Nadine Muller (THE PRIZE)

Foto© by Christoph Lampert

My Little Drummer Girl Folge 81

Drummergirl dieser Ausgabe ist Nadine Muller aus Melbourne, die mit ihrer Band THE PRIZE im Herbst 2024 in Europa auf Tour war. Nadine ist die Tochter von COSMIC PSYCHOS-Drummer Dean Muller und sie ist schon frühzeitig in die Fußstapfen ihres Vater getreten, denn etwas anderes als Schlagzeug zu spielen kam für sie nicht in Frage. Ihr Spiel ist von einer ungestümen Wildheit geprägt, die dem Powerpop ihrer Band den nötigen Drive verleiht und dafür sorgt, dass sie auch am hinteren Bühnenrand die Blicke des Publikums auf sich zieht. Wie sie damit umgeht und warum sie zusätzlich auch noch Sängerin geworden ist, hat uns die sympathische Australierin beim Konzert in Leipzig verraten.

Nadine, hast du schon als kleines Mädchen auf den Kochtöpfen deiner Eltern getrommelt?

Oh ja, davon gibt es tatsächlich Fotos. Ich habe die Töpfe meiner Eltern aus dem Küchenschrank geholt und dann kräftig darauf eingeschlagen. Außerdem ist mein Vater ja selbst Schlagzeuger und so stand bei uns zu Hause natürlich ein Schlagzeug herum, auf das ich immer Zugriff hatte. Es fühlte sich für mich also schon von kleinauf ganz natürlich an, hinter einem Schlagzeug zu sitzen. Ich fühlte mich damit einfach wohler als mit jedem anderen Instrument. Ich habe zwar als Kind auch schon Gitarre und Bass ausprobiert, aber mit dem Schlagzeug bin ich irgendwie ganz natürlich verbunden. Ich kann zum Beispiel auch nicht singen, wenn ich nicht hinter einem Schlagzeug sitze. Ich bin einfach zu schüchtern und brauche immer das Schlagzeug als Festung um mich herum.

Mit welcher Art von Musik bist du aufgewachsen?
Hauptsächlich mit Punkrock. Dadurch, dass mein Vater bei den COSMIC PSYCHOS trommelt, habe ich sehr früh mit Punkrock angefangen. Ich erinnere mich, dass THE RAMONES, RADIO BIRDMAN und THE SAINTS zu den ersten Bands gehörten, die ich bewusst wahrgenommen habe.

Bist du damals auch mal mit deinem Vater zusammen auf Tour gewesen?
Nein, als Kind noch nicht, aber als ich ungefähr 20 Jahre alt war, hat mein Vater mich mit auf Tour nach Europa genommen. Ich habe da zwar nicht selbst getrommelt, aber mit der Band abzuhängen war auch schon spannend genug.

Gab es damals schon Drummer, die du besonders geschätzt hast?
Oh ja, ich war großer Fan von Clem Burke von BLONDIE und Peter Criss von KISS fand ich auch toll. Mein Vater und ich hatten kopierte Snaredrum-Noten von Peter Criss, die wir nachgespielt haben. Aber wirklich geliebt habe ich immer Ringo Starr von THE BEATLES. Als ich noch jung war, habe ich bei uns in Australien eine Schlagzeugerin in einer Punkband spielen sehen, die mich sehr beeindruckt hat. Ich habe den Namen der Band vergessen, aber nur zu sehen, dass eine Frau so trommeln kann, hat mich schon inspiriert. Mir ist da gerade gestern etwas ganz Ähnliches passiert, als mich ein Mädchen nach der Show angesprochen hat. Sie hat mir erzählt, dass sie uns hat spielen sehen und ich als singende Drummerin sie auf die Idee gebracht habe, selbst eine Band zu gründen. Das ist doch toll.

Wann warst du dir sicher, dass du Schlagzeugerin und nicht doch Gitarristin werden wolltest?
Ich war 15 Jahre alt und auf der Highschool, als ich mit zwei Freundinnen meine erste Band gegründet habe. Wir waren eine reine Mädchenband und haben RAMONES-Cover und ein paar eigene Lieder gespielt. Das war auch der Zeitpunkt, an dem ich angefangen habe, eigene Songs zu spielen.

