© by BandWir leben in stürmischen Zeiten und der Gegenwind ist heftiger denn je, aber davon lassen sich die OFFENDERS nicht beirren und gehen es weiter offensiv und hoffnungsvoll an. Ihr neues, zehntes Album „Storm Over The Mainland“ ist eine mitreißende Hitscheibe mit knackigem Sound und bissigen Lyrics. Mit dem Album beschenkt sich der Berliner Italo-Vierer quasi selbst, denn 2025 gibt es zwei Dekaden OFFENDERS zu feiern. Die Entwicklung vom eher rustikalen Hooligan-Reggae zum airplaytauglichen Combat-Rock ist beachtlich, die Band hat sich soundmäßig gefunden und lässt an ihrer Haltung zur allgemeinen Weltlage keine Zweifel. Ich erwischte Mastermind Valerio zwischen den Jahren mitten im Familienstress. Andiamo!
Chapeau, „Storm Over The Mainland“, klingt großartig! High energy stuff! Es scheint, als gäbe es eine Menge zu erzählen. Worin unterscheidet sich die neue Platte von der vorherigen?
Danke für deine netten Worte, Lars. Du hast recht, es gibt eine Menge zu erzählen. Zunächst einmal habe ich das gesamte Album in der Zeit geschrieben, als ich gerade Vater wurde, die Emotionen sind also überall, während ich auf mein Kleines wartete. Außerdem feiern wir am 25. Oktober 2025 unser 20-jähriges Bestehen, und leider ist die Welt, in der wir leben, nicht besser als die vor 20 Jahren. Abgesehen von den nicht enden wollenden Konflikten hier und da, gibt es immer noch einige wenige, die viel haben, und Millionen, die fast verhungern, eine Geschichte, die so alt ist wie die Welt. Der Hauptunterschied zu „Orthodoxy Of New Radicalism“ ist neben meinem Songwriting die Produktion. Wir haben es in Berlin aufgenommen und in Italien gemischt und gemastert, wobei wir verschiedene Toningenieure und Techniker in diesen Prozess einbezogen haben, was uns einen sehr definierten und „fetten“ Sound beschert hat. Wir lieben die neue Scheibe – ihr hoffentlich auch, haha.
„Partizani in Budapest“ – was hat es mit diesem Running-riot-Song auf sich? Gibt es eine besondere Verbindung zu Budapest?
Das ist die erste Single-Auskopplung. Es gibt einen direkten Zusammenhang und es gibt ihn nicht. Jedes Jahr feiern einige Idioten in Budapest den sogenannten „Tag der Ehre“. Sie erinnern daran, dass sie während des Zweiten Weltkriegs Nazisklaven waren, und würden die Zeit am liebsten zurückdrehen. Erbärmlich, ekelhaft, fuck them! Während fast die ganze EU regungslos auf diese Swastikas starrt, die in einer der europäischen Hauptstädte marschieren, haben ein paar Leute versucht, gegen diese Parade zu demonstrieren, und was geschah? Sie wurden wegen Körperverletzung und Behinderung der Meinungsfreiheit verhaftet. Ja, ihr habt richtig gelesen, Neonazis fordern Redefreiheit. Hallo?! Das wäre ein guter Witz, wenn es nicht wahr wäre. Leider ist es das aber. Diese Gegendemonstranten erschienen mir in gewisser Weise wie moderne Partisanen, da sie monatelang Orbán-Disziplin, Gefängnisgewalt und Isolation ertragen haben und wie wilde Tiere angekettet waren. Für sie habe ich „Partizani in Budapest“ geschrieben. Auch wenn das Lied auf wahren Begebenheiten beruht, ist es doch ein bisschen fiktiv, denn das Wort „Partizani“, das eher auf den Balkan gehört, hat vermutlich nicht viel mit der ungarischen Sprache zu tun. Aber das ist die Freiheit des Autors, oder? Bis zum Beweis des Gegenteils sind wir diejenigen, die Redefreiheit haben sollten, basta!
Ein anderer Song ist „The way people think“ – wie denken sie, „diese Leute“? Was können wir gegen den allgemeinen geistigen Verfall tun? Sind wir lost?
Das Stück ist ein Porträt dessen, was wir heutzutage in Europa und besonders hier in Deutschland erleben. Der Trick ist immer noch derselbe wie bei den alten Römern „divide et impera“, also „teile und herrsche“. Da werden die niedrigen Schichten gegen die noch niedrigeren aufhetzt, in diesem Fall die sogenannten „Flüchtlinge“, oder gegen die allgemeine Vielfalt. Es ist immer das gleiche Narrativ: Dein Leben ist beschissen, weil „die“ „sie“ reingelassen haben. Du bist nicht sicher, weil „die“ „sie“ machen lassen, was sie wollen. Oder deine Familie hat nicht genug Unterstützung, weil „sie“ „ihre“ Familien unterstützen wollen, selbst wenn sie aus zwei Vätern oder zwei Müttern bestehen, wir haben nicht genug Kinder, weil „sie“ „unsere“ Frauen zur Abtreibung zwingen wollen und so weiter. Da kommt mir der berühmte Text von Martin Niemöller in den Sinn, der mit den Worten endet: „Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“ Macht die Augen auf, Leute. Heute trifft es wen auch immer, morgen könntet ihr es sein!
