© by Daniel SchwarzlIm April 2008 löste sich die Schweizer Dark-Metal-Band CELTIC FROST zum letzten Mal auf. Das finale Line-up bestand aus den beiden Gründungsmitgliedern Tom G. Fischer (voc, gt) und dem 2017 verstorbenen Martin Erich Stricker aka Martin Eric Ain (bs, voc) sowie seit 2001 Franco Sesa (dr, perc), dazu kam ab 2007 V Santura (gt). Alle gründeten kurz darauf neue und wie nicht anders zu erwarten sehr eigenständige Musikprojekte: Fischer TRYPTICON, Ain TAR POND – und Sesa OATH OF CRANES. Stellvertretend für OATH OF CRANES beantwortete ihr Gitarrist Erol Uenala, von 2001 bis 2006 Live-Gitarrist von CELTIC FROST und am finalen Album „Monotheist“ beteiligt, unsere Fragen.
Erol, bitte stell dich uns doch mal kurz vor.
Abseits der Musik bin ich eher unauffällig, also lassen wir den Teil einfach weg. Warum sich mit Banalitäten aufhalten, wenn es um die wirklich lauten Dinge im Leben geht? Auffällig wurde ich in den 1990ern mit APOLLYON SUN. Da habe ich mit Tom von den damals toten CELTIC FROST und Marky von CORONER versucht, etwas Frisches zu machen. Und nein, nicht einfach das typische Metal-Gewitter, sondern eine Mischung aus Heavyness und elektronischen Sounds. Sozusagen ein Experiment im „Wie können wir das noch dunkler und wuchtiger machen“-Labor. Es gibt eine EP und eine CD davon. 2001 stand die nächste Herausforderung an: CELTIC FROST zurück ins Leben holen. Natürlich nicht mit einem Best-Of-Aufguss, sondern mit dem Ziel, ein wirklich brutales Album zu schreiben. Martin, Tom, Sesa und ich haben uns reingekniet – und 2006 kam „Monotheist“ dabei raus. Doch während CELTIC FROST auf Tour gingen, war meine Bühne zu Hause bei meiner wunderbaren Familie. Statt Powerchords gab’s Powernaps oder so ähnlich und in den nächsten 15 Jahren war bei mir musikalisch Sendepause. Aber dann, 2022, rief mich Franco Sesa an. Er hatte dieses Ding namens OATH OF CRANES am Start. Und siehe da, die alte Leidenschaft flammte wieder auf. Zurück aus dem Ruhestand, wieder mitten im Soundgewitter – und es fühlt sich verdammt gut an.
In der DNA von allen ehemaligen CELTIC FROST-Mitgliedern liegt es ja bis heute, musikalische Extreme auszuloten oder sogar etwas komplett Neues zu schaffen. Das zweite interessierte mich schon immer. Darum unter anderem auch das Interview mit dir. Ich habe ja in den letzten zwei Ox-Ausgaben je einen Artikel über den Schweizer Produzenten und Musiker Roli Mosimann und die Frauenband KLEENEX/LILIPUT veröffentlicht, die beide für eine eigenständige und neue Musik stehen. Das wusstet ihr damals offenbar auch und habt Roli für das APOLLYON SUN-Album „Sub“ aus dem Jahr 2000 verpflichten können. Ich habe mal gehört, dass für die Produktion eine riesige Summe zur Verfügung stand und sie auch sehr viel Zeit beansprucht hat. Mit Roli war es für euch sicher eine neue Erfahrung. Gibst du mir recht, wenn ich die Songs stilistisch größtenteils als Industrial Metal bezeichne? Was kannst du uns über diese Produktion erzählen?
