© by Richard ChapmanDie POINTED STICKS aus Vancouver sind ein Phänomen. Die Band wurde 1978 gegründet, kam beim legendären Londoner Label Stiff Records unter und erspielte sich mit feinem Powerpop Legendenstatus und eine treue weltweite Fangemeinde. Auch ohne großen finanziellen Erfolg ist das Quintett heute immer noch mit allen Originalmitgliedern aktiv. Im Herbst 2024 wird die Band erneut in Deutschland auf Tour sein, dann kann man sich wieder davon überzeugen, dass sie immer noch begeisternde Shows spielen. Sänger Nick Jones stellte sich unseren Fragen.
Euer Bandname stammt aus dem bekannten Monty Python-Sketch „Self-defense against Fresh Fruit“. Werdet ihr heute noch oft auf den Sketch angesprochen?
Auf den Sketch eher weniger. Aber irgendwie scheint fast jeder Bescheid zu wissen, woher der Bandname stammt.
Ende Oktober und Anfang November werdet ihr wieder auf Tour in Deutschland sein. Oft habt ihr es ja noch nicht nach Europa geschafft.
Stimmt. Aber wir hatten uns 1981 aufgelöst und haben bis 2006 nicht gespielt. Dann kam eine Japantour. Und bis 2019 hatten einige Bandmitglieder Jobs, die es einfach nicht ermöglichten, für eine längere Zeit nach Europa zu reisen. Immerhin waren wir schon zweimal in Europa unterwegs, die dritte Tour steht unmittelbar bevor.
Nicht falsch verstehen, aber ihr seid doch alle schon über sechzig. Warum tut man sich in diesem Alter noch den Stress einer längeren Tour an, jede Nacht in einer anderen unbequemen Schlafstätte zu verbringen?
Ja, das ist richtig, wir sind alle älter als sechzig. Und in einem guten Bett zu übernachten, ist schon viel wert. Die Zeiten, auf unbequemen Sofas oder auf dem Fußboden zu schlafen, sind vorbei. Und was die Länge der Touren angeht, haben wir festgestellt, dass wir maximal drei Wochen unterwegs sein können, ohne dass es zu größeren Abnutzungserscheinungen kommt.
Ihr seid seit den 1970er Jahren unterwegs. Welches sind die größten Veränderungen im Hinblick auf das Touren?
Alle Veranstaltungsorte, an denen wir heute spielen, verfügen über eine viel bessere technische Ausstattung, was den Sound und das Licht auf der Bühne angeht, als in den 1970er und 1980er Jahren. Der andere Punkt ist die deutlich größere Anzahl an Bands, die heute unterwegs sind. Es scheint irgendwie, als ob heutzutage wirklich jeder in einer Band spielt. Dadurch ist jetzt die Konkurrenz größer und es wird schwieriger, als Band wahrgenommen zu werden.
Eine Sache finde ich bei eurer Band sehr erstaunlich. Ihr seid heute, mehr als vierzig Jahre nach eurer Gründung, immer noch in der Originalbesetzung unterwegs. Wäre das überhaupt eine Option für euch, nur noch mit einem Gründungsmitglied aktiv zu sein? Es gibt ja durchaus Bands aus den 1970ern, die so aufgestellt sind.
Das wäre kein Option für uns. Viele der Bands, von denen du hier sprichst, touren unter falschen Vorzeichen. Ein Fan in Europa erzählte mir kürzlich, dass er eine berühmte englische Punkband gesehen hatte. Da stand ein alter dicker Kerl in der Ecke, der Gitarre spielte, und dann waren da noch drei Kids, die noch nicht einmal geboren waren, als die Band bekannt wurde. Das ist eine einzige Abzocke. Das würden wir niemals tun.
In vier Jahren könnt ihr den 50. Geburtstag der Band feiern. Ist es ein wichtiger Anreiz für euch, dieses seltene Jubiläum zu schaffen?
Nicht wirklich. Wenn wir so lange durchhalten, werden wir das aber bestimmt auch feiern. Wir versuchen einfach, uns auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren.
Was könnte ein Grund sein, die Band nach so vielen Jahren aufzulösen? Wäre es ein Problem für euch, wenn ihr altersbedingt Konzerte im Sitzen absolvieren müsstet?
Doch, das wäre schon ein Problem. Wenn du Blues oder Folk spielst, dann kannst du das auch im Sitzen machen. Unsere Musik ist aber da, um sich dazu zu bewegen, das gilt sowohl für das Publikum als auch für uns als Band. Wir wollen keine Stühle sehen, weder auf noch vor der Bühne. Und was das Aufhören angeht, so denke ich, dass wir als Band wissen werden, wann der richtige Zeitpunkt dafür gekommen ist.
In einem älteren Interview habt ihr mal von der Idee gesprochen, Bandshirts mit der Botschaft „No Sex, No Drugs, Just Rock’n’Roll“ an den Start zu bringen. Hat die Idee noch Bestand?
Die Botschaft sollte eher „Kein Gelegenheitssex, keine harten Drogen, nur Rock’n’Roll“ heißen. Aber so richtig prickelnd klingt das alles nicht. Die Idee sollten wir wohl besser verwerfen, haha.