Hattest du vorher schon Unterricht von deinem Vater oder warst du immer Autodidaktin?
Eigentlich war ich Autodidaktin. Mein Vater und ich haben zwar zusammen getrommelt, aber so richtiger Unterricht war das nicht. Heute wünschte ich, ich hätte mich vor zehn Jahren mehr um die Grundlagen und technische Übungen gekümmert, aber ich war halt in einer Punkband und da ging es erst einmal darum, Krach zu machen. Technische Fähigkeiten waren da nicht wichtig. Jetzt, da ich älter bin und auf Tour gehe, denke ich mir, dass es an der Zeit ist, einige wesentliche Grundlagen nachzuarbeiten. Mein Vater hat mich niemals dazu gezwungen, irgendwelche bestimmten Übungen zu machen oder Rhythmen zu lernen. Er hat mich zwar immer unterstützt und gefördert, aber gedrängt hat er mich zu nichts. Er hat immer gewartet, bis ich ihn von mir aus gefragt habe, wie man bestimmte Rhythmen oder Breaks spielt, und hat mir dann gezeigt, wie das geht.

Hast du zu Hause bestimmte Platten nachgespielt?
Also, 2001 kam der Film „Josie and the Pussycats“ raus, den ich ziemlich klasse fand. Das ist so eine satirische Komödie, die auf einem 1960er-Jahre Comic basiert, in dem es um eine Allgirl-Punkband geht, und der Soundtrack ist echt klasse. Die Songs habe ich in meinem Zimmer rauf und runter gespielt. Den „Rock ’n’ Roll High School“-Soundtrack von THE RAMONES habe ich auch nachgespielt und dann war ich sehr großer Fan von THE RUNAWAYS und Joan Jett, die ich sehr mochte. Das waren die Sachen, mit denen ich angefangen habe, Schlagzeug zu spielen.

War es für dich in Australien schwierig, als Schlagzeugerin akzeptiert zu werden?
Ja, das war manchmal wirklich nicht einfach. Viele Leute haben mich sehr herablassend behandelt. Ich war ja sehr jung, als wir mit unserer Allgirl-Band KILLERBIRDS angefangen haben, und da waren die Leute teilweise schon richtig mies zu uns. Wir haben einige sehr schlimme Erfahrungen in der Musikszene machen müssen. Wenn wir aufgetreten sind, haben sich die Soundtechniker oder Club-Angestellten über uns lustig gemacht und irgendwelche blöden Machowitze gerissen. Es war häufig nicht besonders nett und wir haben einiges erlebt. Als die KILLERBIRDS sich dann auflösten, habe sogar für ein paar Jahre gar nicht mehr in Bands gespielt. Zum Glück hat sich in den letzten acht bis zehn Jahren einiges zum Besseren verändert und heute kann ich als Frau viel selbstbewusster auftreten als damals als junger Teenager. Heute sind Frauen viel mutiger, wenn es darum geht, in einer Band zu spielen und aufzutreten.

Wann wurden THE PRIZE gegründet?
Wir haben THE PRIZE während des Corona-Lockdowns gegründet. Ich wohnte damals mit einem der Jungs zusammen und wir hatten die Idee, zusammen eine Band zu gründen. Irgendwie ging dann alles sehr schnell. Wir hatten erst eine 7“ veröffentlicht und schon gingen wir in Australien mit KING GIZZARD & THE LIZARD WIZARD und auch mit THE MURLOCS auf Tour. Da gab es uns gerade mal eineinhalb Jahre. Wir hatten aber auch viel Glück, denn gleich unsere erste Australientour haben wir mit THE CHATS gespielt, und dass wir jetzt hier in Europa vor tausend Leuten spielen können, ist echt unglaublich. THE CHATS sind super nette Typen und haben uns von Anfang an sehr unterstützt. Wir hatten nicht den Gedanken, mit der Band Geld zum Leben verdienen zu können, sondern es war für mich eher die Möglichkeit, auszubrechen und meinem Alltagstrott zu entkommen. Wenn ich Schlagzeug spiele, fühle ich mich frei und muss an nichts anderes denken. Das ist für mich so eine Art Therapie.

Stand schon fest, dass du singen würdest, als ihr die Band gegründet habt?
Nein, eigentlich nicht, aber von den anderen hat sich eben niemand in den Vordergrund gedrängt, den Leadgesang übernehmen zu wollen. Ich würde mich nie als Sängerin bezeichnen und vor vielen Leuten zu singen, macht mir wirklich Angst. Aber immer, wenn ich vor etwas Angst habe, setzt so ein Automatismus ein und ich muss es dann erst recht tun. Also habe ich während des Lockdowns für ein paar Monate probiert, beim Schlagzeugspielen zu singen, und am Ende hat es ganz gut funktioniert. Unser Gitarrist Carey singt auch ein paar Songs. Wir halten es jetzt so, dass jeder die Songs singt, die er auch geschrieben hat, und manchmal singen wir auch zusammen.

