PAUL HAWAIIAN (THE HAWAIIANS)

Foto© by Christoph Lampert

My Little Drummer Boy Folge 85

Warum hat es eigentlich 14 Jahre gedauert, bis mit Paul Hawaiian der erste Standschlagzeuger in dieser Serie zu Wort kommt? Zum einen sind Standschlagzeuger sehr rar gesät und zum anderen hatte ich erst jetzt das Vergnügen, Paul bei einem Konzert seiner Band THE HAWAIIANS in Aktion zu erleben. Nach diesem furiosen Auftritt war klar, dass wir um das Frage-und-Antwort-Spiel dieser Serie nicht mehr herumkommen würden, denn sein Schlagzeugspiel ist einfach zu energiegeladen, um es länger ignorieren zu können.

Paul, hast du als kleiner Junge schon deine Eltern in den Wahnsinn getrieben, weil du überall herumgetrommelt hast?

Ja, das kann man wohl so sagen und vor allem ist das heute noch so. Meine Frau leidet sehr darunter, dass jedes Frühstück von Bodypercussion begleitet wird und ich immer auf dem Tisch trommeln muss. Dabei habe ich allerdings immer schon Ideen für neue Songs im Kopf. Als Kind hatte ich zunächst ganz klassisch zehn Jahre Klavierunterricht, wobei ich da auch eher auf den Tasten herumgetrommelt als ernsthaft geübt habe. Ich wollte schon sehr früh immer nur Rock’n’Roll und keine klassischen Stücke spielen.

Kommst du aus einer musikalischen Familie?
Ja, meine Eltern waren beide sehr musikalisch, und da mein Vater sich selbst viele Instrumente beigebracht hatte, vertrat er immer die Auffassung, dass man sich Gitarre doch selbst beibringen könnte. Ich hatte also erst einmal kein Schlagzeug in meinem Kinderzimmer, aber viele andere Dinge, auf denen man trommeln konnte. Glücklicherweise war mein Vater großer Heavy-Metal-Fan, so dass ich mit Bands wie IRON MAIDEN, MOTÖRHEAD und SAXON aufgewachsen bin. Überhaupt höre ich heute auch viel härtere Musik, als wir sie spielen, und gehe regelmäßig zu Metal Konzerten.

Wie bist du vom Klavier zum Schlagzeug gekommen?
Neben dem Klavierunterricht hatte ich auch Gitarre gespielt und mir war irgendwann klar, dass ich eigentlich Schlagzeug spielen wollte. Ich wusste, dass bei uns in der Kirche eine altes Schlagzeug herumstand, für das sich niemand interessierte, und damit ich darauf spielen konnte, habe ich kurzerhand eine Kirchenband gegründet. Das Schlagzeug habe ich dann irgendwann einfach mit nach Hause genommen und hatte ein so schlechtes Gewissen, dass ich dem alten Pastor später anonym 50 DM in einem Briefumschlag habe zukommen lassen, um mich freizukaufen. Mit unserer Kirchenband haben wir aber auch damals schon keine Kirchenlieder, sondern Punkrock gespielt. Damals war ich ungefähr 13 Jahre alt und unsere ersten Auftritte hatten wir bei uns in Westerkappeln in einem Jugendclub namens T-Stube.

Hast du dir alles selbst beigebracht oder irgendwann einmal Unterricht gehabt?
Ich hatte nie eine Stunde Unterricht und habe mir alles, was ich für meine Songs brauche, selbst angeeignet. Das lief so nach der klassischen Methode. Ich habe die Live-Alben von den RAMONES nachgespielt, um Ausdauer zu bekommen und schnell spielen zu können. Technisch nicht besonders anspruchsvoll, aber für mich damals völlig ausreichend. Das hat sich im Laufe der Zeit stark verändert. Heute nehme ich mir schon mal die Zeit, um zu schauen, wie Schlagzeugspielen wirklich funktioniert, denn das ist ja schon ein Instrument und nicht nur etwas, worauf man herumhauen kann. Früher war das halt einfach Marky Ramone und ab dafür.

Wie kam es dazu, dass du als Teenager ein Punkrock-Schlagzeuger wurdest?
Ich hatte neben dem Metal immer schon viel andere Musik gehört. Die Klassiker wie DEAD KENNEDYS, DOWNSET, WEEZER und immer wieder THE QUEERS. Das hat sich alles über die Clique hier im Ort ergeben, aus der ja dann auch THE HAWAIIANS entstanden sind. Beppo, unser Gitarrist und Sänger, hatte schon in der sechsten Klasse eine Band namens HIGH VOLTAGE und die gaben ein Konzert für alle Grundschüler. Ich war total begeistert, dass die schon mit elf oder zwölf Jahren richtige Auftritte am Start hatten. Damals gab es ganz viele Bands in Westerkappeln, die alle irgendwie Punk spielten, und mit meiner Band THE PINHEADS haben wir dann so Knüppelpunk gemacht.

