PENSKE FILE

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Durchatmen

Emotionaler Tiefgang und wunderbar mitreißende Songs an der Schnittstelle von Punkrock, Indie und Folk sind seit jeher das Markenzeichen von THE PENKSE FILE aus Hamilton, Kanada. Nur knappe zwei Jahre nach ihrem letzten Album „Half Glow“, das Fans und Kritiker gleichermaßen verzückte, melden sie sich nun mit „Reprieve“ zurück – einer kathartischen, energiegeladenen Sammlung von Songs über das Älterwerden, Veränderung und das Festhalten am Licht. Was Frontmann Travis Mills uns zu ihrem vielleicht besten und konsistentesten Album zu berichten hat, lest ihr hier.

Nach nur zwei Jahren kam nun „Reprieve“. Woher kommt diese Produktivität?

Tatsächlich hatten wir den Großteil der Songs von „Half Glow“ schon Jahre zuvor geschrieben und aufgenommen. Die Pandemie, ein Burnout innerhalb der Band und einige Problemen mit unserem Toningenieur brachten die Band für eine Weile zum Stillstand. Als die Welt wieder zu einer gewissen Normalität zurückgekehrt war, war das Album fertig abgemischt und wir waren alle happy, wieder auf Tour zu gehen, aber inzwischen waren einige Jahre vergangen. Nachdem wir das Album veröffentlicht hatten, kam mir die Idee, einem Song, den ich wirklich mochte, neues Leben einzuhauchen, und ich bat unseren Freund Chris Cresswell, mit uns daran zu arbeiten. Wir waren begeistert, als er sofort zusagte, und sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Obwohl diese Veröffentlichungen erst vor kurzem erschienen sind, basieren sie also auf Songs, die schon vor langer Zeit geschrieben wurden. Als „Half Glow“ rauskam, hatten wir alle so viele Songideen, die wir gerne ausprobieren wollten, und wir haben uns auch fast sofort an die Arbeit gemacht.

Die meisten Musiker behaupten gerne, dass ihr aktuelles Album ihr bislang bestes ist. Warum ist das in eurem Fall so?
Ich denke, „Reprieve“ ist einfach eine sehr umfassende Darstellung dessen, wer wir als Band sind. Wir haben all unsere musikalischen Einflüsse, unsere gemeinsame Geschichte und unsere Liebe zu dem, was wir in dieses Werk einfließen lassen, auf das wir alle sehr stolz sind.

Eure Texte sind sehr persönlich und emotional, wie zum Beispiel „Almost young“ auf dem neuen Album. Darin heißt es „I’m scared to death of having children“. Sind eure Texte autobiografisch?
Auf jeden Fall. Und dieser Song ist persönlicher als viele andere, die ich schreibe, da die ursprüngliche Inspiration aus Gesprächen mit meiner Frau über Kinder kam. Der Text entstand in meinem Kopf, während ich in meinem Wohnzimmer auf und ab ging, voller Angstgefühle, einen Schritt weiter in Richtung endgültiges Erwachsensein und Verantwortung zu gehen. Es begann als eine Art Selbstanalyse, bei der ich mich fragte, warum meine erste Reaktion immer darin besteht, vor großen Veränderungen zurückzuschrecken. Wie viele andere fürchte ich mich wohl vor Veränderungen, weil ich Angst vor dem Tod habe, und ich neige dazu, mich vor dem Erwachsenwerden zu scheuen, und versuche, an meiner Jugend festzuhalten.

Und das Schreiben hat dir dabei geholfen?
Ja. Dadurch habe ich die Angst vertrieben und festgestellt, dass Erwachsenwerden nicht bedeutet, dem, was ich an der jugendlichen Unbekümmertheit liebe, den Rücken zuzukehren. Und dass es, egal wie alt ich werde, Möglichkeiten gibt, mir diese Unbekümmertheit zu bewahren, und dass es am besten ist, seine Zeit mit denen zu verbringen, die diese Unbekümmertheit in einem wecken. Ich begann, diesen Song zu schreiben, motiviert durch Angst und Neugier, und hörte mir den finalen Mix erst fast zwei Jahre später an, während meine Tochter am Fuß des Lautsprechers herumkrabbelte, ihren kleinen Kopf wippte und mich mit all der Freude der Jugend erfüllte. Es ist einfach ein intensives Gefühl und deswegen ist der Song auch etwas Besonderes für mich.

Punkrock ist ja etwas Zeitloses und Erwachsenwerden ist nicht gleichbedeutend mit dem Älterwerden. Wie sieht es bei dir aus, findest du das Älterwerden schwierig?
In den letzten fünf Jahren, als ich in meine 30er kam, hatte ich dem gegenüber viele unterschiedliche Gefühle. Im Moment bin ich damit einverstanden, ich finde sogar, dass Älterwerden etwas Schönes ist, das man annehmen sollte. Ich glaube, das Schreiben dieses Albums hat mir geholfen, viele der negativen Gefühle zu verarbeiten, die ich mit dem Älterwerden verbinde. Ich fühle mich im Herzen jung, und dass ich dem Geist des Punkrock treu geblieben bin, hat viel damit zu tun.