Erinnerst du dich an deine ersten Erfahrungen in einem Tonstudio?
Die COSMIC PSYCHOS haben 2011 das Album „Glorius Barsteds“ veröffentlicht und auf dem Album durfte ich den Song „Nice day to go to the pub“ singen. Das war aber nicht meine erste Studioerfahrung, denn wir haben mit den KILLERBIRDS schon 2007 eine Mini-CD mit vier Stücken aufgenommen. Mit THE PRIZE waren wir jetzt auch schon einige Male im Studio und die Aufnahmen für unser erstes Album sind auch gerade abgeschlossen, aber ich empfinde Tonstudios immer noch als sehr unangenehme Aufenthaltsorte. Sie ängstigen mich immer noch ein bisschen, weil alles so sichtbar ist und alle deine Schwächen zutage treten. Ich fühle mich auf einer Bühne viel wohler und liebe es, live aufzutreten. Ich bin eben kein Metronom und vermeide es im Studio auch, mit dem Klick im Ohr aufzunehmen. Obwohl ich das wohl besser einmal versuchen sollte. Aber die Atmosphäre bei Live-Gigs, wenn ich vor Leuten spielen darf, gibt mir viel mehr und das ist dann die Umgebung, in der ich mich zu Hause fühle.

Wie würdest du deinen eigenen Drumstil beschreiben?
Ich spiele simpel und hart. Hart und mit viel Herz, könnte man sagen. Mein Stil ist eigentlich sehr ursprünglich. Ich habe auch bei unseren Studioaufnahmen für die ersten 7“s weitestgehend auf komplizierte Breaks oder Fills verzichtet, denn wenn ich die nicht hinbekomme, muss ich alles noch einmal von vorne spielen.

Wie ist dein Schlagzeug aufgebaut?
Ich spiele ein sehr kleines, rudimentäres Drumset mit nur einer Hängetom. Für ein richtig großes Set mit vielen Tom Toms und zwei Bassdrums hätte ich gar keine Verwendung. Ich habe ja immer Musik wie von THE CRAMPS oder THE RAMONES gehört und da war es naheliegend, dass ich selbst auch ein einfaches Drumset haben würde. Die Jungs in unserer Band spielen schon sehr technische Riffs auf der Gitarre und bei drei Gitarristen in der Band würde ein doppelt so großes Schlagzeug wohl zu einem musikalischen Overkill führen.

Könntest du dir vorstellen, die Festung hinter deinem Schlagzeug zu verlassen, um Leadsängerin einer Band zu sein?
Nein, eigentlich nicht. Ich habe kurzzeitig in anderen Bands Gitarre gespielt und mich auch am Bass ausprobiert. Das hat mir zwar Spaß gemacht, fühlte sich aber auf Dauer nicht natürlich an. Hinter dem Schlagzeug zu sitzen, gibt mir Sicherheit und ist irgendwie Teil meiner Persönlichkeit. Durch das Singen bin ich ja schon fast die Leadsängerin, nur dass ich das mit sicherer Distanz zum Bühnenrand tun kann.

Würdest du gern noch andere Musikstile ausprobieren?
Wir sind zur Zeit mit der Band ja sehr ausgelastet, aber gerade gestern Abend haben wir darüber gesprochen, wie es wäre, eine Popband zu gründen. Ich liebe Oldschool-Popmusik, wie zum Beispiel von Madonna. Wir würden dann in ein Studio gehen und anonym eine Pop-Platte mit tollen Melodien veröffentlichen, ohne dass jemand wüsste, wer wir sind. Am Ende geht es bei jeder Band um tolle Melodien und einprägsame Refrains. Jeder mag doch Melodien und Hooklines. Aber mir fehlt einfach die Zeit für ein zweites Projekt, denn ich habe angefangen, viel mehr für mich allein Schlagzeug zu üben, als ich das bisher getan habe. Ich möchte meine Grundlagen deutlich verbessern und muss dafür viel üben. Mit der Band übe ich natürlich auch. Insbesondere, wenn es darum geht, während des Trommelns zu singen. Da geht es um Ausdauer und Kondition, denn die Doppelbelastung ist schon eine echte körperliche Herausforderung für mich. Bestimmte Atemtechniken bei bestimmten Songs kann ich nur mit der Band zusammen üben und darauf verwenden wir viel Zeit. Ich habe mir ein paar Tricks von C.O.F.F.I.N-Drummer Ben Portnoy abgeschaut, den ich für einen großartigen singenden Schlagzeuger halte.

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