NEAT MENTALS

Foto© by Christian Hanner

Schielende Schwaben-Katzen

Wir schreiben das Jahr 2023. Ganz Deutschland ist von Schwaben besetzt. Ganz Deutschland? Nein, zum Glück nicht. Aber dafür haben sich bei NEAT MENTALS vier Baden-Württemberger zusammengerafft, um die Welt mit ihrem grandiosen Punkrock mit 77er-Kante zu beglücken, auf dass man sich wünschte, Schwabenmusik wäre einfach überall. Zum brandneuen Album „Wasteland“, das am 6. Oktober das Licht der Welt erblickt, stehen uns Flo (dr), Pete (gt, voc) und Phil (bs, voc) Rede und Antwort und verraten nebenbei auch, was es mit Horst, der schielenden Bandkatze, auf sich hat.

Euch gibt es bereits seit 2015 und wir hatten euch noch nie im Interview. Höchste Zeit, dass sich das nun ändert! Wie ging das los mit NEAT MENTALS und was ist so passiert?

Flo: Ja, das stimmt, allerhöchste Zeit! Unser anderer Gitarrist Franco und ich wohnten damals beide in Heilbronn und hielten uns regelmäßig im Stereo Total, der einzigen brauchbaren Location auf, um das eine oder andere Kaltgetränk zu konsumieren und geile Bands zu gucken. Eigentlich hatten wir überhaupt nichts miteinander zu tun, doch irgendwann stand er am Tresen neben mir und meinte: „Du spielst doch Schlagzeug, oder?“ Und ich so: „Ja.“ Und zack, standen wir zusammen mit Pete und Phil im Proberaum und haben uns dann direkt nach der Jam-Session überlegt, wie wir denn nun eigentlich als Band heißen sollen.
Pete: Das ging damals wirklich alles fix und seitdem ist echt viel los. 2016 veröffentlichten wir die erste EP und 2018 folgte mit „Humanoid“ die erste Platte bei Flight 13. Wir haben unzählige Shows im In- und Ausland gespielt, viel Spaß gehabt, mit netten Leuten Bier getrunken und uns nie gestritten, hehe.

Nach der „It Ain’t Easy/Virus“-7“ von 2021 kommt nun endlich die neue Platte „Wasteland“ heraus. Ein typisches Corona-Album?
Phil: Das mag sich in so manchen Ohren zynisch anhören, aber Corona hat uns in puncto „Wasteland“ eine echte Chance geboten. Keine Konzertreisen, sondern volle Konzentration auf die Produktion des Albums. Dazu kam, dass wir das Studio eines Freundes gleichzeitig als Proberaum nutzen konnten. Dadurch entstand ein Großteil der Songs im Studio. Quasi proben und einfach mal auf Record drücken. Kein Zeitdruck oder sonstige Stressfaktoren. Es war fantastisch, auf diese Weise am Album arbeiten zu können.
Flo: Dadurch, dass wir nicht wirklich spielen durften, konnten wir uns eben im Proberaum austoben und neue Songs fürs Album schreiben. Auch im Studio konnten wir uns richtig schön Zeit lassen und sogar da noch weiter an den Songs basteln. Aufgenommen wurde das Ganze trotzdem schon vor einer ganzen Weile, die Suche nach einem passenden Label und die verminderten Presswerk-Kapazitäten haben ihr Übriges zum Hinauszögern beigetragen. Aber hey, so war und ist eben die Vorfreude länger!

Das neue Material klingt wirklich noch einmal deutlich ausgereifter und eingängiger. Ihr traut euch nun sogar an längere Songs heran. Ist das Altersmilde?
Flo: Ich glaube, das hat eben auch mit dem oben genannten Aspekt zu tun. Qualität braucht einfach Zeit. Klar, man kann jedes Jahr ein Album raushauen und zig Shows spielen, aber da lässt schnell die Qualität von einem oder beidem nach. Und was die Songlänge angeht, möchte ich gerne Robin von Trash-A-Go-Go! Concerts in Stuttgart zitieren: „Das ist ein geiler Song! Aber leider viel zu lang.“ Möglicherweise meinen manche Menschen eben, Punkrock-Songs dürfen die 2:30 Minuten nicht überschreiten. Da wir uns aber grundsätzlich dagegen wehren, in Schubladen gesteckt zu werden, haben wir uns gedacht, wir machen es einfach trotzdem.
Phil: Also, der Schwabensong überhaupt, „Auf de schwäbsche Eisebahne“, hat, glaube ich, fünf oder sechs Strophen, ist also ganz schön lang, haha!
Pete: Ey, hört doch auf, immer diese nervigen Schwabenwitze. Wir spielen einfach gerne Gitarrensoli, was die Songs natürlich etwas in die Länge zieht. Aber du hast recht, wir nehmen uns mehr Zeit und probieren beim Schreibprozess verschiedene neue Dinge aus. Im Endeffekt führt das dann dazu, dass die Songs automatisch ausgefeilter werden.