Du hast absolut recht, einer meiner größten Antriebe war es immer, etwas Eigenständiges zu schaffen. Ich bin kein virtuoser Instrumentalist, aber das hat mich nie aufgehalten. Mir reicht es, wenn das, was ich spiele, die Idee klar herüberbringt und die Emotion dahinter spürbar ist. Das gibt mir die Freiheit, schneller neue Ideen zu entwickeln und unkonventionelle Wege zu gehen, auch wenn es für Außenstehende manchmal etwas ungehobelt wirken mag. Wer so arbeitet, braucht Gleichgesinnte – und genau deshalb war die Zusammenarbeit mit Roli Mosimann so entscheidend für uns. Roli sprühte vor Experimentierfreude und unbändiger Neugier. Er überraschte uns immer wieder mit völlig abgedrehten Soundideen – und das Beste war: Er konnte uns überzeugen! Er gab uns das Selbstvertrauen, weiter zu gehen, als wir es je für möglich gehalten hätten. Das war allerdings nicht für alle eine gute Nachricht: Unser Management und die Plattenfirma in England waren dezent überfordert. Anfangs waren APOLLYON SUN noch stark im Metal verwurzelt. Deshalb konnten TRYPTIKON später den 1997er Song „Relinquished body“ fast unverändert unter dem Titel „Myopic empire“ wiederveröffentlichen. Auch die EP „God Leaves (And Dies)“ von 1998 bewegte sich noch auf der rockigeren Seite des Spektrums. Doch 1999, mit Roli an unserer Seite, wurde alles anders – unser Sound tauchte tief in elektronische und experimentelle Industrial-Gewässer ein. Deshalb passt der Stempel „Industrial Metal“ hier definitiv. Höre ich heute „Sub“, dann wirkt es ziemlich ungeschliffen – und ja, manchmal hätte ich mir sauberere Gitarren oder Vocals gewünscht. Aber dafür enthält das Album dank Roli ein paar verdammt mutige Experimente und eine Menge wilder Sounds. Unsere Plattenfirma war allerdings weniger begeistert. Als Roli nach der geplanten Studiozeit noch ein paar Wochen dranhängen wollte, um das Projekt fertigzustellen, waren sie alles andere als amused. Der Mix fand schließlich in Rolis neuer Heimat New York statt, wohin er Anfang der 1980er Jahre gezogen war, mit minimaler Besetzung, um die Kosten irgendwie im Rahmen zu halten. Doch das Endergebnis? Ein echter Schock für unsere Brötchengeber. In Panik engagierten sie John Fryer, der unter anderem am ersten NINE INCH NAILS-Album mitgearbeitet hatte, um zwei unserer Songs massentauglicher zu remixen. Die Band war zu diesem Zeitpunkt offiziell nicht im Studio erwünscht – ich bin aber trotzdem nach London gereist, um unsere Meinung zu vertreten. Einer der Remixes wurde von uns verworfen, aber John Fryers Version von „Reefer boy“ hat es schließlich aufs Album geschafft. Für „Dweller“ haben wir selbst noch einen alternativen Mix erstellt. Das Resultat? Wir waren jetzt offiziell Querulanten – und damit auch nicht mehr vertrauenswürdig. Die Plattenfirma zog die Notbremse und reduzierte die Promotion für „Sub“ auf ein absolutes Minimum. Innerhalb der Band knirschte es ebenfalls gewaltig: Streitigkeiten kosteten uns unser elektronisches Rückgrat, Roger Müller. Kurz darauf verließ auch Marky Edelmann die Band. Die für 2000 geplante Europatour wurde nicht mehr finanziert, und so spielten wir mit APOLLYON SUN nur zwei nennenswerte Gigs – einen im legendären Zürcher Abart-Club und einen in London im Underground. Mit einem neuen Line-up nahmen wir zwar noch ein paar Songs und ein Demo auf, doch der Crash der Musikbranche nach dem 11. September und die bescheidenen Verkaufszahlen von „Sub“ ließen uns APOLLYON SUN schließlich auf Eis legen. Es war Zeit für etwas Neues – und genau da passte es perfekt, dass Martin Stricker und Tom Fischer wieder begannen, miteinander über Musik zu sprechen.
