© by Yvon BaumannAm 22. Juli 2025 gab das PATTI SMITH QUARTET ein Konzert im X-tra in Zürich. Dort fand am gleichen Abend außerdem die Präsentation des Buchs „Patti Smith Group, Live in Zurich, October 1976“ statt. Wie kam es dazu?
„Paths that cross“
Vor gut drei Jahren kontaktierte mich Dominik Bachmann, der Neffe des bekannten Zürcher Pressefotografen Eric Bachmann (1940-2019). Dominik, selbst Grafiker, verwaltet unter anderem den riesigen fotografischen Nachlass seines Onkels. Darin befinden sich auch etliche Fotos von Patti Smiths erstem Schweizer Konzertauftritt vom 12. Oktober 1976 in der Roten Fabrik in Zürich. Eric war auch zugegen, als Patti im Garten des Hotels Engematthof dem DRS-Redakteur Peter K. Wehrli ein ausführliches Interview gab und konnte anschließend weitere Fotos von Patti mit ihren Bandmitgliedern in einem Raum des Hotels schießen. Dominik wusste von meinem Buch „Hot Love: Swiss Punk & Wave 1976-1980“. Denn es war die einzige Quelle, die in den letzten Jahrzehnten auf dieses Gastspiel hinwies. Ebenso hatte ich im Jahr 2012 versucht, Patti Smith mit Konzertfotos, die damals der Zürcher Tagesanzeiger Fotograf Roland Stucky von ihr gemacht hatte, auf die Ausstellungseröffnung in die Galerie Baviera zu locken. Sie sollte am 26. August im X-tra spielen, also setzten wir die Vernissage auf den gleichen Tag an – natürlich erfolglos. Dominik fragte mich, was ich von einer Publikation mit den Fotos seines Onkels halte, die sich ausschließlich diesem ersten Besuch von Patti Smith in Zürich widmet.
Ich erklärte ihm etwas über meine Herangehensweise an ein solches Projekt. Einfach so ins Blaue ein Buch rauszubringen, sei kompletter Blödsinn. Der Sinn und Zweck bei so einer Publikation müsse für mich zwingend im Zusammenhang mit einem Ereignis stehen. Das heißt, ich will zuerst definiert haben, zu welchem Anlass mit fixem Datum die Publikation erscheinen soll. Der klassische Buchhandel, sprich: der Vertrieb, der die Buchhandlungen beliefert, sei bei so einer kleinen Auflage (bis 1.000 Exemplare), von dieser Anzahl wir maximal ausgingen, heutzutage mehr oder weniger überflüssig. Während des Entstehungsprozesses müsse zwingend die Community, also das Zielpublikum definiert, angesprochen und wo immer möglich einbezogen werden.
Er wollte sich zuerst von mir nicht einfach so abspeisen lassen, trotz all meiner Einwände und der nicht gegebenen Voraussetzungen. Er blieb hartnäckig, schrieb mir in den kommenden Tagen und Wochen noch etliche Mails. Ich habe gerade nachgeschaut, ich habe sie alle gelöscht. Auf jeden Fall pflegten wir weiter einen losen Kontakt. Auf den Tag genau 48 Jahre nach Patti Smiths ersten Konzert in der Schweiz, am 12. Oktober 2024 erhielt ich von ihm diese Nachricht: „Sali Lurker, am 22. Juli 2025 ist es so weit!“ Dazu ein Link auf die Seite des Loop Mags mit dem Hinweis auf das Konzert von PATTI SMITH QUARTET im X-tra in Zürich. Mein Vorschlag von vor etwas mehr als zwei Jahren, dass ein Konzert von ihr ein passendes Ereignis sein könnte, um das Datum der Veröffentlichung zu definieren, war somit umgesetzt. Da konnte und wollte ich nicht zurückkrebsen.
„Gloria“
Wie man so schön sagt, nahm die Geschichte jetzt ihren Lauf. Dominik hatte noch gut ein halbes Jahr, um die Publikation zu realisieren und Unterstützungsbeiträge einzuholen. Danach war noch genug Zeit für den Druck. Das sollte reichen, da er in den letzten zwei Jahren sowieso nicht tatenlos geblieben war. Als Verleger wurde Sebastian Cremers von Everyedition angefragt, dies über Alberto Vieceli, der mit diesem Verlag schon etliche Bücher realisieren konnte und Dominik bei der Fertigstellung des Projekts unterstützte. Everyedition arbeitet mit Idea Books in Holland zusammen, somit war der Vertrieb ins Ausland gesichert, wo Minimum die Hälfte der Auflage hingehen wird. Ich kümmerte mich noch am selben Tag darum, das Musikcafé im X-tra für den 22. Juli zu reservieren und bei der lokalen Konzertagentur Just Because, die ich bis dahin nicht kannte, vorstellig zu werden.