Du bist kürzlich Vater geworden, Glückwunsch! Das ändert vieles, wenn nicht sogar alles und schafft neue Perspektiven. Kannst du uns einen kleinen Einblick in dein Familienleben geben?
Es ändert sich wirklich alles, da kannst du dir sicher sein! Ein kleiner Familieneinblick? Nun, als Erstes und wahrscheinlich das Offensichtlichste: Wir kommen fast gar nicht zum Schlafen! Die Geburt ist jetzt fast fünf Monate her und ich kann sagen, dass ich mich daran gewöhnen musste, vielleicht vier Stunden am Tag zu schlafen und dabei nie wirklich zur Ruhe zu kommen, dasselbe gilt natürlich für meine Freundin. Das Gute ist, der Kleine mag Musik, also hören wir jeden Morgen beim Frühstück vor der täglichen Spazierrunde bestimmte Playlists ... Wie die meisten Kinder mag er es, auf Sachen einzuschlagen, einige würden sagen, dass er Schlagzeuger werden könnte. Aber möchte ich nicht diese Art Vater sein, der, sobald das Kind auf den Himmel zeigt, der ganzen Welt erzählt: „Mein Sohn will Astronaut werden.“ Also erspare ich euch den Blödsinn. Ich hoffe nur innig, dass ich bald wieder etwas Schlaf bekomme, haha.
Mit dem neuen Album feiert ihr gleichzeitig euren 20-jährigen Geburtstag. Eine lange Zeit, in der sich auch die Welt des Punkrock kräftig weitergedreht hat. Wie blickst du auf eure Anfänge, wie fühlt es sich an, immer noch dabei und relevant zu sein? Interessant ist ja auch die Entwicklung, die ihr soundmäßig gemacht habt.
Es fühlt sich gut an, dass ich immer noch hier bin, ein Mitspracherecht habe, Platten veröffentliche und überall auf Tour gehen kann. Ich bin den Leuten dankbar, die uns das irgendwie noch möglich machen. Was ich von der Vergangenheit vermisse, liegt in den späten 1990ern begraben, als ich ein Teenager war. Die Band wurde aber erst in den frühen 2000ern geboren, also vermisse ich nichts aus dieser Zeit, um ehrlich zu sein. Was den Sound der Band angeht, hat sich seit damals tatsächlich viel verändert. Wir sind von einer 2Tone-Band zu dem geworden, was wir heute sind, indem wir fast alles miteinander kombinieren, was uns gefällt, so wie Strummer/Jones es uns vor Jahren beigebracht haben. Etwa die Leute zu Offbeats tanzen zu lassen, während wir Punkrock und sogar ein paar Mandolinen-Riffs einbauen. Das, was wir gemacht haben, war sicher nicht üblich für Bands, aber was zählt, ist das Ergebnis.
Wenn du dich für vier, fünf Songs aus eurem Repertoire entscheiden müsstest, welche wären das und warum?
Das ist schwer zu sagen, ich habe über weit 100 Songs für die Band geschrieben. Ich denke, es ist nur fair, einige zu erwähnen, die den Leuten besonders gefallen haben und die am bekanntesten sind, und andere, die dem Publikum sozusagen egal waren. „Hooligan reggae“ ist definitiv der Song, der uns ermöglicht hat, weltweit zu touren, von Peking bis Mexico City, ich werde immer in der Schuld dieses Liedes stehen, es hat mein Leben verändert. „Marchéz“ hat unsere Popularität nahezu verdoppelt und ich singe es jedes Mal aus vollem Herzen, egal, wie viele Leute vor mir stehen. Nicht so bekannt, mir aber sehr wichtig, „Lichter der Stadt“. Ich habe es geschrieben, als ich nach Berlin gezogen bin und anfing, wie verrückt zu touren. Es ist sanft und energiegeladen zugleich. Es erschien 2013 auf unserem Album „Generation Nowhere“, als ich es schrieb, war ich 30, permanent unterwegs und hatte ein hartes Jahr vor mir. Zu guter Letzt „Glass knuckles“ vom neuen Album. Der Song ist meinem Sohn Luca gewidmet und er gibt mir ein Gefühl der Wärme, das schwer in Worte zu fassen ist.