Ich war ja seit zirka 1988 bis zu seinem Tod 2017 mit Martin sehr eng befreundet. Ende der 1980er war die Zeit, wo er beim Schallplattenladen Jamarico im Niederdorf als Verkäufer anfing. Obwohl ich zu dieser Zeit schon fünf Jahre in New York City lebte, danach in Barcelona und dann in Berlin, hat er mich immer wieder überall besucht und wenn ich mal in der Schweiz war, hatten wir immer miteinander zu tun. Martin war bis 1999 der Master of Ceremony im Club Luv in Zürich. Da war ich über ihn stark involviert, da viele Anregungen damals noch aus New York gekommen sind. Ich lebte in dem Jahr noch in Barcelona und war da aber nicht so glücklich und für uns beide stellte sich jetzt die Frage: Wie weiter? Für mich war es Berlin und für ihn abermals CELTIC FROST. Ich habe das über ihn sehr intensiv mitbekommen. Ich habe da noch eine typische Martin-Anekdote aus der Zeit. Wir haben am 28. November 2002 ein Konzert mit GUITAR WOLF im Bogen 13 in Zürich veranstaltet. Die Show war fantastisch und Martin war für die Auszahlung der Gage zuständig. Die Jungs von GUITAR WOLF hatten wie immer alles gegeben und wollten eigentlich aufhören, doch dann erfuhr ich, dass Martin mit der Gage nicht vor Ort war, sondern bei sich Zuhause, um sich mit Sesa ein paar Demos von neuen CELTIC FROST-Songs anzuhören. Da es kein Backstage im Bogen 13 gab, der befand sich im Bogen nebenan und dorthin kommt man nur durchs Publikum, ließen wir mit der Hilfe der euphorischen Zuschauer die Band einfach nicht von der Bühne. Sie spielten und spielten, bis es irgendwann einfach nicht mehr ging, ein Bandmitglied musste sogar kotzen, so fertig war er. Jetzt war ich mit der total erschöpften Band im Bogen nebenan und Martin noch immer nicht da. Ein weiterer Verzögerungstrick musste her. Ich kaufte ihnen somit den kompletten Vinylstock ab und sie mussten auf meine Bitte hin alles signieren. Keiner von ihnen sagte was wegen der fehlenden Gage, sie meinten nur „Oh, a little bit lot“ und signierten brav weiter ... dann endlich kam Martin ohne jedes Schuldgefühl mit der Gage reinspaziert, komplett entspannt, er hatte nicht einen Ton vom Konzert mitbekommen. Soweit ich mich erinnere, dauerte die Fertigstellung des „Monotheist“-Albums sehr lange. Es war auch nicht einfach, das richtige Label zu finden. Und sogar eine exklusive Wacken-Anfrage mit einer richtig fetten Gage wurde von euch ausgeschlagen, weil zuerst das Album erscheinen sollte. Für Martin war klar, es gibt nur diese eine Chance, CELTIC FROST abermals auf den Weg des Erfolgs zu bringen. Alles musste perfekt sein und das Album sollte sehr, sehr dunkel werden. Wie hast du die Zeit in Erinnerung?
Haha, das ist typisch Martin! Ja, genau so konnte er sein, manchmal herrlich chaotisch, immer voller Überraschungen. Die armen GUITAR WOLF! Nach den „Monotheist“-Demo-Sessions, die wir in Eigenregie aufgenommen haben – mit mir als „Engineer“ in ungewollter Doppelfunktion –, war ich meist völlig erledigt. Jeden Abend nach dem finalen Mixdown taumelte ich mit pfeifenden Ohren nach Hause, halb taub, aber voller Ideen. Die Vorproduktion von „Monotheist“ zog sich hin – nicht nur weil wir ewig an den Songs feilten, sondern weil wir uns als Band selbst neu finden beziehungsweise erfinden mussten. Zum ersten Mal arbeiteten wir als Trio mit Martin zusammen, um unsere musikalischen Experimente durchzuführen. Das Ergebnis? „Prototype“, eine limitierte Veröffentlichung, die einige Plattenfirmen in Schockstarre versetzte. Mission accomplished! Aber für uns war das genau der richtige Weg: Wir mussten herausfinden, wer wir als Band überhaupt waren und in welche Richtung wir gehen wollten. Eine Erkenntnis kristallisierte sich schnell heraus: Wir brauchten einen richtig starken Drummer. Zum Glück kannte Martin Sesa. Er passte perfekt, er hatte nicht nur das nötige technische Können, sondern auch diesen unglaublichen Drive, der uns den finalen Schub nach vorne gab. Dann kam Martin eines Tages mit einem Poster des geplanten „Monotheist“-Covers um die Ecke. Er hatte es mit Michel Casarramona entwickelt – und es haute uns aus den Socken. Dieses düstere, kraftvolle Bild. Wir wussten sofort, alles auf dieser Platte muss diesem Cover gerecht werden. Es wurde zu einer unserer größten Inspirationsquellen. Inzwischen hatte Tom wieder Kontakt zu Antje Lange aus den guten alten Noise-Zeiten von CELTIC FROST. Sie wurde unsere Managerin und half uns, Labels und Festivalangebote auszuloten. Aber wir waren völlig in einen Tunnelmodus abgetaucht. Wir wollten nichts preisgeben, bis alles perfekt war. Der Druck? Riesig. Aber der Weg fühlte sich richtig an. Dann waren wir endlich bereit für die Studioaufnahmen – und standen plötzlich vor einem riesigen Problem: Kein Label traute sich, die Produktion zu finanzieren. Doch Martin, kompromisslos wie immer, fand eine Lösung: Er belegte eine Bürgschaft auf sein wertvollstes Bild, um die Studiozeit zu bezahlen. Ein absoluter Wahnsinns-Move, aber genau das, was uns erlaubte, ohne faule Kompromisse weiterzumachen.