Das Besondere an eurem Sound ist definitiv auch der mehrstimmige Gesang. Wer schreibt die Songs und wer ist bei euch für die Texte verantwortlich?
Pete: Franco oder ich bringen meistens die Lyrics und eine Grundidee mit. Der Song an sich entsteht dann, wenn wir alle gemeinsam im Proberaum stehen und weiter daran feilen. Wie vorhin schon erwähnt, nehmen wir uns immer viel Zeit, und erst wenn wir uns alle einig sind, dass alles cool ist, steht der Song.
Flo: Als basisdemokratische Band machen wir eigentlich alles zusammen. Und am Schluss haben wir im besten Fall einen Song, den wir alle cool finden, oder wir verwerfen die Idee komplett und machen uns an was Neues. Das klappt eben deshalb ganz gut, weil wir selten, aber dafür lange proben. In der Zeit, in der wir nicht proben, entwickeln alle für sich irgendwelche Ideen und bei der sehr ausgiebigen Probe wird dann gemeinsam geschraubt.

Mit dem Albumtitel „Wasteland“ und Songs wie „Plastic planet“ oder „War goes on“ liefert ihr ja eine beklemmende Bestandsaufnahme unserer heutigen Zeit mit all ihren Problemen und Hässlichkeiten. Gibt es auf der Platte also einen bestimmten roten Faden, ein Konzept?
Flo: Auch hier, würde ich sagen, haben wir uns Stück für Stück weiterentwickelt. Auf der allerersten EP ging es noch ums Saufen, auf „Humanoid“ sind wir schon etwas nachdenklicher geworden, auf der 7“ haben wir uns dann konkret mit schwerwiegenderen Themen beschäftigt und jetzt bei „Wasteland“ ist es tatsächlich ein komplettes Konzept. Wer heute noch die Augen vor dem verschließt, was überall so abgeht, und ausschließlich Songs übers Trinken oder Skateboardfahren schreibt, hat irgendwie ja nicht wirklich was verstanden, oder? Trotzdem haben wir aber auch versucht, den einen oder anderen Song auf die Platte zu bringen, der nicht ganz so schwermütige Inhalte hat, sondern Dinge thematisiert, die uns Freude bereiten. „All about Horst“ zum Beispiel. Da geht es schlichtweg um den schielenden Kater von Pete und darum, dass es schön ist, dass es ihn gibt.
Phil: „War goes on“ entstand lange vor dem 24. Februar 2022, hat aber seither noch mehr an Brisanz und Aktualität gewonnen. Grundsätzlich liefern die weltpolitischen Ereignisse, aber auch die Politik vor der eigenen Haustür sowie das eigene Empfinden genug Zündstoff für unsere Texte. Wir mögen es, ernste Themen in Dur zu verpacken. Das ist unsere Intention und in unseren Augen auch kein Widerspruch.
Pete: Der Mensch beziehungsweise der Umgang von menschlichen Geschöpfen mit unserem Planeten, der Umgang untereinander, aber auch die menschliche Psyche stehen im Fokus. Das sind natürlich Themen, die uns beschäftigen. Wir finden trotzdem nicht alles scheiße und haben gelegentlich auch Spaß.

Neben Flight 13, mit denen ihr ja in der Vergangenheit schon zusammengearbeitet habt, habt ihr mit Gunner Records nun ein weiteres geniales Label im Rücken. Wie kam eigentlich der Kontakt zustande?
Flo: Also tatsächlich war relativ schnell klar, dass wir bei Flight 13 veröffentlichen könnten. Jedoch wollten wir uns aber auch mal nach Alternativen umschauen. Und weil wir alle die Veröffentlichungen von Gunnar sehr schätzen und Gunner Records musikalisch eine etwas einschlägigere Zielgruppe anspricht, war klar, dass wir ihm einfach einmal unser Demo schicken und gucken, was passiert. Und dann sagte er sofort zu, womit die Sache für uns klar war. Wir haben dann mit Tom von Flight 13 gequatscht, weil es uns einfach wichtig war, niemandem das Gefühl zu geben, dem anderen irgendwas wegnehmen zu wollen. Aber das war für alle cool.