Das Leben und ganz speziell unsere Punkrock-Szene sind voller Widersprüche, längst ist nicht alles Punk, was nicht glänzt – was passt für dich in der Szene nicht zusammen, welche Kompromisse sind okay, welche nicht?
Widersprüche sind Teil des Lebens und die Punkrock-Szene gehört irgendwie auch zu dieser Welt, also müssen wir uns darauf einlassen. Der beste Deal wäre, die Szene von Idioten und herzlosen Geschäftemachern sauber zu halten ... Es ist schwer, das alles am Leben zu halten, aber viele tun es trotzdem, wir auch! Und bei allen Verlusten und Gewinnen können wir doch sagen, dass wir immer noch hier sind und das Ganze irgendwie weitergeht, mit Höhen und Tiefen natürlich. Wenn man es positiv betrachtet, ist es schon ein schöner Erfolg.
Lass uns nach vorn schauen. Was steht an, was wünschst du dir für die Band und die Familie?
Unser zehntes Album steht natürlich an, außerdem tingeln wir wie immer weiter durch die Clubs, spielen auf allen möglichen Festivals, und wir feiern unser 20-jähriges Jubiläum – es ist wirklich viel in der Pipeline! Was wünsche ich mir für meine Band? Ich wünsche mir, noch mindestens die nächsten 20 Jahre Musik zu machen und Werte wie Gleichheit und Solidarität zu verbreiten. Für meine Familie wünsche ich mir, dass mein Sohn in einem freien Land aufwächst, sicher nicht unter den Augen der „New Founding Fathers“ wie in dem Film „The Purge“ oder als Opfer einer politischen Partei, die sich hinter einem Akronym aus drei Buchstaben versteckt und einem alles vorschreiben will. Ja, ich weiß, dass alle Parteien irgendwie drei Buchstaben haben, aber da gibt es eine Kombination, die mir am wenigsten gefällt.
Na, welche mag das wohl sein ... Leider stehen Angstmacherei und Weltuntergangsstimmung wieder hoch im Kurs, aber davon lassen wir uns die Laune nicht vermiesen, nicht wahr?
Auf keinen Fall! Aber es gibt einiges zu tun, und die Regierungen müssen sich der Tatsache stellen, dass die jüngeren Generationen sich nicht sonderlich dafür interessieren, was in Europa von den 1920ern bis Mitte der 1940er Jahre geschah und was in Ländern wie Spanien, Portugal oder Griechenland los war, wo sich die Diktaturen noch länger hielten – ganz zu schweigen von dem nicht enden wollenden Drama in Lateinamerika. Sie sollten verstehen, dass alles, was ihnen wichtig ist und was sie heutzutage als „Freiheit“ bezeichnen, ziemlich zerbrechlich und keinesfalls selbstverständlich ist. Wenn sie es behalten wollen, sollten sie es besser verteidigen, anstatt sich der erstbesten Vogelscheuche anzuschließen, die sie in den Medien sehen. Es könnte helfen zu zeigen, wie aus „damals“ im Handumdrehen „hier und jetzt“ werden kann. Wie gesagt, die Geschichte dreht sich im Kreis, Menschen müssen erst Blut spucken, bevor sie erkennen, wie sie besser leben können, und sich Wege aus dem Elend suchen. Die Technologie mag sich weiterentwickeln, aber der „normale“ Mensch ist leider in der Wildnis hängengeblieben.
© by - Ausgabe # und 14. März 2025
© by - Ausgabe # und 6. Januar 2025
© by - Ausgabe # und 19. Dezember 2020
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #113 April/Mai 2014 und Kay Werner
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #125 April/Mai 2016 und Lars Weigelt
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #137 April/Mai 2018 und Wolfram Hanke
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #147 Dezember/Januar 2019 und Wolfram Hanke
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #168 Juni/Juli 2023 und Lars Weigelt
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #178 Februar/März 2025 und Lars Weigelt
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #93 Dezember 2010/Januar 2011 und Jan-Niklas Jäger
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #91 August/September 2010 und Simon Brunner
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #90 Juni/Juli 2010 und André Bohnensack
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #147 Dezember/Januar 2019 und Wolfram Hanke
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #59 April/Mai 2005 und Joachim Hiller
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #112 Februar/März 2014 und Kay Werner
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #136 Februar/März 2018 und Nadine Schmidt
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #91 August/September 2010 und Simon Brunner
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #123 Dezember 2015/Januar 2016 und Joachim Hiller
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #105 Dezember 2012/Januar 2013 und Lars Weigelt
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #167 April/Mai 2023 und Lars Weigelt
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #95 April/Mai 2011 und Christian Fischer
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #178 Februar/März 2025 und Lars Weigelt
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #63 Dezember 2005/Januar 2006 und Joachim Hiller
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #113 April/Mai 2014 und Joachim Hiller
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #123 Dezember 2015/Januar 2016 und Kay Werner