Au, scheiße! Das war das Bild mit dem Namen „Portrait of Professor Mombooze-o“ des in unserer Szene sehr geschätzten New Yorker Malers Joe Coleman. Ich war in meiner New Yorker Zeit kurz sein „European Dealer“ und habe ihn ab und zu mit Martin in seinem Atelier in Brooklyn besucht. Ich habe Martin auch Michel Casarramona vorgestellt, er hat dann sein erstes Siebdruck-Plakat für ein Konzert der UK SUBS im Club Luv gestaltet. Er und Martin arbeiteten danach bis zu seinem Tod immer wieder miteinander an unterschiedlichsten Projekten. Doch kommen wir zu deinem aktuellen Projekt mit dem Namen OATH OF CRANES. Du bist als letztes Mitglied eingestiegen, euer Debütalbum „The Unsung Mantras“ ist 2023 erschienen. Man darf schon sagen, dass dies hauptsächlich ein Projekt von Sesa ist. Er arbeitet als TCM-Therapeut, also im Bereich Traditionelle Chinesische Medizin. Er geht so weit, dass bei YouTube zu den einzelnen Songs oder Mantras „Liner Notes Episoden“ zu sehen sind, die uns Hintergrundinformationen geben.
Bei OATH OF CRANES bin ich leider zu spät dazugestoßen, um an „The Unsung Mantras“ noch kreativ mitzumischen, Aber ganz ehrlich, das Album brauchte auch nichts weiter. Sesa hat jahrelang daran gefeilt und mit Chris, Fabrizio und Sven ein Meisterwerk geschaffen. Als ich die noch unveröffentlichten Tracks gehört habe, war mir sofort klar: Da muss ich dabei sein! Die Musik war einfach zu gut. Also habe ich mein Bestes gegeben, um das Ganze auf die Bühne zu bringen und mit der Band live erlebbar zu machen. Musikalisch und textlich erschafft „The Unsung Mantras“ eine Welt, in die man regelrecht eintauchen kann. Sesa hat fernöstliche Einflüsse, vor allem daoistische Elemente, mit Metal verschmolzen und so etwas völlig Einzigartiges kreiert. Ich will gar nicht zu viel vorwegnehmen, aber mein Tipp: Lasst euch darauf ein und entdeckt etwas Neues! Falls ihr tiefer eintauchen wollt, auf unserer Website gibt es weiterführende Infos und auf YouTube die „Liner Notes“-Videos.
Das Stichwort Bühne nehme ich gerne auf. 2023 seid ihr auf den Z7 Summer Nights in Pratteln gemeinsam mit der Neofolk-Band HEILUNG aufgetreten. Ich vermute stark, dass dies auch für euch ein spezielles Erlebnis war. Wart ihr auch Teil des Bühnen-Reinigungsrituals?
Kaum zu glauben, aber es war erst unser zweites Konzert, und schon standen wir auf einer richtig großen Open-Air-Bühne vor dem legendären Z7. Fast 2.000 Leute im Publikum, die Energie in der Luft vibrierte – was für ein Erlebnis! HEILUNG haben uns nicht nur herzlich empfangen, sondern uns auch mit ihrer Show oder besser gesagt: Ihrem Ritual überrascht. Ich hatte ehrlich gesagt mehr Sampling und Backingtracks erwartet – aber stattdessen war fast alles live gespielt und gesungen. Über das Mischpult rollten donnernde Trommeln, unzählige perkussive Instrumente und beeindruckende Live-Vocals. Der Aufwand war enorm, sowohl technisch als auch von der Anzahl der Performenden her. Schon am Nachmittag, als wir ankamen, war die Truppe beim Aufwärmen – und das nicht irgendwie, sondern wie echte Artisten oder Profisportler. Nach unserem Soundcheck versammelten sie sich dann und wurden auf das Ritual eingeschworen, während wir uns auf unseren eigenen Auftritt vorbereiteten. Als wir nach unserem Set von der Bühne kamen, waren HEILUNG bereits mitten in ihrer Transformation – Make-up, Outfits, alles bis ins kleinste Detail abgestimmt. Dann begann ihr Live-Ritual – und es war wirklich ein Erlebnis. Wir waren nur als Zuschauer dabei, aber wenn man sich unseren Fabrizio so ansah, hätte er mit seinem Outfit problemlos Teil der Zeremonie sein können.
