ONE VOICE

Foto© by Band

Oi! aus Leidenschaft und Liebe

Ach, noch eine Oi!-Band, dachte ich vor gut sechs Jahren, als ich von diesem Streetpunk-Trio erfuhr. Sie waren nämlich Teil des Sunny Bastards-Labelsamplers Nr. 11 und sie ließen mich aufhorchen. „Miners tale“ hieß der Song, der fern aller schlichten „Haudrauf-Attitüde“ war, ausgefeilt und mit längerer Spielzeit, als gemeinhin in dem Genre üblich. Nachdem nun das zweite Album „Not Everybody’s Cup Of Tea“ erschienen ist, wurde es Zeit, mich mit der Band zu unterhalten, die für gelebte Völkerfreundschaft steht, denn Sänger und Bassist Joost kommt aus den Niederlanden und Andre (gt) und Phil (dr) sind aus Dortmund.

Joost, ich komme nicht umhin, mit dir zu beginnen, nicht nur weil du der Sänger bist, sondern vor allem weil alles anscheinend mit deinem Ausstieg bei EVIL CONDCT begann. Was lief da ab?

Joost: Ende 2015 haben EVIL CONDUCT aufgehört zu spielen, deswegen hatten Phil, der Schlagzeuger, und ich auf einmal ganz viel Freizeit. Wir hatten aber Bock, weiter miteinander Musik zu machen. Phil hat dann vorgeschlagen Andre zu fragen, ob er die Gitarre übernehmen will. Die beiden spielen schon seit ewig zusammen in Bands, erst bei OFFBEAT PROPELLER und dann bei BUNGA BUNGA CLUB. Die Richtung war auch ganz am Anfang klar. Phil und ich wollten einfach weiter Oi! spielen. Andre hat noch seinen ganz eigenen Einfluss eingebracht, den wir auch gleich sehr geil fanden. Wir wollen ja nicht wie jede zweite Oi!-Band klingen, dann könnten wir genauso gut eine Coverband gründen.

Und wann kam dir die Idee, selber zu singen?
Joost: Ich wollte es einfach mal versuchen. Nachdem wir sechs oder sieben Mal zusammen geprobt hatten, war es halbwegs anhörbar. Es wurde aber ganz schnell besser, als ich endlich meinen eigenen Stil gefunden hatte. So konnte ich jetzt auch meine Texte selber singen.
Phil: Am Anfang war der Gesang von Joost noch, sagen wir mal, „speziell“, aber ich habe selten erlebt, dass jemand in so kurzer Zeit seinen Gesang so gut entwickelt hat.

Ich frage das deshalb, weil ich zwar weiß, dass deine alte Band Kultstatus genießt, mir aber eure Songs besser gefallen, weil sie weggehen vom Schema Haudrauf. War das der Ansatz für ONE VOICE?
Joost: Phil und mir war ja natürlich klar, dass Leute uns vergleichen würden. Andre, Phil und ich spielen schon sehr lange in Bands und wollten natürlich nicht wie ein müder Abklatsch klingen. Aber wie in den Songs von EVIL CONDUCT sind auch bei uns starke Melodien wichtig. Mit dem Psychobilly-Einfluss von Andre und meiner ganz eigenen Art zu singen entstand dann unser Sound.
Phil: Im Endeffekt sind wir aber nicht mit irgendeinem Plan an die Sache herangegangen, sondern haben einfach mal mit ein paar Bierchen im Proberaum losgelegt. Wie Joost schon sagt, spielen wir alle seit über 20 Jahren in verschiedenen Bands, daher konnten wir auch einfach viel Erfahrung in die Musik einfließen lassen.

Joost, du bist noch bei ON THE RAMPAGE, Phil ist bei bei DÖRPMS und BUNGA BUNGA CLUB, da ist auch Andre dabei, der zudem bei DIGGERZ spielt. Ich denke, das ist noch zu handhaben. Aber wie seid ihr außerdem beruflich eingespannt?
Joost: Wir haben alle ganz normale Jobs. ONE VOICE ist unser Hobby. So wie alle anderen Bands auch, in denen wir spielen. Es ist auch nicht so, dass eine Band wichtiger ist als die andere. Wir lieben es aber alle drei, live zu spielen, und nehmen alles mit, was geht.
Phil: Ich arbeite nur vier Tage die Woche, da ist noch genug Zeit für das Rock’n’Roll-Leben. Wenn ich so überlege, habe ich fast nie in nur einer Band gespielt. Je mehr Konzerte, umso besser. ONE VOICE wirkt vielleicht wie unsere Hauptband weil wir zur Zeit so oft auf Tour sind, aber wer zuerst bucht, spielt zuerst.

In welcher Stadt probt ihr?
Joost: Wir proben in Dortmund. Deswegen sind wir leider auch etwas eingeschränkt, weil es für mich einfach immer anderthalb Stunden Fahrt sind. Sehr häufig wird also nicht geprobt, dann aber meistens relativ lange.

