
Mit „Dark Stories“ melden sich N.T.Ä. eindrucksvoll zurück und schaffen es locker, dabei den Standard zu halten, den sie mit dem Vorgänger selbst gesetzt haben. Dass das meine Platte des Jahres 2025 ist, war nur einer der Gründe, um mal wieder mit den dreien zu sprechen – über das neue Album, die Zusammenarbeit mit Lee Hollis und Chris Kotze, aber auch den bedrohlichen Rechtsruck.
Euer neues Album trägt den Titel „Dark Stories Part II“ und das bezieht sich auf eure Debüt-EP „Dark Stories“. Die vier Songs von damals finden sich jetzt auf der ersten Seite der LP. Warum habt ihr die Tracks noch mal veröffentlicht?
Äxel: Das neue Album heißt eigentlich nur „Dark Stories“. Auf der A-Seite ist „Dark Stories Part I“ und auf der B-Seite „Part II“. Die vier Songs von „Part I“ hatten wir während der Pandemie zwischen Ausgangssperren und Quarantäne in WG-Zimmern, Proberäumen und meinem kleinen Studio aufgenommen und nur digital und auf CD in einem Pappschuber in Eigenregie, ohne Label und Vertrieb, veröffentlicht und später auf unseren Konzerten verteilt. Das war eine echt komische Zeit, um als neue Band in irgendeiner Weise ein Debüt rauszubringen. Viele Releases von bereits etablierten Bands wurden verschoben und als Newcomer an ein Label heranzukommen, war eigentlich nicht möglich, weil keiner so richtig wusste, wie es weitergeht. Also haben wir es einfach DIY gemacht und anfangs sogar noch gebrannte CDs mit selbst ausgedrucktem und beklebtem Cover gebastelt. Das war für die damalige Situation als erstes Lebenszeichen okay, aber natürlich langfristig nicht so optimal. Die Songs kamen echt gut an und wir mögen sie selbst auch sehr, sehr gerne. Wir konnten dank „Part I“, als es wieder mit Konzerten losging, gute Shows mit tollen Bands spielen und da war auch relativ schnell klar, dass wir die Songs gerne irgendwann noch mal bei Kidnap Music auf Vinyl rausbringen wollen.
Nadine: Als wir die EP „Dark Stories Part I“ aufgenommen hatten, war ja bereits angedacht, irgendwann einen zweiten Teil folgen zu lassen. In meiner damaligen Wunschvorstellung tauchte auch immer wieder das Bild auf, dass „Part I“ auf der einen und „Part II“ auf der anderen Seite einer Platte sein würden. Umso mehr freue ich mich, dass das auch wirklich so umgesetzt werden konnte.
War das erst als Single geplant statt als LP?
Äxel: Als Single nicht so ganz. Anfang des Jahres waren wir im Studio und haben „Dark Stories Part II“ eingespielt. In dem Zeitraum kam mit Kidnap Music zusammen die Idee auf, „Part I“ neu abzumischen und beide EPs zusammen unter dem Titel „Dark Stories“ als Album zu veröffentlichen. Das war für alle Beteiligten eine gute Lösung und wurde dann so gemacht.
Nadine: Bei den meisten Songs, die wir schreiben, wird die Form der Veröffentlichung erst mal nicht 100% geplant. Es hat aber in allem gut gepasst, diese Songs als „Part II“ zu verwenden.
Beim letzten Mal, als wir über euren Song „Scream“ gegen den Rechtsruck sprachen, gab es gerade die großen Demos gegen die AfD und ihr wart voller Hoffnung. Wie sieht es jetzt aus angesichts der Wahlergebnisse, auch im Saarland, und der Umfragewerte?
Nadine: Ich war wirklich hoffnungsvoll. Wenn ich über die Entwicklungen seit unserem letzten Gespräch nachdenke, verliere ich allerdings jegliche Zuversicht. Wenn rechtsextreme Einstellungen bei Jugendlichen so stark zunehmen, die Zahl der rechtsmotivierten Straftaten sich innerhalb eines Jahres fast verdoppeln, der Bundeskanzler währenddessen ganz ungeniert hetzt, dass 30% der Menschen in diesem Land ein Problem im Stadtbild darstellen würden, sich immer tiefer in rassistische Narrative verrennt und damit als Steigbügelhalter der Faschisten entpuppt, ähnlich wie damals der quasi CDU-Vorgänger, die Zentrumspartei, und schließlich einer blau-schwarzen Regierung 2029 fast schon den Teppich ausrollt, dann habe ich ernste Bedenken. Und auch Angst ...
Äxel: Ich befürchte, uns steht eine dunkle Zeit bevor ...
Tommy: Ich hatte so was leider damals schon befürchtet.
Die Flipside enthält dann fünf neue Songs und passend dazu gibt es zwei Videos. Zum einem „Conceal“ über die Rückkehr des „schwarzen Schafs“ ins Elternhaus mit all seiner Spießigkeit ... Wer hat da die Familie gespielt?