Der Vorverkauf für das Konzert ging los und wir hatten die Idee, eine Kooperation mit der Agentur einzugehen, so dass jeder, der eine Karte für das Konzert erwarb, auch über unsere Buchvernissage informiert werden könnte. Jürg Burkhardt, der CEO des X-tra, ein alter Bekannter von mir, fädelte alles ein und schickte am 12. Dezember ein Mail an die beiden zuständigen Personen von Just Because. Ich von meiner Seite doppelte nach und erklärte, dass wir uns gerne im neuen Jahr mit ihnen unverbindlich treffen möchten, da wir dann schon was zum Vorzeigen hätten. Bis zum 13. Februar hörte ich nichts und schrieb abermals ein Mail mit dem Wunsch nach einem Treffen. Um eine lange Geschichte kurz zu halten, wir erhielten bis heute kein Lebenszeichen von den beiden Inhabern der Konzertagentur Just Because. Obwohl Jürg noch etliche Male direkt bei ihnen für uns lobbyierte, auch ein direkter Anruf von meiner Seite konnte nichts bewirken. Auf der anderen Seite gab es eine weitere Mission Impossible. Wir wollten Patti Smith informieren, dass wir an einer Publikation arbeiteten über ein Konzert von ihr, das sie vor knapp 50 Jahren gab. Dies tat ich mit einer ihrer Songzeilen im Kopf: „We have the power ...“
„People have the power“
Dafür zogen wir alle nur erdenklichen Register. Auch hier, schon vorab, kein Durchkommen. Zuerst wurde Bernhard Seliger direkt von Dominik kontaktiert. Er ist zuständig für die gesamte Europatour von Patti Smith. Wir wollten nicht mit der Tür ins Haus fallen, was im Nachhinein vermutlich ein Fehler war, da er der Einzige war, der einmal auf eine unserer Mails geantwortet hat. Dominik ließ das komplette Interview, das Patti 1976 im Hotel Engematthof gegeben hatte, transkribieren und von Pattis offizieller Übersetzerin Brigitte Jakobeit ins Deutsche übertragen. Auch sie konnte uns keinen direkten Kontakt zu Patti vermitteln. Pattis Literaturagentin Betsy Lerner und ihr Musikmanager Andi Ostrowe wurden angeschrieben, und auch der Kontakt auf ihrer offiziellen Website wurde versucht, obwohl diese Angaben sowieso nie zum Ziel führen. Ich frage mich schon lange, was solche Links eigentlich bringen sollen? Eine Freundin, die auf Substack angemeldet war, einer kostenpflichtigen Plattform, wo Patti kurze Beiträge postet und sagt, sie würde alle Kommentare ihrer Fans lesen, hinterließ dort zweimal für uns eine Message. Am Tag vor dem Konzert wurde ein frisch gedrucktes Exemplar des Buchs mit einer persönlich geschriebenen Karte auf ihr Hotelzimmer gebracht. Zusätzlich wurde die Lebenspartnerin des Verlegers mit einem weiteren Exemplar und einer Message am Abend des Konzerts in die erste Reihe vor die Bühne geschickt. Schon nachmittags ging ich zum Backstage Eingang und informierte mich, ob sie gesehen wurde. Natürlich nicht, ich sah einige Fans noch spät in der Nacht nach dem Konzert dort stehen ... „People have the power“.
Mit der Zeile „People have the power“ im Sinn wurde weitergemacht. Jetzt fokussierten wir uns auf die hiesige Presse und unser eigenes Umfeld. In Philipp Amrein vom Loop Mag, durch das wir zuerst von Pattis Konzert erfahren hatten, fanden wir einen weiteren Verbündeten. Er werde die Juli-Ausgabe der Loop der Patti-Geschichte widmen und kümmerte sich auch um die Akkreditierung der Fotografin Yvon Baumann. Ein Plakat und zwei Flyer in unterschiedlicher Größe wurden gedruckt und überall aufgehängt, verteilt und verschickt. An der Hausfront des Palais X-tra wurde eine riesige Leinwand mit dem Visual zu unserer Buchvernissage montiert. Bei der Buchhandlung im Volkshaus wurde eigens ein Schaufenster dazu gestaltet. Mit Stephan Künzi von CH-Media, mit dem ich gerade zufällig zu tun hatte, wurde ein weiterer Journalist angefixt. Er schrieb einen informativen ganzseitigen Artikel, der in der Wochenendausgabe aller CH-Media Tageszeitungen erschien. Rodi von swisspunk.ch verschickte in diesem Zeitraum etliche Newsletter und auch der Verlag Everyedition, der hinter dem Buch stand, wurde aktiv.