Euer Bandlogo zeigt einen freundschaftlichen Händedruck, dazu kommt noch ein Trojan-Helm, also ein Hinweis auf S.H.A.R.P. Aber ihr benötigt keinerlei explizite Botschaften, oder? Weiß jeder, wo ihr politisch steht, oder verirren sich auch manchmal „merkwürdige“ Gestalten auf eure Gigs?
Joost: Der Trojan-Helm ist für uns das Logo, das wir mit Reggae im Verbindung bringen, Stichwort Trojan Records. Wir hören sehr gerne Skinhead-Reggae, Rocksteady und 2Tone. Ehrlich gesagt kommen auf unseren Konzerten nur merkwürdige Leute ... Phil, Andre und ich sind schon seit Jahrzehnten in der Szene, die immer überschaubarer geworden ist. Mittlerweile sollte allen klar sein, dass wir mit Rassismus, Homophobie und anderer Intoleranz nichts zu tun haben wollen. Das wiederholen wir hier aber gerne noch mal.

Kommen wir mal auf eure Songs zu sprechen. Eine eurer beiden 7“s heißt „Skinhead For A Day“, womit ihr auf Modeskins abzielt. Ab wann ist der Skin ein Skin und das Renee ein Renee?
Joost: So ist der Text eigentlich gar nicht gemeint. Wir wollen niemandem vorschreiben, wie er oder sie aussehen soll. Es geht hier vielmehr um Leute, die ihren Stil gefühlt alle zwei Wochen wechseln. In den zwei Wochen, in denen sie sich in unserer Szene herumtreiben, tun sie so, als ob sie schon 40 Jahre dabei sind. Uns ist es ziemlich egal, ob Leute kurze Haare, die neuesten Docs oder das schönste Hemd tragen. Wir wissen es aber sehr zu schätzen, wenn jemand schon seit Jahren Konzerte besucht und die Szene damit am Leben hält.

Ein Song auf dem neuen Album ist „Anti establishment“. Da geht es darum, sich gegen zu viele Regeln zu wehren. Was sind eure Lebensregeln und welche lehnt ihr ganz konkret ab?
Joost: Mittlerweile bekommen wir über zig Medien jede Minute ungefragt Nachrichten angezeigt. Das macht mich ganz wahnsinnig und ich weiß auch bald nicht mehr, was ich glauben soll. Ich bin zum Beispiel null interessiert an einem arrangiertem Boxkampf zwischen Mike Tyson und irgendeinem Bengel, der anscheinend durch Instagram bekannt ist. Trotzdem hat man wochenlang gefühlt nichts anderes mehr in den sozialen Medien gesehen. Es ist kaum noch möglich, das zu ignorieren. Man sollte für sich selber filtern, was einem im Leben wichtig ist. Für mich ist das mit Sicherheit nicht diese Fake-Scheiße. Auch finde ich es sehr wichtig, dass man selber nachdenkt und nicht einfach alles glaubt, was man in den Medien hört, sieht oder liest. Das Motto „Leben und leben lassen“ ist mir auch sehr wichtig.
Phil: Ich habe nichts gegen Regeln, ich hasse es nur, wenn mir jemand sagt, was ich zu tun und zu lassen habe. Spaß beiseite, einige Regeln sind wichtig, viele sind es aber auch nicht. Solange ich mit mir im Reinen bin, läuft’s. Wichtig finde ich, dass man sein eigenes Ding durchzieht, seinen eigenen Kopf hat und sich selber treu bleibt.

„Beyond saving“ ist ein klares Nein gegen harte Drogen. Da bin ich dabei. Doch gleich darauf werden Dortmunder Brauereien gepriesen ...
Phil: Natürlich ist König Alkohol gerne dabei, auf Tour und auf der Bühne sind wir äußerst selten nüchtern. Der Text ist eine kleine Hommage an Dortmunds leckere Biere.
Joost: „Brews of Dortmund“ haben wir nur geschrieben, weil wir uns sonst ja nicht mehr in die Stadt trauen könnten. Uns in den Niederlanden wurde beigebracht, das Letzte, was man tun sollte, wäre, den Deutschen das Bier wegzunehmen. Das Schlimmste ist, wenn das Bier alle ist ...

Das Backcover der LP gefällt mir besonders. Es atmet die Atmosphäre nach einem Gig. Hinaus an die nächtliche frische Luft, leere Straßen, bunte Lichter. Ein Gefühl von Freiheit. Wo entstand das Bild und wie erlebt ihr dieses Davor, Dabei, Danach bei Konzerten?
Joost: Das Bild ist gemacht worden, nachdem wir auf dem Forever Young-Festival in Derby gespielt haben. Bei unseren Konzerten ist gute Stimmung ganz wichtig. Phil hat für die DÖRPMS den Text zu „Musik, Bier und gute Laune“ geschrieben. Das fasst eigentlich alles zusammen.
Phil: Das Foto hat unser Fahrer, Freund und geilster Typ Möppel geschossen. Es entstand auf unser kleinen UK-Tour, es zeigt uns nach der letzten Show, wie wir stinkbesoffen auf ein Taxi warten. Konzerte spielen ist einfach das Geilste. Im Endeffekt ist es immer das Gleiche und doch ist jeder Auftritt anders. Jedes Mal kommt eine neue Anekdote dazu und der Spaß steht im Vordergrund. Natürlich ist es auch immer mit viel Arbeit und vielen Kilometern verbunden, aber das gehört nun mal dazu.

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