Im April dieses Jahres wart ihr auf Tour quer durch Deutschland, unter anderem mit den fantastischen CYANIDE PILLS. Wie empfandet ihr das Live-Spielen in der Post-Corona-Ära und gab es irgendwelche schrägen Vorkommnisse?
Pete: Ha, schräge Storys haben wir auf jeden Fall genug am Start. Die CYANIDE PILLS haben unter anderem Phils Bass gezockt, den wir uns anschließend mühsam zurückerkämpft haben. Außerdem durften sie uns in Kassel supporten, da wir zu spät waren. Das nennt man wohl ausgleichende Gerechtigkeit. Oder Punkrock-Karma.
Flo: Es war saugeil, endlich wieder live spielen zu können! Und es war saugeil, endlich wieder neue, liebenswerte, interessante Menschen und coole neue Locations kennen zu lernen! Vom Kupplungsschaden am Tourenfahrzeug über kaputte Amps war wirklich alles Erdenkliche dabei. Wer Bock hat, kann das Ganze gerne auch mal bei Vinyl-Keks im Internet nachlesen, für die Phil und ich hin und wieder mal als Schreiberkollegen tätig sind. Alles in allem war es jedenfalls eine fantastische Zeit und wir haben schon auf der Rückfahrt von der letzten Show geplant, wann wir wieder losfahren wollen.

Franco erzählte mir letztens, dass ihr eigentlich so gut wie nie probt. Ist das pure Punkrock-Effizienz oder seid ihr einfach nur faule Säcke?
Flo: Das stimmt wohl, wir proben echt selten. Das hat zum einen damit zu tun, dass wir eben doch recht weit voneinander entfernt wohnen, und zum anderen sicher auch damit, dass die meisten von uns in einer Beziehung leben und auch schon Kinder haben. Wenn wir aber dann richtig proben, dann auch gerne mal acht Stunden – deshalb würde ich das Faule-Säcke-Argument nicht gelten lassen. Ein anderer Faktor ist sicher auch, dass wir dieses Jahr echt oft gespielt haben und das aktuelle Set deshalb einfach sitzt, also da trifft schon eher das mit der Punkrock-Effizienz zu. Trotzdem haben wir uns vorgenommen, Ende des Jahres und auch nächstes Jahr wieder etwas mehr im Proberaum zu sein und da neue Songs zu schreiben.
Pete: Das nervt mich tatsächlich sehr, da ich sehr gerne im Proberaum bin und dort auch gerne mehr Zeit verbringen würde. Mit Faulheit hat es wirklich nichts zu tun, aber aktuell ist es einfach etwas schwierig, uns regelmäßig uns treffen.

Für den Herbst stehen nun wieder eine ganze Menge Shows an. Ihr werdet wahrscheinlich erst einmal ordentlich das neue Album promoten und dafür noch weniger proben, richtig?
Phil: Tatsächlich sehnen wir uns ein paar Termine für produktive Proben geradezu herbei, kommen aber vor November definitiv nicht mehr dazu. Wir haben mehrere komplett fertige Songs im Kopf und das nächste Album ist gedanklich schon geschrieben. Natürlich sind wir für unseren Kalender selbst verantwortlich, aber ein bisschen Frust schwingt so beiläufig mit, nicht zum Songwriting zu kommen. Live zu spielen und unterwegs zu sein, neue Orte und Menschen kennen lernen zu dürfen, entschädigt uns aber dafür und deshalb können wir die bevorstehenden Shows zum neuen Album auch kaum erwarten. Das wird schwitzig und laut!
Flo: Wir haben uns darauf geeinigt, im November keine Shows zu spielen und dafür mindestens ein oder zwei Probenwochenenden einzulegen. Und wenn alles gut läuft, dann sogar im höchst luxuriösen Proberaum von Francos anderer Band TYLES in Karlsruhe und nicht in unserem schimmelverseuchten Kellerloch in Tübingen. Aber ja, wir freuen uns natürlich mega darauf, „Wasteland“ endlich in den Händen zu halten und es an die Vorbesteller:innen verschicken zu können. Und dann fangen wir natürlich mit der Planung für 2024 an!