Du erwähnst euren Sänger Fabrizio Merico, der sich für den Auftritt in den indischen Gott Krishna verwandelte. Der Rest der Band war klassisch schwarz gekleidet mit den obligatorischen langen Haaren. Ich glaube mich zu erinnern, dass ich ihn zum ersten Mal bei Martins „Karaoke From Hell“-Show im Mascotte in Zürich auf der Bühne gesehen habe. Wer ist dieser Fabrizio Merico und wie seid ihr auf die Idee dazu gekommen? Er ist ja auch für eure Videoproduktionen und Grafik zuständig.
Eigentlich habe ich keine Ahnung, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass Fabrizio schon seit einer halben Ewigkeit die Mata Hari Bar in Zürich geschmissen hat. Sesa kannte ihn noch von „Karaoke From Hell“ und wusste: Der Typ kann nicht nur singen, sondern richtig abliefern. Als dann mit einem anderen Sänger irgendwas nicht hingehauen hat, war zum Glück Fabrizio zur Stelle – und hat gleich das Komplettpaket mitgebracht: Grafik, Videoproduktion und natürlich seine Stimme. Ich habe ja, wie schon erwähnt, die Produktion von „The Unsung Mantras“ verpasst, aber immerhin durfte ich miterleben, wie Fabrizio bei unserem neuen Album „No One Has The Right To Obey“ richtig fiese Vocals herausgehauen hat. Und die Sache mit Krishna? Das war natürlich eine von Sesas Ideen – aber hey, so eine Nummer dann auch wirklich live durchzuziehen, erfordert eine ordentliche Portion Mut! Und als wäre das nicht genug, ist Fabrizio nicht nur Sänger, Krishna und Zeremonienmeister, sondern kümmert sich live auch noch um die meisten Samples. Kurzum: ein echtes Multitalent!
Bei OATH OF CRANES sehe ich drei Ebenen, die ich interessant finde. Die erste ist die musikalische, dies ist vor allem auf dem Album „The Unsung Mantras“ zu hören, da sind die vielen Schichten, die ihr übereinandergelegt habt. Ich gehe davon aus, dass du da stark involviert warst, oder? Auf euer neues Album „No One Has The Right To Obey“ kommen wir noch zu sprechen ...
Da ich nicht direkt am Produktionsprozess von „The Unsung Mantras“ beteiligt war, kann ich nicht allzu viel zu der Entstehung der einzelnen Schichten sagen. Aber sobald es um die Live-Umsetzung ging, wurde es richtig spannend: Ich habe die Vielzahl an Spuren genutzt, um daraus die essenziellen Samples herauszudestillieren – und „essenziell“ ist hier das Schlüsselwort. Denn genau diese sorgsam kuratierte Klanglandschaft erschafft die einzigartige Atmosphäre von „The Unsung Mantras“. Die Herausforderung bestand darin, diese Schichten so aufzubereiten, dass wir sie live und in Echtzeit spielen können – ganz ohne Backingtracks. Das Coole daran ist, so bleibt jeder Gig organisch, lebendig und unberechenbar.
Die zweite Ebene erlebte ich bei einem Konzert von euch im Güterschuppen Wollishofen in Zürich im Dezember 2024 zur Plattentaufe von „No One Has The Right To Obey“. Ich war ja wie Martin in meiner Jugend Ministrant in der katholischen Kirche und musste oder wollte mich von all dem lösen. Bei dem Ritual, das ihr zelebriert, kommen bei mir die alten Gefühle von religiöser Kontrolle hoch. Ich habe dagegen natürlich starke Abwehrmechanismen eingebaut, hoffe ich zumindest. Das fällt mir immer wieder bei Konzerten von Metalbands auf. Ich fühle mich da nur als Beobachter und nicht Teil des Ganzen. Eine Ausnahme gab es bei mir, und zwar als ich im Dezember 1994 zum ersten Mal GWAR im Limelight, einer ehemaligen Episkopalkirche in Manhattan, sah. Es war unglaublich, so was in einer Kirche mitzuerleben. Als großes Finale wurden der Papst und seine Kardinäle auf dem Altar geköpft und gevierteilt. Später musste ich sie mal in der Grabenhalle in St. Gallen selbst veranstalten und natürlich hat Michael Cassaramona das Plakat dafür gestaltet.
