Corona, wir hatten Monate Zeit, um zusammen zu schreiben. Sobald wir die Demos aufgenommen hatten, haben wir an jedem Detail und jeder Passage herumgetüftelt, waren fast besessen davon. Diesmal war es eher so: Wenn es irgendwelche Teile gab, an die wir uns erinnern wollten, dann haben wir einfach ein Handy in die Mitte des Raums gelegt und aufgenommen. Es gab also nicht viel Veränderung oder Bearbeitung, bevor wir ins Studio gingen. Unser Produzent John riet uns, uns nicht so sehr an die Demos zu klammern und meinte: „Ich brauche keine hochqualitativen Demos, um zu verstehen, was ein Song ist.“ Diese Aussage hat uns irgendwie befreit, so dass wir uns nicht gezwungen fühlten, perfekte Demos zu erstellen, bei denen jedes Detail schon ausgearbeitet ist. Es ging mehr darum, was der Song ist und wie er funktioniert.

Ihr habt auch unmittelbar nach eurer Tour damit angefangen. Wie viel Live-Gefühl steckt in der Platte?
Für mich ist der Zyklus als Band normalerweise so: Man schreibt, spielt vor Leuten, geht zurück ans Reißbrett, spielt einen weiteren Gig und kehrt wieder ins Studio zurück. Jeder Gig, den man spielt, bringt eine neue Erfahrung oder eine neue Intention mit, um etwas Neues zu schreiben. Es ist fast so, als ob das Live-Spielen vor Leuten einen mit neuer Energie auflädt, so dass man, wenn man zum Schreibprozess zurückkehrt, noch mehr zu sagen hat. Wir kamen direkt von der Tour und waren völlig erschöpft – wir hatten ein ziemlich intensives Jahr hinter uns. Wir haben uns dann entschieden, noch zwei Wochen in Dublin zu schreiben, solange wir alle noch zusammen waren, bevor wir in die Weihnachtspause gingen. Das stellte sich als sehr produktive Zeit heraus, auch da wir als Band so gut eingespielt waren. Wir wussten, dass wir nur wenig Zeit hatten, also wollten wir schnell arbeiten und nicht über Details obsessiv grübeln. Ich glaube, das ist eine ehrlichere Art, ein Album zu schreiben, weil man nicht alles überanalysiert.

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