Gibt es bei euren Shows nur alte Säcke im Publikum oder auch ein paar jüngere Leute?
Sowohl als auch. Obwohl das Publikum überwiegend alt ist, scheinen wir doch auch ein glückliches Händchen dafür zu haben, mit jungen Leuten in Kontakt zu kommen, wenn sie zu unseren Shows kommen. Das hat bestimmt auch mit unserer Musik, hauptsächlich mit dem Einfluss der 1960er Jahre, zu tun, glaube ich.
Euer letztes Album „Beautiful Future“ stammt aus dem Jahr 2022. Wie sieht es mit neuen Songs aus?
Wir werden auf der anstehenden Europatour mindestens zwei neue, bisher unveröffentlichte Songs, spielen. Und wir hoffen, nächstes Jahr ein weiteres Album rausbringen zu können.
Auf was muss man sich bei der bevorstehenden Tour einstellen, hauptsächlich alte Hits oder doch mehr neuere Songs? Und geht ihr auch auf Wünsche des Publikums ein?
Bei den Shows wird es mit Sicherheit eine breit gefächerte Mischung aus alten und neuen Titeln geben. Ich verstehe Bands nicht, die auf Tour gehen und dann ausschließlich vierzig Jahre alte Nummern spielen. Wenn sie nichts Neues zu sagen haben, dann müssen sie es doch nur des Geldes wegen tun, oder? Und das sind ganz sicher nicht wir. Was die Fans angeht, die sich Songs wünschen, so gehen wir normalerweise darauf ein, sofern wir noch wissen, wie man sie spielt, haha.
Eure Band hat Legendenstatus, ihr habt weltweit Fans. Aber der kommerzielle Erfolg ist doch sehr überschaubar. Belastet euch das?
Nein, nicht wirklich. Denn als wir 2006 wieder anfingen zu spielen, wussten wir schon, dass die Chancen auf kommerziellen Erfolg äußerst gering waren. Wir machen die Band, weil es uns Spaß bereitet. Und was das Finanzielle angeht, so sind wir froh, gerade genug zu verdienen, um damit unsere Ausgaben für Tourneen und Studioaufnahmen decken zu können. Genug Geld für Strandhäuser in Malibu werden wir mit der Band nicht verdienen.
Einige eurer alten Hits wurden von zahlreichen Bands gecovert. Was bedeutet euch das? Habt ihr Lieblingscoverversionen? Und gibt es vielleicht sogar verstörende Versionen eurer Stücke?
Es ist absolut unglaublich. Auf YouTube gibt es allein von unserem Song „Out of luck“ mindestens zehn Coverversionen. Zu wissen, dass ein Song von dir so etwas wie ein „Punkrock-Louie-Louie“ geworden ist, ist großartig. Und es ist einfach nur irre, wenn junge Burschen in irgendeinem Keller in Schweden oder Mexiko deine Songs spielen. Und es wäre an dieser Stelle unhöflich, einen Favoriten oder Totalausfall namentlich zu nennen. Obwohl es tatsächlich schon auch ein paar beängstigende Versionen gibt.
1980 hattet ihr einen wirklich spannenden Auftritt im Film „Out of the Blue“ von Dennis Hopper. Wie ist es dazu gekommen? Und würdet ihr heute wieder in einem Film mitwirken wollen?
Zu der Zeit, als der Film in Vancouver gedreht wurde, waren wir die Top-Band der Stadt. Ich denke, dass der Casting-Direktor die Entscheidung getroffen hat, uns zu engagieren. Es war eine merkwürdige Nacht beim Dreh, und Dennis war ein sehr seltsamer Mensch. Es ist ein ziemlich verstörender Film und unser Auftritt entsprach dieser Stimmung. Wenn es darum geht, heutzutage tatsächlich in einem Film mitzuspielen, bin ich mir sicher, dass sie nach mehr Sexappeal von einer viel jüngeren Band suchen würden. Aber wir bekommen unsere Songs heutzutage immer noch in Filmen platziert, in der Regel in Independent-Streifen.
Gibt es Songs von früher, die ihr heute nicht mehr spielt? Und was sind die Gründe dafür?
Ja, und dafür gibt es verschiedene Gründe. Manche Songs kann ich einfach nicht mehr singen, manche sind zu schwierig und manche sind einfach nicht mehr relevant, vor allem wegen alberner Texte. Dinge, die man mit 21 sagt, sind nicht unbedingt die Dinge, die man noch als Sechzigjähriger von sich geben sollte. Und wir können nicht einfach so tun, als wären sie noch gleich relevant wie früher.
Wie viel Punk steckt noch in den POINTED STICKS? Habt ihr über all die Jahre euren Stil geändert?
Als wir 1978 anfingen, war Punk mehr eine Haltung als ein Sound. Viele verschiedene Stile prägten damals den Punk. BLONDIE waren Punk, und PERE UBU auch. Dann kam Hardcore und jeder musste einen Irokesenschnitt und eine Lederjacke haben, um Punk zu sein. Die Antwort ist, dass wir immer noch das haben, was wir als Punk-Attitüde betrachten. Und wir sind unserem Stil über die Jahre treu geblieben.
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