Unsere Konzerte sind mehr als nur eine Abfolge von Songs – sie sind inszenierte Zeremonien, die das Publikum mitnehmen sollen. Wir erschaffen gemeinsam einen Raum, in den wir eintauchen können. Natürlich bedienen wir uns dabei der uralten Werkzeuge der Kulturgeschichte – schließlich haben Rituale schon immer eine kraftvolle Wirkung auf Menschen ausgeübt. Manch einer mag Parallelen zu kirchlichen Zeremonien sehen, und ja, Religionen sind wahre Meister der Inszenierung, mit Jahrhunderten an Erfahrung in Sachen Atmosphäre und Erhabenheit. Aber während sie oft auf Dogmen und Indoktrination setzen, liegt unser Ansatz im Gegenteil: Wir wollen keinen Glauben verbreiten, sondern Räume öffnen. GWAR würde ich natürlich gerne auch mal live erleben.
Die dritte Ebene ist die politisch-gesellschaftliche Komponente. Ich weiß, dass Sesa es als ein politisches Album betrachtet. Um ihn zu zitieren und für jeden Punk, der das Ox liest, ist dies klar verständlich: „Ich bin ein alter Schüler Jello Biafras von den DEAD KENNEDYS.“ Er zeigt dies auch oft nach außen, indem er auf Konzerten ein T-Shirt mit dem DK-Logo trägt.
Sesa hatte diese punkige Grundhaltung, seit ich ihn kenne – und er hat sie bis heute nicht abgelegt. Für mich ist Punk immer dann besonders spannend, wenn es um politische und gesellschaftskritische Texte geht. Im Metal wird Eskapismus oft großgeschrieben, was ich zwar verstehen kann, aber mir fehlt da manchmal die Reibung. Der Hardcore ist für mich die perfekte Schnittstelle: roh, direkt und mit Haltung. Während der Proben und Aufnahmen zu „The Unsung Mantras“ haben wir uns immer wieder Live- und Studio-Sessions der DEAD KENNEDYS reingezogen, und ein bestimmtes Video hat mich besonders inspiriert. Ich glaube, diesen Punk-Einfluss hört man deutlich bei „No One Has The Right To Obey“, einem Album, das wir auch ganz in DIY-Manier produziert haben.
Genau, schon der Titel und das Artwork könnten auch gut von einer Punk- oder Hardcore-Band stammen statt von einer Doom-Metal-Band. Woher kommt der Titel und was bedeutet er genau für euch? Interessant ist auch das Covermotiv. Auf den ersten Blick sieht man eine Militäreinheit, die einen an Nazideutschland oder an die Diktaturen Südamerikas der 1970er Jahre erinnert, doch da ist die eine Person, die sich dem Betrachter zuwendet, und es ist dazu noch eine Frau.
„No One Has The Right To Obey“ oder auf gut Deutsch: „Niemand hat das Recht zu gehorchen“. Der Albumtitel ist kein Zufall, sondern eine klare Ansage, inspiriert von der Philosophin Hannah Arendt. Sie äußerte diesen Gedanken im Zusammenhang mit dem Eichmann-Prozess, und für uns ist er heute aktueller denn je. Es geht um Verantwortung. Darum, selbst zu denken, anstatt blind Anweisungen zu folgen. Klar, es ist einfach, Gehorsam aus vergangenen Zeiten zu verurteilen – aber erkennen wir eigentlich, wo wir heute unbewusst mitlaufen? Genau das ist die Herausforderung: sich immer wieder an die eigene moralische Verantwortung zu erinnern und danach zu handeln. So viel sei gesagt: Unser neues Album ist direkt, roh und genau das Richtige für alle, die sich nicht mit oberflächlichen Antworten zufriedengeben. Wer tiefer in die Thematik eintauchen will, sollte mal auf unserer Website vorbeischauen – Sesa hat dort seine Gedanken festgehalten. Und das Cover? Ein echter Hingucker! Sesa hat es zusammen mit Fabrizio gestaltet, das Bild stammt aus einer Recherche. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es eine Militärparade auf dem Roten Platz zeigt – ein absolut genialer Schnappschuss, der unser Anliegen perfekt auf den Punkt bringt. Als ich den ersten Entwurf gesehen habe, war ich sofort begeistert. Die Details darf jeder für sich selbst interpretieren.