Nadine: Die drei spielen eher frühere Freundinnen, mit denen man zwar viel erlebt hat, was nach unterschiedlichen Lebenswegen aber nicht mehr passt. Der Kontakt wird dennoch durch eine Art Verpflichtungsgefühl aufrechterhalten. Das endet natürlich in Endlosdiskussionen und Rechtfertigungen. Die Schauspielerinnen sind meine kleine Schwester Meike, meine langjährige Freundin Tine und meine Freundin Gesa, die uns auch super viel in puncto Kostüm und Maske unterstützt hat.
Zum anderen findest sich da „Away“ mit Lee Hollis, der auch den Text zu dem Song geschrieben hat, mit der schönen Zeile: „Is my middle finger loud enough?“ Wie ist die Zusammenarbeit zustande gekommen?
Nadine: Der erste Textentwurf stammt von Äxel, und im Studio haben Äxel, Lee, Daniel und ich weiter daran gefeilt. Und wie es dazu kam? Ich war mit meinem Freund Andy und Flo, wie schon oft, in der Kneipe, in der Lee als Barkeeper arbeitet. Wir haben uns unterhalten und irgendwann habe ich ihn gefragt, ob er vielleicht Bock hätte. Nachdem er sich das Demo zu Hause angehört hatte, sagte er zu, ich holte ihn mit meinem Auto ab und wir fuhren ins Studio. By the way eine der lustigsten Autofahrten meines Lebens!
Tommy: Lee ist eine verdammt coole Socke, wie ich beim Videodreh erleben durfte und weiter darüber hinaus natürlich auch.
Äxel: Wir wollten für den Song super gerne einen Gastbeitrag und haben uns natürlich mega gefreut, als Lee zugesagt hat und am Start war. Er ist auch Barkeeper in unserer Lieblingskneipe in Saarbrücken und wohnt um die Ecke, von daher waren die Wege kurz. Der gemeinsame Tag mit Lee im Studio war für mich einer der schönsten in den 20 Jahren, seit denen ich Musik mache. Unser Jugendheld hat mit uns gemeinsam im Studio an unserem Song gearbeitet, jeder konnte sich einbringen und wir haben verschiedene Ideen ausprobiert. Wir sind zusammen mit dem Song gewachsen und haben gemeinsam etwas Nachhaltiges geschaffen. Was gibt es Schöneres? Nebenbei hat Lee noch die alten Geschichten von früher erzählt und wir haben wie kleine Kinder voller Begeisterung zugehört. Es lag wirklich eine Art Magie in der Luft ...
„Society“ ist nicht nur ein genialer Hardcore-Punk-Smasher, sondern hat auch mit „Dark stories of society“ eine tollen Refrain. Hätte das nicht als Albumtitel auch gepasst?
Äxel: Uns gefällt der Song auch sehr gut. Ich glaube, es war der erste, den wir von den neuen geschrieben haben. Schön roh und flott. Da hast du recht, das wäre auch ein passender Albumtitel gewesen, da sind wir gar nicht draufgekommen.
Nadine: Ja, das hätte auch gepasst, es wäre dann nur der Bezug zu „Part I“ womöglich etwas verloren gegangen. Außerdem war „Stories That Pave The Road To Hell“, der Titel des ersten Albums, so lang, da konnte es beim zweiten ruhig etwas kürzer sein.
Wo würdet ihr euch selbst verorten, eher beim Song „Hope“ oder doch bei „Combat“? Oder geht beides nur zusammen?
Nadine: Das ist nicht so leicht zu beantworten. In „Hope“ geht es ja in erster Linie um die Verarbeitung von Liebeskummer und nicht erwiderten Gefühlen. Darüber, dass es einfacher wird, wenn das „sich Hoffnungen machen“ aufhört. Hoffnungen, die daraus folgen, dass das Herz aus jeder noch so kleinen Begebenheit eine Besonderheit macht. Vor allem wenn der Kopf schon lange weiß, dass es keinen Sinn hat, weiter zu kämpfen. Dass Gefühle nicht erwidert werden, ist ja etwas, das wahrscheinlich jede und jeder schon erlebt hat. Das ist nicht schön, aber Liebe lässt sich ja nicht erzwingen. Ich will nicht sagen, dass hierdurch vielleicht das Verhalten des Gegenübers unwichtig wird. Es ist nur nicht das vordergründige Thema. Bei „Combat“ wiederum schon. Hier geht es klar um Verhalten und Einstellungen von einigen Männern, die einfach unentschuldbar sind und die auch als das benannt werden müssen, was sie sind: beschissen und gefährlich. Man kann sich schlecht vorstellen, wie es ist, wenn, egal was gesagt oder gemacht wird, es als falsch, als zu wenig, zu viel oder was auch immer angesehen wird. Wenn dir Wissen abgesprochen wird oder eben Entscheidungen infrage gestellt, die nur dich selbst betreffen. Es scheint ein Kampf zu sein, den unsere Omas und Mamas einst begannen, und den auch die nach uns folgenden Töchter und Enkelinnen werden weiterführen müssen. Also ist es weiterhin dringend notwendig, immer und immer wieder zu zeigen, dass wir eine Stimme haben und diese nutzen dürfen und auch sollten.
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