POISON THE WELL

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Rückkehr ohne Clownsnase

Zum allerersten Mal seit 2009 spricht Gitarrist und Gründungsmitglied Ryan Primack wieder mit der Presse über seine Band und ein neues Album. Nachdem POISON THE WELL 2010 die Segel gestrichen hatten, kamen sie erst für Reunion-Shows und dann Jubiläumstouren zurück. Nun folgt mit „Peace In Place“ das erste Album seit 17 Jahren, ein „Alterswerk“, das vieles, was die Band aus Florida früher veröffentlicht hat, locker in den Schatten stellt. Trotzdem bleibt Primack ein Zweifler, der mit dem gängigen toughen Metalcore-Image nur wenig gemein hat.

Wie wurde aus einer Band auf Eis wieder eine voll funktionierende, die sogar Alben veröffentlicht?

Die Idee, wieder zusammenzukommen und Musik zu machen, hat unser Sänger Jeff Moreira bereits vor zehn Jahren ins Spiel gebracht. Aber das kam zu einer Zeit, in der viele von uns begonnen hatten, ihr Leben neu auszurichten. Bei mir hat es bis vor drei oder vier Jahren gedauert, bis ich ernsthaft darüber nachgedacht habe. Während der Pandemie begann ich, das als reale Möglichkeit zu betrachten. 2022 habe ich dann angefangen, Material zu schreiben oder zumindest damit zu flirten. Ich begann, Jeff kleine Songskizzen zu schicken, und von da an entwickelte es sich weiter. Aber ähnlich wie bei diesem Interview hier war ich sehr zögerlich, mich wieder nach außen zu begeben. Von dieser Musik-Community fühlt man sich mit zunehmendem Alter leicht abgekoppelt. Als wüsste man womöglich nicht mehr, was relevant ist. Oder als hätte sich das eigene Leben so verändert, dass man nicht mehr in der Lage ist, diese Art von Angst, Emotion und Energie zu transportieren. Ich war also ein wenig nervös, aber wollte etwas machen, das beseelt und lebendig ist und eine sinnvolle Kraft in sich trägt.

Auf der einen Seite ist also langsam neues Material entstanden, auf der anderen Seite seid ihr wieder ausgiebig mit eurem Debütalbum auf Tour gegangen. War das so ein Selbstläufer, dass immer mehr Shows hinzukamen?
Um ehrlich zu sein, „Peace In Place“ hätte eigentlich schon etwa ein Jahr früher fertig sein sollen. Aber wir hatten einige Dinge ausprobiert, die uns nicht gefallen haben, und dann beschlossen, noch etwas daran zu arbeiten. Eigentlich sollte beides gleichzeitig zusammenkommen – als eine Art Feier des Alten und des Neuen zur selben Zeit. Aber das hat nicht funktioniert. Jetzt freue ich mich auf ein paar neue Songs auf der Setlist und auch auf Material der Alben, die dazwischen liegen.

Nach so einer langen Pause stellt sich natürlich die Frage, wie man weitermacht. Zurück zu den Wurzeln, da wieder anknüpfen, wo man aufgehört hat, oder etwas ganz Neues wagen. Welchen Ansatz hast du gewählt?
Eigentlich mache ich einfach mein Ding. Allerdings habe ich bewusst versucht, Elemente aus allen Phasen einzubauen. Und ich habe mich wieder intensiver mit Platten anderer Bands beschäftigt, die ich in meiner Jugend geliebt habe – da habe ich einiges wiederentdeckt. Ich habe versucht herauszufinden, wie ich das Gefühl, das mir diese Alben damals gegeben haben, aufnehmen und in etwas Eigenes überführen kann. Es ging darum, die Einflüsse zu etwas zu bündeln, das nicht so klingt, als würde ich mir einfach ein Kostüm anziehen nach dem Motto: „Hey, es ist wieder 2001!“ Ich wollte mir keine Clownsnase aufsetzen, sondern das Ganze durch die Brille betrachten, die ich heute trage.

Du hast gesagt, dass du zu Beginn recht locker an neuem Material gearbeitet hast. Wie lief es, als der Druck wuchs und klar war, dass ein neues Album kommt?
Nicht besonders gut. Ich habe meinen Job gekündigt, saß sehr viel in meiner Wohnung und habe geschrieben. Ich bin kein schneller, übermäßig produktiver Songwriter, sondern brauche ziemlich lange, bis ich mich auf etwas festlegen kann. Also habe ich Dinge immer und immer wieder durchgearbeitet. Ich war auch ein paar Mal außerhalb der eigentlichen Recording-Sessions im Studio von Will Putney, um mit ihm zusammen zu schreiben. Es hat einfach seine Zeit gebraucht. Nachdem ein Grundgerüst an Songs stand und klar war, dass ich noch einmal hingehen und Änderungen vornehmen muss, wurde es für mich ziemlich intensiv. Ich hatte ein bisschen Angst und dachte, vielleicht kann ich das gar nicht mehr. Aber ich bin froh, dass wir es geschafft haben, und als Band sind wir stolz darauf. Gegen Ende war es allerdings schon ein ziemliches Biest. Eine Belastung, bei der ich wusste: Ich muss das richtig hinbekommen, auch wenn es bedeutet, immer wieder mit dem Kopf gegen die Wand zu schlagen.

Habt ihr mit „Peace In Place“ den direkten Nachfolger zu „The Tropic Rot“ von 2009 geschaffen oder wie betrachtest du das neue Werk?
Meinst du, ob das Album genauso geklungen hätte, wenn wir es 2010 oder 2011 gemacht hätten? Nein, auf keinen Fall. Und ich bin überzeugt, dass es damals nicht so gut geworden wäre. Ein paar Freunde haben gesagt, es klingt wie das, was nach „You Come Before You“ und vor „Versions“ hätte kommen können. Ob das stimmt, weiß ich nicht. Ich kann mich emotional nicht so weit davon zu lösen, um das objektiv beurteilen zu können. Für mich klingt es wie die Platte, die entsteht, wenn man 13 Jahre später all das zusammenführt, was man zuvor gemacht hat. Es gibt kleine Verweise auf alle unsere früheren Alben, kleine Einfluss-Splitter von überall – es fühlt sich wie ein ganz guter Mix aus allem an.

Hat das Hören des fertigen Albums die Unsicherheit beseitigt oder bleibt die bestehen?
Die bleibt für immer. Genau wie bei jeder anderen Platte, die wir je gemacht haben. Ich werde sie auseinandernehmen und die Fehler hören. Ich kann nicht für die anderen sprechen, aber ich neige dazu, eher meine Schwächen als meine Stärken wahrzunehmen. Das ist nicht gut, aber vielleicht ist das einfach eine sehr menschliche Eigenschaft.

Vielleicht ist genau das der Grund, warum ihr die Musik macht, die ihr macht – und nicht Reggae oder Pop.
Du hast recht, vielleicht bin ich deshalb kein Sound­Cloud-DJ.

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