Jetzt kommen wir zum musikalischen Teil des Albums. Es unterscheidet sich natürlich stark von „The Unsung Mantras“. Hier sind ja alle Bandmitglieder von Anfang an dabei gewesen. Zeitlich kam es innerhalb eines Jahres heraus. Trotzdem vermute ich, dass Sesa abermals klar den Lead innehatte und auch die Texte zu den Songs geschrieben hat. Wie du ja erwähnst, hat er auf eurer Website seine Gedanken festgehalten und auf der Innenhülle finden sich kurze Texte von J.F. Kennedy, Gordon Maxwell und Hunter S. Thompson. Ich zitiere hier mal C. Sturzenegger von heavymetal.ch, der das, was man auf dem Album hört ganz gut auf den Punkt bringt. „Vom Mix her wird der Kübel derart dichtgemacht, dass er nahezu birst. Weder irgendwo verloren gegangene Frequenz noch Lücke im Stereofeld. Dass das Produkt keineswegs überladen wirkt, ist an der musikalischen Leistung festzumachen. Erol und Chris an den Leadgitarren komplementieren sich optimal und generieren eine Wetterfront, wie du sie aus Filmen wie ‚Twisters‘ kennst. Jay Kukleta am Bass legt dazu den absolut fugenfreien Boden, während Sesas dezidierte Drums gerade das Notwendige beisteuern. Nicht zu viel, nicht zu wenig. In diese Szenerie hinein wirkt Fabrizio mit Stimme sowie Samples. Wirft Texte wie Brocken aus. Intoniert. Klagt. Singt gar, dass ich mehr als einmal an Al Jourgensen erinnert werde (den 90er-Jourgensen, damit wir uns goldrichtig verstehen.)“
Ja, das kreative Herz von OATH OF CRANES schlägt nach wie vor im Takt von Sesa. Konzept und Texte stammen wieder aus seiner Feder, er bleibt die treibende, kreative Lokomotive unserer Band. Diesmal allerdings war ich viel stärker in den musikalischen Prozess involviert. Sesa hatte von Anfang an das klare Ziel, mich bei „No One Has The Right To Obey“ vollständig zu integrieren. Deshalb drängte er darauf, schnell wieder in eine kreative Phase einzutreten. Das Album entstand in erstaunlich kurzer Zeit – geschrieben und aufgenommen in unserem Tempel, dem altehrwürdigen CELTIC FROST-Proberaum. Uns war wichtig, den rohen, ungefilterten Sound unserer Band einzufangen. Kein überproduzierter Hochglanz, sondern pure Energie, direkt auf Band gebannt. Wir haben uns bewusst auf wenige Spuren und minimale Nachbearbeitung beschränkt – die richtige Entscheidung für diese Songs. Sesa hat wie immer überall ein mächtiges Groove-Fundament gelegt. Chris hat darauf seine präzise Gitarrenarbeit gelegt, damit ich auch schön darüber rotzen konnte. Garniert wurde das Ganze mit Fabrizios einzigartigen Vocals, dann brauchte es wirklich nicht mehr viel Anpassungsarbeit an den Aufnahmespuren. Zur finalen Veredelung gingen die Tracks nach Island, in das Studio meines talentierten Bruders Kurt. Mit seinem Gespür für dynamisches Mixing und Mastering hat er aus dem rauhen Rohmaterial ein Album geformt, das oldschool und trotzdem modern klingt. Sorry für die Selbstbeweihräucherung, aber dreht die Lautstärke auf und lasst euch die Ohren durchpusten! Und für die graue Masse zwischen den Ohren? Die Texte könnten vielleicht zum Nachdenken anregen. Als besonderes Extra gibt’s außerdem die Stimmen von Kennedy, Thompson, C.G. Jung und Co., aber nur wenn ihr unser Album nicht streamt. Spotify und YouTube haben eben nicht alles zu bieten.
Wie sieht es mit Live-Konzerten zu dem Album dieses Jahr aus? Spielt ihr auch auf internationalen Festivals?
Aktuell stehen nicht viele fixe Live-Termine fest, aber ab Sommer sind wir wieder bereit für weitere Gigs. Sicher ist die nachgeholte Plattentaufe zur Vinyl-Ausgabe von „No One Has The Right To Obey“ am 23. August in der Met-Bar in Lenzburg, Schweiz, gemeinsam mit unseren Brüdern TAR POND. Zudem steht ein Festival in Udine, Italien im Raum – hier ist aber noch nichts bestätigt. Wir würden gerne mehr Konzerte spielen, auch außerhalb der Schweiz. Da wir alles selbst organisieren, kommen wir für größere Events oft nicht aufs Tapet, da die großen Festivals ausschließlich über Booker oder Managements arbeiten – und die haben wir aktuell nicht. Wer uns buchen möchte, kann uns aber gerne über die Kontaktmöglichkeiten auf unserer Website oder per Kommentar auf Social Media erreichen – wir prüfen alle ernst gemeinten Anfragen.
