NEW SAINTS

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Neue Heilige, alte Bekannte

Die BITCH QUEENS aus Basel sind Geschichte, aber nicht die musikalische Zusammenarbeit von Melchior Quitt (voc, gt) und Harry Darling (voc, dr). Als NEW SAINTS haben sie gerade ihr erstes Album veröffentlicht, natürlich auf der erprobten lokalen Labelbasis Lux Noise. Wie es dazu kam? Melchior erzählt es.

Melchior, was ist aus den BITCH QUEENS geworden, deiner bisherigen Band, die du nur noch B*** QUEENS schreibst?

Wir haben uns 2023 aufgelöst – in gegenseitigem Einverständnis. Es war absolut der richtige Zeitpunkt. Die Luft war raus, unsere Leben haben sich verändert und irgendwie war alles gesagt. Man sollte dann aufhören, wenn es noch irgendwie wehtut, wenn es eigentlich noch Spaß machen würde. Ich sehe zu viele Bands, die halbherzig durch die immer gleichen Clubs touren, so dass es dann einen traurigen Beigeschmack bekommt. Den Bandnamen schreibe ich übrigens so, damit die Mails nicht im Spam landen ...

Und warum nun die Auferstehung in personell reduzierter Form mit dem jüngeren Bruder von Dr. Avalanche an den Drums?
Die Idee kam auf einer der letzten BITCH QUEENS-Tourneen. Harry und ich wollten ein zweites Projekt starten, dass mehr in Richtung Hardcore geht, und da die meisten brauchbaren Musiker:innen in der Gegend schon in zig Bands involviert sind, Reisekosten heute explodieren und wir so auch einfach nur zu zweit Diskussionen führen müssen, war der Fall schnell klar. Zudem hatten Harry und ich auch fast alle BITCH QUEENS-Songs geschrieben und sind seit 25 Jahren ein eingespieltes Team. Das Ganze live gut hinzubekommen, hat sich aber als weit anspruchsvoller herausgestellt als gedacht. Die physische Power eines echten Drummers zu ersetzen, ist echt eine Herausforderung. Wer weiß, eventuell versuchen wir es eines Tages doch mit einem richtigem Schlagzeug!

Neue Heilige also ... Der Irre in Rom hat vor ein paar Wochen einen italienischen Jugendlichen wegen eines „Wunders“ heiliggesprochen. Welche Wunder wirkt Sankt Melchior?
Schön wäre es, wenn ich welche bewirken könnte, scheint es doch so, als bräuchte die Welt gerade ein paar. Ansonsten bin ich froh, dass ich absolut keine Berührungspunkte habe mit all dem spirituellen Kram. Wobei die boomende Guru-Esotherik-Szene mit Globuli und Handauflegen mir stellenweise mehr zu Denken gibt als die alten Kirchen.

Wo ist für euch die musikalische Konstanz, welche neuen Ideen kamen dazu?
Laute Gitarren, gute Hooklines, sozialkritische Texte – das sind sicherlich Dinge, die seit Jahren eine Konstante sind bei uns. Neu ist ganz klar, dass wir viel mehr elektronische Elemente in unsere Musik einbauen. Zudem gibt es einfach weniger Regeln als vorher. Wir brauchten musikalisch viel mehr Freiraum. Nun haben wir alle Möglichkeiten. Wir können und dürfen alles! Da geht uns auch die Punkrock-Polizei ziemlich am Hintern vorbei.

„Fuck the algorithm“ heißt einer eurer Songs. Welche Strategie habt ihr, um euch diesem Einfluss zumindest etwas zu entziehen oder zu verweigern?
Wir wären beide ganz froh, wenn wir komplett auf Social Media verzichten könnten. Eigentlich ist der Fall absolut klar und ich kann hinter nichts mehr wirklich stehen, was die Plattformen im Kern ausmachen. Irgendwie bleibt aber die Angst, ohne Social Media als Band komplett von der Bildfläche zu verschwinden. Privat habe ich Facebook nur noch als Geister-Account, alle Fotos sind weg, über Privates werde ich in meinem Leben nichts mehr auf den Plattformen posten und wir nutzen es als Band für das, wofür es eigentlich konzipiert wurde: Werbung. Merkwürdigerweise promoten die Menschen auch ihre Familien und sonstigen privaten Eskapaden auf Social Media. Dafür habe ich mittlerweile gar kein Verständnis mehr. Zudem wird es an der Zeit, dass es Alternativen gibt. Wir als Gesellschaft sollten uns dringend dafür stark machen. Es braucht etwas Vergleichbares, so wie Signal bei den Messenger-Diensten – ohne große Konzerne dahinter und nicht profitorientiert. Zudem ist die anstehende Diskussion bei uns, ob wir unsere Musik von Spotify nehmen. Wir können nicht über all die sozialkritischen Inhalte singen und dann so tun, als wäre uns das alles egal.

Mal was Privates: Du hast Familie und spielst schon ewig in einer Band. Wie bekommst du Job, Musik und Familie unter einen Hut?
Das ist wirklich eine große Herausforderung. Wir haben beide Familie, sind beide absolut gleichwertig an der Erziehung beteiligt, haben einen Job und versuchen nebenbei noch irgendwie, eine Underground-Band am Leben zu erhalten. Wobei ich sagen muss, dass es in der Schweiz sehr gut möglich ist, mit einem Teilzeitjob über die Runden zu kommen. Das ist echt ein Luxus. Die Konsequenz ist jedoch, dass wir viel mehr Zeit im Studio als auf der Bühne verbringen. Jahrelang hat es mir auch Spaß gemacht, stundenlang im Tourbus zu sitzen und in ungemütlichen Backstages abzuhängen. Mittlerweile kann ich damit etwas weniger anfangen, weil sich auch die Prioritäten im Leben verschoben haben. Eine Woche feucht-fröhlich durch Spanien touren und damit absolut keine Kohle verdienen, das lässt sich mit Familie auch sehr viel schlechter rechtfertigen ... Die Stunde auf der Bühne ist mir jedoch nach wie vor am liebsten. Es gibt kaum etwas Besseres!

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