Der Begriff „Reprieve“ bedeutet „Aufhebung einer Strafe“ oder auch „Atempause“. Wovon brauchen ihr eine Pause, um wieder zu Atem zu kommen?
In gewisser Weise müssen wir alle einmal durchatmen. Wir brauchen Abstand von uns selbst, von der ständigen Flut an beängstigenden Informationen, die uns täglich bombardieren, von der Negativität, dem Druck und der Traurigkeit, die das Leben auf diesem Planeten oft so schwer machen. Ich denke, der beste Weg, dies zu tun, ist zumindest für mich, mich mit Menschen und Dingen zu beschäftigen, die ich liebe. Und ich liebe diese Band, die Musik und die Menschen um sie herum. Auf „Reprieve“ geht es darum, an dem Licht in deinem Leben festzuhalten, Träume zu verfolgen und zu denen zu stehen, die du liebst, Momente zu feiern, die es wert sind, gefeiert zu werden, und der Trauer, der Not und dem Tod ins Gesicht zu lachen. Es geht darum, die Vergänglichkeit aller schönen Dinge zu akzeptieren und diese Schönheit zu feiern, wenn sie dir begegnet. Es geht darum, sich trotz des unvermeidlichen Alterns einen jugendlichen Geist und seinen Hunger zu bewahren. In gewisser Weise geht es um unsere Band an sich. Es geht darum, den lauten Lärm des Daseins in dieser Welt zu durchbrechen und Momente der Erholung zu finden, die das Leben lebenswert machen.

Habt ihr neben der Musik noch Jobs? Wie gelingt euch die Balance zwischen Band und Privatleben?
Ja, wir haben alle Jobs und familiäre Verpflichtungen. Wir arbeiten alle in irgendeiner Form im Baugewerbe. Wir haben alle Partner, mit denen wir zusammenleben, und einige von uns haben Kinder. Manchmal ist es schwer, alles unter einen Hut zu bringen, aber es lohnt sich immer, diese Balance anzustreben. Für uns alle ist die Band ein Teil eines sehr erfüllten Lebens, der viel kreativen Ausdruck, Katharsis und einfach nur gute Zeiten ermöglicht. Manchmal fühlt sich das Leben zu hektisch an und es ist schwer, allem gerecht zu werden, aber ehrlich gesagt würde ich es nicht anders haben wollen.

Lass uns einmal über eure Heimat Kanada sprechen. Welche aktuellen kanadischen Bands kannst du unseren Lesern empfehlen?
Wir hören viel kanadische Musik, die nicht unbedingt Punk sein muss. Es gibt viele gute Rock- und Folk-Bands in diesem Land, Künstler wie Joel Plaskett, Sam Roberts, Kathleen Edwards, THE TRAGICALLY HIP, BLUE RODEO und eine Million andere sind ziemlich regelmäßig im Einsatz. Eine Band, die eher auf der DIY- und Punk-Seite angesiedelt ist und die ich sehr empfehlen würde, ist PRO WRESTLING THE BAND. Sie sind unglaublich. Großartige Songwriting, rockige Sachen, voller Punk-Spirit, ähnlich wie THE REPLACEMENTS.

Die „Reprieve“-Tour in Europa steht kurz bevor. Was sind eure Erwartungen?
Ich freue mich sehr darauf, wieder in einige unserer Lieblingsstädte und -Locations zurückzukehren und diese neuen Songs Freunden und Fremden vorzustellen. Wir werden viel von dem neuen Album spielen, aber auch unsere Favoriten von den früheren Veröffentlichungen. Es ist leicht, sich selbst zu entmutigen, die Hoffnung zu verlieren oder einfach in diesem Trubel auszubrennen, aber wenn du in einem verschwitzten Raum voller Menschen stehst, die die Songs mitsingen, die du mit deinen besten Freunden in Kellern, Hinterhöfen und Proberäumen geschrieben hast, gibt es nichts als Licht. In der Gemeinschaft offenbart sich der wahre verbindende und kathartische Zweck des Musikmachens zum x-ten Mal. Der ganze andere Mist schmilzt einfach weg. Ich hoffe, dieses Gefühl wenigstens ein paar Mal erleben zu können.

Wie sehen die Pläne für 2026 aus?
Wir planen weitere Touren in Kanada und Europa, aber das ist noch in Arbeit und wird noch bekannt gegeben. Wir wollen auch bis Ende 2026 wieder neue Musik veröffentlichen.

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