---
TRYPTIKON
Im Frühjahr 2008 startete CELTIC FROST-Frontmann Thomas G. Fischer, zunächst als Nebenprojekt gedacht, gemeinsam mit Vanja Slajh am Bass eine weitere Band. Es folgten erste Gespräche mit verschiedenen Death-, Doom- und Black-Metal-Gitarristen, sich der Band anzuschließen, die Wahl fiel schlussendlich auf V. Santura. Als während einer Probesession Ende 2008 auch Ex-CELTIC FROST-Drummer Reed St. Mark zur Band hinzukam, war die Besetzung komplett; jedoch stellte diese Konstellation Fischer und Slajh nicht zufrieden, so dass St. Mark durch Schlagzeuger Norman Lonhard (ex-FEAR MY THOUGHTS) ersetzt wurde. TRYPTIKON waren geboren. Der Name ist eine Hommage an die mehrteiligen Triptychen, zudem stellt die Band den letzten Teil Thomas G. Fischers Musikkarriere dar.
TAR POND
2015 gründete Martin Eric Ain (bürgerlich Stricker) mit dem früheren CORONER-Schlagzeuger und -Texter Marky Edelmann, dem bekannten Schabkarton-Künstler und ehemaligen BEELZEBUB-Sänger Thomas Ott und dem Ex-DEMOLITION BLUES-Gitarristen A.C. Kupper die Doom’n’Gloom-Anti-Supergroup TAR POND. Ihr Debüt „Protocol Of Constant Sadness“ wurde ursprünglich 2016/17 geschrieben und aufgenommen. Doch gerade als die Band sich auf die Veröffentlichung vorbereitete, stoppte der tragische Tod von Martin Eric Ain am 21. Oktober 2017 die Fertigstellung. Um Martins Vermächtnis zu ehren, erschien das Album „Protocol Of Constant Sadness“ nach mehrjähriger Pause endlich 2020. TAR POND unterzeichneten 2023 einen Vertrag mit Prophecy Productions und veröffentlichten im September 2023 ihr zweites Album „Petrol“. TAR POND bestehen heute aus Thomas Ott (voc), Markus Edelmann (dr), Chris Perez (bs), Stefano Mauriello (gt) und Daniele Merico (gt).
OATH OF CRANES
Nach der Auflösung von CELTIC FROST tüftelte Franco Sesa mit Sven Gryspeerdt zirka acht Jahre lang an einer musikalischen Vision. Er wollte seine Leidenschaft für traditionelle östliche Mantra-Gesänge und schamanische Musik mit modernem Metal verbinden. Sie nannten sich etwa ab 2016 OATH OF CRANES. 2017 stiegen Chris Tragianidis als Gitarrist und 2019 Fabrizio Merico als Sänger ein und brachten das Projekt einen großen Schritt weiter. 2022 stieß der ehemalige Gitarrist von APOLLYON SUN (1995-2001) und CELTIC FROST (2001-2006) Erol Uenala als Ersatz für Sven dazu und ermöglichte mit seinem Zusatz-Know-how im Bereich Sampling und Programming die komplexe Live-Darbietung der Songs von „The Unsung Mantras“. Nach Besetzungswechseln, viel Experimentieren und der Suche nach der richtigen Interpretation dieser Musik veröffentlichten sie 2023 ihr erstes Doppelalbum „The Unsung Mantras“. Ziel war es, das Heilende, das Heilige einzufangen, das der Musik innewohnt, also mehr also nur oberflächliche Unterhaltung. Im März 2025 erschien ihr zweites Album „No One Has The Right To Obey“ auf dem von Metal-Enthusiasten neu gegründeten Label Cachtice Records in einer Auflage von 400 Exemplaren. Die Band besteht heute aus Franco Sesa (dr, Texte und Konzept), Erol Uenala (gt, Noise und Drones), Chris Tragianidis (gt, key, bs) und Fabrizio Merico (Leadgesang, Videoproduktion und Grafik).
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #180 Juni/Juli 2025 und Lurker Grand
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #180 Juni/Juli 2025 und Jens Kirsch
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #168 Juni/Juli 2023 und Jens Kirsch