Habt ihr damals vor allem Coverversionen gespielt?
Nein, wir haben von Anfang an unsere eigenen Songs geschrieben. In jeder Band, in der ich gespielt habe, haben wir die Lieder selbst geschrieben. Mit Coverversionen tue ich mich immer ein bisschen schwer. Die Songs gibt es eben schon und man kann es nicht besser machen als das Original, aber andererseits will man den Song auch nicht verkacken und sich lächerlich machen. Wir hatten auch nie ein Problem damit, genug eigene Lieder zu haben. Unser Fundus an unveröffentlichten Stücken ist riesig groß und es kommen jede Woche neue Songs dazu, so dass wir eigentlich zu keiner Zeit auf Coverversionen zurückgreifen mussten.

Mit welcher deiner Bands bist du das erste Mal in einem Tonstudio gewesen?
Mit THE HAWAIIANS. Ein paar Kumpels hatten ein Achtspurbandgerät und ein einfaches Aufnahmeprogramm, aber das würde ich nicht als Studio bezeichnen. Im Jahr 2000 haben wir dann mit THE HAWAIIANS die „Teenagers Love“-LP bei Gerd Bracht in der Garage in Münster aufgenommen und das war natürlich sehr aufregend. Wir haben dann wirklich alle 17 Lieder für unser erstes Album komplett an einem Tag eingespielt. Da blieb nicht viel Zeit, um nervös zu sein. Wir haben die Aufnahmen dann auf eine Kassette überspielt und diese mit dem internen Mikrofon eines zweiten Kassettendecks vervielfältigt und an Kamikaze Records geschickt. Die Qualität der überspielten Kassette war so schlecht, dass der Boss von Kamikaze Records das Teil gleich in den Mülleimer geschmissen hat, aber seine Kinder haben das Tape gerettet und zu Hause immer unsere Songs gesungen. So konnten wir das Missverständnis mit der schlechten Soundqualität der Kassette aufklären und Kamikaze Records haben uns angeboten, die Platte zu veröffentlichen.

Wie bist du zu einem singenden Schlagzeuger geworden?
Ich habe eigentlich in allen meinen Bands schon immer gesungen. Mal nur den Backgroundgesang, aber immer häufiger auch den Leadgesang. Bei THE HAWAIIANS war es am Anfang so, dass Beppo die meisten Songs gesungen hat und ich nur Schlagzeug gespielt habe, aber dann ist Beppo für sechs Jahre aus der Band ausgestiegen und Jens hat die Gitarre übernommen. Ab sofort musste ich alle Lieder allein singen und das habe ich genau bei einem Konzert als sitzender Drummer getan. Bei 38 Songs in unserer Geschwindigkeit ist mir einfach die Luft weggeblieben und ich bin vom Hocker auf die Bühne gefallen. Da war mir klar, dass ich etwas ändern muss, und so habe ich von da an nur noch im Stehen gespielt, um einfach besser Luft zu bekommen. Das hatte gar nichts mit dem Showeffekt zu tun oder weil ich so cool wirken wollte wie der Standschlagzeuger einer bekannten deutschsprachigen Punkband. Ich glaube sogar, dass Bela B aus den genau gleichen Gründen im Stehen spielt, weil er ja auch sehr viel singt. Wenn unsere Setlist heute knappe 40 Songs beinhaltet, dann singe ich über die Hälfte davon und bin eigentlich der Sänger der Band, der nur deshalb Schlagzeug spielt, damit wir nicht noch einen Musiker mehr mit auf Tour nehmen müssen.

Ist es nicht sehr anstrengend im Stehen zu trommeln?
Doch, das ist sehr anstrengend, orthopädisch völliger Wahnsinn und man sollte das wirklich nicht machen. Ich spiele ja nicht nur normal im Stehen, sondern habe dabei auch noch die Snare zwischen den Beinen, so dass ich bei unserer Show 52 Minuten mit ausgestelltem Fuß auf dem linken Bein stehe und mit dem rechten Fuß in dieser Zeit 18.000 Schritte mache. Ich kann DIE ÄRZTE total verstehen, dass die so viel Quatsch zwischen den Songs machen und Bela so viel herumläuft, weil ich die Schmerzen in der Hüfte gut nachvollziehen kann.

Übst du heute viel für dich allein oder hauptsächlich zusammen mit der Band?
Ich versuche schon, viel für mich alleine zu üben, und habe jetzt im Urlaub unsere Songs regelmäßig auf einem kleinen Practice Pad gespielt, weil wir gleich danach einen Auftritt hatten. Mit der Band proben wir seit drei Jahren immer montags früh um sechs Uhr, weil wir in der Woche abends keine gemeinsamen Termine finden konnten. Wir haben maximal 90 Minuten Zeit zum Proben und fahren dann zur Arbeit. Das Gute bei uns ist, dass wir alle unsere eigenen Songs schreiben und jeder von uns mit komplett fertigen Stücken zur Probe kommt, so dass die anderen einen neuen Song nur noch so spielen müssen, wie der jeweilige Songschreiber ihn sich überlegt hat.

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