Am 13. Mai erhielt ich eine Mail von Jürg, das Schweizer Fernsehen hatte offenbar von der Sache Wind bekommen und wollte mit Patti Smith ein Interview machen. Erstaunlicherweise konnte eine Person der Agentur Just Because darauf sogar innerhalb von zwei Stunden ein Antwortmail schreiben, um mitzuteilen, dass Frau Smith keine Interviews gebe. Doch in unserer Community und bei der Presse war das Interesse jetzt geweckt. Das Konzert war mittlerweile ausverkauft und die Anfragen nach Eintrittskarten erreichten uns nun im Tagesrhythmus, waren etwa wir die Veranstalter? Auch Anfragen, ob Patti am Abend das Buch signieren würde, wollten nicht aufhören. Der Blick und der Zürcher Tages-Anzeiger waren die nächsten, die was bringen wollten. Spontan und von uns unbemerkt schrieb auch ein Freund von mir, der Journalist, Autor und Musiker Frank Heer, einen Artikel darüber in der Neuen Zürcher Zeitung/NZZ.
„The book“
Es wurde schlussendlich ein 168-seitiger Fotoband mit dem Titel: „Patti Smith Group, Live in Zurich, October 1976“, aufgeteilt in acht Kapitel, als Beilage der Nachdruck eines Artikels im Zürcher Tages-Anzeiger aus dem Jahr 1974, verfasst von Bice Curiger. Neben den schon erwähnten Punkten gibt es weitere stimmungsvolle Fotos von Roland Stucky und Francois Bitzi vom Konzert. Dazu kommen Stimmen von Zeitzeugen, vor allem von Veit Stauffer (1959-2024), der wie so oft das Ganze in einem größeren Kontext gesehen hat. Alle können sich natürlich an den Tränengasanschlag erinnern, doch der Verantwortliche bleibt weiterhin ein Unbekannter. Natürlich war der Auftritt von Patti Smith für viele, die dabei gewesen waren, nachhaltig prägend. Auch der Künstler HR Giger (1940-2014) wurde wild tanzend im Publikum gesichtet. Dazu gibt es Infos und Abbildungen zum Bootleg-Konzertmitschnitt auf Kassette, sowie eine Anzeige des Aufnahmegeräts, mit dem der entstanden sein soll.
Dabei geriet irgendwie in Vergessenheit, dass nicht das ganze Konzert, sprich: nicht alle Songs auf der Kassette enthalten sind. Eine komplette Setlist des Konzerts wäre eventuell ein Thema bei einer Zweitauflage. Weitere Zeitungsberichte zum Konzert und zu Patti und diverse Konzertanzeigen runden das Ganze ab. Kurioserweise konnten wir bis zum Drucktermin nicht den Schöpfer des Originalplakats ausfindig machen. Dieses umgibt das Buch nun als Schutzumschlag. Einige Wochen vor der Vernissage ruft mich doch Düde Dürst an, der Schlagzeuger von KROKODIL und langjährige Grafiker, und fragt mich, ob ich etwas mit diesem übergroßen Plakat an der Hallenwand des X-tra zu tun habe. Ich fragte ihn warum? Er meinte, nun ja, das Motiv hätte er damals für die Agentur Good News gestaltet.
„My generation“
The Godmother of Punk?
In der September-Ausgabe der Bravo erschien 1976 ein Artikel über Punk in England. Für mich war es das erste Mal, dass ich etwas von Punk gehört habe. Im Monat darauf fand das erste Patti Smith-Konzert in der Roten Fabrik in Zürich statt. Ich kenne keinen einzigen Presseartikel oder Hinweis zum Konzert, der davor oder danach erschien, der das Wort Punk verwendete. In allen Texten, die zum aktuellen Anlass geschrieben wurden, wird Patti Smith entweder „The Godmother of Punk“ oder „Ikone des Punk“ genannt oder es heißt, sie habe den Punk nach Zürich gebracht. In der Konzertankündigung der Agentur wurde sie als „Patin des Punk“ bezeichnet. Damals wie heute waren zudem auch gar keine Punks im Publikum, wie geht das zusammen? Meiner Meinung nach gar nicht. Patti Smith betonte in mehreren Interviews in den vergangenen Jahrzehnten, dass sie selbst sich nicht als Punk sieht. Ihr fesselnder und teilweise treibender Sound ist auch kein Punk. Obwohl, damals war ihr erstes Album „Horses“ für mich als junger, pubertierender Punk wegweisend und das ist es bis heute in vielerlei Hinsicht.
Auch abseits der Bühne gibt sie sich nicht als Punk, sie agiert eher wie eine Hohepriesterin der Rockpoesie. Das Label Punk kam ihr aber zu Hilfe, weil die Unmittelbarkeit ihrer Botschaft ein integraler Bestandteil des Genres war, als sie Mitte der 1970er Jahre aus dem Untergrund New Yorks aufstieg. In der neuen Publikation wird das Wort Punk ein einziges Mal von Veit Stauffer erwähnt, im Zusammenhang mit Vi Subversa, der Sängerin von POISON GIRLS, also nicht bezogen auf Patti Smith. Dominik setzte zudem eine Website auf (pattismith.ch), um dort nach und nach die Erinnerungen weiterer Zeitzeugen an das 1976er Konzert von Patti Smith zu veröffentlichen. Vielleicht findet sich ja doch noch ein Punk, der damals vor Ort war ...
„Because the night“
Jetzt ging es darum, die Buchvernissage für den 22. Juli aufzugleisen. Auch hierzu war Dominik zu allem bereit. Konnte er doch Corine Mauch, die Zürcher Stadtpräsidentin, bereits dazu verpflichten, das Vorwort für das Buch zu schreiben, also fragte er sie auch gleich noch für eine Ansprache an – leider ohne Erfolg. Schlussendlich konnte er mit Miriam Fischer, Bice Curiger, Brigitta Fischer und Markus „Punky“ Kenner vier Personen dafür gewinnen. Als DJ für den gesamten Abend stieß Ms Hyde dazu. Mit Lucas Ziegler, einem Profifotografen, wurde der Anlass auch wieder im Bild festgehalten, und Yvon Baumann fotografierte im Saal das Konzert. Mit Sandy Beyer, der Chefin des Musikcafés, und Carlo Steiger, zuständig für die Technik, hatten wir zudem zwei kompetente und engagierte Personen an unserer Seite. Der Raum wurde noch mit überschüssigen Druckbögen stimmungsvoll dekoriert. Alles war angerichtet. Ich wusste einmal mehr, wir waren „the place to be tonight in Zurich“. Wir waren auf jeden Fall ready für jegliches Szenario. Nicht ganz, denn es wurden alle 200 Bücher, die wir dabeihatten, verkauft, und wir hätten sicher noch 50 bis 100 Exemplare mehr verkaufen können. Dies war eine Fehleinschätzung von meiner Seite, das muss ich eingestehen, das hätte ich nie und nimmer so erwartet.
Es war ein beseelter Abend, für alle – für die Besucher des Konzerts genauso wie für alle, die auf die Buchvernissage kamen. Wir wurden um 17 Uhr, als die Tür aufging, regelrecht überrannt. Das Vernissagenbuffet und die Welcome-Getränke waren im Nu weggeputzt, vor der Bar gab es zeitweise eine lange Warteschlange. Es kamen auch viele Personen, die keine Karten für das Konzert hatten. Dort war das Publikum dann sehr durchmischt, altersmäßig war von 15 bis 80 alles dabei. Patti Smith und ihre drei Musiker konnten die Leute restlos in ihren Bann ziehen. Es machte den Eindruck, dass es nicht irgendein weiterer Auftritt von ihr war, sondern für etliche der älteren Besucher vermutlich das letzte, dagegen für viele der Jungen vermutlich das erste Konzert. Sie verabschiedete das dankbare Publikum mit dem Song „People have the power“ und meinte zum Schluss noch: „Don’t forget it, use your voice! And remember to drink plenty of water when you come home. It is hot in here.“
Am Tag darauf postete Patti Smith zwei Fotos auf Instagram aus dem Café Odeon in Zürich. Dies ist ein Lokal, das früher auch von vielen bekannten Schriftsteller:nnen, Maler:innen und Musiker:innen besucht wurde. Seit den 1980er Jahren hat es aber keine Bedeutung mehr in diesen Kreisen. Auf einem Bild zeigt sie uns ihre Kaffeetasse, auf dem anderen die NZZ mit einem Artikel zum Tod von Ozzy Osborne.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #182 Oktober/November 2025 und Lurker Grand